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Nazis und der Nahe Osten

Wie kam der europäische Antisemitismus in die arabische Welt? Eine Antwort auf diese Frage will der promovierte Historiker und Politikwissenschaftler Matthias Küntzel in seiner Studie „Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand“ geben. Demnach sieht der Autor insbesondere in der NS-Propaganda die entscheidende Ursache…

Von Armin Pfahl-Traughber

Diese Auffassung mag zunächst irritieren, ist doch deren dortiges Wirken kaum bekannt. Der Autor macht daher auch auf die Bedeutung einer Broschüre „Islam und Judentum“ und dann auf einschlägige Rundfunkpropaganda aufmerksam. Zum ersten Gesichtspunkt heißt es gleich auf der ersten Textseite: „In diesem Pamphlet wurde der Antijudaismus des frühen Islam erstmals mit dem europäischen Antisemitismus der Nazis verknüpft und so eine jahrhundertealte Todfeindschaft zwischen Muslimen und Juden konstruiert.“ Und danach heißt es: „Das Berlin zwischen 1937 und 1945 keinen Aufwand scheute, um den Antisemitismus unter Muslimen zu schüren, ist in Deutschland wenig bekannt“ (S. 9).

Bevor Küntzel auf diese Zusammenhänge eingeht, wird definitorische und ideengeschichtliche Vorarbeit geleistet. Dabei unterscheidet er einen islamischen Antijudiaismus und einen europäischen Antisemitismus. Was dies in Kombination miteinander bedeutete, wird anhand des islamistischen „Klassikers“ Sayyid Qutb und der Charta der Hamas aufgezeigt. Erst danach geht es um das eigentliche Thema, wird doch die Entwicklung im Jahr 1937 als wichtige Weichenstellung behandelt. Damals kam es zu einem Bündnis des Muftis von Jerusalem und der deutschen Nationalsozialisten, was sich gegen die Briten wie die Juden richten sollte. 1937 erschien auch erstmals die arabische Ausgabe von „Islam und Judentum“, eine NS-Propagandaschrift, die Mohammeds Auseinandersetzung mit jüdischen Stämmen mit den seinerzeitigen antijüdischen Stimmungen in Palästina verband. Der Autor macht anhand des Textes dabei deutlich, wie hier eine antisemitische Ideologiesierung von bereits bestehenden antijüdischen Ressentiments erfolgte.

Danach geht es ausführlich um den „Kurzwellensender Zeesen“, der Judenhass als NS-Propaganda per Radio in der islamischen Welt verbreitete. Damit konnten auch die Araber, die nicht des Lesens kundig waren, mit einschlägigen Ressentiments erreicht werden. Die Attraktivität und Beliebtheit des Senders wird von Küntzel anhand von zeitgenössischen Quellen veranschaulicht. Bilanzierend heißt es, dass diese Agitation „im Rückblick als die Schnittstelle, die die antisemitische Weltanschauung den Massen der arabischen Welt nahebrachte und frühe Ansätze des Islamismus mit dem späten Nationalsozialismus verband“ (S.110). Anschaulich zeigt sich dies beim Blick auf die Inhalte der Sendungen, worin nicht nur Feindbilder propagiert, sondern auch Pogrome gefordert wurden. Daraus leitet der Autor seine Deutung ab, wonach „die arabischsprachige Nazi-Propaganda zu den Faktoren gehörte, die den verheerenden Krieg von 1948 mit auslösten …“ (S. 142). Dieser sei auch eine antisemitische Mobilisierung gewesen, was man gegenwärtig häufig verkenne.

Küntzel macht auf viele geschichtliche Details aufmerksam, welche aus ganz unterschiedlichen Gründen ausgeblendet werden. Einiges wie etwa zur Hamas oder Qutb bzw. zum Radiosender Zeesen hatte er schon in früheren Veröffentlichungen thematisiert. Jeffrey Herf analysierte bereits früher den erwähnten Kurzwellensender und sein verhängnisvolles Wirken. Gleichwohl ist diese Konzentration des Stoffs hier noch einmal wichtig, auch und gerade um den aktuellen islamischen Antisemitismus zu erkennen. Immer wieder gibt es Anmerkungen zur Gegenwart, wo Küntzel entsprechende Relativierungen und Verharmlosungen thematisiert. Gelegentlich mag er manche Kollegenkritik dabei überspitzen, in der Grundtendenz sind seine Urteile aber treffend. Indessen fanden Formen einer europäischen Judenfeindschaft bereits seit Mitte des 19.Jahrhunderts in der arabischen Welt Verbreitung. Darauf weist Küntzel auch kurz hin (vgl. S. 52). Insofern erfolgte eine derartige Ideologisierung der dortigen Judenfeindschaft schon vor der NS-Propaganda. Dieser detaillierte Einwand zur Studie schmälert aber nicht ihren aufklärerischen Wert.

Matthias Küntzel, Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand, Leipzig 2019 (Hentrich & Hentrich-Verlag), 272 S., Euro 19,90, Bestellen?