Kein Hitlergruß – Der Kölner Radrennfahrer Albert »Teddy« Richter

Fast hätten die Nationalsozialisten Erfolg gehabt und den Kölner Radrennfahrer Albert »Teddy« Richter würde heutzutage niemand mehr kennen. Aber eben nur fast. Am 2.1.2020 wird in Köln-Ehrenfeld an den 80. Jahrestag seiner Ermordung erinnert

Von Roland Kaufhold  

Er wurde nur 27 Jahre alt. Und doch war der Radrennfahrer Albert Richter einer der erfolgreichsten deutschen Rennfahrer: Der 1912 im proletarischen Kölner Stadtteil Ehrenfeld geborene Sportler wurde siebenmal deutscher Meister. »Teddy«, wie er meist genannt wurde, widersetzte sich als nahezu einziger Radsportler dem Naziregime. Und er hielt bis zu seinem frühen Tod zu seinem jüdischen Trainer Ernst Berliner.

Die Unterbindung des Erinnerns an den Rennfahrer setzte unmittelbar nach seinem Tod ein. »Sein Name ist für alle Zeiten in unseren Reihen ­gelöscht«, verkündete 1940 die Zeitung des Radsportverbands – und tatsächlich sollte es viele Jahrzehnte dauern, bis Richters Geschichte publik wurde.

Grabsteinbild von Albert Richter (Melaten-Friedhof, Köln). (c) Nicola54, wikicommons

Albert Richter war bereits als Jugendlicher ein leidenschaftlicher Rennfahrer. Mit 16 bestritt er sein erstes Rennen. 600 Meter von seiner Wohnung entfernt stand die Rheinlandhalle, die auf dem Gelände der 1882 gegründeten Helioswerke gebaut worden war. Die Elektrotechnikfirma hatte elekt­risches Leuchtfeuer für Leuchttürme produziert. 1927 musste das Unternehmen jedoch schließen. Der radsportbegeisterte Chef baute die ­Motorenhalle kurzerhand in eine Radrennbahn um.

Im Oktober 1928 fand auch schon das erste Sechstagerennen statt. Drei Jahre später, 1931, feierte der 19jährige Richter dort seinen ersten Triumph. Die Urkunden und Pokale versteckte der Junge anfangs noch unter seinem Bett, der Vater sollte nichts von dem verletzungsträchtigen Sport ­erfahren.

Richter galt jedoch rasch als die große Nachwuchshoffnung des deutschen Radsports, die Presse wurde auf ihn aufmerksam. »Wie er fährt, mit erstaunlich leichtem, flüssigen Stil, ohne Anstrengung, ohne Mätzchen«, heißt es in einem Artikel über ihn. Oder in den Worten eines britischen Kollegen: »That boy can ride.«

Im September 1932 gelang Richter beim Grand Prix de Paris der Sieg, im selben Jahr gewann er die Amateurweltmeisterschaft in Rom. Durch diese Erfolge wurde der jüdische Rennradtrainer Ernst Berliner auf ihn aufmerksam.

Ernst Isidor Berliner, am 25.1.1881 in Köln als Sohn des Schumachers Isaac Berliner und seiner Frau Eva in der Alexianerstraße im „Griechenmarktviertel“ geboren,  – dort leben überwiegend Juden, es wurde gleichermaßen kölsch wie jiddisch gesprochen – wuchs in einem jüdischen Umfeld auf. Er begeistert sich gleichfalls früh für den Radsport; im Hauptberuf arbeitete er als Polsterer und hatte Mitte der 1920er Jahre in seiner in der Sternengasse gelegenen Werkstatt zeitweise bis zu elf Angestellte. 1912 hatte er auf der 400 Meter langen Köln-Lindenthaler Stadtwaldbahn die Kölner Stadtmeisterschaft gewonnen, später arbeitete er als Journalist und Manager von Radsportlern. Er überzeugte Richter, mit dem ihn bald eine enge Vater-Sohn-Beziehung verband, für einige Monate nach Paris zu gehen. Die Millionenstadt war das Zentrum des Radsports, dort fand der junge Mann renommierte Radsportfreunde. Gemeinsam mit Jef Scherens und Louis Gérardin trat er als »die drei Musketiere« in der Öffentlichkeit auf.

Mit Berliner als Trainer gewann Richter 1933 seinen ersten Deutschen Meistersprint, 1934 und 1935 wurde er Vizeweltmeister. In Frankreich wurde er nach dem zweimaligen Gewinn des Grand Prix de Paris eine Berühmtheit, das französische Publikum jubelte dem »deutschen Acht­zylinder« zu. Berliner, der das vorhandene Talent durch eine Mischung aus Disziplin, Strenge und familiärer Verbundenheit gefördert hatte, war zum väterlichen Freund geworden. Berliners Tochter Dorothea (Doris) Markus sagte Richters Biographin Renate Franz (»Der vergessene Weltmeister – das rätselhafte Schicksal des Kölner Radrennfahrers Albert Richter«): »Albert war der Sohn, den mein Vater nie hatte.« In mehreren erinnernden Fernsehdokumentationen über Richter sollte sie als Zeitzeugin auftreten (Jean Nelissen (2013)Michel Viotte (2005) sowie Boaz Kaizman/Peter  Rosenthal & Marcus Seibert (2017). Auf der Website Joods Monument Zaanstrek wird an Doris Berliners Lebensweg erinnert. 

Richter wusste, dass die Nazis Berliner bedrohten. Aber er zeigte keine Angst vor ihnen: Öffentlich bezeichnete er sie als »Verbrecherbande«, 1934 verweigerte er bei einer Siegerehrung in Hannover den Hitlergruß. Das Foto erschien in der Weltpresse, sehr zum Ärger der Nationalsozialisten. In Paris hatte er einen schwarzen Betreuer, mit dem er sich fotografieren ließ. Und bei Auftritten im Ausland weigerte Richter sich, ein Trikot mit dem Hakenkreuz zu tragen.

Das Verbandsblatt der Radrennfahrer ließ sich dagegen widerstandslos gleichschalten: Der 1888 geborene jüdische Journalist »Illus« Erich ­Kroner wurde als Chefredakteur entlassen und 1937 im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Im selben Jahr starb er. Seinen Posten übernahm der SS-Mann Victor Brack, dessen Titel fortan Reichsradsportführer lautete.

Als Berliner infolge der Rassegesetze Berufsverbot erteilt wurde, emigrierte er 1937 mit Ehefrau und Tochter in die Niederlande. Wohl keine ­Sekunde zu früh, denn an den Hauswänden vor seiner früheren Wohnung hingen wenig später Flugblätter mit der Parole »Der Jüd ist entflohen«.

Anfangs lebte Berliner mit seiner Familie im niederländischen Hulsberg, im August 1938 zog er nach Amsterdam, wo er weiter als Radsportmanager sowie in seinem Beruf als Polsterer arbeitete.

Richter hielt weiter zu seinem ­jüdischen Trainer. Bei der UCI Bahn-Weltmeisterschaft 1938 im Olympiastadion Amsterdams traten sie gemeinsam auf, trotz der hierdurch bedingten Gefährdung Richters durch die Nationalsozialisten. Der Publikumsliebling wusste, dass er unter Beobachtung der Nazis stand, dennoch schmuggelte er für Freunde Geld über die Grenze. Das NS-Regime versuchte, ihn zu erpressen. Er sollte Spionagetätigkeiten übernehmen. »Ich habe im Ausland nur Freunde, ich kann Derartiges nicht tun«, entgegnete er.

Nach und nach wurde Richters Lage ausweglos. Am 1. September 1939 überfiel die Wehrmacht Polen, in Mailand wurde die Weltmeisterschaft, bei der auch Richter antrat, abge­brochen. Noch unter dem Schock der Ereignisse schrieb er: »Ich bin ein Deutscher, aber für Deutschland kann ich nicht kämpfen, wenn es sich gegen Frankreich wendet.«

Am 9. Dezember 1939 gewann er noch einmal, von der Menge um­jubelt, den Großen Preis von Berlin. In einem Brief an seinen Freund ­Berliner versicherte er: »Das ist mein letzter Start, meine letzte Reise nach Deutschland.« Richter plante seine Flucht. Bekannte eines jüdischen Freundes vertrauten ihm 12 700 Reichsmark an, die er über die Grenze schmuggeln wollte. Am 31. Dezember 1939 brach er – entgegen Berliners Rat, der wohl befürchtete, dass Richter bespitzelt würde – mit dem Zug in die Schweiz auf, das Geld hatte er in die Reifen seines Rennrades eingenäht. Wie zwei zufällige Augenzeugen, die niederländischen Radprofis Cor Wals und Kees Pellenaars, später berichteten, wurde er an der Grenze in Lörrach gezielt kontrolliert, das Geld wurde prompt entdeckt. Wahrscheinlich war Teddy Richter verraten worden, im 1990 ausgestrahlten Dokumentarfilm »Auf den Spuren von Albert Richter« sowie in den weiteren, bereits erwähnten Fernsehdokumentationen wird der Name des mutmaßlichen Denunzianten genannt.

Richter wurde im Lörracher Grenzgefängnis inhaftiert. Drei Tage später starb er unter mysteriösen Umständen. Seine Biographin Franz ist »überzeugt, dass Albert Richter keinen Selbstmord begangen hat, sondern durch die Hand der Gestapo zu Tode kam«. Dafür spricht unter anderem, dass Richters Bruder, der ihn eigentlich im Gefängnis besuchen wollte, später aussagte, die im Keller gelagerte Leiche sei blutverschmiert gewesen – der Familie wurde wenig später verboten, den Sarg, in dem Richter nach Köln überführt wurde, noch einmal zu öffnen.

Am 10. Januar 1940 wurde Albert Richter auf dem Ehrenfelder Friedhof bestattet. Obwohl sein Tod von den Nationalsozialisten geheim gehalten werden sollte, nahmen 200 Trauernde von ihm Abschied. Der Völkische ­Beobachter vermeldete lakonisch: »Heute rot – morgen tot.«

Ernst Berliner erfuhr in den Niederlanden vom Tod seines Schützlings und Freundes. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Niederlande im Mai 1940 tauchte die Familie unter, musste mehrfach ihr Versteck wechseln. Ihre Tochter Doris, die in Amsterdam zeitweise die gleiche Schulklasse wie Anne Frank besucht hatte, musste zeitweise getrennt von ihren Eltern untergebracht werden und verteilte als Jugendliche Flugblätter gegen die Nazis.

1947 emigrierte der 66jährige mit seiner Tochter in die USA. Die Mutter war 1942 nach Theresienstadt verschleppt worden, auch zahlreiche weitere Familienmitglieder, so Ernst Berliners Schwester Auguste, wurden in Konzentrationslagern ermordet. In Köln wurden für die ermordeten Rosa und Martin Herz – eine Schwester Ernst Berliners – in der Friedrichstraße 40 Stolpersteine verlegt; für seine Schwägerin Meta in der Alexianerstraße 34.

Dennoch besuchte Berliner wenige Jahre später seine frühere Heimatstadt, um das Schicksal seines Freundes aufzuklären. Er stieß auf Schweigen.

1959 schrieb Berliner in einem Brief an den DDR-Sportjournalisten Klimaschewsky: „Was ich (…) in den schmachvollen Jahren der Bedrängnis und Verfolgung durch das unselige Regime zu erdulden hatte, war nichts zum Vergleich zu dem fast körperlichen Schmerz, der mir durch den Mord an Albert Richter zugefügt wurde.“ (Franz S. 136)

Richters Vater führte in der Nachkriegszeit einen erbitterten Kampf um Entschädigung und Rehabilitation seines Sohnes. Sein Kampf blieb ­erfolglos, im Mai 1967 schloss die Staatsanwaltschaft die Akten.

Den Eltern von Albert Richter schrieb Berliner: „Es ist ein großer Verlust für Sie, auf Albert jetzt verzichten zu müssen, aber auch ein großer Verlust für Deutschland, ich meine für das freie neue Deutschland, denn keiner anderer als Ihr Sohn Albert wäre berufener gewesen, die sportlichen Beziehungen international wieder herzustellen.“ 1947 wanderten Ernst, Erna und Doris Berliner in die USA aus. Europa war nicht mehr ihre Heimat, dort wollten sie als Juden nicht mehr bleiben.

Sie lebten anfangs in Miama, dann in New York. Ernst Berliner arbeitete dort weiter als Polsterer wie auch als Manager von Radrennfahrer sowie als – viersprachiger (Deutsch, Niederländisch, Englisch und Hebräisch) – Sportjournalist, u.a. auch für die deutschsprachige New Yorker Zeitung Deutscher Herold. Auch wegen seiner Sprachkenntnisse entsandte ihn der US-amerikanische Radsportverband zu Sitzungen des Weltsportverbandes UCI. Ernst Berliner starb 1977 in Miama, seine Ehefrau 1970. Doris Berliner kehrte in den 1990er Jahren erstmals wieder nach Köln zurück, um sich im Rahmen der Richter-Biografie von Franz interviewen zu lassen. Sie starb 2009 in Kalifornien.

Das Schweigen der Radfahrverbände nach 1945 hatte eindeutige Motive: Franz schreibt, dass ein nach dem Krieg führender Kölner Radsportfunktionär bei der Gestapo gewesen und an Deportationen von Juden ­beteiligt gewesen sein soll. »Albert Richter wurde nie rehabilitiert. Eher war das Gegenteil der Fall«, lautet der Schlusssatz der 2007 erschienenen Biographie.

Im Juli 1947 fand auf der Rennbahn in Köln-Riehl ein Rennen in Gedenken an Albert Richter statt. Danach geriet er vorerst in Vergessenheit. Mitte der sechziger Jahre wurde allerdings in der DDR an den Widerständler erinnert. Der Staat versuchte, sich das Gedenken an den Radfahrer anzueignen: Richters Konterfei prangte 1965 auf einer DDR-Sonderbriefmarke. Mehrere Bücher wurden dort über »den Antifaschisten« – aber nicht über den zu seinem jüdischen Trainer unverbrüchlich solidarischen Richter publiziert (Plättke 1959, Friedrich 1988, 2015). Ein Kinderheim wurde nach ihm benannt, in Halle und Schwerin trugen die Rennbahnen seinen Namen. Der verbale Antifaschismus war gemäß der antizionistischen Staatsdoktrin nur so lange angesagt, als er als Angriff auf die Bundesrepublik taugte, die eigenen antisemitischen Übergriffe systematisch aussparte und das jüdische Erbe verleugnete.

In der Bundesrepublik brauchte es einige Jahrzehnte länger. 1996 wurde das gerade fertiggestellte Kölner Radstadion auf Richters Namen getauft, in Lörrach 2010 eine Straße nach ihm benannt. Heute findet in Köln regelmäßig ein an Albert Teddy Richter gewidmetes Radrennen statt. Es startet jeweils in der Ehrenfelder Sömmeringstraße 72 vor Richters ehemaligem Elternhaus.

Gedenktafel, (c) R. Kaufhold


Köln, 2.1.2020 19 Uhr: Erinnerungsveranstaltung für Albert Richter

Wir erinnern an Albert Richter: Kölner Weltmeister mit Zivilcourage zum 80. Todestag. „Flieger“-Weltmeister und Ehrenfelder mit Zivilcourage, 2.1.2020, 19 Uhr, Bumann & Sohn, Bartholomäus-Schink-Straße 2, 50825 Köln-Ehrenfeld.

Einlader: Bündnis 90/Die Grüne Köln; Deine Freunde (Köln)

Update:

Die Erinnerungsveranstaltung war mit 140 Besuchern sehr gut besucht. Wir schlagen vor, dass in Köln-Ehrenfeld zeitnah eine Straße nach Albert Teddy Richter benannt wird. Weiterhin setzen wir uns dafür ein, dass das Radstadion Köln nach dem in Köln aufgewachsenen renommierten jüdischen Radrennfahrer und Trainer Ernst Berliner und in der Kölner Innenstadt, wo Ernst Berliner aufwuchs und wirkte, eine Straße nach ihm benannt wird. Die Rennbahn selbst ist bereits nach Albert Richter benannt. Dann wären Albert Richter und sein jüdischer Trainer Ernst Berliner in Köln wieder in der Erinnerung vereint. Und Köln hätte eine würdige Erinnerung an diese beiden großen, international renommierten  Kölner Sportler.

Albert Richter im Film

1989 erschien der NDR-Film „Auf der Suche nach Albert Richter – Radrennfahrer“ von Raimund Richter & Tillmann Scholl. In den Niederlanden wird ein Fernsehbeitrag ausgestrahlt, in dem auch Ernst Berliners Tochter Doris zu Wort kommt. 2005 folgt ein über 90-minütiges spanischsprachiges ARTE-Portrait von Michel Viotte mit dem passenden Titel: Albert Richter, le champion qui a dit non.

2017 entstand „Tigersprung“: In Köln taten sich der israelische Künstler Boaz Kaizman, der aus Rumänien gebürtige Kölner Arzt und Schriftsteller Peter Rosenfeld und der Drehbuchautor Marcus Seibert zusammen, um die Nachfolgegeschichte der Ermordung von Teddy Richter zu rekonstruieren. Nach einer erfolgreichen Crowdfundingaktion konnte der ästhetisch anspruchsvolle Graphiv-Novel-Dokumentarfilm realisiert werden: Der jüdische Bahnradmanager Ernst Berliner, der die Shoah in den Niederlanden überlebten, während ein Großteil seiner jüdischen Familie ermordet wurde, kehrt nach Köln zurück. Er möchte die Umstände des Todes seines Schützlings Albert Richter aufklären und ein Gerichtsverfahren eröffnen. Es werden Originaldokumente wie Briefe Ernst Berliner an seine Tochter Doris in die filmisch und zeichnerisch anspruchsvolle Rekonstruktion eingebunden. Der Überlebende kehrt nur mit ambivalenten Gefühlen besuchsweise nach Köln zurück. Ostermanns „Heimweh nach Köln“ verleiht ihm den Mut, sich auf die Konfrontation mit dem Verstörenden, den Ermordeten einzulassen – und den weiterhin in Köln lebenden Tätern. In einer Collage aus Zeichnungen Boaz Kaizmans werden Richters erfolgreiche Rennen in Erinnerung gerufen. Richters Erfolge rufen Neid hervor. Dessen Freundschaft mit dem Juden Berliner werden verwendet, um den lästigen Konkurrenten auszuschalten. Dass Albert Richter bei seinem Fluchtversuch Ende 1939 von der Gestapo durchsucht und das Geld des jüdischen Freundes im Radreifen sogleich gefunden wurde dürfte kein Zufall gewesen sein: Vermutlich gab es Denunzianten.

Die anzunehmenden Denunzianten, Werner Miete und Werner Steffes, werden auch in diesem Film benannt; Ernst Berliner hatte Steffes bereits in seiner Strafanzeige 1966 als Denunzianten bezeichnet.

Alle Akten über Albert wurden vernichtet, die Verdunkelungsarbeit war erfolgreich. Dem Wunsch der Täter und Zuschauer wurde entsprochen. Der Jude Ernst Berliner war nun der Einzige, der den nationalen Frieden, das große deutsche Schweigen störte.

Ein Jahr später, im Mai 1967, wird das Verfahren kommentarlos eingestellt. Die Ermittlungen würden „nicht genügend Anlass zur Erhebung einer öffentlichen Klage bieten“ heißt es im Film. Die Täter werden im Land der Täter auch 27 Jahre später geschützt. Der überlebende Jude Ernst Berliner verlässt seine ehemalige Heimatstadt Köln entillusioniert mit einem Flugzeug.

„Der Ozean, der mich bald wie ich hoffe für immer von Europa trennen wird. Ich habe mir vorgenommen, nie wieder nach Deutschland zurück zu kehren“, schreibt er seiner in den Niederlanden geborenen amerikanischen Tochter. „Kein Tag ist vergangen“, so fügt Berliner hinzu, an dem er nicht an Albert gedacht habe. „Ich habe hier alles versucht, aber ich muss gestehen, ich bin gescheitert. Keiner will wirklich wissen, was in Lörrach wirklich vorgefallen ist.“ In Köln ist man froh, dass der Jude, der Zeuge, Köln endgültig verlassen hat. Der israelische Psychoanalytiker Zvi Rix hat diesen bis heute wirkenden deutschen Verleugnungswettbewerb mit den Worten zusammen gefasst: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz niemals verzeihen.“

„Die Zeugen decken sich gegenseitig oder können sich nicht mehr erinnern (…) als wäre nach dem Krieg schon genug Schmutz aufgewirbelt worden von Fremden wie mir. Dem Kölner Juden, der nicht mehr wusste, in welcher Sprache er träumen sollte.“ Seine Sprache – „unsere Sprache“ sei schwarz-weiß, „die Sprache der Toten, unsere Sprache.“ Seine Erinnerungen seien „endgültig in Rauch aufgegangen“. Zehn Jahre später stirbt Ernst Berliner in seiner neuen Heimat, den USA. Köln hat er nicht mehr wieder gesehen. Ernst Berliners in den USA lebender Urenkel Sam Alter wurde in die Filmarbeiten einbezogen und reiste deshalb nach Köln.

Der Film „Tigersprung“ wurde von den Autoren auf der Film-Website http://www.tigersprung-der-film.de/ veröffentlicht.

2018 wurde der Film in Herne mit der Goldenen Kurbel ausgezeichnet, dem höchsten Preis des Filmfestivals. Zugleich wurde, um die Erinnerung an Albert Richter lebendig zu halten, ein neuer Filmpreis eingeführt: Der „Souvenir Albert Richter“. Bei der Erinnerungsveranstaltung am 2.1. in Köln wird der Film in Anwesenheit der Filmproduzenten sowie der Richter-Biografin Renate Franz gezeigt.

 

Literatur

Franz, Renate (2007): Der vergessene Weltmeister – das rätselhafte Schicksal des Kölner Radrennfahrers Albert Richter, Bielefeld 2007.

Kaufhold, R. (2017a): Köln: Radrennen aus Respekt. Weltmeister Albert »Teddy« Richter hielt bis zu seinem mysteriösen Tod 1940 zu seinem jüdischen Trainer Ernst Berliner, Jüdische Allgemeine, 9.10.2017. Internet: https://www.juedische-allgemeine.de/gemeinden/radrennen-aus-respekt/

Kaufhold, R. (2017b): Kein Hitlergruß. Der Kölner Radrennfahrer Albert „Teddy“ Richter, jungle world 44/2017. Internet: https://jungle.world/artikel/2017/44/kein-hitlergruss

Kaufhold, R.  (2017c): Zwei lange vergessene Kölner Radrennfahrer, haGalil 14.10.2017 http://www.hagalil.com/2017/10/richter-4/

Thomann, B.: Albert Richter (1912-1940), Radweltmeister, in: Portal Rheinische Geschichte, Internet: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/albert-richter/DE-2086/lido/57cd1f43425e07.54619231

Hall of Fame: Al­bert Rich­ter. Rad­sport-Welt­meis­ter und Na­zi-Op­fer. Wür­di­gung auf der Web­site der Hall of Fa­me des deutschen Sports). Internet: https://www.hall-of-fame-sport.de/mitglieder/detail/Albert-Richter/?L=0

Altonaer Bicycle-Club von 1869/80 (2015): Der Radrennfahrer Albert Richter: „Der vergessene Weltmeister“. Internet: http://www.altonaer-bicycle-club.de/history/index.php?id=116936594199

Plättke, K. (1959): Die letzte Kurve. 2. Auflage. Kinderbuchverlag, Berlin (DDR)

Friedrich, H. (1988): 7 Jahre eines Rennfahrers. 5. Auflage. Kinderbuchverlag, Ost-Berlin (DDR). https://taz.de/!879764/

Friedrich, H. (2015): Der Tod des Weltmeisters. Eine Radsportkarriere im Dritten Reich. Roman. Maxime-Verlag, Bern 2015.

Joods Monument Zaanstrek: Berliner  (Dorothea), Website: https://www.joodsmonumentzaanstreek.nl/berliner-dorothea/

Buecken, P.: Familie Isaac Berliner, Website familienbuch-euregio.de: http://www.familienbuch-euregio.de/genius/?person=163952

Eintrag auf der Webseite des Melaten-Friedhofs: https://melatenfriedhof.de/grab/albert-richter/

 

Filme

Raimund Richter / Tillmann Scholl (1989): Auf der Suche nach Albert Richter – Radrennfahrer, NDR

Michel Viotte (2005): Albert Richter, el campeón que dijo no (52 Min.), ARTE/GEDEON France Bibliotheca Audiovisual: https://vimeo.com/62089150

Jean Nelissen (2013) (Niederlande) : Albert Richter . YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=6E2TZmtDJpg

Boaz Kaizman, Peter  Rosenthal & Marcus Seibert (2017): Tigersprung der Film: Bahnradmanager Ernst Berliner kehrt 1966 nach Köln zurück, um den Tod seines Schützlings Albert Richter aufzuklären, Köln (30 Min.). Internet: http://www.tigersprung-der-film.de/

 

Der Beitrag ist eine erweiterte Version der Studie: Roland Kaufhold: Kein Hitlergruß. Der Kölner Radrennfahrer Albert „Teddy“ Richter, jungle world 44/2017.

Kommentar verfassen