Mehr als ein Denkmal

Peter Pirker legt eine spannende neue Sicht auf die Operation „Greenup“ vor…

Von Galina Hristeva
Zuerst erschienen bei: literaturkritik.de

Im April 2013 ehrte der Senat der Vereinigten Staaten eine Person, die „eine der erfolgreichsten Geheimmissionen des OSS“ (Office of Strategic Services, Vorgänger der CIA) im Zweiten Weltkrieg durchgeführt hat – so der Congressional Record Nr. 159 vom 25. April 2013. Gemeint sind Fredrick Mayer und die OSS-Operation Greenup.

Fred Mayer wurde im Auftrag des OSS im Jahre 1945 zusammen mit dem Niederländer Hans Wijnberg und dem aus dem Tiroler Dorf Oberperfuss stammenden österreichischen Wehrmachtsdeserteur Franz Weber damit beauftragt, durch Spionagearbeit im Tirol den Einzug der Amerikaner zu ermöglichen, um die Naziherrschaft zu beenden. Die drei Spione des OSS wurden per Fallschirm mitten in der Nacht zum 26. Februar 1945 auf einem Gletscher abgesetzt und entfalteten in Innsbruck eine subversive Tätigkeit von großem Ausmaß und mit gravierenden Folgen. Im Zuge seiner Agententätigkeit „hinter den feindlichen Linien“ wurde Mayer verraten, von der Gestapo schwerstens gefoltert, schaffte es aber trotzdem, nicht nur tapfer zu bleiben, sondern auch die Gestapo zur kampflosen Übergabe der Nazi-Festung Innsbruck zu überreden. Mit Pirkers Worten und kurz zusammengefasst bestand die Leistung der OSS-Agenten in Folgendem:

Am 3. Mai gelang es den Agenten nach einer Abfolge dramatischer Ereignisse, im Kerngebiet der „Alpenfestung“ einen vorzeitigen Waffenstillstand herbeizuführen, den Leiter des Gaus Tirol-Vorarlberg und Obersten Kommissar der „Operationszone Alpenvorland“, Franz Hofer, und seinen Stab festzunehmen, Innsbruck den US-Truppen kampflos als „freie Stadt“ zu übergeben und damit das Leben vieler ihrer Soldaten zu retten.

Diese Geschichte wurde bereits verschiedentlich aufgegriffen – nicht zuletzt, wenn auch in einer eher bedenklichen Umformulierung, im Film Inglourious Basterds von Quentin Tarantino (2009). Der österreichische Historiker Peter Pirker hat nun einen Band vorgelegt, der historisch korrekt und ohne den Exzessen der bisherigen Heldenmythos-Historiografie zu verfallen das Thema aufarbeitet und der Operation Greenup und den drei Agenten zugleich ein Denkmal setzt. Das im Innsbrucker Tyrolia Verlag erschienene Buch ist umfassend, gründlich, präzise, historisch bestens fundiert und damit zuverlässig. Außerdem präsentiert es sich dem Leser in einem sehr eleganten, albumähnlichen Band mit vielen Materialien, Dokumenten und Fotografien sowie einem von Markus Jenewein vorgelegten Fotoessay. Begleitet wird das Buch von einer umfangreichen Bibliografie sowie von einem Sach-, Personen- und Ortsregister. Pirker verwendet umfangreiches Material, beispielsweise die Interviews mit den geschichtlichen Akteuren, Informationen früherer Autoren wie etwa Joseph E. Persico und Archivmaterialien, die er in den USA gefunden hat. Gefördert wurden Pirkers Forschungsarbeiten durch das Land Tirol, den Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer des Nationalsozialismus sowie den Zukunftsfonds der Republik Österreich. Die Drucklegung des Buches wurde auch durch die Kulturabteilung der Stadt Innsbruck unterstützt.

Pirker kündigt zu Beginn seines Buches an, die Geschichte der Operation Greenup mit einem Fokus auf die „beteiligten Akteure“ „rekonstruieren“ zu wollen. Dies tut er erfolgreich, unter seiner Feder entsteht allerdings eine Geschichte, die schnell den eher engen Rahmen der bloßen Geschichtsrekonstruktion sprengt und auch die Kühle des Monuments hinter sich lässt. Bemerkenswert sind die Konsequenz und Stringenz, mit denen der Autor die einzelnen Etappen, Schritte und Stationen der äußerst brisanten Geschichte aneinanderreiht, darüber hinaus ist die Geschichte vom Anfang bis zum Ende spannend erzählt. Die Figuren der drei OSS-Agenten sind vollblütig, bewegend und inspirierend, wobei die überragende Persönlichkeit Fred Mayers mit seinem Mut, seiner Unerschrockenheit, seinem Charme, seiner Intelligenz, seinen Kenntnissen in mehreren Sprachen und seiner körperlichen Kraft immer heraussticht. Neben Mayer erlebt man den aus den Niederlanden stammenden Chemiker und Funker Hans Wijnberg, der das Todesrisiko auch nicht scheute und der Mayer sowie die Operation mit allen Kräften unterstützte. Weniger geradlinig, aber nicht weniger interessant ist die Geschichte Franz Webers, der sich zunächst der Wehrmacht aus der falschen Annahme heraus anschloss, man könne die deutsche Wehrmacht vom Nazi-Regime trennen, im September 1944 desertierte und danach in den Dienst des OSS trat. Franz Weber stellte sein gesamtes Netzwerk im heimatlichen Oberperfuss zur Verfügung, um dem OSS zur erfolgreichen Durchführung der Operation Greenup zu verhelfen. Mehrere Oberperfusser spielen dabei eine ruhmreiche und von Pirker hoch gewürdigte Rolle – vor allem viele Frauen, allen voran Anna Niederkircher. Pirker zitiert sie: „Wenn Hitler den Krieg gewinnt, glaube ich nicht mehr an Gott.“ Über die Frauen von Oberperfuss äußerte sich Fred Mayer: „Die Einzigen, denen man wirklich trauen konnte, waren die Frauen, die waren stur wie Eisen.“

Pirkers Buch ist auch dadurch fesselnd, dass in ihm aufgezeigt wird, wie in der Operation Greenup verschiedene Motivationen und Perspektiven der geschichtlichen Akteure zusammenliefen. Mayer und Wijnberg zum Beispiel waren ursprünglich europäische, nach Brooklyn in den USA ausgewanderte Juden. Mayer stammte aus einer konservativen, wohlhabenden jüdischen Familie in Freiburg im Breisgau, der – mit insgesamt lediglich 300 Dollar in der Tasche – die Auswanderung in die USA gelungen war. Wijnberg war ebenfalls in die USA emigriert, allerdings allein mit seinem Zwillingsbruder. Er entstammte einer liberalen jüdischen Familie, die in den Niederlanden geblieben war und später von den Nazis ermordet wurde. Der OSS-Offizier und „Erfinder“ der Operation Greenup, Dyno Loewenstein, war durch seinen Vater, den Sozialdemokraten und Pädagogen Kurt Löwenstein, im sozialdemokratisch-reformerischen Milieu in Berlin aufgewachsen. Der Tiroler Franz Weber wiederum war von seiner katholischen Erziehung und Umgebung geprägt. Das schwierige Verhältnis zwischen Katholizismus und Nationalsozialismus wird aus der Tatsache ersichtlich, dass Gauleiter Hofer es sich zum Ziel gesetzt hatte, Hitler zum 50. Jubiläum „ein klosterfreies Tirol“ als Geschenk zu überreichen. Die an der Operation Greenup beteiligten Personen hatten also ein Interesse daran, das nationalsozialistische Regime zu beenden, wozu sie im Tirol tatsächlich deutlich beitrugen. Mayers, Wijnbergs und Loewensteins Handeln als Juden richtete sich primär gegen den Antisemitismus und die den Juden dadurch zugefügten Schäden und Leiden. Pirker schreibt hierzu: „Für die Zerstörung des Lebens seiner Eltern hasste Fred Mayer Hitler und die Nazis.“ Über Mayers Motivation liest man im Congressional Report von 2013 außerdem: „Having escaped Nazi Germany only years earlier, he also accepted this mission with a unique appreciation for the injustices that were being done by Nazi forces and with a deep sense of duty to help his new country – the United States – put an end to those injustices“.

Pirker führt uns überdeutlich auch die Gräuel der nationalsozialistischen Diktatur vor Augen und gewährt einen tiefen Einblick in die ,Arbeit‘ der Gestapozentrale in der Innsbrucker Herrengasse, wo Mayer neben vielen anderen gefoltert wurde. Denn schließlich waren „Folter und die Vernichtung“ nach Pirker „die Apotheose des Nationalsozialismus“. Der Autor schreibt damit einen Teil der Geschichte der Gestapo und des Nazi-Terrors weiter, der hier durch die Figur Mayers internationale, transnationale Dimensionen annimmt. Zur Sprache kommen in diesem Zusammenhang sowohl der fast allgegenwärtige Antisemitismus als auch – entgegen früheren Darstellungen – der vehemente jüdische Widerstand dagegen und gegen das Nazi-Regime. Fred Mayers und Wijnbergs Heroismus straft bisherige Geschichtsdarstellungen von der jüdischen Passivität und Opfermentalität Lügen. Als Mythos von Pirker entlarvt wird auch das Narrativ von der Befreiung Innsbrucks durch die lokale Tiroler Widerstandsbewegung ‚aus eigener Kraft‘. Richtig ist vielmehr, dass der OSS mit seinen Agenten einen großen, wohl den entscheidenden Anteil daran hatte. Pirker berichtigt hier:

Das Resümee war, dass österreichische Widerstandskämpfer die Befreiung im Alleingang geschafft und den heranrückenden US-Truppen Innsbruck übergeben hätten. Gewiss, das war patriotisch um ein Vielfaches erhebender als die Alternative: Ein amerikanischer Agent jüdisch-deutscher Herkunft übergibt Innsbruck seinen heranrückenden Kameraden, nachdem er Gauleiter Hofer davon überzeugt hat, die Waffen zu strecken.

Aus den nachträglich zurechtgestutzten nationalen Legenden macht Pirker das, was das Unternehmen Greenup von vornherein war: eine transnationale Operation.

Der OSS konnte zufrieden sein: Die drei Agenten haben mit ihren Helfern vor Ort „schier Unmögliches geschafft: aus dem Reich der Gestapo präzise Bombardierungsziele gefunkt, lokale NS-Gegner organisiert, die Verfolgung und Folter überlebt, den Gauleiter und seinen Stab interniert, die US-Truppen kampflos nach Innsbruck geführt und damit das Leben vieler amerikanischer Soldaten gerettet.“ Pirkers Buch ist die Geschichte von Verlust, Verfolgung, Exil, Widerstand und Befreiung – vorbildlich belegt, enge nationale Rahmen sprengend und glänzend erzählt. Fred Mayers Heldentaten, seine „truly incredible bravery“, wie es im Congressional Report von 2013 heißt, überstrahlen alles, schaffen es jedoch nicht, ein weiteres dunkles Kapitel zu verdecken. Denn Pirkers Buch schreibt gleichzeitig eine Geschichte der Jämmerlichkeit und der Schäbigkeit, der Niederträchtigkeit auf Seiten der Nazi-Verbrecher und der Nachkriegsjustiz. Das vorletzte Kapitel „Unrühmliches“ widmet der Autor schonungslos der unzulänglichen, letztendlich fehlenden Aufarbeitung des Nationalsozialismus und protestiert gegen den Opportunismus der Nazis und gegen die in Österreich und Deutschland etwa in den 1970er und 1980er Jahren üblichen „monotonen Darstellungen anständig erfüllter Soldatenpflicht“, mit denen man die Nazis zu exkulpieren versuchte. An Fred Mayers Folterern Franz Hofer, Max Primbs und Walter Güttner wird exemplarisch gezeigt, wie und mit welchen Manövern die Naziverbrecher der Bestrafung entkommen konnten und worin die Verbrechen der Nachkriegsjustiz bestanden. So konnte der Gauleiter Franz Hofer völlig „unbehelligt“ im Jahre 1975 in Mülheim an der Ruhr sterben. In einer Zeit, in der ein Anschlag auf eine Synagoge in Deutschland wieder möglich ist und sich alte, als überholt geglaubte Seiten der Geschichte mit erschreckender Wucht wieder öffnen, gewinnt Peter Pirkers Kritik am Nationalsozialismus mit all seinen Auswüchsen an Aktualität.

Peter Pirker: Codename Brooklyn. Jüdische Agenten im Feindesland. Mit einem Fotoessay von Markus Jenewein, Tyrolia Buchverlag, Innsbruck 2019, 367 S., 29,95 EUR, Bestellen?

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