- haGalil - http://www.hagalil.com -

„…in Schanghai gab es keine Zukunft für uns“

Vor 70 Jahren verließen jüdischen Flüchtlinge die chinesische Stadt…

Von Jim G. Tobias

„Die chinesischen Kommunisten standen vor der Tür.“ Lebhaft erinnerte sich der im September 2014 verstorbene Alf Schneider im Gespräch mit dem Autor an das Frühjahr 1949. „Es hatte keinen Sinn mehr zu warten; jeder Ort auf der Welt wäre besser als Schanghai.“ Alf (Adolf) Schneider wurde 1926 als jüngster Sohn des Kaufmanns Simon Schneider und seiner Frau Sally geboren. Die Eltern führten in Wien ein gutgehendes Schuhgeschäft. Doch mit dem „Anschluss“ Österreichs endete die bürgerliche Existenz der jüdischen Familie: Obwohl Simon Schneider im Ersten Weltkrieg als Soldat für Österreich-Ungarn gekämpft hatte, entzogen ihm die Nationalsozialisten die Staatsbürgerschaft. Er musste das Land verlassen und fand Aufnahme in Schanghai. Simon hatte Glück, da er noch über finanzielle Mittel verfügte, die es ihm ermöglichten, ein Haus zu erwerben und sich eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Seiner Ehefrau Sally und den beiden Söhne Georg und Adolf gelang es im Februar 1941 ebenfalls, nach Schanghai zu emigrieren.

Simon, Sally, Adolf und Georg Schneider (v.r.n.l.) vor ihrem Geschäft in Wien. Repro: nurinst-archiv (Sammlung Yola & Alf Schneider)

Die chinesische Hafenstadt war ab 1938 Zufluchtsstätte für rund 20.000 jüdische Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich. Sie war weltweit der einzige Ort, an dem Emigranten sich ohne ein Visum niederlassen konnten. Während der Kolonialzeit war die Stadt in eine chinesische, französische und internationale Zone unterteilt; ab 1941 wurde Schanghai von den Japanern besetzt – und der Zuzug von jüdischen Flüchtlingen unterbunden.

Schon vor Ankunft der europäischen Juden bestanden in Schanghai jüdische Gemeinden. Mit ihrer Unterstützung sowie der Hilfe vonseiten der jüdisch-amerikanischen Hilfsorganisation American Jewish Joint Distribution Committee, wurden Unterkünfte für die vielen mittellosen Flüchtlinge bereitgestellt. Einigen Wenigen gelang es, sich zu etablieren und erfolgreiche Unternehmen zu gründen, wie etwa Alfs Onkeln mütterlicherseits, Ignatz und Bernhard Horowitz, die eine Weberei und ein Kaffeehaus ihr Eigen nannten. In der Textilfabrik fanden auch Alf und sein Vater Simon Arbeit, während Bruder Georg in einem Laden beschäftigt war.

Trotz großer Schwierigkeiten – Armut und Enge waren nicht zu übersehen – entwickelte sich in Schanghai ein reiches soziales, religiöses und kulturelles Leben: Es gab Synagogen, Schulen, Zeitungen, politische Organisationen und eine Jeschiwa. Als der Krieg im Pazifik begann, verschlechterten sich die Lebensbedingungen jäh, da die Japaner nun ein Ghetto errichteten, in das alle Juden umsiedeln mussten. Allerdings existierte weder eine Mauer noch eine Umzäunung, doch war zum Verlassen des „Sperrbezirks“ ein Passierschein nötig. Nachdem die Japaner im August 1945 kapituliert hatten, zogen US-Truppen in Schanghai ein.

Nun setzte das große Kofferpacken ein; manche Juden versuchten in ihre Heimat zurückzukehren, die meisten sahen ihre Zukunft jedoch in den USA, Kanada oder Australien. Gleichwohl mussten sie noch jahrelang ausharren. Erst als der Staat Israel gegründet worden war und die klassischen Emigrationsländer ihre Einwanderungspolitik liberalisierten, konnten die Juden Schanghai den Rücken kehren. „Nach dem Krieg hatten wir zwei Möglichkeiten: Amerika oder Australien“, berichtete Alf Schneider: „Da meine Mutter in Polen geboren war, und die polnische Quote für die USA schon voll war, kam für uns nur noch Australien in Betracht.“ Seine beide Onkel Ignatz und Bernhard Horowitz hatten mehr Glück – sie ergatterten ein Visum für die USA. Anfang 1949 war es dann für die Familie Schneider so weit. Die australische Regierung erlaubte Alf, Georg und Mutter Sally die Einwanderung. Vater Simon war bereits im Dezember 1944 an der tropischen Ruhr verstorben; er liegt in Schanghai begraben.

Als die Kommunisten unter Mao-Tse-Tung die Macht in China übernommen hatten und ihre Truppen vor der Stadt standen, begann der finale Exodus. „Wir hatten Glück, freute sich Alf noch ein halbes Jahrhundert später, „denn nachdem wir unsere Papiere erhalten hatten, fuhr auch gleich ein Frachtschiff in Richtung Australien los. Innerhalb von 24 Stunden waren wir an Bord.“ Die Schneiders kamen im Februar 1949 im Hafen von Gladstone (Queensland) an und fuhren mit dem Zug weiter nach Sydney. „Endlich hatten wir einen sicheren Zufluchtsort. Ich war sehr glücklich, hierher zu kommen“, berichtete Alf Schneider freudestrahlend. „Denn in Schanghai gab es keine Zukunft für uns.“ Die letzten Juden, zumeist Alte und Kranke, verließen Schanghai im Herbst 1950, sie wurden mit Schiffen der „International Refugee Organization“ nach Israel gebracht.

Eine gekürzte Version erschien unter dem Titel „Kofferpacken nach dem Exil“ am 11.06.2019 in der Jüdischen Allgemeinen.

Bild oben: Alf Schneider (3.v.r.) vor der Textilfabrik seiner Onkel in Schanghai.  Repro: nurinst-archiv (Sammlung Yola & Alf Schneider)