Unerklärte Kriege gegen Israel

Es gab erklärte, aber auch unerklärte Kriege gegen Israel. Die DDR führte einen solchen im letztgenannten Sinne. Das veranschaulicht der US-amerikanische Historiker Jeffrey Herf, der als Professor an der University of Maryland lehrt. Sein Buch zum Thema trägt denn auch den Titel „Unerklärte Kriege gegen Israel. Die DDR und die westdeutsche radikale Linke“…

Von Armin Pfahl-Traughber

Die Formulierungen irritieren zunächst. Es war ja nun nicht so, dass die DDR-„Nationale Volksarmee“ den Staat Israel angriff. Und die Formulierung „radikale Linke“ trifft das Gemeinte auch nicht. Insofern muss hier zunächst eine Erläuterung erfolgen: Die DDR positionierte sich nicht nur außenpolitisch im Kalten Krieg gegen Israel, sie lieferte auch Waffen an die Gegner des Staates. Und mit der Formulierung „radikale Linke“ sind eigentlich linksterroristische Gruppen wie die „Rote Armee Fraktion“ und die „Revolutionären Zellen“ gemeint, kooperierten diese doch mit palästinensischen Terroristen.

Mit dieser begrifflichen und inhaltlichen Erläuterung ist auch schon der Rahmen für dieses geschichtswissenschaftliche Werk abgesteckt. Der Autor konnte aus den mittlerweile zugänglichen Unterlagen des SED-Staates viele interessante Quellen aufarbeiten, welche eine bedeutsame Grundlage für seine umfassende Studie bildeten. Deren Thema beschrieb der Verfasser wie folgt: „Dieses Buch ist eine Geschichte der antiisraelischen Politik und Aktivität des ostdeutschen Staates und der westdeutschen linksextremen Organisationen. Es untersucht die Übertragung einer antizionistischen, bisweilen antisemitischen Ideologie in die politische Strategie, Krieg und Terrorakte zu unterstützen, die sich gegen den Staat Israel und seine Bürger richteten, sprich: in politische Maßnahmen, die Juden tatsächlich Schaden zufügen“ (S. 16). All dies macht der Autor in seiner historisch-chronologisch ausgerichteten Darstellung anhand von vielen Detailinformationen anschaulich deutlich:

Er beginnt 1967 mit einer Rede von Walter Ulbricht zum Thema und der Rolle des DDR-Verteidigungsministers Heinz Hoffmann, wobei erstmals auf die Militärhilfe durch Waffenlieferungen verwiesen wird. Diese gingen an die israelfeindlichen Mächte der Region. Auch wird hier schon auf terroristische Anschläge hingewiesen. Beides spielt in den folgenden Kapiteln immer wieder eine wichtige Rolle. Die Kooperation der DDR mit dem Irak oder Syrien, aber auch mit der PLO oder der PFLP stehen dabei im Zentrum. Der andere Blick fällt dabei darauf, dass bundesdeutsche Linksterroristen mit palästinensischen Terroristen eng kooperierten. Die Flugzeugentführungen nach Entebbe 1976 und nach Mogadischu 1977 sind nur die heute noch bekanntesten und gravierendsten Vorfälle dazu.  Dies alles belegt durch die zahlreichen Beispiele, dass die DDR über verbale Feindseligkeiten hinaus den „Krieg gegen Israel … auch militärisch unterstützte“ (S. 481).

Herf ist durch und durch Historiker. Er listet ein Detail nach dem anderen auf, alles sorgfältig durch historische Quellen belegt. Dabei gehen mitunter Analysen und Einschätzungen etwas verloren. Derartiges findet man dann erst wieder im Schlusswort. Durch sein ganzes Buch zieht sich auch die folgende Feststellung: „Eine besonders bittere Ironie des kommunistischen und linksradikalen Krieges gegen Israel lag darin, dass seine Fürsprecher ihn häufig als einen zweiten Krieg gegen den Faschismus präsentierten, dieses Mal gegen den jüdischen Staat“ (S. 481). Der Autor nimmt indessen eine differenzierte Einschätzung zu den Ursachen vor. So heißt es bereits zu Beginn: „ … der ideologische Kern der antiisraelischen Wende lag im Marxismus-Leninismus und dem damit assoziierten linken Antiimperialismus der 1960er Jahre“ (S. 21). Dies schloss antisemitische Konsequenzen nicht aus. Auf diese Problematik aufmerksam gemacht zu haben, ist ein anerkennenswertes Verdienst.

Jeffrey Herf, Unerklärte Kriege gegen Israel. Die DDR und die westdeutsche radikale Linke 1967-1989, Göttingen 2019 (Wallstein-Verlag), 520 S., 39 Euro, Bestellen?

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