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Gefährliche Islamisten-Konkurrenz

Israel erlebt gerade die schwersten Raketenangriffe seit Jahren. Selbst in Tel Aviv ertönten die Sirenen. Doch anders als bei früheren Eskalationsrunden zwischen Israel und dem Gazastreifen steht die Hamas derzeit eher abseits vom Geschehen, noch jedenfalls. Und dafür gibt es gute Gründe…

Von Ralf Balke

Die Nacht vom Dienstag auf den Mittwoch war ruhig. Doch damit war in den frühen Morgenstunden bereits wieder Schluß. Nach rund sechs Stunden Pause ertönten vielerorts im Süden und Zentrum Israels und vor allem in den Ortschaften rund um den Gazastreifen erneut die Sirenen. Sogar in Beit Shemesh und Latrun gab es Alarm. Über 250 Raketen hatten radikale Palästinensergruppen bis zum Mittag abgeschossen. Und ein Ende des Terrors gegen die israelische Zivilbevölkerung ist nicht in Sicht. Noch gibt es auf israelischer Seite keine Toten zu beklagen, was angesichts zahlreicher dramatischer Situationen – so schlug am Dienstag Vormittag eine Rakete mitten in den Verkehr auf der Schnellstraße Nummer 4 bei Gan Yavne nahe der Hafenstadt Ashdod ein – eher mit Glück zu tun hatte. Bis dato beläuft sich die Zahl der Verletzten auf knapp über 40. Sie erlitten entweder Schocks, wurden von Raketensplittern getroffen oder zogen sich bei der überstürzten Flucht in einen der Schutzräume Blessuren zu. Laut Armeeangaben konnten rund 90 Prozent der Geschosse durch das Antiraketensystem Iron Dome vom Himmel geholt werden, die übrigen zehn Prozent richteten vergleichsweise geringen Schaden an – bis jetzt jedenfalls.

Auslöser der aktuellen Raketenangriffe war die gezielte Tötung von Bahaa Abu al-Atta durch Israel, die erste ihrer Art gegen ein hochrangiges Führungsmitglied des Islamischen Jihad seit dem Sommer 2014. Der 41-Jährige war bereits 1990 den sogenannten al-Quds-Brigaden, ihrem militärischen Flügel, beigetreten. Dort stieg er zu ihrem Oberkommandierenden für den Gazastreifen auf und stand rasch im Ruf „Teherans wichtigster Vertreter in Gaza“ zu sein, auf dessen Konto zahlreiche Attacken auf Israel gingen. „Wir haben Abu al-Atta sowie dem Islamischen Jihad zu verstehen gegeben, dass wir sehr wohl wissen, welche Aktionen auf sein Konto gehen und versucht, ihn von weiteren Angriffen abzuhalten“, so Israels Armeesprecher Jonathan Conricus. „Offensichtlich waren diese Warnungen nicht sonderlich erfolgreich.“ Parallel dazu habe man im Sommer angefangen, seine gezielte Tötung zu planen. Laut Israels Armee habe die Operation gegen Islamischen Jihad-Oberen dazu gedient, eine „drohende Gefahr“ abzuwenden und sei explizit von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu genehmigt worden. „Bahaa Abu al-Atta war verantwortlich für die meisten Aktivitäten des palästinensischen Islamischen Jihad und eine tickende Zeitbombe.“ So gingen mehrere Raketenangriffe auf seine persönliche Initiative hin zurück.

„Er war einerseits das direkte Bindeglied zwischen dem Islamischen Jihad und dem Iran“, betont ebenfalls Giora Eiland, ein vormaliges Mitglied des National Sicherheitsrats Israels, gegenüber Associated Press. „Andererseits ist al-Atta genau die Person gewesen, die im Gazastreifen befahl, was geschehen soll.“ Die radikale Islamisten-Organisation gehört zu den zahlreichen Gruppierungen, die so etwas wie der Schlüssel im Kampf der Mullahs gegen den jüdischen Staat sind. Dazu zählen neben dem Islamischen Jihad auch die Hisbollah und in einem gewissen Maße ebenfalls die im Gazastreifen regierende Hamas. Sie alle sollen an mehreren Fronten den Druck gegen Israel aufrechterhalten, wobei in jüngster Zeit der Iran vor allem den Islamischen Jihad massivst mit Waffensystem versorgt hatte, mit denen selbst Tel Aviv angegriffen werden kann. „Gemäß ihren Vorstellungen darf es keinerlei Stabilisierung der Situation geben, weil so etwas nur Israel zugute käme“, bringt es Kobi Michael, Sicherheitsexperte am Institute for National Security Studies (INSS) in Tel Aviv auf den Punkt. „Und genau das wollen sie nicht.“ Parallel zu der gezielten Tötung von Bahaa Abu al-Atta gab es auch einen Angriff in Damaskus auf das Haus von Akram al-Ajouri, einem weiteren hochrangigen Islamischen Jihad-Funktionär, zu dem sich Israel aber nicht offiziell bekannte.

Die Hamas dagegen befindet sich nun ernsthaft in der Bredrouille. Wenn Ziad al-Nakhala, Generalsekretär des Islamischen Jihads, nun verkündet „Wir ziehen in den Krieg“, weil „Netanyahu alle roten Linien mit der Tötung des al-Quds-Brigaden-Kommandanten Bahaa Abu al-Atta überschritten hat“, dann gerät sie massiv unter Zugzwang. Und das nicht zum ersten Male. Bereits im Oktober 2018 hatte der Islamische Jihad eigenmächtig einige Raketensalven auf Israel abgefeuert und anschließend dank ägyptischer Vermittlung einen Waffenstillstand mit dem „zionistischen Erzfeind“ geschlossen – ein Indiz dafür, dass man sich als unabhängigen Akteur auf der politischen Bühne versteht und nicht als bloßen Befehlsempfänger der Hamas. „Sollte die Hamas nun in Versuchung geraten, den Islamischen Jihad deshalb in seine Schranken zu verweisen, handelt sie sich sofort den Vorwurf ein, den nationalen Kampf gegen Israel zu schwächen“, so Kobi Michael. Letztendlich liege es aber an ihr zu entscheiden, wie lange der aktuelle Schlagabtausch dauert und wie heftig er noch werden könnte. In ihren Überlegungen dürfte es ebenfalls eine Rolle spielen, dass Israel womöglich zu Konzessionen, beispielsweise bei der Frage der Versorgung des Gazastreifens mit dringend benötigten Gütern des täglichen Bedarfs oder Strom, bereit wäre, wenn sich die Hamas weiterhin in Zurückhaltung übt.

Zusätzlichen Ärger können sich die im Gazastreifen regierenden Islamisten sowieso gerade nicht leisten. Zum einen sind sie derzeit nicht sonderlich an einer Eskalation mit Israel über einen bestimmten Rahmen hinaus interessiert, weswegen die Hamas in der Gunst der Mullahs zurückgefallen war. Zum anderen ist ihr eigentlicher Gegner im Moment eher die Palästinenserführung in Ramallah. Mit Mahmoud Abbas & Co. liegt man seit Jahren im Clinch darüber, wer unter den Palästinensern nun das Sagen hat und wer nicht. Darüber hinaus wird die prekäre wirtschaftliche und soziale Situation im Gazastreifen für die Hamas zunehmend zu einem Problem, weil ihre Herrschaft durch Proteste erstmals ernsthaft in Frage gestellt wird. Auf solchen Unmut reagiert sie nervös und mit äußerster Brutalität. Zwar übt sich auch die Hamas in Brachialrhetorik und fordert massive Vergeltung. „Die Politik der gezielten Tötungen, die die Besatzungsmacht als Teil ihrer Sicherheitscredos betrachtet, vermochte es nicht, den Kampfgeist der Widerstandsgruppen und ihrer Kräfte nicht brechen und wird dies auch nicht schaffen“, betonte ihr Chef Ismail Haniyeh in einem ersten Statement. Und Ismail Radwan aus der Führungsriege der Qassam-Brigaden, dem militärischen Zweig der Hamas, erklärte in seiner Rede anlässlich der Beerdigung von Bahaa Abu al-Atta, dass al-Quds-Brigaden und Qassem-Brigaden Zwillingsbrüder seien: „Euer Blut ist unser Blut.“

Doch bis zum Mittwochmittag beließ es die Hamas bei solchen verbalen Solidaritätsbekundungen mit dem Islamischen Jihad. Sie selbst feuerte noch keine Raketen auf Israel ab. Damit das auch so bleibt, richtete die israelische Armee ihre Vergeltungsmaßnahmen bis jetzt ausschließlich gegen Stellungen des Islamischen Jihad. „Wir greifen die Hamas nicht an“, verkündete Armeesprecher Brigadegeneral Hidai Zilberman, was aber als Warnung zu verstehen ist, dass man das gegebenenfalls jederzeit könnte. Auch befänden sich die Einrichtungen des Islamischen Jihads, die man bombardiere, nicht in Gaza-Stadt selbst, sondern eher in der Peripherie. „Das Ganze gleicht irgendwie einem Drahtseilakt“, führt er weiter aus. „Wir haben hunderte anderer Ziele, die wir angreifen können.“ Schließlich hat auch Israel ein gepflegtes Interesse daran, dass die Hamas weiterhin abseits steht und nicht aktiv in die aktuelle Runde des Schlagabtauschs eingreift. Denn schon jetzt ist die Situation für die Menschen vor allem im Süden Israels unerträglich geworden. Auch am Mittwoch bleiben die Schulen geschlossen und das öffentliche Leben ist teilweise zum Erliegen gekommen. Zwar herrscht in der Region rund um Tel Aviv halbwegs Normalität, aber die Möglichkeit, dass damit sofort Schluss sein kann und auch in der Dan-Region wieder die Sirenen erklingen, bleibt bestehen. „Ich kann nicht sagen, dass die Bedrohung für das Innere des Landes wirklich geringer geworden ist“, so Zilberman. „Die Wahrscheinlichkeit eines Beschusses ist weiterhin sehr hoch.“

Die gezielte Tötung von Bahaa Abu al-Atta fiel zudem in eine für Israel politisch problematische Zeit. Aktuell haben sowohl Ministerpräsident Benjamin Netanyahu als auch sein Herausforderer Benny Gantz Schwierigkeiten, eine funktionstüchtige Koalition auf die Beine zu stellen. Gelingt dem Amtsinhaber ein überzeugendes Management des derzeitigen Konflikts mit den Islamisten im Gazastreifen, so stärkt das seine Position in allen weiteren Verhandlungen über eine Regierungsbildung. Zudem hat er seinen Kontrahenten aus dem Oppositionslager in alle wesentlichen Aspekte über Sicherheitslage mit einbezogen, weshalb Gantz im Unterschied zu Avigdor Lieberman, der von einer „Kapitulation gegenüber einer Terrororganisation“ sprach, weil plötzlich die Hamas nicht länger im Visier der Militärs stände, keinerlei Kritik an den Maßnahmen der Regierung äußerte. Genau deshalb könnte sich die gegenwärtige Auseinandersetzung zu einem Wendepunkt auf dem zähen Weg zur Bildung einer Regierung der nationalen Einheit erweisen – vorausgesetzt der Konflikt gerät nicht außer Kontrolle und bleibt zeitlich beschränkt.

Bild oben: Screenshot Twitter IDF