Noam Chomsky und seine Doppelstandards bei der „Imperialismus“-Kritik

Am 7. Dezember feiert Noam Chomsky den 91. Geburtstag. Der bekannte Kritiker mit antiimperialistischem Selbstverständnis ist indessen kein unproblematischer Intellektueller. Denn gegenüber den Gegnern westlicher Politik schwindet seine ansonsten so kritische Vehemenz. Während Chomsky etwa Israel stark kritisiert, schweigt er sich zu deren Feinden nicht selten aus. Die dabei deutlich werdenden Doppelstandards sprechen nicht für seine menschenrechtliche Integrität…

Von Armin Pfahl-Traughber

Der wohl weltweit bekannteste und einflussreichste antiimperialistische Autor dürfte Noam Chomsky[1] sein, erschien doch von ihm eine Fülle an einschlägiger Literatur, auch in deutscher Sprache. Geboren wurde er 1928 in eine jüdische Familie hinein. 1945 begann Chomsky ein Linguistik-Studium, das ihn zu intensiven Forschungen motivierte und eine einflussreiche Theorie entwickeln lies. Danach gibt es eine universelle Grammatik, die jedem Menschen eigen und in allen Sprachen vorhanden sei. Diese und andere Erkenntnisse führten dazu, dass Chomsky nicht nur in der akademischen Welt berühmt wurde. 1961 erhielt er eine auf Linguistik und Philosophie ausgerichtete ordentliche Professur, die ihm am renommierten Massachusetts Institute of Technology entsprechende Wirkungsmöglichkeiten erschloss. Ab 1965 begann Chomsky auch damit, in Artikeln, Aufsätzen und Büchern die US-Außenpolitik insbesondere in Vietnam vehement zu kritisieren. In späteren Beiträgen bekannte er sich dazu, dem Anarchismus und hier insbesondere dem Anarchosyndikalismus nahe zu stehen.[2]

Chomskys Imperialismuskritik lässt sich in folgenden Positionen zusammenfassen: Demnach ging es um bloße Machtpolitik der USA gegenüber Vietnam, der auch viele Intellektuelle mit Sympathie und Unterstützung begegnet wären. Seit den 1970er Jahren seien viele kleine Länder in allen nur möglichen Weltregionen unterworfen worden. Dabei habe man über die Menschenrechtsverletzungen der eigenen wie verbündeter Truppen geschwiegen. Überhaupt seien die Medien unkritische gegenüber der Regierungspolitik gewesen, hätten sie doch durch einseitige Berichterstattung einen öffentlichen Konsens hergestellt. Dies sei im Interesse der ökonomischen und politischen Macht in den USA gewesen. Man habe als unliebsam geltende Regierungen als terroristischen „Schurkenstaaten“ bezeichnet, sei aber selbst zu einem terroristischen „Schurkenstaat“ verkommen. Diese Auffassung weitete Chomsky auch auf Israel aus, würden doch die Palästinenser von diesem Staat völkerrechtswidrig unterdrückt. All dies werde durch „Globalisierung“ und „Neoliberalismus“ verstärkt.[3]

Derartige Einwände mögen für eine berechtigte wie unberechtigte Kritik stehen und haben für sich allein genommen nichts mit einer linkextremistischen Orientierung zu tun. Die von Chomsky konstatierte Doppelmoral der US-Politik lässt sich aber bei ihm selbst gegenüber Unrechtsregimen beobachten. Bei politischen Akteuren, die im Konflikt mit den USA stehen, relativiert oder verschweigt er deren Verbrechen.[4] Dies ließ sich bereits in den 1970er Jahren konstatieren, fand doch Chomsky gegenüber den Menschenrechtsverletzungen im nun als sozialistisch geltenden Vietnam keine klaren Worte. Ähnlich verhielt er sich zu den in Kambodscha stattfindenden Massenmorden unter Pol Pot, welche zwar nicht geleugnet, aber relativiert wurden.[5] Diese Grundlinie zog sich durch viele Publikationen, Chomsky sah Diktaturen nicht als so problematisch an, sofern sie Feinde der USA waren. Diese Einstellung erklärt auch, warum er bei aller ideologischer Distanz zu Hamas und Hizb‘Allah ihnen gegenüber eine klare Verurteilung vermissen ließ.[6] Sie waren und sind Feinde Israels.[7]

Bild oben: Noam Chomsky bei einer Rede für die Occupy-Wall-Street-Bewegung, 2011, (c) Andrew Rusk from Toronto, Canada, Creative Commons Attribution 2.0 Generic Lizenz

[1] Vgl. Robert F. Barsky, Noam Chomsky. Libertärer Querdenker, Zürich 1999; Günther Grewendorf, Noam Chomsky, München 2006; Larissa MaFarquhar/Michael Haupt, Wer ist Noam Chomsky?, Hamburg 2003.
[2] Vgl. Noam Chomsky, Anmerkungen zum Anarchismus, in: Ders., Aus Staatsraison, Frankfurt/M. 1974, S. 104-121; Ders., Die Zukunft des Staates. Vom klassischen Liberalismus zum libertären Sozialismus, Berlin 2005.
[3] Vgl. die folgende Auswahl an deutschsprachigen Titeln: Amerika und die neuen Mandarine. Politische und zeitgeschichtliche Essays, Frankfurt/M. 1969; Im Krieg mit Asien. Bd. 1: Indochina und die amerikanische Krise, Bd. 2: Kambodscha, Laos, Nordvietnam, Frankfurt/M. 1972; Profit over People. Neoliberalismus und globale Weltordnung, Hamburg 2000;  Offene Wunde Nahost. Israel, die Palästinenser und die US-Politik, Hamburg 2002; Profit Over People, War Against People. Neoliberalismus und globale Weltordnung Menschenrechte und Schurkenstaaten, München 2006; (zusammen mit Andre Vitchek) Der Terrorismus der westlichen Welt, Von Hiroshima bis zu den Drohnenkriegen, Münster 2017.
[4] Vgl. Peter Collier/David Horowitz (Hrsg.), The Anti-Chomsky Reader, San Francisco 2004.  Bei dem Band handelt es sich um eine bewusst parteiische Kritik, die sich auch durch die konservative Auffassung der meisten Autoren und eben auch der Herausgeber erklärt. Gleichwohl liefern die Beiträge zahlreiche Sachargumente und Zitate. Diese belegen auch die folgende Einschätzung. Man muss ansonsten nicht alle anderen Einschätzungen und Grundlagen des Sammelbandes teilen.
[5] Vgl. Stephen J. Morris, Whitewashing Dictatorship in Communist Vietnam and Cambodia, in: ebenda, S. 1-34.
[6] Vgl. Paul Bogdanor, Chomsky’s War against Israel, in: ebenda, S. 87-116. Chomsky besuchte 2006 auch das Hauptquartier der Hizb‘ Allah und führte dort Gespräche mit hochrangingen Funktionsträgern. Al-Manar, der Fernsehsender der Organisation, strahlte auch ein Interview aus. Bei all dem gab es gegenüber den Gewalthandlungen der Hizb‘ Allah keine eindeutige Verurteilung, vielmehr erschienen diese gar als legitime Handlungen von Widerstand. Vgl. U.S. Linguist Noam Chomsky Meets With Hizbullah Leaders in Lebanon (16. Mai 2006), in: www.memri.org.
[7] Es gibt bei Chomsky auch eine erstaunliche Nähe zu holocaust-leugnenden Rechtsextremisten, vgl. Werner Cohn, Partners in Hate. Noam Chomsky and the Holocaust Denial, Cambrdige 1995.

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