Ruinen als Kulisse für Hollywood-Streifen

Ein in Nürnberg gedrehter Film wurde vor 70 Jahren erstmals in Europa gezeigt…

Von Jim G. Tobias

„Eine schreckliche Erinnerung an Krieg und Faschismus“, urteilte die britische Zeitung „The Times“ über die europäische Premiere des Films „The Search“. In Anwesenheit von Queen Mary fand diese Aufführung im November 1949 im altehrwürdigen Empire Theater in London statt. „Aber auch ein starkes Plädoyer für den Frieden“, lobte der Journalist überdies den Streifen. In seinem semi-dokumentarischen Spielfilm thematisierte der aus Wien in die USA emigrierte Hollywood-Regisseur Fred Zinnemann das schwere Schicksal der zahlreichen jüdischen Waisenkinder, die nur knapp den NS-Mördern entkommen waren.

Auf der Suche nach passenden Drehorten war Zinnemann durch das zerstörte Nachkriegsdeutschland gereist. In der ehemaligen Stadt der Reichsparteitage fand er die gewünschte Kulisse. Zentrale Szenen wurden inmitten der Ruinen von Nürnbergs Altstadt gedreht. Das veranlasste den Filmkritiker der „News of the World“ zu dem sarkastischen Kommentar: „Schauen Sie sich die Ruinen der Luftangriffe in Deutschland genau an und danken Sie Ihrem Glücksstern, dass die Royal Air Force auf unserer Seite war.“

Seine Hauptdarsteller suchte und fand der Hollywood-Regisseur in den UN-Kinderheimen für entwurzelte, elternlose Jungen und Mädchen; sie sollten in dem Film eine glaubhafte Stimme erhalten. Daher entschied Zinnemann, dass nur wenige Rollen von professionellen Darstellern übernommen wurden, einer davon war der bekannte Schauspieler Montgomery Clift.

„Eines Tages kamen sie, und sagten: ,Wir fahren jetzt nach Nürnberg‘“, erinnert sich Avri Ladany an den Sommer 1947. „Sie deuteten auf einige von uns und nahmen uns mit. Schließlich wurde uns klar, dass sie uns für eine Filmproduktion aussuchten.“ Der heute 84-jährige Israeli war eines der jüdischen Kinder, die als Laienschauspieler in dem Film eine zentrale Rolle spielten.

„Wir wohnten in einem Nürnberger Hotel, in dem auch Amerikaner untergebracht waren“, ergänzt der 1934 geborene Joel Feldmann. Er hatte, wie sein damals 12-jähriger Kamerad Avri, den Holocaust in Ungarn überlebt. „Dann brachten sie uns zu den Drehorten.“ Gefilmt wurde an markanten Orten, wie etwa dem Hauptmarkt, an der Sebalduskirche und den Ufern der Pegnitz.

Vor laufender Kamera erinnert sich Avri Ladany an seine Rolle in dem Film „The Search“ 1947 in Nürnberg. Foto: Jim G. Tobias

Bereits in seinem Vorgänger-Film „Das siebte Kreuz“ hatte Fred Zinnemann sich mit dem NS-Regime und den Folgen auseinandergesetzt. Da Joel und Avri sowie die vielen anderen jüdischen „Kinderstars“ das NS-Grauen am eigenen Leib erfahren haben, verleihen sie „The Search“ Empathie und Authentizität. Nach Abschluss der Dreharbeiten wurden die Kinder in ihre Heime zurückgebracht, wo sie noch bis zur Gründung des Staates Israel im Mai 1948 ausharren mussten.

Der Film erzielte den von Fred Zinnemann gewünschten Effekt, er sensibilisierte insbesondere das US-amerikanische Publikum für die verzweifelte Situation der Waisenkinder und erzielte beträchtliche Spendeneinnahmen, die für die Unterstützung der elternlosen Jungen und Mädchen verwandt wurden. Zudem erhielt der Streifen viele Preise, darunter Oscar-Nominierungen und Auszeichnungen. Nach der Premiere in London fand der Film auch seinen Weg in die Kinos auf dem europäischen Festland. Mit Rücksicht auf eventuelle Befindlichkeiten wurde „The Search“ jedoch erst 1961 in Deutschland mit einer teilweise verfälschenden Synchronisation unter dem Titel „Die Gezeichneten“ aufgeführt. Auch der von Fred Zinnemann mit Absicht gewählte Drehort Nürnberg erschloss sich den Zuschauern nicht.

Mit einem Kamerateam besuchte der Autor 2015 die damaligen Kinderdarsteller in Israel. Das TV-Feature „In den Ruinen von Nürnberg – Jüdische Kinder als Filmstars“ ist in der Mediathek der Medienwerkstatt Franken zu sehen.

Bild oben: Drehort: Das zerstörte Nürnberg – im Hintergrund sind die Türme von St. Sebald zu erkennen. © Screenshot aus „The Search“ (Praesens-Film)

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