Mit Nefesch und Ruach

Martin Schubert verbindet chassidische Weisheiten mit Yoga und Meditation…

Aufgezeichnet von Gerhard Haase-Hindenberg
Zuerst erschienen in: Jüdische Allgemeine v. 26.10.2019

Mit 40 Jahren bin ich nun in einem Alter, in dem ich, wie es heißt, Kabbala lernen könnte, ohne verrückt zu werden. Allerdings habe ich schon vorher angefangen – nicht nur mit der Kabbala. Es müssen andere beurteilen, ob ich verrückt bin.

Geboren wurde ich 1979 in Bonn, wo mein Vater im Bundesjustizministerium arbeitete. Ursprünglich aber waren meine Eltern beide aus Berlin, wenngleich meine Mutter während des Krieges in Shanghai geboren wurde. Ihre Eltern hatten bis 1939 ein Hutgeschäft auf dem Kurfürstendamm. Ihnen war nach der Pogromnacht klar geworden, dass es in Deutschland keine Zukunft für sie gibt.

Nach Maos Machtübernahme hat die Familie China verlassen und ist nach Jerusalem gegangen, von wo aus sie vier Jahre später in ihre Heimatstadt Berlin zurückgekehrt ist. Meine Großeltern waren wohl nicht allzu sehr vom zionistischen Pioniergeist inspiriert.

Mein Vater wurde 1944 in Graslitz geboren, das im heutigen Tschechien liegt. Er war kein Jude, allerdings hatte der Großvater meines Vaters, also mein Urgroßvater, nach dem Krieg eine jüdische Freundin. Sie muss – wie mir mein Vater erzählte – ein intellektueller Hannah-Arendt-Typ gewesen sein. Sie hat ihm viele Bücher geschenkt und eine sehr innige Beziehung zu ihm gehabt.

In den frühen 70er-Jahren hat er sich dann in meine Mutter verliebt, ohne am Judentum sonderlich interessiert zu sein. Er war in die SPD eingetreten und der Meinung, dass wir die Religionen bald hinter uns lassen würden.

Dennoch schickte man mich und eine von meinen beiden älteren Schwestern zur Jüdischen Gemeinde in Bonn zum Religionsunterricht. Meine Mutter sprach auch an jedem Freitagabend den Segen über die Kerzen, das Brot und den Wein, aber es gab bei uns auch einen Weihnachtsbaum.

Nun bin ich als Kind nicht beschnitten worden. Ich habe das im Alter von 13 Jahren von mir aus nachgeholt, obgleich ich keine Barmizwa hatte. In dieser Zeit war ich von drei Mitschülern antisemitisch beleidigt worden. Sie mussten damals die Schule verlassen.

Kurze Zeit darauf habe ich mit meinem Vater in einem Londoner Theater Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat gesehen. Dieses Musical basiert auf der biblischen Geschichte von Josef in Ägypten. Ich konnte mich noch an die Religionsstunden erinnern, als wir darüber sprachen.

Nun also hatte ich beschlossen, mich beschneiden zu lassen, was ein jüdischer Arzt in Bonn machte. Ob letztlich der antisemitische Vorfall der Auslöser war oder das Musical, vermag ich nicht zu sagen.

Dennoch verspürte ich keine nennenswerte emotionale Verbindung mit dem Judentum – bis ich als Austauschschüler nach Boston in eine reformjüdische Familie kam. Zum ersten Mal erlebte ich ein positives Judentum, wo man nicht nur wegen der Vergangenheit trauerte. Die Juden in Boston waren gut drauf, und ich hatte plötzlich einen jüdischen Freundeskreis.

Im Jahr 1999 ist unsere Familie nach Berlin umgezogen – zeitgleich mit der Regierung. Leider starb mein Vater kurze Zeit später. Sein letztes Geschenk an mich war der Roman Siddhartha von Hermann Hesse. Als ich das Buch nach seinem Tod las, fand ich eine innere Ruhe.

Die Metapher von dem Fluss, der gleich bleibt, obwohl es immer andere Tropfen sind, hat mir in der damaligen Situation Stärke gegeben. Fortan habe ich mich sehr viel mit der spirituellen Seite der verschiedenen Religionen beschäftigt. Vorübergehend war ich sogar für evangelische Theologie an der Uni eingeschrieben. Nur aus reinem Interesse, denn ich wollte ja kein Pfarrer werden.

Nach dem 11. September 2001 habe ich auch Kurse in Islamkunde belegt und bin dadurch auf die Idee des Pilgerns gekommen. Da mir keine jüdische Pilgerroute bekannt war, bin ich den Jakobsweg gelaufen. Bis dahin hatte ich mal diesen und mal jenen Job gemacht.

Nach dem Pilgern bin ich zum Journalismus gekommen, als einer meiner Freunde die Online-Plattform »Planet Interview« gründete. Er kannte meinen jüdischen Hintergrund und fragte mich, ob ich den Schriftsteller Maxim Biller interviewen möchte. Nun hatte ich von meinem Vater als höchste Werte im Leben das Lesen und die Natur mit auf den Weg bekommen. Also las ich alles von Maxim Biller und habe ihn dann interviewt.

Fortan habe ich regelmäßig Interviews geführt – überwiegend mit jüdischen Gesprächspartnern. Besonders beeindruckt hat mich das Interview mit Matisyahu, einem Sänger aus den USA. Er repräsentiert die Verbindung zwischen einem relaxten Lebensstil, wie auch ich ihn damals pflegte, und dem traditionell jüdischen. Durch ihn bin ich auf den Neo-Chassidismus gestoßen, den er mit Reggae verbindet.

Zu Rosch Haschana war ich dann erstmals bei Chabad und machte dort allerdings nicht die Hippie-Erfahrung, die ich erwartet hatte. Trotzdem bin ich in dieser Zeit religiöser geworden, habe Tefillin gelegt und das Morgengebet gesprochen, Schabbat gehalten und mich koscher ernährt. Ein Suchender bin ich auch schon auf dem Jakobsweg gewesen, plötzlich aber entdeckte ich, dass das auch innerhalb des Judentums möglich ist.

Mein Weg führte mich schließlich für ein Jahr nach Paideia in Schweden ans »Europäische Institut für Jüdische Studien«. Das ist eine Art säkulare Jeschiwa, wo man vom Talmud bis zu moderner jüdischer Literatur eine Menge lernt. Es war für mich unglaublich, dass man mir ein Stipendium gibt, um ein Jahr lang lesen und diskutieren zu können.

Schon in der ersten Woche habe ich dort meine jetzige Frau Alisa kennengelernt. Sie kam ursprünglich aus der Ukraine, hat aber einige Jahre in Israel gelebt. Nach diesem Jahr stand die Frage im Raum, wohin wir gemeinsam gehen. Wir erfuhren von der Lauder Business School in Wien, die von Chabad geführt wird. Auch dort konnte man ein Stipendium bekommen, und gemeinsam studierten wir drei Jahre lang Marketing.

Während eines Konzerts von Leonard Cohen habe ich Alisa zur Melodie von »I’m Your Man« den Heiratsantrag gemacht. Unmittelbar danach sang er »Halleluja«. Allerdings wollten wir keinen klassischen Honeymoon veranstalten, sondern eher ein wenig Tikkun Olam machen, also etwas für die Welt tun.

Wir hatten schon von »Tevel b’Tzedek« gehört, einer israelischen NGO, die in Nepal aktiv ist. Wir fanden es toll, dass man auf der einen Seite etwas Gutes tun konnte und es auf der anderen Seite ein Projekt mit jüdischem Hintergrund ist. Alisa hat in Nepal mit Frauen und Kindern gearbeitet, weil sie in diesem Bereich schon Erfahrungen hatte. Ich habe in der Schule Englisch unterrichtet, und alle arbeiteten auch auf dem Feld.

In dem Dorf, in dem wir waren, bekannten sich die Menschen zum tibetischen Buddhismus, bei dem ich Ähnlichkeiten zum Judentum entdeckte – etwa die Idee der fünf Elemente, die im Chassidismus die fünf Ebenen der Seele sind. Ich war mit dem Sohn des lokalen Lamas befreundet, und er hat mich in die tibetische Meditation eingeführt. Alisa erlernte beim Thangka-Lehrer das Malen von Mandalas.

Als wir nach Deutschland zurückkamen, haben wir angefangen, Kurse zu geben. Um zusätzlich das Geld für eine Yogalehrer-Ausbildung zu verdienen, hatte ich einen Marketing-Job bei einem VW-Kundendienst angenommen.

Nun arbeite ich schon seit einigen Jahren als Meditations- und Yogalehrer. Damit werde ich nicht reich, aber nach jeder Session bin ich innerlich so sehr erfüllt, dass ich nie wieder etwas anderes machen möchte. Aus mir ist also kein orthodoxer Jude geworden, und doch habe ich vieles von dem beibehalten, was ich auf meinem Weg gelernt habe. Etwa die Idee von Kaschrut, also einem Bewusstsein für das, was ich esse. Und bei den täglichen Meditationen richte ich mich nach den halachischen Zeiten.

Wenn ich mich heute als einen Pionier des »Jüdischen Yoga« empfinde, dann nicht, weil ich versuche, mit meinem Körper hebräische Buchstaben nachzuempfinden. So etwas wird mancherorts angeboten, aber ich sehe das nicht als authentisch an.

Was ich aber als authentisch empfinde, ist die Beschäftigung mit den fünf Ebenen der Seele, wie wir es aus den chassidischen Schriften kennen. Dabei ist Nefesch das Körperliche und Ruach das Energetische im Atem – und das baue ich als Elemente in die Meditationen ein. Damit kehre ich demnächst auch örtlich zum Judentum zurück. Und in der Synagoge Fraenkelufer werde ich demnächst vor Kabbalat Schabbat eine einstündige Meditation leiten.

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