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Chanukka in Palermo

Spanische Könige beherrschten die Insel Sizilien hunderte von Jahren und brachten im 15. Jahrhundert die gefürchtete Inquisition von der Iberischen Halbinsel mit nach Sizilien. Juden, Araber, nicht religiöse Menschen und andere wurden verfolgt und verurteilt. 1492 dann vertrieben sie Juden und Araber, die nach Saloniki und Konstantinopel fliehen konnten. Seitdem hat Palermo keine Jüdische Gemeinde, keine Synagoge, keinen Jüdischen Friedhof…

Von Christel Wollmann-Fiedler

Eine kleine Gruppe jüdischer Palermitaner treffen sich bei Evelyne Aouate, der Präsidentin des Instituto Siciliano di Studi Ebraici, zu Hause. Evelyne Aouate kam in Algerien zur Welt, wuchs in Paris auf und lebt seit Jahrzehnten in Palermo.

Die kleine jüdische Gemeinschaft, vielleicht zwanzig Personen, die zur Jüdischen Gemeinde in Neapel gehört, trifft sich heute im Palazzo Chiaramonte, dem ehemaligen Spanischen Inquisitionsgericht, im Innenhof, um Chanukka zu feiern. Viele Menschen sind gekommen, um an dem Lichterfest teilzunehmen. Ein Franziskanerpater in seiner braunen Kutte ist zu sehen, Pasquale ist zum Muslim geworden und kommt als Imam der Islamischen Gemeinde. Unter den vielen Menschen erkennt man ihn. Der Römisch-Katholische Erzbischof von Palermo Corrado Lorefice wird erwartet. Biagio Conte in der Büßerkutte umarmt die, die ihn kennen und schätzen. Armen hilft er, wie ein Einsiedler lebt er, eine Mission gründete er, geschätzt wird er sehr.

Der Palazzo Chiaramonte aus dem 14. Jahrhundert, heute Lo Steri genannt, gehört zur Universität und beherbergt die Büros des Rektors. An einer Wandtafel sind Namen von ehemaligen jüdischen Wissenschaftlern zu lesen, die in den 1930er Jahren an der Universität Palermo gearbeitet haben und 1938  entlassen wurden als Mussolinis Faschisten die antisemitischen Gesetze erließen. Einer von ihnen ist Emilio Segre, der sich in die USA retten konnte, dort als Wissenschaftler forschte und 1959 zusammen mit Owen Chamberlain den Physik-Nobelpreis bekam.

Zurück zum Lichterfest und den inzwischen drängelnden Gästen. Der Chanukkaleuchter prangt golden beschichtet auf dem Tisch. Der Bildhauer Manlio Geraci ist mit seiner Gattin unter den Gästen. Vor Jahren hat er den Leuchter aus Holz gefertigt. Ein Denkmal für die deportierten Juden von Gleis 21. gestaltete er künstlerisch. Das Denkmal mit 774 Büchern – für jeden Deportierten ein Buch – wurde 2018 vor dem Mailänder Hauptbahnhof eingeweiht.

Madame Evelyne begrüßt die Honoratioren, begrüßt die drei Religionen, die jüdische, die christliche, die muslimische, begrüßt uns Gäste. Der berühmte Bürgermeister Leoluca Orlando mit der hochinteressanten Vergangenheit, der der Mafia die Stirn zeigte und unter Polizeischutz steht, stand auf der „Abschussliste“. Er erzählt von der Tradition Palermos, der weltoffenen Stadt, die seit eh und je Menschen sämtlicher Religionen und Hautfarbe aufnimmt. Der Erzbischof hat wegen anderer sonntäglicher Verpflichtungen telefonisch abgesagt und Don Pietro Magro übermittelt die Grüße zum Lichterfest. Adam, der Araber aus Nazareth, kam vor zwanzig Jahren nach Palermo, ist inzwischen italienischer Staatsbürger. Im Rathaus ist er zuständig für die Kulturen. Es wird von niemals wieder Antisemitismus gesprochen. Man ist stolz zu erwähnen, dass dieses Gebäude ein Platz der Toleranz geworden ist, wo vor 500 Jahren schreckliche unmenschliche Dinge stattfanden, wo Menschen eingekerkert und gefoltert wurden. Joseph aus Rom, der zur dortigen Jüdischen Gemeinde gehört, stammt aus Palermo und erzählt die Chanukkageschichte und spricht sehr emotional über den gestrigen Anschlag in der New Yorker Synagoge. Die acht Kerzen werden angezündet mit der mittleren größeren Kerze, dem Diener, dem Schamasch. Chanukka soll ein ausgelassenes, ein freudiges Fest sein. Die Professorin für Jüdische Philosophie des Mittelalters, Luciana Pepi, erzählt über den Kandelaber, den Leuchter mit acht Kerzen vom Künstler Manlio Geraci. Die in Olivenöl gebackenen Krapfen werden verteilt und schmecken den Gästen.

Eine alte Dame kommt vorbei und erzählt, dass ihr Vater vor dem 2. Weltkrieg eine Klinik in Palermo hatte, wo Juden versteckt wurden. Eine andere berichtet, dass sie aus einer Waldenser Familie stammt. Damals bei der Inquisition wurden die Waldenser ebenfalls verfolgt. So reiht sich Geschichte an Geschichte.

Palermo ist die Stadt der Mauren, der Normannen, der Staufer, und der Spanier, die Stadt der Paläste, die Stadt der feinsten maurischen Architekturen, die Stadt der uralten Kirchenbauten des italienischen Barocks und auch die Stadt der Juden- und Arabervertreibung und dem Spanischen Inquisitionsgericht. Sie ist die Stadt des berühmten Garibaldi, die Stadt der Architekten Giovanni und Ernesto Basile, die Stadt des palermitanischen Jugendstils, die Stadt der Familie Florio. Nicht zu vergessen, die Stadt der Heiligen Rosalia, die auf dem Hausberg von Palermo, dem Monte Pellegrino, ihre Kapelle hat.