Zwischen Integration und Exklusion

Jüdischer Sport in der Weimarer Republik und in der NS-Zeit…

„Der Weg, der jetzt beschritten werden muss, liegt klar auf der Hand. Wir müssen uns auf uns selbst besinnen, wieder voll ins Judentum treten und dafür einstehen“, forderte der Kinderarzt Dr. Adolf Sindler 1933 auf einer Mitgliederversammlung von Makkabi Düsseldorf. Der Mediziner gehörte bereits im Mai 1924 zu den Gründern der „Arbeitsgemeinschaft Jüdische Jugend“, die sich alsbald in TUS Makkabi Düsseldorf umbenannte. Sindler kritisierte schon frühzeitig die vonseiten der deutschen Juden vielfach eingenommene Haltung „alles Jüdische über Bord zu werfen und sich zu assimilieren“.

Obwohl die demokratische Verfassung der ersten deutschen Republik mit grundlegenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen verbunden war, blieben antisemitische Tendenzen in der Gesellschaft unübersehbar. Deshalb setzte ab Mitte der 1920er Jahre „in Westfalen und im Rheinland eine wahre Gründungswelle jüdischer Sportvereine ein“, schreiben die Sporthistoriker Lorenz Peiffer und Arthur Heinrich in ihrem soeben vorgelegten Nachschlagewerk „Juden im Sport in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus – Ein historisches Handbuch für Nordrhein-Westfalen“. Gleichwohl „engagierten sich weiterhin viele jüdische Sportler in den paritätischen Turn- und Sportvereinen und übernahmen
Führungspositionen“.

Mit der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten und der Einführung des „Arierparagrafen“ wurden die jüdischen Mitglieder jedoch aus den Vereinen ausgeschlossen und konnten nur noch in den jüdischen Klubs ihren Sport ausüben. „Neben der Synagoge als Zentrum des religiösen Lebens wurde der Sportplatz, die Turnhalle, der Tischtennisraum zu einem zweiten Zentrum“ des jüdischen Lebens in Deutschland. Ende 1938 wurden auch diese Vereine verboten.

Bereits 2012 legte Lorenz Peiffer mit seinem Co-Autor Henry Wahlig ein historisches Handbuch über jüdischen Sport auf dem Gebiet der heutigen Bundesländer Niedersachsen und Bremen vor. Im Mittelpunkt dieser mehr als 40 Lokalstudien stand der jüdische Sport während der NS-Zeit. Mit der neuen Regional-Studie über Nordrhein-Westfalen präsentieren Peiffer und sein Kollege Arthur Heinrich eine beachtliche Fortsetzung, legen aber nun mehr Gewicht auf die Darstellung des jüdischen Sports in der Weimarer Republik. Damit werfen sie ein Schlaglicht auf die zehntausend jüdischen Sportler, die bis 1933 in den deutschen Vereinen aktiv waren, Fußballer, Leichtathleten, Schwimmer und Boxer, die sowohl ein Teil der Mehrheitsgesellschaft waren, aber auch schon mit Ausgrenzung und Diskriminierung konfrontiert waren – eine schwierige Teilhabe zwischen Integration und Exklusion.

Nach einer breit gefächerten Einleitung, einer Übersicht der einzelnen Orte und Vereine von Aachen bis Wuppertal, werden über 130 jüdische Klubs detailliert vorgestellt – mit Namenslisten der Mitglieder und wenn möglich historischen Fotografien aus dem Vereinsleben. Abgerundet wird der opulente Band durch acht Sportlerbiografien. Als zentrale Quelle dienten den Autoren die allgemeine jüdische Presse wie etwa die CV-Zeitung oder die Jüdische Rundschau, die Jüdische Turn- und Sportzeitung und die Mitteilungsblätter der größeren Kultusgemeinden sowie regionale Überlieferungen aus diversen Stadtarchiven.

Die 800-seitige Publikation bietet eine Fülle von bislang unbekannten und einzigartigen Fakten zum jüdischen Sport. Die Autoren zeichnen ein detailliertes Bild eines vergessenen Kapitels der deutsch-jüdischen Geschichte nach und füllen somit eine historische Leerstelle. Ein empfehlenswertes Nachschlagewerk, nicht nur für Sportinteressierte. – (jgt)

Lorenz Peiffer/Arthur Heinrich (Hg.), Juden im Sport in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus – Ein historisches Handbuch für Nordrhein-Westfalen, Göttingen 2019, 808 Seiten, 49 Euro, Bestellen?

Der Düsseldorfer Makkabi-Aktivist und Kinderarzt Dr. Adolf Sindler emigrierte 1937 nach Erez Israel. Mehr unter: http://aerzte.erez-israel.de/sindler/

Bild oben: Jüdische Sportler aus Frankfurt, Breslau, Stuttgart und Fürth bei der Leichtathletik Meisterschaft des Sportbundes Schild in Köln im August 1938. Repro: nurinst-archiv (Sammlung Bensdorf)

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