„Islamophobie“ als politischer Kampfbegriff

Es gibt eine Feindschaft gegen Muslime als Muslime. Dass dafür der Begriff „Islamophobie“ der richtige Terminus ist, wird indessen in der kritischen Forschung vielfach bestritten. Der Grund dafür besteht darin, dass das Gemeinte nicht inhaltlich entwickelt und trennscharf ist. So lassen sich aufklärerisch-menschenrechtliche Islamkritik und fremdenfeindlich-hetzerische Muslimenfeindlichkeit nicht unterscheiden. Darüber hinaus dient der Begriff „Islamophobie“ häufig als politischer Kampfbegriff, um unliebsame Kritik damit zu diskreditieren…

Von Armin Pfahl-Traughber

Ein konkretes Beispiel für die Bezeichnung von Islamkritik als islamophob stellt ein Report zum Thema dar, welcher unter der Bezeichnung European Islamophobia Report regelmäßig erscheint und von Enes Bayrakli und Farid Hafez herausgegeben wird.[1] Dies geschieht mit EU-Geldern von über 120.000 Euro im Rahmen des Programms „Zivilgesellschaftlicher Dialog zwischen der EU und der Türkei“. Als organisatorischer Mitherausgeber fungiert SETA, was für die Denkfabrik Stiftung für politische wirtschaftliche und gesellschaftliche Forschung steht. Diese Einrichtung verfügt über enge Kontakte zur türkischen Regierung. Ablesen lässt sich dies allein daran, dass frühere Direktoren später hohe Regierungsämter einnehmen konnten, was für enge personelle Verflechtungen steht.[2] Dieser Hintergrund muss nicht allein gegen die Inhalte sprechen. Der Bericht ist aber so konzipiert, dass er aufklärerisch-menschenrechtlich Islamkritik und fremdenfeindlich-hetzerische Muslimenfeindlichkeit in einen Topf wirft.[3]

Dies macht der Blick auf die Länderstudien deutlich, wobei hier die für Deutschland und Österreich ausgewählt wurden. Man findet darin einerseits Ausführungen zu Gewalttaten gegen Moscheen und Muslime oder zu Herabwürdigungen durch rechtsextremistische oder rechtspopulistische Politiker. Ohne nähere Begründung werden dann andersdenkende Muslime oder kritische Wissenschaftler genannt. Dazu gehören etwa die liberale Imamin Seyran Ates, die muslimische Menschenrechtlerin Saida Keller-Messahli, der islamische Theologe Mouhanad Khorchide oder die fundamentalismuskritische Islamforscherin Susanne Schröter. Als Beispiele gelten die Debatte um die Rapper Kollegah und Farid Bang, die antisemitisch deutbare Aussagen in ihre Songtexte integrierten, was bei einer Preisverleihung zu einem öffentlichen Skandal führte. Außerdem zählte dazu eine Aktion gegen Antisemitismus mit der Bezeichnung „Kippa-Flashmob“, hätten deren Initiatoren doch die Judenfeindschaft als arabisch/türkisches bzw. muslimisches Problem angesehen.[4]

Bei den Ereignissen spielte in einem Fall der muslimische Hintergrund eines Musikers keine Rolle und in dem anderen Fall wurde auf eine real bestehende islamisch geprägte Judenfeindschaft verwiesen. Bei den Genannten handelt es sich mitunter um liberale Muslime, die sich gegen einen fundamentalistischen Islam oder einen politischen Islamismus wenden. Diese Auffassungen und Ereignisse haben somit weder etwas mit Islam- noch mit Muslimenfeindlichkeit zu tun. Deren Aufnahme in den Bericht macht deutlich, dass es einerseits dort kein klares Begriffsverständnis des Gemeinten gibt und andererseits jeder Einwand als „Islamophobie“ gedeutet wird. Entgegen der Auffassung von Hafez, wonach nicht jeder Einwand gegen den Islam oder Muslime als „islamophob“ gelten könne[5], erfolgte durch die Gestaltung der Kapitel erkennbar eine Verallgemeinerung. Denn die angesprochenen Beispiele sind noch nicht einmal durch eine formale Kapiteleinteilung von den tatsächlichen muslimenfeindlichen Vorfällen getrennt worden.

Bild oben: Titel des European Islamophobia Report 2018, siehe PDF-Download

[1] Enes Bayrakli/Farid Hafez (Hrsg.), European Islamophobia Report 2018, Ankara 2019.
[2] Vgl. Alexander Fröhlich, Erdogans Abwehreinheit gegen liberale Muslime in Berlin (4. April 2019), in: www.tagesspiegel.de; Günter Seufert, Außenpolitik und Selbstverständnis. Die gesellschaftliche Fundierung von Strategiewechseln in der Türkei, Berlin 2012, S. 25.
[3] Vgl. Frederik Schindler, Von EU geförderter Bericht denunziert Islamkritiker (24. Oktober 2019), in: www.welt.de; Ders., „Wie kann solch ein propagandistischer Inhalt freigegeben werden?“ (26. Oktober 2019), in: www.welt.de.
[4] Vgl. Farid Hafez, Islamophobia in Austria National Report 2018 Austria, in: Bayrakli/Hafez (Hrsg.), European Islamophobie Report 2018 (Anm. 1), S. 87-125, hier S. 103-105; Anna-Esther Younes, Islamophobia in Germany. National Report 2018, in: ebenda, S. 369-405, hier S. 390 und 393f.
[5] Vgl. Farid Hafez, Working definition of Islamophobia. Arbeitsdefinition von Islamophobie, in: www.jahrbuch-islamophobie.de.

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