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„Meine vier Leben“

Weißrussland, Polen, Israel und Deutschland sind die Lebensstationen der jüdischen Künstlerin Mina Gampel, die nun schon über fünfzig Jahre in Stuttgart lebt, dort ihr Zuhause und ihre künstlerische Heimat gefunden hat…

Von Christel Wollmann-Fiedler

Im fortgeschrittenen Alter plagte sie der Wunsch, uns endlich ihr Leben und das der gesamten Familie zu erzählen. Auch eine Erinnerung an die längst gestorbenen Eltern sollte es werden. Die zehn Gebote begleiteten Mina Gampel, ihr Wille ebenso, ihr Lebensmut ist ungebrochen. Die Liebe zu ihren Kindern und Enkelkindern gab und gibt ihr unendlichen Halt. Ihr Künstlerdasein beflügelt sie. Nun hat diese umtriebige jüdische Künstlerin auf über einhundertzwanzig Seiten alles aufgeschrieben, um ihr Leben der Welt zu präsentieren, denn sie liebt die Welt und würde sie allmorgendlich umarmen, wenn sie nicht so groß wäre! Die Fotos sind ganz persönliche mit Familienmitgliedern, Freunden und anderen Personen, die sie gerne getroffen hat auf Reisen und beim Ausstellen ihrer künstlerischen Bilder. Von diesen Kunstwerken sind farbige Abbildungen in das Buch aufgenommen worden, die uns einen Einblick in ihr Leben als Malerin geben.

Im Vorwort ist zu lesen: Positives und Negatives zieht sich durch jedes Leben, mit Gutem und oft auch Bösem müssen wir leben. Mina Gampel, die Verfasserin dieses Buches, hat sehr viel, überviel, von allem erlebt und auch durchgemacht. In der NS-Zeit in eine jüdische Familie geboren zu werden, war bereits der größte Makel und das Überleben für diese Menschen jahrelang mit großer Angst verbunden, das tödliche Ende lauerte täglich vor der Tür.

1939 überfiel die Deutsche Wehrmacht und die SS Polen und 1941 die Sowjetunion, der 2. Weltkrieg brachte Unheil über Europa, und Mina wurde in dieser Zeit geboren. Das achte Kind war sie. Die Familie Juszkiewicz floh aus dem polnischen Schtetl mit den acht Kindern weiter in den Osten, in das asiatische Gebiet der Sowjetunion nach Samarkand und Kirgisien. Ein Nomadenleben, immer auf der Flucht vor den Nazis, mitten im 2. Weltkrieg.

1945, nach Ende des Krieges, kam die Familie in Stettin/Szczecin an der Oder in der Woiwodschaft Westpommern, im neugegründeten Polen an. Eine schöne Jugend verlebte Mina dort, heiratete jung und durfte 1957 mit Ehemann nach Israel auswandern. Immer wieder musste Mina ein neues Leben beginnen, einen neuen Kulturkreis verstehen und auch eine neue Sprache erlernen und ums Überleben kämpfen. Ihre Zeit in Israel möchte sie nicht missen, hat ihren Kindern dort ein gutes Zuhause geben können, erzählt sie. 1967 dann verließ sie mit Mann und Kindern Israel, ging nach Südwestdeutschland, auf die Schwäbische Alb, dann weiter nach Stuttgart, in eine ungewisse Zukunft. Ein Leben mit vielen Hürden und vielem aussichtslosem Geschehen folgten über Jahre, doch Mina schaffte es wieder aufzustehen, so verzagt sie auch war und behielt den Lebensmut bis heute.

Eine künstlerische Ausbildung begann sie an Kunstakademien in Esslingen und Trier, nach dem Abschluss des Studiums erfüllte sie sich endlich einen Traum: sie wollte eine echte Künstlerin werden und wurde es. Ihre Wissbegier ist grenzenlos, ihre Neugier auf Interessantes kaum zu fassen. Ihr Wissen um die Kunst, über das Malen, gibt sie mit großem Engagement an junge interessierte Schüler und Studenten weiter.

Im Dezember 2017 zeigte Mina Gampel in München in der Janusz Korczak Akademie ihre Gemälde, Foto: Christel Wollmann-Fiedler

Mina Gampel, die Umtriebige, die sich vor Nichts scheut, die eine Vergangenheit hat, die einem den Atem verschlägt, hat ihr Leben aufgeschrieben. Ein Buch über die Zeit der Judenverfolgung in der NS Zeit ist es geworden, über das persönliche Leben der Künstlerin und ihrer großen Familie, die letztlich in die ganze Welt verstreut lebt, erzählt sie uns.

Die Autorin und Künstlerin ist voller Leben, voller künstlerischer Inspiration. Die jüdische Seele ist ihr Zuhause, der jüdische Glaube ist ihr wichtig. Mit ihrer Malerei möchte sie Menschen glücklich machen und sie zum Strahlen bringen. Mit ihren aufgeschriebenen Erinnerungen kann sie auch nachdenklich stimmen.

Erschienen sind diese über einhundertzwanzig Seiten, als Buch in der Schriftenreihe Stuttgarter Lehrhaus, Stiftung für interreligiösen Dialog in Stuttgart, www.stuttgarter-lehrhaus.de,  „Meine vier Leben – Weißrussland, Polen, Israel und Deutschland“, 2018, ISBN 978-3-00-059646-9, 19,90 Euro, Bestellen?