Bombenbringende Weihnachtszeit – „Christmas Blitz“ und „Christmas Bombings“

Höchste Feiertage für einen Überfall oder eine andere massiv kriegerische Aktion zu nutzen, das kommt einer/einem doch bekannt vor. Wenn wir etwa an den Jom-Kippur-Krieg vom Oktober 1973 denken, als die Nachbarn Syrien und Ägypten in Israel einfielen. Parallelen hierzu kennt auch die Geschichte zweier, sich als ganz besonders „christlich“ empfindender Nationen…

Von Robert Schlickewitz

Weihnachten gehört, neben Ostern und Pfingsten, zu den drei Hauptfeierlichkeiten der Christenheit, für nicht wenige ist es gar die wichtigste. Viele Angehörige der Religion unter dem Kreuze verbinden mit Weihnachten sentimentale, pathetische, nostalgische, idealisierende oder verkitschte Vorstellungen. Ganz besonders häufig stehen dabei jeweils Familie, Friede und (Nächsten-?) Liebe im gefühlten oder gedanklichen Fokus. Das christliche Gebot, den Nächsten zu lieben, legte man bisher allerdings meist so aus, dass man es auf die Mitglieder der eigenen Gruppe, des eigenen Stammes, der eigenen Nation bezog. Entsprechendes gilt für das weihnachtliche Friedensgebot, das Christen nur in seltenen Ausnahmefällen in Auseinandersetzungen mit ihren Feinden beherzigten. Gewiss doch, Anspruch und Wirklichkeit, Pharisäertum und Authentizität, Heuchelei und Objektivität…

Gedankensprung.

Es waren Deutsche, die den Zweiten Weltkrieg mit Bomben auf zivile Ziele, genauer gesagt, auf die polnische Kleinstadt Wieluń, am frühen Morgen des 1. September 1939 vom Zaun brachen. Die Flugzeuge mit dem Hakenkreuz auf dem Seitenleitwerk trafen dabei u.a. das Krankenhaus und die Synagoge, insgesamt töteten sie mehrere hundert Menschen.

In einer späteren Phase dieses deutschen Krieges nahmen die Heinkels, Dorniers und Junkers‘ britische Ziele in ihre Bombervisiere. Neuesten Forschungen zufolge wurden über 30 000 Städte, Orte, Dörfer und Ansiedlungen des Vereinigten Königreiches von deutschen ‚Himmelsgaben‘ aller Art heimgesucht.

Bombardiert wurde ganzjährig – lediglich auf das Wetter musste deutscherseits Rücksicht genommen werden – die Flugzeugradartechnik befand sich nämlich noch in ihrem Anfangsstadium.

Im Sprachgebrauch der Insel, die einst für Hitler Objekt der Bewunderung wie des Hasses war, hat sich seit einiger Zeit der Ausdruck „Christmas blitz“ eingebürgert, der auch auf en.wiki vertreten ist.

„Christmas blitz“ steht gleichbedeutend für „Manchester blitz“ wie für „Liverpool blitz“ und das aus dem Deutschen übernommene Wort „blitz“ gehört zu jenen Germanizismen, ohne die die englische Sprache heute nicht mehr auszukommen glaubt.

„Manchester blitz“ bezeichnet die schweren deutschen Luftangriffe auf das alte Industriezentrum im Nordwesten Englands sowie auf benachbarte Orte.

Die Bombardements wurden im August 1940 aufgenommen und erreichten ihren Höhepunkt in den Nächten vom 22. auf den 23. und vom 23. auf den 24. Dezember gleichen Jahres. Allein die Dezembereinflüge brachten 684 Menschen den Tod und verwundeten mehr als 2000, in Manchester.

In den ebenfalls getroffenen, benachbarten Städten Salford und Stretford wurden zur gleichen Zeit fast 300 Menschen Opfer deutscher Spreng- und Brandbomben. Viele Häuser waren jeweils zerstört oder schwer beschädigt worden.

Der „Christmas blitz“ auf Liverpool, er wurde zwischen dem 20. und 22. Dezember 1940 geflogen, tötete 365 britische Bürger. In dieser Stadt lebte damals, beiläufig erwähnt, der mit einer Irin verheiratete Alois Hitler jr., der Halbbruder des „Führers“. Auch sein Haus sollte von  deutschen Bomben nicht verschont bleiben.

Braven deutschen Christen wird sicherlich die Anlehnung des Titels dieses Beitrags an eine Zeile eines der bekanntesten deutschsprachigen Weihnachtslieder, „O du fröhliche“ nicht entgangen sein. Darin ist u.a. von „Gnadenbringender Weihnachtszeit“, von „Welt ging verloren“ und von „Himmlische(n) Heere(n)“ die Rede.

Im übertragenen Sinne „Himmlische Heere“ einer anderen, ausgesprochen christlichen, Nation waren in der Tat zu Weihnachten 1972 unterwegs, um Tod und Vernichtung über die vietnamesischen Städte Hanoi und Haiphong zu bringen. Auf Geheiß ihres Präsidenten Richard M. Nixon warfen Angehörige der 7. US Air Force und der US Navy Task Force 77 im Rahmen einer sog. ‚maximum effort‘ bombing campaign tausende Sprengkörper auf den kommunistischen Erzfeind ab, wobei für 1624 Bürger des ostasiatischen Landes tatsächlich und unwiderruflich eine „Welt ging verloren“ zu konstatieren war.

 

Hinweise:

Nähere Angaben zum „Christmas blitz“, siehe en.wiki; weitere Aufschlüsse zu den „Christmas bombings“ enthält das Buch von Marshal Michel: The 11 Days of Christmas. America’s Last Vietnam Battle (2002) sowie der en.wiki-Eintrag „Operation Linebacker II“.

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