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Von den Anfängen bis zur Gegenwart

Ein neues Überblickswerk beleuchtet tausend Jahre jüdische Geschichte in Bayern…

Auch wenn in vielen Sonntagsreden immer wieder von der christlich-jüdischen Kultur- und Wertegemeinschaft geredet wird, die Wahrheit ist, dass mörderischer Antisemitismus über Jahrhunderte das Alltagsleben der jüdischen Minderheit bestimmte, wie nachfolgendes Beispiel verdeutlicht. Am 5. Dezember 1349, einem Schabbat, stürmten die christlichen Mörder das im Herzen Nürnbergs gelegene jüdische Wohngebiet. Sie drangen in die Häuser ein und erschlugen die arglosen Bewohner. Zwei Tage dauerten das Brandschatzen und das Gemetzel. Am 7. Dezember 1349 waren 562 Opfer zu beklagen. Auf der Ruine der zerstörten Synagoge wurde die Frauenkirche erbaut. Nur noch eine Hinweistafel erinnert heute daran, dass dort einst ein jüdisches Gotteshaus stand. Das Pogrom war von langer Hand geplant. Bereits Monate zuvor hatte Karl IV. das Eigentum der zu ermordenden Nürnberger verteilt. Nutznießer des „Nachlasses“ waren Adelige und Patrizier, die dem König zu Diensten waren.

Nicht nur in Nürnberg wurden Juden diffamiert, verfolgt und ermordet; dies geschah überall in Bayern, von den ersten Pogromen zur Zeit der Kreuzzüge bis hin zum fabrikmäßigen Massenmord in der NS-Zeit. Etwa tausend Jahre jüdischer Geschichte in Bayern haben dennoch Spuren hinterlassen. In vielen Städten zeugen Straßennamen wie Judengasse, Judenbühl, Judenhof oder Ähnliches von der Existenz einstiger jüdischer Gemeinden. In den ländlichen Gebieten sind es zumeist jahrhundertalte Friedhöfe, auf denen die hebräischen Inschriften der Grabsteine nur noch zu erahnen sind.

Auch wenn der Alltag der jüdischen Bevölkerung von Dämonisierung, Vertreibung bis hin zur physischen Vernichtung bestimmt war, kam es zeitweise jedoch auch zu wirtschaftlicher Kooperation, gesellschaftlichen Begegnungen und geistigen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Juden. Bedingt durch die historisch unterschiedlichen Herrschaftsverhältnisse in den letzten Jahrhunderten gingen die Gemeinden in den bayerischen Regionen sehr verschiedene Wege: Durch die rigoros gehandhabte Ausweisungspolitik im Wittelsbacher Stammland lebten nur etwa fünf Prozent der Juden in Altbayern, dagegen 95 Prozent in Franken, Schwaben und der Pfalz. Erst mit dem Übergang zum modernen Bayern, am Beginn des 19. Jahrhunderts, änderte sich diese Verteilung und es fand eine gemeinsame Entwicklung statt.

Auf über 650 Seiten hat Rolf Kießling, emeritierter Professor für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte an der Universität Augsburg, nun das Wagnis unternommen, den derzeitigen Forschungsstand zur jüdischen Geschichte in Bayern in einer Publikation zusammenzufassen. Mit Erfolg! In 30 Kapiteln, von den ersten jüdischen Ansiedlungen, wie etwa in Regensburg, den Pogromen der Kreuzzüge, den Verfolgungen in den Zeiten der Pestepidemie, der Vertreibung aus den Reichsstädten zum Ende des Mittelalters, der Entstehung des Landjudentums, der Emanzipation im 19. Jahrhundert, der Assimilation im bürgerlichen Staat, der Shoa und dem Neubeginn nach 1945, präsentiert der Autor eine kundige und spannende Reise durch die Jahrhunderte. In einem Parforceritt beleuchtet er alle Bereiche der Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, wobei er einen Schwerpunkt auf die Epoche des Landjudentums legt. Gemeint sind jüdische Gemeinschaften in den fränkischen Provinzen, in Städtchen, Marktgemeinden oder Dörfern, in denen die Juden nach der Vertreibung zum Ende des Mittelalters Zuflucht fanden, wo „ein Rabbiner wirkte, eine Synagoge oder wenigstens ein Betsaal bestand und ein Friedhof die Toten aufnahm“, wie Kießling schreibt.

„Jüdische Geschichte in Bayern“ ist ein gelungenes und gut lesbares Buch und hat das Zeug zu einem Standardwerk. Es wendet sich nicht nur an die Wissenschaft, sondern ist auch für ein breites Publikum von Interesse. Eine eindrucksvolle Dokumentation über ein Jahrtausend jüdischer Geschichte, die auf der Konsultation von rund 1.000 Publikationen der wissenschaftlichen Literatur basiert. Faszinierende Lektüre nicht nur für lange Winternächte! – (jgt)

Rolf Kießling, Jüdische Geschichte in Bayern: Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Berlin 2019, 662 Seiten, 79,95 €, ISBN 978-3-486-76384-3, Bestellen?

Bild oben: Judenverbrennung. Zeitgenössische Darstellung von Michael Wohlgemuth aus der „Schedelschen Weltchronik“ von 1493. Repro: Public Domain (Wikimedia)