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Ende der Zeitzeugenschaft?

Bald wird es keine lebenden Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der NS-Verbrechen mehr geben. Was bleibt, sind ihre Erinnerungen in Büchern, in historischen Filmdokumentationen, in Ausstellungen und Bildungsprojekten. Seit Neuestem begegnen uns Überlebende der NS-Zeit gar als Hologramme…

Eine Ausstellung des Jüdischen Museums Hohenems und der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, in Zusammenarbeit mit der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ)

10. November 2019 bis 13. April 2020
Jüdisches Museum Hohenems

Die Zeugnisse treten an die Stelle der Zeugen. Daher beschäftigt sich diese Ausstellung mit der Frage, wie mit dieser Erbschaft verantwortungsvoll umzugehen ist: Wie mit dem Vermächtnis, das die Überlebenden uns hinterlassen haben? Wie mit der Tatsache, dass wir den Erzählungen ebenso kritisch begegnen müssen wie allen anderen historischen Quellen?

Die Ausstellung nimmt unterschiedliche Aspekte erzählter Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden in den Blick: Wie kommen diese Zeugnisse zustande? Wie formt sich aus den Erinnerungen eine Erzählung und inwieweit werden sie (von Dritten) geformt? Wie werden Zeitzeugnisse seit den 1940er Jahren erstellt, gesammelt und bewahrt? Wie wird öffentlich von ihnen Gebrauch gemacht? Und wie gehen Museen und Gedenkstätten heute und in einer Zukunft, in der die Überlebenden nicht mehr selbst berichten können, mit diesen Zeugnissen um?

Eine gemachte Sache – das Zeitzeugengespräch

Nur selten kann man heute noch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der NS-Zeit als Vortragende erleben. Stattdessen häufen sich die Medienformate, in denen Interviews präsentiert werden oder abrufbar sind. Das Interview wird meist als ein ganzheitliches Produkt präsentiert. Die Entstehung einer solchen Produktion bleibt dabei verborgen.

Doch das Gespräch, das sich zwischen den Erzählenden und den geschulten Interviewern entwickelt, unterliegt eigenen dramaturgischen und kommunikativen Spielregeln. Die Erzählenden, aber auch die Fragenden haben ihre jeweils eigenen Vorstellungen: Erinnerungen werden bewusst verschwiegen oder betont, Fragen bleiben unbeantwortet oder werden verweigert. Das Zeitzeugen-Interview findet in einem wechselseitigen Erwartungshorizont „objektiver Informationen“ und „subjektiver Erfahrungen“ statt und gleicht einer Bühneninszenierung: Licht, Make-up, Bild und Ton, technisches Equipment.

In Dokumentarfilm-Sequenzen ist von der „Gemachtheit“ der Erzählungen kaum etwas zu spüren. Doch es gibt Störungen des Erzählens – die Momente technischer oder inhaltlicher Unterbrechungen -, die unwillentlich zeigen, dass ein Interview „gemacht“ ist. Diese Störungen erlauben einen Blick in die Inszenierung. Sie verraten oft mehr über Gesprächspartner, als das eigentlich Gesprochene.

Erzählformen der Erinnerung

Heute existieren hunderttausende aufgenommene Interviews mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen. Keine Erzählung gleicht der anderen, auch wenn sie sich immer wieder ähneln. Die Zeugnisse sind gefärbt von den Erlebnissen der Sprechenden und folgen keiner Chronologie. Vielmehr handelt es sich um assoziative Verknüpfungen erinnerter Fragmente, die als Geschichte immer wieder jede Logik durchbrechen, weil sie mal einem Erzählstrang folgen, mal von unerwarteten, emotionalen Momenten gebrochen sind oder durch neues, sekundäres Wissen angereichert werden.

Die Ausstellung blickt auf den Video-Sammlungsbestand an Zeitzeugnissen des Jüdischen Museum Hohenems und zeigt exemplarisch, wie das Erlebte, die Erinnerung an den Holocaust, seine Vor- und Nachgeschichte erzählerisch unterschiedlichen Ausdruck findet – in Form einer moralischen Aufforderung, als Heldengeschichte oder auch als scheinbar unstrukturierte Erzählung. Neun Ausschnitte verschiedener Interviews, die in Gesprächen mit Holocaust-Überlebenden entstanden sind, präsentieren einen Querschnitt durch Erzählweisen der Erinnerung.

Bild oben: Blick in die Ausstellung, Foto: Dietmar Walser

Weitere Informationen zu Ausstellung und Begleitprogramm:
https://www.jm-hohenems.at/