Schattenexistenz

„Man muss sich die Situation vorstellen: Nicht in seine eigene Wohnung können, natürlich keine Lebensmittelkarten bekommen, das Quartier ständig wechseln, auf der Straße nicht auffallen, das heißt, möglichst wenig auf die Straße gehen, und das nicht für ein paar Tage, sondern für Jahre. Und wenn man dabei noch so vorsichtig ist, so gibt es doch Augenblicke, in denen man glauben muss: nun ist es aus.“[1] Mit diesen Worten schilderte Hugo Glaser das Schicksal untergetauchter Jüdinnen und Juden, die sich auf diese Weise vor der Verfolgung  und Ermordung durch das NS-Regime zu retten versuchten. Hugo Glaser überlebte selbst als sogenanntes U-Boot in Wien…

Von Monika Halbinger

Neben der im globalen Gedächtnis fest eingeschriebenen Lebensgeschichte von Anne Frank war bisher im deutschsprachigen Raum in diesem Kontext vor allem das Überlebensschicksal des populären Showmasters Hans Rosenthal bekannt, der die NS-Diktatur zeitweise in einer Berliner Gartenlaube versteckt, überstand.[2] 2017 lief das Dokudrama „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“ in deutschen Kinos und machte mit der Verknüpfung von Spielszenen und Zeitzeugeninterviews auf das bislang wenig beachtete Schicksal von untergetauchten Jüdinnen und Juden in Berlin aufmerksam.[3] 

Aber nicht nur in Berlin, sondern auch in Wien hielten sich Menschen unter widrigsten Umständen versteckt,[4] um dem mörderischen Zugriff der Nazis zu entgehen. Brigitte Ungar-Klein hat sich diesem bislang in der Forschung wenig beachteten Aspekt in ihrer 2017 vorgelegten Dissertation gewidmet, die nun als Buch vorliegt. Ungar-Klein bedient sich auf der Suche nach den Spuren, die die Versteckten und Untergetauchten hinterlassen haben, Quellen verschiedenster Provenienz.[5] Bereits 1969 hatte sich die Historikerin Erika Weinzierl in ihrer Arbeit „Zu wenig Gerechte“[6] mit dem Aspekt des Überlebens im Untergrund beschäftigt, eine umfassende Darstellung blieb aber eine Forschungslücke, welche nun von Brigitte Ungar-Klein geschlossen wurde.

Um die Vielzahl der heterogenen Überlebensgeschichten (die Untergetauchten waren schließlich keine monolithische Gruppe) auch statistisch fassbar zu machen und auch Auskunft über die Größenordnung geben zu können, erstellte die Autorin eine Datenbank, bei der jeder Datensatz einer individuellen Person zugeordnet wird. Wichtig war natürlich auch die Definition eines „U-Bootes“, bei der Ungar-Klein den Aspekt der Illegalität betonte. So musste ein Betroffener  entweder tatsächlich in einem Versteck oder mit falschen Papieren, mit einer anderen, geborgten Identität gelebt haben. Sich „nur“ vor Kriegshandlungen verborgen gehalten zu haben, reichte nicht als Kriterium für die Aufnahme in die Datenbank. Dies betraf z.B. die in Wien lebenden Jüdinnen und Juden, die sich in den letzten Wochen des Krieges in Kellern versteckt hielten, aber legale Papiere hatten. Für die Frage nach der jüdischen Identität rekurriert die Autorin auf die Täterkriterien der Nürnberger Gesetze, die nun einmal den Verfolgungsstatus definierten.[7] Die Datenanalyse im Sinne der genannten Kriterien bezieht sich auf 1628 jüdische U-Boote plus 6 jüdische Widerstandskämpfer, während 827 Datensätze HelferInnen betreffen, allesamt meist aus der unteren und Mittelschicht stammend.[8]

Wie schon im Eingangszitat erkennbar, war der Alltag der Untergetauchten von mannigfaltigen Gefahren bedroht und mit unendlich vielen Schwierigkeiten verbunden. Grundsätzlich stand über allem die ständige Furcht vor Entdeckung. Bei der Versorgung mit Lebensmitteln war man auf HelferInnen, in der Regel Freunde, Bekannte und nichtjüdische Verwandte, angewiesen, standen einem selbst doch keine Lebensmittelkarten zur Verfügung. Diese Abhängigkeit von anderen, deren Hilfe sich unter verstärktem Verfolgungsdruck auch als fragil erweisen konnte, war unglaublich belastend. Hinzu kamen Probleme im Falle einer Erkrankung. Der Arzt Dr. Pick, selbst jüdischer Herkunft, war als „U-Boot-Spezialist“ in Wien bekannt, half er doch selbstlos und bereitwillig bei medizinischen Notfällen. Eine weitere Problematik bestand im Umgang mit Todesfällen, musste man den Leichnam doch auf irgendeine Weise unbemerkt „loswerden“. An würdevolle Bestattungen war nicht zu denken. Ungar-Klein berichtet von dem makabren Fall einer jüdischen Frau, die ins Spital unter dem Namen ihrer Helferin eingeliefert wurde und dort verstarb. Der Ehemann der Helferin musst nun den Tod seiner Frau bekannt geben, die Verwandten vom Land folgten trauernd dem Sarg, während die Betroffene nun selbst in den Untergrund gehen musste.[9] Eine weitere Verschärfung der Situation trat ein, wenn auch Kinder, meist mit zumindest einem Elternteil, versteckt waren. Kinder zum Ruhigsein zu bringen und vom normalen Toben abzuhalten, war überlebenswichtig und wurde teilweise auch mit körperlicher Gewalt durchgesetzt.

Letztlich wurden etwas mehr als 430 der für das Buch dokumentierten untergetauchten Personen entdeckt und deportiert.[10]

Die Befreiung Wiens 1945 bedeutete für die Betroffenen keineswegs vollständige Erleichterung. Die Umstände des Lebens im Versteck hatten bei vielen Betroffenen chronische Erkrankungen zur Folge. Viele realisierten die Ermordung von Angehörigen, die traumatischen Erlebnisse führten zu psychischen Erkrankungen, wie Depressionen und Phobien. Die Überlebende Vilma Neuwirth erinnerte sich:

„Meine Mutter war nach dem Krieg zu fertig mit den Nerven, wenn jemand geklopft hat bei  der Tür. Wenn es geklopft hat, hab` ich geglaubt, sie kriegt einen Herzinfarkt.“[11]

Für Kinder erwies sich die Eingliederung in den gewöhnlichen Alltag als besonders schwierig. Seelisch tief verwundet musste nun die entgangene Schulbildung nachgeholt und das „normale Leben“ erst erlernt werden. Die Schriftstellerin Elfriede Gerstl, die als Kind mehrere Jahre als U-Boot überlebte, berichtete immer wieder, wie schwer ihr soziale Interaktionen, wie z.B. das Gespräch mit anderen oder ein Einkauf im Geschäft fielen.

Der Psychiater Erwin Ringel konstatierte:

„Psychisch gesehen bedeutete ein >U-Boot-Leben< Zittern und Bangen. Jeden Tag kann man durch irgendeine blöde Zufälligkeit auffliegen. Es ist eine >provisorische Existenz<, wie das Viktor Frankl nennt, von der Hand in den Mund, wo man nicht weiß, was am nächsten Tag sein wird – und es war bestimmt eine unbeschreibliche Angst.“[12]

Der genannte Viktor Frankl, ein nicht minder bekannter Kollege Ringels, Begründer der Logotherapie und selbst Auschwitz-Überlebender, betonte allerdings, dass man die Anhaltung im KZ und das Leben im Verborgenen keinesfalls vergleichen könne. Er sah das Fehlen der ständigen Wachmannschaft, der man stündlich ausgeliefert war, als den ausschlaggebenden Unterschied.[13]

Vor dem Hintergrund des Schicksals von Jüdinnen und Juden in den Konzentrations- und Vernichtungslagern traten die Lebensgeschichten der U-Boote mit ihren ebenfalls enormen psychischen Belastungen häufig in den Hintergrund. In gewisser Weise trat hier schon eine Opferhierarchisierung zutage, die das Schicksal der Untergetauchten als weniger „schlimm“ denunzierte und letztlich jüdische Opfergruppen auch gegeneinander ausspielte.

Dies kam den Nachkriegsbehörden nicht ungelegen, wenn Betroffene nach 1945 Wiedergutmachungsansprüche geltend machen wollten. Nicht nur dass man nun seine jüdische Identität, die man jahrelang gezwungen war zu verbergen, nun glaubhaft nachweisen musste und Verfahren oft jahrelang verschleppt wurden. Die zuständigen Beamten lehnten Anträge mit der Begründung ab, dass das Leben im Versteck ja keineswegs mit Haft gleichzusetzen sei. In den Bescheiden wurde teilweise auch sehr zynisch formuliert, wenn es z.B. hieß, dass die betreffende Person sich ja in Freiheit befunden habe.

Für die Betroffenen waren diese Entscheidungen nicht nachvollziehbar. So ging Henriette Ehlers auf den negativen Bescheid auf Ansuchen um Haftentschädigung und Wiedergutmachung 1952 in Berufung und schrieb:

„Es ist richtig, dass ich nicht in Haft gewesen bin, aber ich habe in der Hitler-Ära als >U-Boot< vielleicht mehr mitgemacht, wie wenn ich in Haft gewesen wäre und habe neben dem seelischen und körperlichen Leiden auch alles an Hab und Gut verloren. Ich hatte bis zum Jahre 1938 einen Schnittwarenhandel, musste den Gewerbeschein im Jahre 1938 jedoch zwangsweise zurücklegen. In demselben Jahre hat man uns, als wir nicht daheim waren, die Wohnung aufgesprengt und alles weggenommen. […] Als wir damals abends nach Hause kamen, fanden wir einen Zettel an der Türe mit den lakonischen Worten: Die Wohnung ist polizeilich gesperrt. Und von da ab mussten wir als >U-Boot<  in einer elenden Kellerwohnung untertauchen, weil es uns sonst wohl auch so gegangen wäre, wie 48 von meinen Verwandten, die alle vergast wurden! Jahrelang mussten wir ohne Lebensmittelkarten unser Leben fristen und waren darauf angewiesen, dass uns gute, brave Leute wenigstens etwas zu essen gegeben haben. Wir sind heute im Ganzen 6 Personen, davon 3 Kinder und mein Sohn kann nicht arbeiten, weil er in der Kellerwohnung schlechte Augen bekommen hat. Auch ich bin immer krank und kann mit meinen 78 Jahren nichts verdienen und habe nur eine kleine Rente.“[14]

Doch die öffentliche Meinung in einem immer noch zutiefst antisemitisch geprägten Österreich stand nicht auf der Seite der Opfer. Ehlers verstarb einige Monat vor Ergehen des endgültig negativen Bescheids. Erst 1961 wurde das Leben im Versteck in Österreich als Verfolgungstatbestand anerkannt.

Ungar-Kleins großes Verdienst besteht darin, den Betroffenen eine Stimme zu geben, ihr Schicksal in die Öffentlichkeit zu tragen und hierfür zu sensibilisieren. Gerade angesichts der Monstrosität der Shoa und ihrer Vernichtungslager waren die Lebensgeschichten untergetauchter Personen in den Hintergrund geraten. Bei oberflächlicher, rückblickender Betrachtung und aus der Außenperspektive heraus mag vielleicht sogar die Gefahr bestehen, dem Leben im Untergrund auch einen abenteuerlichen Aspekt zuzuschreiben. Diese Befürchtung ist in der Darstellung Ungar-Kleins völlig obsolet. Der Autorin gelingt es, die Schrecken und psychischen Qualen der Betroffenen eindringlich aufzuzeigen, in dem sie detailreich und präzise beschreibt, was so ein Leben im Versteck tatsächlich bedeutete. In ihrer Studie widmet Ungar-Klein auch einen eigenen Abschnitt den HelferInnen und UnterstützerInnen der Untergetauchten, die sich mit ihrem selbstlosen Handeln, in den allermeisten Fällen aus Freundschaft und Mitmenschlichkeit, selbst in Lebensgefahr brachten, und leistet damit auch einen Beitrag zur Forschung über den zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen das NS-Regime.

Brigitte Ungar-Kleins Studie befindet sich auf der Shortlist 2020 „Wissenschaftsbuch des Jahres“ in der Kategorie Geistes-/Sozial-/ Kulturwissenschaft.[15] Die Sieger werden am 10. Februar 2020 bekanntgegeben, die Preisverleihung findet am 10. März 2020 in Wien statt. Eine Auszeichnung wäre mehr als verdient.

Brigitte Ungar-Klein: Schattenexistenz. Jüdische U-Boote in Wien 1938-1945, Picus Verlag, Wien 2019, Bestellen?

[1] S. 47f.  zitiert nach Hugo Glaser, In diesen 90 Jahren, Wien 1972, S. 116ff.
[2] Hans Rosenthal schilderte dies in seinen Erinnerungen: Ders., Zwei Leben in Deutschland, Bergisch Gladbach 1980.
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Unsichtbaren_%E2%80%93_Wir_wollen_leben
[4] Diese Verstecke waren Zimmer von Privatwohnungen, Kellerabteile, aber auch Parks, Friedhöfe und Schrebergärten.
[5] Grundsätzlich war die Quellenlage schwierig. Es sind  kaum Unterlagen vonseiten der Opfer vorhanden, da Ego-Dokumente ja eine Gefahr dargestellt hätten. Die Studie beruht zu einem großen Teil  auf Dokumenten der Verfolgungsbehörden. Eine weitere wichtige Quelle waren Dokumentationen von Yad Vashem für Auszeichnungen von „Gerechten unter den Völkern“. Weiterhin führe die Autorin selbst biographische Interviews mit Überlebenden und deren Helfern.
[6] Erika Weinzierl: Zu wenig Gerechte. Österreich und Judenverfolgung 1938-1945, Graz/Wien 1969.
[7]  Dies hatte zur Folge, dass auch Personen erfasst wurden, die ihrem eigenen Selbstverständnis nach keine U-Boote waren, wie z.B. der Schauspieler Fritz Eckhardt, der unter dem Namen eines Freundes überlebte, hierfür aber die Notwendigkeit eines Schriftstellerpseudonyms anführte.
[8] S. 96.
[9] S. 186.
[10] S. 224.
[11] S. 263 Interview mit Vilma Neuwirth, Privatsammlung Ungar-Klein.
[12] S. 262 Interview Erwin Ringel, Privatsammlung Ungar-Klein.
[13] S. 262 Gespräch mit Viktor Frankl, Privatsammlung Ungar-Klein.
[14] S. 70.
[15] Siehe:  http://www.wissenschaftsbuch.at/

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