Die neuen Fernsehtipps

Vom 1. bis 15. Dezember 2019…

So., 1. Dez · 00:40-02:25 · HR
Verleugnung

Deborah Lipstadt (Rachel Weisz), Professorin für Jüdische Zeitgeschichte an der Emory University in Atlanta, sieht sich mit einem brisanten Gerichtsverfahren konfrontiert: In einer ihrer Publikationen bezichtigte sie den britischen Historiker David Irving (Timothy Spall) der Lüge, weil sich dieser vehement weigert, den im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten verübten Holocaust als geschichtliche Tatsache anzuerkennen. Irving kontert diese Provokation auf seine Weise: Er verklagt Lipstadt wegen Rufschädigung und schwört einen Verleumdungsprozess herauf, bei dem die Angeklagte nach britischem Strafrecht dazu verpflichtet ist, ihre Sicht der Dinge unter Beweis zu stellen. Für die amerikanische Professorin bedeutet dies im Klartext, dass sie die historische Nachweisbarkeit der Judenvernichtung faktisch belegen muss. Unter dem Druck der Beweislast engagiert Lipstadt ein erfahrenes Verteidigerteam angeführt von dem undurchschaubaren, aber mit allen Wassern gewaschenen Anwalt Richard Rampton (Tom Wilkinson), dessen eigenwillige Herangehensweise an den diffizilen Fall bei seiner Auftraggeberin nicht immer auf Gegenliebe stößt. Rampton und seine Kollegen versuchen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, Irvings Hauptargumente außer Kraft zu setzen, während das unliebsame Justizspektakel eine kontrovers diskutierte Eigendynamik entwickelt. Vier Jahre, von 1996 bis 2000, dauerte der Verleumdungsprozess, den der britische Historiker und Holocaustleugner David Irving gegen die amerikanische Professorin Deborah E. Lipstadt angezettelt hatte. Heraus kam ein denkwürdiger Sieg für Meinungsfreiheit und Gerechtigkeit kontra Geschichtsfälschung und Fanatismus. Regisseur Mick Jackson und der preisgekrönte Drehbuchautor und Dramatiker David Hare machten aus dem brisanten Fall hochkarätiges, engagiertes Schauspielkino, bei dem die Hauptdarsteller Rachel Weisz, Timothy Spall und Tom Wilkinson mit herausragenden Leistungen glänzen.
Bild oben: © HR/Degeto/© 2016 Bleecker Street, Deborah E. Lipstadt (Rachel Weisz) und ihr Anwalt Anthony Julius (Andrew Scott) geraten durch spektakulären Prozess den in den Fokus der Medien.

So., 1. Dez · 12:15-13:00 · SWR
Was glaubt Deutschland?

Über Gott lachen – ist das erlaubt? Wieviel Humor haben die Religionen? SWR-Reporter Steffen König macht sich in dieser Folge von „Was glaubt Deutschland?“ auf eine humorvolle Spurensuche: Worüber lachen die, die glauben und worüber die, die nicht glauben? Wo sind die Grenzen, wenn man sich über Glauben und Gläubige lustig macht? In Berlin trifft Steffen König den Rabbiner und Kabarettisten Walter L. Rothschild, der ihm Einblick in den sprichwörtlichen jüdischen Witz gewährt. Außerdem besucht Steffen König die „Datteltäter“, eine muslimische Satire-Gruppe, bei Dreharbeiten in Berlin für ihr neues Youtube-Video und erlebt, wie sehr Muslime über sich, über Bräuche und manche Eigenheiten lachen können. In Stuttgart erlebt er einen Auftritt der bayrischen katholischen Kabarettistin Luise Kinseher. In ihrem aktuellen Programm „Mamma Mia Bavaria“ wirft sie auch einen humorvoll-kritischen Blick auf das irdische Personal der himmlischen Mächte. Humor, erfährt Steffen König auf seiner Reise, hat Wirkung. Er ist eine Waffe der Schwachen und ein Mittel gegen Fundamentalismus. Oder er macht einfach nur Spaß, wie die Begegnung mit dem Buddhisten und Clown Uwe Spille aus dem Schwarzwald und mit dem atheistischen Cartoonisten Piero Masztalerz aus Hamburg zeigen. Der Münsteraner Religionswissenschaftler Perry Schmidt-Leukel schließlich liefert Hintergrundinformationen und ordnet ein, was Steffen bei seiner Reise quer durch Deutschland erlebt.

So., 1. Dez · 15:00-16:30 · ZDF
Die Trapp-Familie – Ein Leben für die Musik

Die Trapp-Familie war und ist eine der berühmtesten Familien der Welt. Ihr Gesang machte sie unsterblich. Der Spielfilm erzählt, wie alles begann. Nach dem Tod der Mutter übernimmt Agathe die Mutterstelle für ihre jüngeren Geschwister. Der Vater heiratet ein zweites Mal. Agathe hat großes musikalisches Talent. Der Anschluss Österreichs an Nazideutschland wirft düstere Schatten voraus. In den 20er-Jahren, in ihrem riesigen Haus in Zell am See, feiert Familie Trapp Weihnachten. Vater Georg Trapp (Matthew Macfadyen), in der untergegangenen Donau-Monarchie ein hoher Marine-Offizier, der im Ersten Weltkrieg kämpfte, hat sechs Kinder. Obwohl sich alle um Normalität und schöne Festtage bemühen, liegt ein Schatten über der Familie: Die Mutter (Bettina Mittendorfer) liegt schwer krank im Bett. Kurz nach den Feierlichkeiten stirbt sie. Die älteste Tochter Agathe (Eliza Bennett), die der Mutter besonders nahestand, wird quasi Vorstand des großen Haushalts, zu dem neben der Familie auch Dienstpersonal gehört. Vor dem Tod der Mutter hat Agathe leidenschaftlich gern gesungen, doch mit deren Tod verstummt das Mädchen für ganze zehn Jahre. Die Familie zieht nach Salzburg, wo Vater Trapp die junge Novizin, Fräulein Maria Gustl (Yvonne Catterfeld), als Kinderfrau einstellt. Bald gibt Maria das Klosterleben ganz auf und heiratet Georg, mit dem sie ein weiteres Kind, ein Mädchen, bekommt. Agathe ist von der neuen Frau an der Seite des Vaters nicht begeistert. Sie fürchtet um die Erinnerung an die geliebte Mutter. Doch Maria ist keine böse Märchen-Stiefmutter. Sie behandelt alle Kinder fair und bemüht sich auch um Agathe. Am politischen Horizont ziehen dunkle Wolken auf. In Deutschland haben die Nationalsozialisten die Macht übernommen, Österreich steht der Anschluss an Deutschland bevor, es ist nur noch eine Frage der Zeit. Es kursieren Gerüchte darüber, dass nach dem Anschluss den jüdischen Mitbürgern ein schreckliches Schicksal droht. Maria ist sehr beunruhigt. Doch Georg will seine Heimat nicht verlassen. Sein Chauffeur Konrad (Cornelius Obonya) bekennt sich offen zu den Nazis. Als Georg sein Vermögen verliert, das er von London nach Salzburg transferiert hatte, weil er es in Österreich für sicherer hielt, muss er Konrad und zahlreiche andere Angestellte entlassen, behält aber das Haus. Sigi (Johannes Nussbaum), Agathes bester Freund aus Kinder- und Jugendtagen in Zell am See, arbeitet mittlerweile in Salzburg als Lehrling für eine linksgerichtete Arbeiter-Zeitung. Eines Nachts, beim Plakatieren, wird er von einer Gruppe Nazi-Schläger zu Tode geprügelt. Die hilflose Agathe muss alles mit ansehen. Auch die Salzburger Festspiele sind bedroht. Sie seien jüdisches Machwerk, die Nazis in Österreich rufen die Bevölkerung zum Boykott der Veranstaltung auf. Im Sommer 1937, noch vor Sigis Tod, macht Agathe durch einen Zufall die Bekanntschaft der berühmten Sopranistin Lotte Lehmann (Annette Dasch). Lotte fördert Agathes musikalisches Talent und das der Geschwister. Die gesamte Familie, auch Mutter Maria und Patriarch Georg, sollen zu einem gemeinsamen Auftritt zusammenkommen. Lotte gibt Georg deutlich zu verstehen, dass sie danach mit ihrer Familie das Land Richtung USA verlassen wird, da sie um die Sicherheit ihrer Lieben fürchtet. In der Not und in Opposition zum sturen Familienoberhaupt kommen sich Agathe und Maria endlich näher. Gemeinsam besuchen sie das Grab von Agathes Mutter. Der Auftritt der Familie bei den Salzburger Festspielen wird ein großer Erfolg. Kurze Zeit später, 1938, verlässt die gesamte Familie Trapp nachts heimlich ihr Haus, mit nur wenigen Habseligkeiten bepackt. Sie fliehen in die USA. Noch in derselben Nacht verwüstet ein Schlägertrupp unter Konrads Führung das Gebäude. Die historischen Ereignisse sind in einer Rahmenhandlung verpackt, die in der Gegenwart spielt. Agathe (als alte Frau: Rosemary Harris) erzählt einer ihrer Nichten die dramatische Geschichte der Familie vor der Emigration in die USA. Der Film basiert auf der Autobiografie von Agathe von Trapp. Regisseur Ben Verbong drehte an Originalschauplätzen in und um Salzburg in englischer Sprache. 1956 verfilmte Wolfgang Liebeneiner mit Ruth Leuwerik die Geschichte der Familie Trapp. In den USA entstand 1965 einer der berühmtesten Filme über die Trapp-Familie unter der Regie von Robert Wise mit Julie Andrews in einer der Hauptrollen: der mit fünf Oscars ausgezeichnete Titel „Meine Lieder – meine Träume“ („The Sound of Music“). Zahlreiche Fans pilgern bis heute an die Orte im Salzburger Land, an denen die Familie Trapp bis zu ihrer Emigration in die USA lebte.

So., 1. Dez · 19:30-20:00 · ARD-alpha
RESPEKT – Demokratische Grundwerte für alle! Judenhass – was tun gegen eine mörderische Ideologie?

Laut einer aktuellen Studie denkt ein Viertel der Deutschen antisemitisch. Warum Antisemitismus (immer noch) so häufig vorkommt und wie er am besten zu bekämpfen, will Christina Wolf für „Respekt“ herausfinden. Dazu forscht sie erst nach, wann und wie Antisemitismus entstanden ist – eine unselige Geschichte, die fast bis Christi Geburt zurückreicht. Um den modernen jüdischen Alltag kennenzulernen, besucht Christina Wolf die eher traditionelle Israelitische Kultusgemeinde in München. Und sie besucht die liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom, die das Judentum bewusst „liberal“ und „zeitgemäß“ interpretiert. Im Gespräch mit Jüdinnen und Juden erfährt die Moderatorin, welche Erfahrungen sie im Alltag mit Antisemitismus gemacht haben. Die Rubrik „Zahlen und Fakten“ zeigt die Entwicklung antisemitischer Übergriffe. Antisemitismus hat aber auch andere Erscheinungsformen. Häufig „tarnt“ er sich als Kritik an der Politik Israels. Die Grenze zwischen legitimer politischer Kritik und Antisemitismus ist meist nicht leicht zu erkennen. Christina Wolf will mehr erfahren und reist nach Berlin, um eine Antisemitismusforscherin zu treffen. Um den jüdischen Alltag auch einmal selbst mitzuerleben, mietet sie sich kurzerhand einen Juden. „Rent a Jew“ nennt sich ein Projekt, das Begegnungen von jüdischen und nichtjüdischen Menschen fördert. Es vermittelt jüdische ehrenamtliche Referent*innen z.B. an Schulen. Am Ende ihrer interessanten Reise kommt die Moderatorin in der Reportage zu dem Ergebnis: Antisemitismus hat eine lange Geschichte und viele Formen. Ihm begegnen kann man mit Aufklärung und gegenseitigem Verständnis. „RESPEKT“ will dazu beitragen, Demokratie, Grund- und Menschenrechte nicht nur als abstrakte Begriffe zu verstehen, sondern als Werte des gemeinschaftlichen Lebens. Die Online-Videos und TV-Reportagen überprüfen Vorurteile und Klischees wie Fremdenfeindlichkeit, Islamfeindlichkeit, Homophobie oder Sexismus. Die Presenter Sabine Pusch, Rainer Maria Jilg und der aus Syrien stammende Schauspieler Ramo Ali treffen Menschen, die sich für Weltoffenheit und Toleranz einsetzen. Mit Ironie und in lockerem Ton zeigen sie, wie Grundwerte und Menschenrechte im Alltag gelebt werden können – und warum wir alle von einem solidarischen Miteinander profitieren. Umfragen mit Passanten ergänzen den Blick auf das jeweilige Thema. Eine „Zahlen und Fakten“-Rubrik hilft dabei, die unterschiedlichen Standpunkte zu beurteilen und sich eine fundierte Meinung zu bilden.

Do., 5. Dez · 00:25-01:25 · arte
Papier-Brigade – Die Shoah und die Bücher von Vilnius

Von 1933 bis 1945 setzten sich die Nazis, Hitlers Völkermordplan befolgend, zum Ziel, sämtliches jüdisches Leben auszulöschen und auch alle Spuren jüdischer Kultur endgültig zu beseitigen. Unter der NS-Herrschaft wurden so sechs Millionen Männer, Frauen und Kinder wegen ihrer jüdischen Herkunft ermordet und mehr als 100 Millionen Bücher unwiederbringlich zerstört. Der Film erzählt die Geschichte der „Papier-Brigade“: einer Gruppe von 40 Dichtern, Schriftstellern und Gelehrten, die während der NS-Besatzung von Litauens historischer Hauptstadt Wilna (Vilnius) ihr Leben aufs Spiel setzten, um die jüdischen und nicht-jüdischen Bibliotheken der Stadt vor der Zerstörung zu bewahren. In der Tat galt Wilna wegen seiner wertvollen Sammlungen, die über 800 Jahre jüdischer Geschichte und jüdischen Lebens in Europa auf einzigartige Weise dokumentierten, als das „Jerusalem des Nordens“. Außerdem beleuchtet der Film, wie die Überlebenden der „Papier-Brigade“ auch in der Nachkriegszeit und während des Kalten Krieges weitere Bücher retteten: Angesichts des erneuten Antisemitismus, diesmal vonseiten Stalins, gingen sie wieder das Risiko ein und schleusten die gefährdeten Bücher heimlich aus der litauischen Sowjetrepublik. Eine aufregende Rettungsaktion mit vielen Wendungen, die sich bis in die heutige Zeit fortsetzt und uns von Wilna nach Paris, New York und Jerusalem führt. Der Film ist ein Zeugnis der aufopfernden Bemühungen der „Papier-Brigade“ und deren Traum, die jüdische Kultur vor dem Untergang zu bewahren. Darüber hinaus veranschaulicht er die Bedeutung des kulturellen Widerstands während des Holocaust und in der Nachkriegszeit.

Do., 5. Dez · 20:15-21:00 · PHOENIX
Der Mordfall Lübcke und rechter Terror in Deutschland

Der Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke gilt als Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik: Zum ersten Mal tötet ein Rechtsextremer wohl gezielt einen Politiker. Die Dokumentation beleuchtet die engen Verbindungen, die der mutmaßliche Haupttäter in die rechtsextreme Szene hatte. Jahrelang beging er Gewalttaten gemeinsam mit anderen militanten Neonazis – bis er sich scheinbar zurückzog. Diese rechtsextremistische Grundierung des Attentats auf den Kasseler Regierungspräsidenten rückt die These vom Einzeltäter in ein neues Licht. Parallel en zur Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds – kurz NSU – scheinen offensichtlich: Auch das NSU-Trio tötete seine Opfer aus nächster Nähe, per Kopfschuss, und agierte nach der Strategie des „führerlosen Widerstandes“ – ein Konzept, das in gewaltbereiten Neonazi-Kreisen propagiert wird. Auch der Mord an Walter Lübcke passt in dieses Muster. Rechter Terror jahrzehntelang unterschätzt Das Prinzip rechtsextremer Einzeltäter und Kleingruppen stellt unseren Rechtsstaat vor eine grundsätzliche Frage: Ab wann ist rechte Gewalt Terrorismus? Und wie umgehen mit Gruppen-Chats in denen Mord- und Umsturzfantasien gesponnen werden? Auch im Gerichtsprozess gegen die Gruppe „Revolution Chemnitz“, der in diesen Tagen beginnt, wird es genau um solche Fragen gehen. Dabei erzählt die Dokumentation auch: Terrorismus von rechts ist kein neues Phänomen in Deutschland. Aber rechter Terror wurde jahrzehntelang unterschätzt. Wohl auch, weil meist Migranten Opfer waren und nicht „deutsche“ Politiker. Der Aufschrei blieb daher aus.

Fr., 6. Dez · 00:50-02:15 · arte
Die Schmugglerin von Les Aubrais

Bernard Prazan, Vater des Autors und Filmemachers Michaël Prazan, verlor gleich bei den ersten Razzien gegen ausländische Juden im Osten von Paris seine Eltern. Die junge Schmugglerin Thérèse Léopold brachte den damals Siebenjährigen und seine fünfjährige Schwester in die unbesetzte Zone. Ihr Kontaktmann Pierre Lussac war einer der berüchtigtsten Kollaborateure von Orléans. Er habe den Verdacht gehabt, gibt Bernard Prazan später an, dass die Schmugglerin ihn und seine Schwester an die Gestapo habe ausliefern wollen, sich dann aber umbesonnen habe. Michaël Prazans sorgfältig recherchierte Spurensuche beginnt mit der Geschichte seines Vaters, der in verschiedenen Familien unterkam und später in Waisenhäusern des französischen Kinderhilfswerks aufwuchs. Seine Nachforschungen über die Schmugglerin Thérèse Léopold führen dazu, dass er die inzwischen hochbetagte Frau ausfindig machen und mit ihr selbst sprechen kann. Archivdokumente geben Auskunft über die von Pierre Lussac begangenen Verbrechen. Sie beleuchten die Umstände, unter denen Michaël Prazans Großeltern verschwanden und starben, und belegen den Raub ihrer Habe durch die Nazis. Nicht alle Lücken um die Figur der Thérèse Léopold können geschlossen werden. Doch über die persönliche Aufarbeitung hinaus beleuchtet der Film ein nunmehr mehr als 70 Jahre zurückliegendes Kapitel der deutsch-französischen Geschichte. Dabei nennt der Film Menschen, die Widerstand geleistet haben, Nazi-Verbrecher und Opfer beim Namen.

Fr., 6. Dez · 02:15-03:45 · PHOENIX
Wildes Herz

Jan „Monchi“ Gorkow, 28 Jahre alt, 120 kg schwer, tätowiert an Armen und Beinen. Aufgewachsen in Jarmen, Mecklenburg-Vorpommern. Sänger und Frontmann der Punk-Band Feine Sahne Fischfilet, die im Verfassungsschutzbericht Mecklenburg-Vorpommerns bereits als staatsfeindlich eingestuft wurde. In seiner Jugend Fußballhooligan, mittlerweile engagierter Antifaschist. Warmherzig, aber wütend, überwacht und dennoch frei. Für sein Langfilm-Debüt hat Schauspieler Charly Hübner – ebenfalls aus Mecklenburg-Vorpommern – Jan „Monchi“ Gorkow drei Jahre lang mit der Kamera begleitet. Er hat mit der Band, mit Freunden, mit seinen Eltern und ehemaligen Lehrern gesprochen und Video-Material aus der Vergangenheit gesichtet. Entstanden ist der aufregende Dokumentarfilm WILDES HERZ, ein Film über einen jungen engagierten Antifaschisten aus dem äußersten Nord-Osten der Republik, der gemeinsam mit seinen Bandkollegen in Songs und mit Aktionen zeigt, wie Widerstand gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus jeden Tag aufs Neue gelebt werden kann. WILDES HERZ zeigt außerdem den Konflikt zwischen dem Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommern und dem Menschen Monchi. Denn neben dem linksradikalen Antifaschisten kann man in Monchi auch einen humanistischen, lebensfrohen, aber zeitkritischen Geist erkennen, der sich Zeit seines Lebens mit der Propaganda und Lebenskultur neonazistischer Gruppen und Parteien auseinandersetzen musste, einfach weil sie den Lebensalltag im Osten Mecklenburg-Vorpommerns prägend bestimmen. Natürlich geht es in WILDES HERZ auch um Musik. Um Monchis steten kreativen Austausch mit seinen Bandkollegen. Außerdem um Monchi und seine Familie, die ihm in seinem Leben immer Rückhalt geboten hat. Es geht um seine Wut auf die Ungerechtigkeit, auf die Intoleranz und die Ausgrenzung von Andersdenkenden, nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern. Und schließlich geht es auch um das Meer, für Monchi Symbol seiner Heimatverbundenheit. Wasser, Wellen, alles in Bewegung, alles korrespondiert und kommuniziert und lebt miteinander – demokratisch sozusagen: Diese Vision ist Monchis innerer Wegweiser. Im Verlauf des Films wird klar, dass Monchi im Herzen ein zutiefst demokratisch denkender Mensch ist, ein Freund des Miteinanders und des Gemeinsinns. Gleichzeitig lernen wir auch seine radikalen Seiten im Kampf gegen den Faschismus kennen, den er nicht nur mit Worten sondern auch mit Taten führt. Am Ende steht Monchi als Beispiel da, als ein Mensch, der den bürgerlichen Schutzraum verlassen hat, um Haltung zu zeigen. Der sich für eine freie und tolerante Welt engagiert und bereit ist, dafür zu kämpfen.

Fr., 6. Dez · 02:15-03:10 · arte
Golem – Die Legende vom Menschen

Der anlässlich der großen Golem-Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin entstandene Film „Golem – Die Legende vom Menschen“ zeigt die Figur von ihrer Erschaffung aus einem Ritual der jüdischen Mystik bis hin zum populären Erzähl- und Filmstoff. Über die Zeit hat sich das künstliche Wesen immer wieder verändert und dabei die Ängste und Sehnsüchte der jeweiligen Zeit gespiegelt. Von der Bibel und dem Talmud über Werke von Goethe bis hin zu Science-Fiction-Filmen. Formte einst der Legende nach der Prager Rabbi Löw den Golem aus Lehm, so erschafft der kalifornische Künstler Joshua Abarbanel heute aus Holz seinen sagenhaften Superhelden. Mit faszinierenden Bildern aus der israelischen Wüste, aus Prag und dem Silicon Valley macht der Film eine spannende Reise durch 2.000 Jahre Kulturgeschichte, die im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz und Robotern noch lange nicht zu Ende ist. Dabei treffen Torsten Striegnitz und Simone Dobmeier Künstler und Wissenschaftler, die eine ganz besondere Beziehung zur prominentesten jüdischen Legendenfigur haben. So Regisseur Dominik Graf, der an einem Film über den Golem arbeitet und für den der Golem mit dem Traum von einem Wesen verbunden ist, das mehr vom Menschen weiß als er selbst. Oder Manfred Hild, Leiter des Forschungslabors Neurorobotik Berlin. Hier wurde „Myon“ entwickelt: ein Roboter, der sogar in einer Oper mitspielt. „Golem – Die Legende vom Menschen“ erzählt vom jüdischen Ursprung dieses Mythos und der Faszination, die dieses künstliche Geschöpf auf den Menschen von Anfang an ausübt.

Fr., 6. Dez · 03:45-04:30 · PHOENIX
Rechtsrockland

Themar 2017: 6.000 Neonazis aus ganz Europa marschieren in dem kleinen Südthüringer Ort auf. Es ist das größte Nazi-Festival in der Geschichte der Bundesrepublik. Vorbereitet wurde es von Thüringer Rechtsextremisten. Ostritz 2018: Fast 1.300 Rechtsextremisten kommen in die ostsächsische Kleinstadt. Gleich zwei Tage lang feiern die Neonazis ein Festival mit einschlägigen Bands, Tattoo-Wettbewerben und Kampfsport. Wieder wird die Großveranstaltung von einem Thüringer organisiert. Die Thüringer Neonazis haben sich längst in der Szene einen Namen gemacht. Europaweit gelten sie als Organisationstalente für Rechtsrockkonzerte. Die geschäf tstüchtigen, so genannten Bewegungsunternehmer melden unter dem Deckmantel der Versammlungsfreiheit ihre Festivals an. So macht die Szene Geld: für Gerichtskosten, Immobilien und für den Aufbau ihrer Strukturen. Ein Erfolgskonzept: Die Neonazi-Szene ist im Aufwind und auch das Geschäft mit der rechtsextremen Musikkultur floriert. Seit Jahren steigt die Zahl der Neonazi-Konzerte. 259 waren es laut Bundesamt für Verfassungsschutz 2017. Ein genauer Blick auf die Konzertteilnehmer lohnt sich, denn im Hintergrund ziehen alte Kader und Szenegrößen die Fäden – die „Paten des Rechtsterrorismus“. Sie sind zum Teil seit Jahrzehnten in der Szene aktiv – erst unauffällig, jetzt immer offensiver. Ihre Netzwerke sind international und funktionieren erfolgreich – in Deutschland und im europäischen Ausland. Der Einfluss der deutschen Neonazi-Netzwerker ist dort groß. Auch Gruppen wie „Combat 18“, verantwortlich unter anderem für Bombenanschläge in London, sind wieder aktiv. Ihre Strukturen sind untrennbar mit dem Musikgeschäft verbunden. Und die Behörden sehen hilflos zu.

Fr., 6. Dez · 09:30-10:55 · arte
Kleine Germanen – Eine Kindheit in der rechten Szene

Als Kind hat Elsa mit dem geliebten Opa Soldat gespielt. Mit dem ausgestreckten rechten Arm hat sie „Für Führer, Volk und Vaterland!“ gerufen. Heute blickt sie auf eine Kindheit zurück, die auf Hass und Lügen gebaut war, und versucht zu verstehen, was die Erziehung in einem rechtsradikalen Umfeld aus ihr und ihren eigenen Kindern gemacht hat. Ausgehend von dieser authentischen Geschichte gewährt „Kleine Germanen“ in einer spannenden Verbindung aus Animations- und Dokumentarfilm Einblicke in die Strukturen rechtsextremer Familien verschiedenster Ausprägung. Wir erleben mit, was es heißt, in einem solchen Umfeld aufzuwachsen und tagtäglich dazu erzogen zu werden, das vermeintlich Fremde zu hassen. Wie ist es, in einer Welt aufzuwachsen, in der der Stolz auf die nationale Identität über allem steht? Und was wird aus diesen „kleinen Germanen“, wenn sie später einmal groß sind? Das Schicksal von Elsa und ihren eigenen Kindern ist nur ein Beispiel von vielen. Elsa gelingt zwar der Ausstieg aus der rechtsradikalen Szene, aber ihre Entscheidung hat dramatische Folgen. „Kleine Germanen“ blickt über die traditionellen Strukturen rechtsextremer Gruppierungen hinaus in einen Teil unserer Mittelstandsgesellschaft, der immer stärker von rechtspopulistischen Strömungen unterspült wird, und konfrontiert den Betrachter mit den Protagonisten einer Ideologie, die ihre Kinder im Geist einer demokratiefeindlichen Welt erziehen.

Sa., 7. Dez · 03:10-04:40 · PHOENIX
Das radikal Böse

Wie werden aus ganz normalen jungen Männern Massenmörder? Warum töten ehrbare Familienväter Frauen und Kinder? Warum verweigerten so wenige den Befehl, obwohl es ihnen freigestellt war? Wie konnten systematische Erschießungen jüdischer Zivilisten durch deutsche Einsatzgruppen in Osteuropa möglich sein? Das Nonfiction-Drama von Stefan Ruzowitzky sucht die Ursache des Bösen in einer stilistisch innovativen Herangehensweise. Der vergessene Holocaust: Rund zwei Millionen jüdische Zivilisten sind von den sogenannten Einsatzgruppen und Polizeibataillonen ab 1941 ermordet worden. Dies ges chah am helllichten Tag, öffentlich, zum Teil vor Zuschauern, mit Gewehren und Pistolen, von Angesicht zu Angesicht. Bis heute verbinden die meisten Menschen mit dem Holocaust vor allem Gaskammern und Konzentrationslager, die grauenhaften „Neuerungen“ der Nazimörder. Dass dem ein konventioneller, aber um nichts weniger grausamer Genozid vorangegangen war, mit unglaublichen zwei Millionen Opfern, ist kaum ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen. Ein Grund für die geringe Bekanntheit dieser Verbrechen war die Gründlichkeit der Mörder. In dem kleinen Städtchen Bibrka, das Stefan Ruzowitzky und sein Team als einen beispielhaften Ort besuchten, sagte der ehemalige Bürgermeister auf die Frage, wie viele Juden von den Nazis ermordet worden seien: „Genau so viele, wie laut Aufzeichnungen hier gelebt hatten.“ Keine Überlebenden, keine Zeugen, niemand der der Opfer gedenkt. In „Das radikal Böse“ kommen zwei Männer zu Wort, die sich um das Erinnern dieser Verbrechen beziehungweise der Opfer besonders verdient gemacht haben. Benjamin Ferencz, der als junger Jurist durch Zufall auf die „Ereignismeldungen“, die grauenhaften Auflistungen der Massenmorde gestoßen war. Er hat gegen alle Widerstände noch einen Prozess in Nürnberg durchgesetzt. Und der französische Priester und Holocaustforscher Père Desbois, der mit seiner Organisation Yahad-In Unum in detektivischer Kleinarbeit die Massenexekutionen der Nazis in Osteuropa untersucht, die letzten Zeitzeugen interviewt, Massengräber aufgespürt und die Namen der Opfer vor dem Vergessen bewahrt hat. Während später in den Konzentrationslagern das Morden durch ein perfides System gleichsam abstrahiert war, standen bei den „Sonderaktionen“ Soldaten und Hilfspolizisten ihren Opfern noch von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Sie schossen auf Frauen, Kinder, Babys. Wie war das möglich? Wie konnten liebevolle Familienväter, nette, junge Männer, brave Bürger zu mitleidlosen Massenmördern werden? Wieso haben sie nicht verweigert, da, wie wir hören, doch schlimmstenfalls Rügen, Schimpfworte und zusätzliches Wacheschieben drohte? Welcher Mix aus politischen, soziologischen und psychologischen Faktoren macht einen Genozid möglich? Was bringt normale Menschen zu solch unvorstellbaren Grausamkeiten? Tagebuchaufzeichnungen, Briefe und Gerichtsprotokolle erlauben uns, einen Eindruck von der Gedankenwelt der Mörder zu gewinnen. Schauspieler wie Volker Bruch, Alexander Fehling, Benno Fürmann, Hanno Koffler, Lenn Kudrjawizki, Andreas Schmidt, Simon Schwarz, Devid Striesow, Arndt Schwering-Sohnrey, Sebastian Urzendowsky und Nicolette Krebitz lassen uns durch ihre Interpretation miterleben, wie ein Moment der Feigheit, sich zu exponieren, sich zu verweigern, sich außerhalb der Gruppe zu stellen, die Soldaten in einen mörderischen Abgrund reißt. Wie sie beim ersten Massaker angewidert und traumatisiert sind, sich aber bald an das tägliche Morden gewöhnen. Sogar Spaß daran finden, sich bereic hern und bei alledem sich immer noch einreden, richtig und gerecht zu handeln. Dazu die Gesichter einfacher Soldaten in Großaufnahmen. Ganz normale, junge Männer, die uns erahnen lassen, dass die Täter wohl tatsächlich keine Monster im Sinne Primo Levis waren, sondern eben normale Menschen. Sie waren bemüht sich anzupassen, nicht aufzufallen, sich selbst an den größten Schrecken, an die eigenen Verbrechen zu gewöhnen. „Ich hatte nie etwas anderes gelernt, als gegebenen Befehlen zu gehorchen“, meint einer der Täter. Der normale Mensch als das eigentliche Monster. Eine Reihe von führenden Wissenschaftlern – Historiker, Juristen, Militärs, Theologen, Psychiater, sucht im Gespräch nach Antworten. So wie der Film sich davor hütet, allzu eindeutige und eindimensionale Erklärungsmuster zu präsentieren, so geht es ihm und seinen Machern nicht vorrangig um die Dokumentation des historisch Gewesenen, sondern auch zukunftsorientiert darum, was nachfolgende Generationen und vor allem junge Menschen daraus lernen können. Wie sie verhindern können, dass aus psychologischen Mechanismen in speziellen gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen immer wieder neues Leid und Verbrechen entstehen.

Sa., 7. Dez · 04:40-05:35 · PHOENIX
Jagd auf Klaus Barbie

Klaus Barbie ist 1943-44 der Chef der Gestapo in Lyon. Er lässt mehr als 7.500 Juden in die Gaskammern schicken und verantwortet die Folterung und Deportation von 14.000 französischen Widerstandskämpfern, darunter Jean Moulin, ihr Anführer. Nach Kriegsende flieht Barbie nach Lateinamerika. Wie kann ihm die Flucht gelingen und welche skandalöse Rolle spielen deutsche und amerikanische Geheimdienste dabei? Welche unheilvollen Allianzen im Kalten Krieg ermöglichen ihm jahrzehntelanges Untertauchen? Dank exklusiven Archivmaterials und der Expertise des Historikers Peter Hammerschmidt kann der Film das geheime Leben des Kriegsverbrechers Barbie neu beleuchten. Im Namen lateinamerikanischer Diktatoren lässt Klaus Barbie foltern und betreibt Waffenhandel. Er ist an der Jagd auf Che Guevara beteiligt und organisiert von Drogenbossen finanzierte Staatsstreiche. Ebenso arbeitet er mit dem BND zusammen. Obwohl Klaus Barbie bereits 1971 von den Nazijägern Beate und Serge Klarsfeld in Bolivien aufgespürt wird, findet seine Auslieferung nach Frankreich erst zehn Jahre später statt. Erst 1987 wird Barbie wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt. Er stirbt kurz nach seiner Inhaftierung im Gefängnis.

Sa., 7. Dez · 05:35-07:05 · PHOENIX
Das Geheimarchiv im Warschauer Ghetto

Es ist eine der bemerkenswertesten und bislang unerzählten Geschichten des Holocaust: Der junge couragierte Historiker Emanuel Ringelblum initiierte und leitete im Warschauer Ghetto ein Untergrundarchiv. Dort wurden Tagebücher und Fotos, NS-Verordnungen und jiddische Poesie gesammelt und vergraben, um der Nachwelt ein authentisches Zeugnis zu geben vom Leben im Ghetto und den Verbrechen der NS-Besatzer. Seit 1999 ist das Ghettoarchiv Weltdokumentenerbe der UNESCO. „Wer schreibt unsere Geschichte? W ie können wir sicherstellen, dass unsere Erlebnisse, unsere Traditionen, unser Leid durch unsere eigenen Zeugnisse und nicht nur aus der menschenverachtenden Perspektive der Nazis überliefert werden?“ Getrieben von diesen Fragen und Motiven haben Emanuel Ringelblum und seine rund 60 Mitstreiter über Jahre hinweg ein Geheimarchiv betrieben und gefüllt. Zeitzeugenberichte und Kinderzeichnungen, Lebensmittelkarten und Plakate aus jüdischen Theatern, Zeugnisse des religiösen Lebens und die Benennung konkreter Verbrechen, sowohl von Deutschen als auch von Polen und Juden – das Archiv sollte ein möglichst breites und ungefiltertes Bild des dem Untergang geweihten Lebens im Ghetto widerspiegeln. Emanuel Ringelblum promovierte 1927 über die Geschichte der Warschauer Juden im Mittelalter. Er begann im Oktober 1939 mit der Organisation eines konspirativen Netzwerks. Seine Mitstreiter, die die verschiedensten politischen und kulturellen Richtungen repräsentierten, begannen in ihren jeweiligen Kreisen zu sammeln. Über die Arbeit im Archiv hinaus waren die Mitglieder der Gruppe auch in Hauskomitees, bei der Organisation von Suppenküchen und in anderen Selbsthilfeorganisationen aktiv, die das Überleben im Ghetto sichern sollten. „Oneg Shabbat“, „Freude am Shabbat“, war der Tarnname der Gruppe, die bis auf drei Mitstreiter im Zuge der Räumung des Ghettos ermordet wurden. So auch Emanuel Ringelblum, der im März 1944 zusammen mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn von Deutschen erschossen wurde. Eine der Überlebenden ist Rachel Auerbach, aus deren Perspektive der Film erzählt wird. Sie machte sich nach Kriegsende auf die Suche nach den verborgenen Kisten im zerstörten Warschau. Im September 1946 wurden zehn Blechkisten mit 1208 Archivalien tief unter den Trümmern eines Hauses wiedergefunden. Im Dezember 1950 konnten zwei große Milchkannen mit weiteren 484 Archivalien geborgen werden, andere Teile des Archivs blieben unauffindbar. Heute wird die Sammlung „Oneg Shabbat“ im Jüdischen Historischen Institut in Warschau aufbewahrt, sie umfasst etwa 25.000 Seiten. Der Film von Roberta Grossman erzählt von der Entstehung des Untergrundarchivs und von der ersten Begegnung zwischen Rachel Auerbach und Emanuel Ringelblum, über die Weiterentwicklung des „Oneg Shabbat“ bis zur Räumung des Ghettos und dem Auffinden der vergrabenen Dokumente nach dem Krieg. Mit aufwendigen Spielszenen, zeithistorischen Aufnahmen, renommierten internationalen Experten und vielfältigen Auszügen aus den überlieferten Tagebüchern werden das alltägliche Leiden im Ghetto, der Hunger, die Verzweiflung – und die leidenschaftliche gemeinsame Arbeit an einer eigenen, jüdischen Überlieferung veranschaulicht. Der Film entstand als große internationale Koproduktion unter Beteiligung des NDR in Zusammenarbeit mit Arte.

Sa., 7. Dez · 08:15-09:45 · WDR
So ein Schlamassel

Seit einer gefühlten Ewigkeit wird Jil Grüngras von ihrem Familienclan mit der Frage belagert, wann sie sich denn endlich einen passenden Mann suchen will. Nicht nur ihr verwitweter Vater Benno, sondern auch der Rest ihrer herrlich „meschuggenen“ jüdischen Familie würde sie gerne unter die Haube bringen – immerhin ist Jil schon Anfang dreißig, sieht gut aus und steht als erfolgreiche Steuerberaterin mit beiden Beinen fest im Leben. Eines Tages lernt sie bei einem Beinahe-Unfall den sympathischen Marc Norderstedt kennen – und plötzlich hängt für die romantisch veranlagte Karrierefrau der Himmel über Berlin voller Geigen: Marc, Landschaftsarchitekt von Beruf, ist ein echter Traumtyp, sensibel, gutaussehend, charmant. Dummerweise hat er einen kleinen „Schönheitsfehler“: Er ist kein Jude. Jil weiß genau, dass ihre traditionsbewusste Familie niemals einen „Goi“, einen Nichtjuden, akzeptieren würde. Da hilft nur eines: Marc muss sich als Jude ausgeben. Von Jils bester Freundin, der chassidischen Lesbe Zippi, bekommt der leicht irritierte Marc einen Crashkurs in Sachen jüdische Traditionen – und kann so als „Marc Rosenzweig“ während der Sabbat-Feier bei versammelter Familie jede Menge Punkte sammeln. Sowohl Jils Vater als auch ihr Großvater Mosche, ihr Cousin Patrick, ihre Tante Sarah und Onkel David schließen den jungen Mann sofort ins Herz. Weniger fröhlich verläuft kurz darauf ein Essen bei Marcs Eltern Frederike und Ludwig. Völlig überraschend wird Jil dort mit Vorurteilen und einer aus Unsicherheit geborenen Befangenheit konfrontiert. Trotzdem will das Liebespaar nicht einfach aufgeben. Beide sind bereit, für ihre Gefühle und gegen die Engstirnigkeit ihrer Umwelt zu kämpfen. Bei der anstehenden Bar-Mizwa-Feier ihres Großcousins Ruven, zu der auch Marcs Eltern eingeladen sind, will Jil der Familie die Wahrheit sagen. Unglücklicherweise kommt der kleine Ruven ihr zuvor und deckt den Schwindel vor allen auf – die Feier endet in einem Eklat. Nun muss Jil sich entscheiden, ob sie der Tradition gehorchen oder ihrem Herzen folgen will. Mit viel Humor, aber nicht ohne ernste Untertöne, erzählt der Familienfilm „So ein Schlamassel“ von einem Zusammenprall der Kulturen und deutsch-jüdischen Vorbehalten. Zum prominenten Ensemble gehören Natalia Avelon, Johannes Zirner, August Zirner, Michael Mendl und Marianne Sägebrecht.

So., 8. Dez · 22:20-23:05 · RBB
Friedensgespräche – Die Oslo Tagebücher

Vor 25 Jahren, am 10. Dezember 1994, erhielten Israels Ministerpräsident Rabin, sein Außenminister Peres und PLO-Chef Arafat in Oslo den Friedensnobelpreis für ihre Bemühungen um den israelisch-palästinensischen Friedensprozess. In Oslo hatte man sich in geheimen israelisch-palästinensischen Friedensverhandlungen angenähert. Frieden schien möglich. Der Film erzählt wie es dazu kam. Im September 1993 gaben sich Israels Ministerpräsident Yitzchak Rabin und Jassir Arafat, Chef der palästinensischen Befreiungsbewegung, auf dem Rasen des Weißen Hauses die Hände. Eine historische Geste der Versöhnung: Zwei erbitterte Feinde präsentierten sich als Partner. Im Vertrag von Oslo hatten sie sich verpflichtet, gemeinsam eine Lösung des Konflikts zu finden. Unter strikter Geheimhaltung war er in Norwegen ausgehandelt worden. Von einer Gruppe mutiger Unterhändler, zwei israelischen Professoren und drei PLO-Mitgliedern. Die ehemals erbitterten Feinde einte die Überzeugung, dass das Blutvergießen auf beiden Seiten endlich gestoppt werden müsse. Die internationale Koproduktion „Friedensgespräche – Die Oslo Tagebücher“ dokumentiert zum ersten Mal, was wirklich bei den geheimen israelisch-palästinensischen Friedensverhandlungen in Norwegen 1992/93 geschah. Der Film erzählt exklusiv aus der Sicht der wichtigsten Akteure, wie es zu diesem Friedensabkommen kam und fragt, warum sich die Hoffnungen von Oslo nicht erfüllten Für den packenden Politthriller konnten die Autoren Mor Loushy und Daniel Sivan die ergreifenden persönlichen Aufzeichnungen der damals Beteiligten nutzen. Wie in ihrem vorigen, preisgekrönten Film „Censored Voices“ arbeiten sie mit noch nie gezeigtem Archivmaterial. Der Film erzählt die wahre Geschichte jener Menschen, die damals versuchten, Frieden zu schaffen.

Mo., 9. Dez · 01:15-03:20 · arte
Der Stellvertreter

Kurt Gerstein ist Chemiker und für Desinfektion zuständig. Eines Tages wird der SS-Offizier und Familienvater mit der Anlieferung von großen Mengen Zyklon B beauftragt, das er normalerweise zur Schädlingsbekämpfung einsetzt. Aufgrund seiner Nachfragen wird er in den engen Vertrauenskreis eines ranghohen SS-Arztes aufgenommen. Man zeigt ihm das Vorgehen in einem polnischen Lager, das Gerstein tief schockiert. Weder seine Familie noch Freunde oder Kollegen, die Gerstein nun ins Vertrauen zieht, wollen ihm helfen, die Vernichtung der Juden öffentlich zu machen. Gerstein entschließt sich, seine Stellung zu behalten, um die Existenz der Vernichtungslager belegen zu können. Während er versucht, Deportation und Vernichtung durch Informationsverbreitung zu verlangsamen, gelingt es ihm nicht, seine Umgebung aufzurütteln. Schließlich entscheidet sich Gerstein, den Vatikan zu informieren. Doch auch hier scheitern seine Bemühungen. Nur der junge Jesuit Riccardo versteht, von welchem Verbrechen Gerstein berichtet, und bemüht sich, während Gerstein wieder in Deutschland ist, weiter um eine Audienz beim Papst. Als schließlich auch Konvertiten von den deutschen Besatzern in Rom verhaftet werden, lässt sich Riccardo mit einem gelben Stern als vermeintlicher Jude nach Polen deportieren. Er wird enttarnt und der Arbeit im Krematorium zugewiesen. Als das Kriegsende bevorsteht, will Gerstein seinen Bericht schreiben, begreift aber schließlich, dass man ihn als Lügner und Täter zur Verantwortung ziehen wird …

Do., 12. Dez · 21:45-22:15 · ARD-alpha
Shalom Bauhaus

In keiner Stadt der Welt stehen so viele Bauhaus-Bauten wie in Tel Aviv. Der Stadt, die wörtlich übersetzt „Frühlingshügel“ heißt. Insgesamt 4000 dieser Gebäude errichteten Architekten aus Deutschland und anderen europäischen Ländern in den 1930er- und 1940er-Jahren nach der Philosophie der Bauhaus-Bewegung aus Dessau: Ausgewogenheit statt Symmetrie. Form folgt Funktion. Lebensqualität statt Statusschnörkel. Tel Aviv gilt deshalb als „Weiße Stadt am Mittelmeer“ als Unesco-Weltkulturerbe. Dabei sind die meisten der Bauhäuser längst grau statt weiß. Ihr Zustand ist oft schlecht. Der Putz bröckelt von der Fassade und bei einigen wurden die ikonischen Balkone sogar mit Plastikwänden zu Wohnraum umfunktioniert. Aber anlässlich 100 Jahre Bauhaus 2019 hat sich Tel Aviv aufgeputzt. Auch mithilfe deutscher Handwerker. Das Max-Liebling-Haus etwa soll im Herbst als Bildungsstätte neu eröffnet werden. Der Film lädt die Zuschauer zu einem Stadtbummel durch die Tel Aviver Bauhäuser ein. Zu den bekannten und auch weniger bekannten Exemplaren. Er geht der Frage nach, warum die Bauhaus-Philosophie beim Aufbau des neuen jüdischen Staates so populär war. Wie werden die Gebäude heute genutzt? Wer wohnt darin? Und er zeigt anhand der Renovierung des Max-Liebling-Hauses, wie eng die deutsch-israelischen Bauhaus-Beziehungen bis heute sind.

Sa., 14. Dez · 00:45-01:40 · PHOENIX
Jüdisch in Europa (1/2) Eine Erkundungsreise mit Alice Brauner & Yves Kugelmann

Wie leben und fühlen Juden in Europa heute? Wie sehr stimmt das mediale Bild mit dem Alltag jüdischer Menschen überein? Die Filmproduzentin Alice Brauner und der Publizist Yves Kugelmann, beide selbst Juden, reisen mit diesen Fragen von Marseille bis Berlin, von Budapest bis Venedig und besuchen jüdische Familien, Kulturschaffende, Rabbiner und Journalisten. Wie leben Juden in Europa? Welche Geschichten erzählen sie? Wie leben sie Tradition und Moderne? Und wie gehen sie mit Ausgrenzung und Bedrohung um? „Es gibt einen jüdischen Alltag in Europa, der selten gezeigt werden kann. Debatte n über Politik, Nahost und Antisemitismus überlagern das vielfältige jüdische Leben. Daher war es wichtig, dass wir dieses einfach mal einfangen können, indem wir spontan hingehen und schauen, was läuft.“ Mit diesem Anspruch haben sich der Schweizer Publizist Yves Kugelmann und die deutsche Filmproduzentin Alice Brauner auf eine Reise durch Europa begeben. Der erste Teil des Doku-Zweiteilers führt Brauner und Kugelmann nach Marseille, Straßburg, Frankfurt und Berlin. Mit Harold Weill, dem Großrabbiner von Straßburg, sprechen die beiden über das Leben im jüdischen Viertel. Fühlen er und seine Gemeinde sich bedroht? Alon Meyer, Vorsitzender des TuS Makkabi Frankfurt sowie Präsident des jüdischen Sport-Dachverbands Makkabi Deutschland, erklärt in Frankfurt, welchen Anfeindungen seine Mannschaft abseits des Fußballfelds ausgesetzt ist. In Berlin treffen Alice Brauner und Yves Kugelmann danach die Dramaturgin und Schriftstellerin Sasha Marianna Salzmann. „Jüdisch in Europa“ ist eine facettenreiche Reportagereise voller neuer Blickwinkel.

Sa., 14. Dez · 01:40-02:30 · PHOENIX
Jüdisch in Europa (2/2) Eine Erkundungsreise mit Alice Brauner & Yves Kugelmann

Der zweite Teil des Doku-Zweiteilers führt Brauner und Kugelmann nach Budapest, Warschau und Venedig. Mit der Philosophin Agnes Heller sprechen die beiden in der ungarischen Hauptstadt über das judenfeindliche Klima, das die Regierung Orban im Land etabliert hat. In Warschau besuchen sie die Grabstätten der Widerstandskämpfer des Ghetto-Aufstands von 1943, und in Venedig lassen sie sich von dem italienischen Schriftsteller und Vizepräsidenten der dortigen jüdischen Gemeinde, Riccardo Calimani, vom jüdischen Alltag im „Land der Unordnung“ (Calimani) berichten. „Jüdisch in Europa“ – zwei facettenreiche Filme voller Überraschungen.

Sa., 14. Dez · 02:30-04:00 · PHOENIX
Exodus? Eine Geschichte der Juden in Europa

Zu Beginn der ersten Folge begibt sich Prof. Christopher Clark auf Spurensuche in Israel. Mit dem Tempel Jahwes in Jerusalem, dessen bekanntester Rest die berühmte Klagemauer ist, entstand in der Antike das religiöse und politische Zentrum der Juden. Die vor Jahrzehnten bei Qumran am Toten Meer gefundenen Schrift-rollen sind ein weiterer Schlüssel zum Verständnis jüdischer Kultur. Israelische Archäologen und Restauratoren erläutern Clark die uralte, tiefgreifende Beziehung zwischen diesen Texten und der Geschichte der Juden. Die Tora wurde zum Kern jüdischer Identität, vor allem nach der Eroberung Jerusalems durch die Römer und der Zerstörung des Tempels. Seitdem bildet die Heilige Schrift die große Klammer, die das jüdische Volk in der Diaspora zusammenhält, sie wurde zum „portativen Vaterland“, wie der Dichter Heinrich Heine bemerkte, einer Heimat zum Mit-nehmen. Sie hat die Wanderschaft der Juden über alle Zeiten und Kontinente hinweg bis heute begleitet. Christopher Clark reist auch zu den Zentren jüdischen Lebens in Europa. Als das römische Reich im vierten Jahrhundert christlich wurde, siedelten Juden schon überall auf dem Kontinent. Vor allem in Sepharad, der iberischen Halbinsel, in Südfrankreich und in Aschkenas – hebräisch für die deutschsprachigen Länder. Die drei Gemeinden Speyer, Worms und Mainz galten im frühen Mittelalter als „Jerusalem am Rhein“. Viele Herrscher, auch Karl der Große, stellten jüdische Bewohner als gleichwertige Bürger unter ihren Schutz. Die schriftkundigen, vielsprachigen Juden mit ihren Handelskontakten waren willkommene Entwicklungshelfer in den aufblühenden Städten, auch wenn sie ein für Christen rätselhaftes, durchritualisiertes Leben führten. Zwei Faktoren trugen dazu bei, dass diese Haltung im Verlauf des Mittelalters in offene Feindseligkeit umschlug. Zum einen das Entstehen von christlichen Handwerkszünften, zu denen Juden nicht zugelassen waren. Zum anderen das Zinsverbot für Chris-ten, das es untersagte, anderen Christen gegen Zinsen Geld zu verleihen. Aus den meisten Berufen per Gesetz verdrängt, nutz-ten Juden häufig diese Nische und wurden Geldverleiher. So kam das Feindbild vom „geldgierigen Juden“ in die Welt. Zur großen Zäsur für die Juden Europas wurden die Kreuzzüge. Beim Durch-zug der Kreuzfahrerheere kam es zu schweren Judenverfol-gungen in Frankreich und Deutschland. Es waren die ersten großen Pogrome des Abendlandes. Trotz aller Schutzbemühungen der Kaiser verschlimmerte sich die Lage der Juden in Zentraleuropa. Gründe, die Juden zu verfolgen, gab es aus christlicher Perspektive genug: Die Juden galten als Christus-Mörder. Sie assimilierten sich nicht, hielten stattdessen an ihrer Religion fest. Immer häufiger mussten sie als Blitzableiter für Krisensituationen herhalten. Vor allem als 1347 die Pest aus-brach, die in knapp zehn Jahren ein Drittel der europäischen Bevölkerung dahinraffte. Angeblich hätten Juden die Brunnen vergiftet – ein folgenschweres Gerücht, das die größte Verfol-gungs- und Vernichtungsaktion in der Geschichte der Juden vor der Schoah zur Folge hatte. 1492 wurden die sephardischen Juden aus Spanien vertrieben. Sie zogen unter anderem in den Maghreb und das Osmanische Reich. Die meisten Aschkenasim hatten zuvor in Polen Schutz gesucht, wo bald mehr als zwei Drittel aller europäischen Juden lebten. In Krakau, Lublin, Lemberg und Vilnius gründeten sie ihre Gemeinden, für die der Begriff Schtetl sinnbildlich steht. Prof. Clark sieht sich in einem weiteren Zentrum jüdischer Kultur um: in Prag. Hier erleb ten Juden in der frühen Neuzeit ein „Goldenes Zeitalter“. Im 17. Jahrhundert gewannen sie als Kreditgeber und Hoffaktoren, als Kaufmänner an Europas Fürstenhöfen, enormen Einfluss. Das zeigt das Beispiel von Joseph Süß Oppenheimer (1698-1738). Der Finanzminister des Herzogs von Württemberg führte effektive, aber unbeliebte Reformen durch. Nach dem Tod seines Herrn wurde er verhaftet, zu Unrecht verurteilt und öffentlich hingerichtet. Der Nazi-Propa-gandastreifen „Jud Süß“, der zur ideologischen Vorbereitung des Holocaust diente, stilisierte ihn später zum Inbegriff des geldgie-rigen Juden. Die Rothschilds aus dem Frankfurter Ghetto dagegen machten sich nicht von einem Herrscher abhängig. Gründervater Mayer Amschel Rothschild, geboren 1744, begann mit einfachen Wech-selgeschäften und verteilte seine fünf Söhne strategisch über den ganzen Kontinent. Bald zählten die Herrscher Europas zu ihren Kunden – das Haus Rothschild wurde zu einer der erfolgreichsten Bankdynastien und existiert noch heute. Aber die Mehrheit der Juden wurde im 18. Jahrhundert arm. Die Ghettos waren überfüllt. Heimatlos irrten immer mehr besitzlose Juden von Stadt zu Stadt. Hoffnung auf Besserung für die Lage der jüdischen Mehrheit brachte die Französische Revolution mit ihren Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Der Einfluss der Kirche auf den Staat wurde geringer. Die alte Feu-dalgesellschaft und ihre Zunftzwänge lösten sich auf. Der große Dichter der Aufklärung, Gotthold Ephraim Lessing, wagte es 1783 zum ersten Mal in der Geschichte des deutschen Theaters, die Figur eines „edlen Juden“ auf die Bühne zu bringen: Nathan den Weisen. Auch das Judentum selbst wurde von den Idealen der Aufklärung erfasst, wie das Beispiel des Philosophen Moses Mendelssohn zeigt. Den einen gilt er als Vorreiter einer jüdischen Emanzipa-tion, den anderen als Verräter an der Religion und traditionellen Lebensweise. Eine berühmte Vertreterin eines aufgeklärten Judentums ist auch Rahel Varnhagen, die Ende des 18. Jahrhunderts in Berlin einen berühmten Salon führte. Sie sagte sich mehr und mehr von ihren jüdischen Wurzeln los, eignete sich die Bildung an, die ihr als Frau versagt geblieben war, und empfing in ihrer Berliner Wohnung jeden, der Rang und Namen hatte. Damals kam es zu einer Aufspaltung des Judentums. In Abgrenzung zu den „Reformjuden“ lebten Orthodoxe weiter ein Leben, in dessen Zentrum die Tora steht. Sie hielten den Sabbat heilig, aßen koscher, für sie war das ganze Leben ein Gottesdienst. Bis heute leben auf der ganzen Welt Nachkommen dieser auf Tradition und die Ursprünge hin orientierten, nun orthodox genannten Juden. Die Emanzipation der Juden, das heißt die Abschaffung antijüdi-scher Gesetze, die sich nach den napoleonischen Kriegen auch in Deutschland langsam durchsetzte, erzeugte neue Konflikte. Viele Bürger fürchteten die Konkurrenz durch Juden, die jetzt erstmals Zugang zu allen Berufen und Ämtern hatten. Zudem förderte der aufkeimende Nationalismus antisem itische Tendenzen. Die Zuge-hörigkeit zur Nation wurde weniger kulturell als völkisch interpre-tiert, als eine Sache des „Blutes“. Dadurch wurden Juden aufs Neue ausgegrenzt. Das musste auch der junge Theodor Herzl, Sohn einer säkulari-sierten jüdischen Familie aus Ungarn, erfahren. 1894 bis 1895 berichtete er als Korrespondent einer Wiener Zeitung über den Prozess gegen den jüdischen Hauptmann Dreyfus, der unschuldig wegen Landesverrats zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Die antisemitische Hetze und die Ausschreitungen gegen Juden, die den Prozess begleiteten, ließen Herzl zu dem Schluss kommen, dass Vernunft und Assimilation gegen Judenhass wirkungslos seien. Sein Traum vom „Judenstaat“, der allein wirklichen Schutz bieten könne, begründete den Zionismus. Die Mehrzahl der deutschen Juden stand dem Zionismus skep-tisch gegenüber. Sie wollten lieber in ihrem Deutschland bleiben. Sie waren der festen Überzeugung, dass es möglich ist, Deut-scher zu sein und Jude. Ein Traum, der für sie im deutschen Kaiserreich nahezu in Erfüllung zu gehen schien.

Sa., 14. Dez · 04:00-05:30 · PHOENIX
Aidas Geheimnisse

Was wäre, wenn alles, was dir über deine Vergangenheit erzählt wurde, gelogen wäre? Wenn dein Verständnis von Familie und Religion auf den Kopf gestellt würde? Was, wenn deine engsten Angehörigen die Wahrheit kennen und sie dein ganzes Leben lang vor dir verborgen haben? „Aidas Geheimnisse“ erzählt von Familiengeheimnissen, die sieben Jahrzehnte umfassen und die in detektivischer Spurensuche nach und nach aufgedeckt werden. Eine tief berührende Geschichte über die Suche nach der eigenen Identität, wie man sie sich für ein Spielfilmdrehbuch kaum besser hätte ausdenken können. Izak Szewelew icz kommt 1945 im Lager Bergen-Belsen zur Welt, wo nach Kriegsende heimatlose Zivilpersonen, sogenannte Displaced Persons, vorübergehend untergebracht wurden. Er wird als Nachkriegswaise zur Adoption nach Israel geschickt. Im Alter von zehn Jahren erfährt er erstmals von einem Schulfreund, was alle in seinem Umfeld zu wissen scheinen: Seine Eltern sind nicht seine leiblichen Eltern, er wurde als Kleinkind von ihnen adoptiert. Izak forscht nun auf eigene Faust weiter und findet heraus, dass seine leibliche Mutter Aida in Kanada lebt. Als er 13 ist, fährt er zu ihr. Zwischen den beiden entwickelt sich ein enges Verhältnis, aber Aida möchte nicht über die Vergangenheit sprechen. Jahrzehntelang belässt es Izak es dabei. Viel später, mit 68 Jahren, setzt sich Izak noch einmal intensiv mit seiner Herkunft auseinander und deckt mit Hilfe seiner Familie weitere Familiengeheimnisse auf, die sein Leben verändern sollten.

Sa., 14. Dez · 05:30-05:45 · PHOENIX
Vilnius – Spurensuche im Jerusalem des Nordens

Wenn man wissen will, wie die Sowjetunion auf dem jüdischen Erbe herum getrampelt hat, muss man mit Amit Belaite in Vilnius auf Spurensuche gehen. In allem liegt eine Wehmut und Sehnsucht, etwa wenn Amit durch das frühere Ghetto streift und in die Hinterhöfe schaut. Fast alle litauischen Juden starben, umgebracht von SS-Truppen und einheimischen Helfershelfern. Wenn man wissen will, wie die Sowjetunion auf dem jüdischen Erbe herumgetrampelt hat, muss man mit Amit Belaite auf Spurensuche gehen. Startpunkt ist der Sportpalast. Es ist eine Reise auf der Suche nach der verlorenen Zeit. „Und dein Vater hatte dich gewarnt?“ „Und mein Vater hat mich gewarnt: ‚Tritt nicht auf diese Stufen!‘ Und ich habe mich gefragt: Warum?“ Es gibt eine Generation deren Wissbegier größer ist als der Schmerz. Und es weht ein neuer Wind durch Vilnius: Jetzt werden die Steine gesammelt – und wieder etwas in Ordnung gebracht. Niemand soll mehr auf jüdischen Grabsteinen herumtreten. Vilnius ist eine Stadt der Denkmäler, und pflegt seine Heroen. Manche werden geehrt wie John Lennon, andere nicht erwähnt, obwohl sie oder ihre Ahnen von hier stammen: Man könnte sich fragen, warum Lennon von den Beatles, der nie hier war, so ein Denkmal kriegt, und andere wie Leonard Cohen und Bob Dylan, deren Wurzeln in Litauen liegen nicht vorkommen. Der Bürgermeister in seinem Büro, hoch über der Stadt, ist schon einen Schritt weiter. Er versucht ständig, Juden aus aller Welt zu einem Besuch in der alten Heimat zu überreden. Wir fragen: „Halb Hollywood stammt doch von hier. Und ihr früherer Kollege Michael Bloomberg – war er schon hier?“ In allem liegt eine Wehmut und Sehnsucht, etwa wenn Amit durch das frühere Ghetto streift und in die Hinterhöfe schaut. Fast alle litauischen Juden starben, umgebracht von SS-Truppen und einheimischen Helfershelfern:“Ich weiß nicht wer hier wohnte, vielleicht Deportierte oder Leute, die umgebracht wurden.“(Amit Belaite) Die Fotos auf der Hauptstraße des früheren Ghettos wurden zwischen den Ruinen gefunden, Szenen einer besseren Zeit: Man sieht glückliche Menschen – und keiner weiß, ob so ein Leben jemals wieder nach Vilnius zurückkehrt. Die einzige Synagoge, die noch in Gebrauch ist: Es reicht auch ein Gotteshaus, für die kleine jüdische Gemeinschaft. Während der Sowjetzeit überlebt es als Lagerhalle für Arzneien:“Vilnius trug den Beinamen ‚Jerusalem des Norden‘. Wir waren mal 250.000 Juden, fast jeder zweite Bewohner von Vilnius war Jude und wir hatten mehr als 100 Synagogen. Jetzt sind wir noch 2500 Leute in der Gemeinde. Wenn wir uns heute in der Siemens-Arena mit 10.000 Plätzen versammeln, dann sieht sie immer noch leer aus.“ (Simas Levinas, Vorsitzender der jüdischen religiösen Gemeinde Vilnius) Amit hat für sich einen Weg gefunden, ihre Familie zu vergrößern, die so klein geworden ist: Großvater und Großmutter waren die einzigen Familienmitglieder, die den Holocaust überlebten, so dachte sie jedenfalls. Sie blättert im Familienstammbaum. Dorf findet sie auch die Schwester ihres Großvaters, die, wie sie erst jetzt weiß, erst vor einem Jahr gestorben ist.

Sa., 14. Dez · 19:20-20:00 · 3sat
Geraubte Kunst

Geraubt, zerlegt und verkauft: Jüdische Kunstsammlungen – oft über Generationen zusammengetragenen – wurden nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland systematisch enteignet. Anhand ausgewählter Fälle zeigt die Dokumentation, wie der Kunstmarkt nach 1933 von der Zwangslange vieler jüdischer Sammler profitierte und vor welchen Schwierigkeiten die Provenienzforschung bei der Suche nach verlorenen Objekten bis heute steht. Die Dokumentation „Geraubte Kunst“ erzählt unter anderem das Schicksal der Sammlung von Ernst und Agathe Saulmann, die die jüdischen Textilunternehmer in ihrem Privathaus auf der Schwäbischen Alb, dem Erlenhof bei Reutlingen, einst zusammengetragen hatten. Nach ihrer Flucht ins Exil beauftragten sie ihren langjährigen Kunsthändler Julius Böhler mit dem Verkauf der Sammlung. Während Böhler von diesem und anderen Verkäufen jüdischer Sammlungen profitierte, gingen seine Einlieferer leer aus und wurden 1938 im französischen Konzentrationslager Gurs interniert. Nur wenige Objekte der Sammlung Saulmann konnten bis heute restituiert werden. Neben zahlreichen renommierten Provenienzforschern kommen in der Dokumentation auch der Saulmann-Erbe Felix de Marez Oyens zu Wort sowie der Enkel Julius Böhlers, der die Kunsthandlung seines Großvaters bis heute leitet und kürzlich das Firmen-Archiv zur Erforschung an das Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte übergeben hat. Ob sich durch die Digitalisierung dieser wertvollen Quelle weitere Hinweise zum Verbleib verschollener Werke finden lassen, bleibt abzuwarten. Redaktionshinweis: Über 70 Jahre nach Kriegsende ergeben sich heute durch die vorangetriebene weltweite Vernetzung von Archiven für Provenienzforscher ganz neue Möglichkeiten. Neben der Dokumentation „Geraubte Kunst“ wird es in der Digitalen Kunsthalle von ZDFKultur eine Ausstellung mit ausgewählten Objekten aus vier jüdischen Sammlungen geben, die alle derzeit mühsam rekonstruiert werden: Die bereits erwähnte Sammlung Saulmann aus Reutlingen, die Kunstsammlung Bleichröder aus Berlin, die Porzellansammlung der Familie Klemperer aus Dresden sowie die Bibliothek des Pianisten Arthur Rubinstein. Anhand von kurzen Filmen und interaktiven Medien werden die Objekte und die Geschichte hinter den Objekten anschaulich erfahrbar gemacht. In Kooperation mit vier renommierten deutschen Kultureinrichtungen – dem Frankfurter Städel, der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin – wurden die verzweigten Geschichten von einzelnen Kunstwerken, Sammlungen und Bibliotheken, die sich ursprünglich im Eigentum jüdischer Bürger befanden und inzwischen restituiert werden konnten, rekonstruiert und medial aufbereitet.

So., 15. Dez · 13:15-14:00 · BR
Gernstl in Israel 1/2

Tel Aviv ist nicht die Hauptstadt Israels, aber wirtschaftliches Zentrum und Kulturmetropole des Landes. Die Stadt ist jung, gerade mal 100 Jahre alt, und verfügt über ein architektonisches Erbe von rund 4.000 Gebäuden im Bauhausstil. Die Deutsch-Jüdin Sharon Golan Yaron kümmert sich um den Erhalt der Häuser. In der Fußgängerzone treffen Mickey Shubitz und Franz Gernstl einen älteren Herrn mit Rauschebart, Sonnenbrille und Schlapphut. Er erzählt, dass er ehemals Rock-Sänger in Brooklyn war, jetzt aber Mitglied der orthodoxen Chabad-Bewegung und als Rabbi tätig ist. Auf halbem Weg zum Toten Meer machen die Reisenden in der Wüste Negev Halt. Am Schild „Sea Level Zero“ sitzt seit 30 Jahren ein Beduine, der gelegentlich sein Kamel an Touristen vermietet und ansonsten das Leben ganz ohne Uhr oder Handy gemächlich angeht. Zurück in Tel Aviv besucht das Team Ronny Edry in seiner „Peace Factory“. Der Grafikdesigner hatte vor zwei Jahren fast versehentlich eine große Bewegung ins Leben gerufen, die „Israel Loves Iran“-Kampagne auf Facebook. Ein Ausflug ins Kibbuz Ein Shemer und ein Besuch bei Uri Hofi folgen. Er gilt als Begründer der israelischen Schmiedekunst, wobei er das Schmieden erst mit 59 Jahren begonnen hat. Mit inzwischen 79 Jahren hat er es zu beachtlichem Können gebracht. Wieder zurück in Tel Aviv am Drummer’s Beach endet der erste Teil der Reise. Jeden Freitag vor dem Shabbat treffen sich hier junge Israelis, um gemeinsam zu trommeln, zu tanzen und den Sonnenuntergang zu feiern.

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