„Den Mut nicht verlieren“

Ein Gespräch mit Michaela Engelmeier, die für den Bundesvorsitz der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) kandidiert…

Das Gespräch führte Roland Kaufhold

Roland Kaufhold: Jährlich findet in Berlin der antisemitische Al-Quds-Tag statt. Soeben gab es eine weitere vulgär antisemitische Kundgebung in Berlin. Dort sollten sogar zwei ausgewiesen antisemitische Rapper auftreten. Was kann die Politik gegen diese Form des Hasses machen?

Michaela Engelmeier: Der Kampf gegen Extremismus ist eine zentrale Aufgabe aller Demokratinnen und Demokraten. Meinungsfreiheit und Demonstrationsrecht sind das Wesen unserer Demokratie. Wir dürfen aber nicht zulassen, dass diese missbraucht werden. Wer die Versammlungsfreiheit nutzt, um Gewaltexzesse aufzuführen, darf keine Toleranz erwarten. Deshalb würde ich für ein Verbot dieser antisemitischen Hassveranstaltungen plädieren, wohlwissend, dass Verbote alleine nicht reichen, um Radikalisierungstendenzen nachhaltig zu bekämpfen. Besonders verlässliche Strukturen vor Ort und die Etablierung einer langfristigen Finanzierung von Initiativen gegen Gewalt sind unabdingbar im Kampf gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit.

Du warst selbst Wettkampfsportlerin. Dann warst Du vier Jahre lang im Bundestag als Abgeordnete der SPD. Du hast Dich immer in sehr wahrnehmbarer Weise gegen Neonazis und gegen Antisemitismus engagiert. Hat sich die Situation in Deutschland verändert?

Ja, die Situation in Deutschland hat sich verändert. Eine neofaschistische/rechtsextreme Partei sitzt im Bundestag und versucht jeden Tag die parlamentarische Demokratie verächtlich zu machen, das Land zu spalten und eine Klima der Angst und des Hasses auf andere zu schüren. Das politische Diskussionsklima ist vergiftet, man kann nicht mehr gut mit den Menschen bei konträren Ansichten diskutieren. Die sogenannten sozialen Netzwerke entwickeln sich immer mehr zu asozialen Netzwerken. Es hat den Anschein, dass Deutschland ist zu einem Kaltland geworden ist. Antisemitismus, Rassismus, Homophobie, Ausgrenzung, Menschenfeindlichkeit haben Hochkonjunktur, sind öffentlich, werden nicht mehr versteckt.

Du bist kürzlich nach Berlin gegangen, arbeitest als Hauptstadtbüroleiterin von Makkabi Deutschland. Was ist der Schwerpunkt Deiner und Eurer Arbeit?

Ich repräsentiere den jüdischen Turn-und Sportverband MAKKABI Deutschland in der Hauptstadt Berlin. Ich denke, es ist wichtig, hier in Berlin zu sein, um vor Ort Kontakt zu den Sportpolitikern und zum Innenministerium knüpfen zu können. Von hier aus lässt sich jüdisches Leben, und dazu gehört ja Makkabi ganz wesentlich, unterstützen. Ich bin ziemlich stolz darauf, mitmachen zu dürfen. Ich versuche, das lebendige jüdische Leben noch ein bisschen bekannter zu machen, indem ich meine Kontakte, die ich ja noch als ehemalige Bundestagsabgeordnete habe, dafür nutze.

Makkabi zeichnet etwas ganz besonders aus, nämlich dass es unheimlich breit aufgestellt ist. Hier sind jüdische, muslimische und christliche Sportler engagiert und trainieren zusammen. Makkabi heißt Integration und Inklusion, und das finde ich gerade in unserer Zeit sehr wichtig. Ich möchte einfach zeigen, dass das, was Makkabi macht, ungeheuer förderungswürdig ist.

Das mag zwar etwas platt klingen, aber es geht mir wirklich darum, lebendiges jüdisches Leben, das Viele vielleicht noch nicht kennen, zu fördern und dem Antisemitismus entgegenzusteuern.

Ich arbeite in den Bundestags-Sitzungswochen, mache viele Termine, um mit Abgeordneten aus allen demokratischen Bundestagsparteien zu sprechen, ihnen von Makkabi zu erzählen und, ja, auch Aufklärungsarbeit zu leisten. Ich will ihnen zeigen, wo überall Antisemitismus vorkommt. Ich möchte zeigen, was Makkabi ist, aber auch, wie wichtig der Verband in unserer sportpolitischen Landschaft und im Kampf gegen Rassismus und Judenhass ist. Hierbei möchte ich auch die Kommunikation zwischen den Ministerien und dort besonders dem Innenministerium und Makkabi stärken.

Du warst früher Judokämpferin, warst u.a. Vizepräsidentin des Deutschen Judo Bundes und bist seit 3,5 Jahren Vizepräsidentin des Landessportbundes NRW. Immer wieder kommt es bei Sportwettkämpfen vor, auch im Judo, vor, dass sich Sportler aus arabischen Ländern weigern, gegen israelische Sportler anzutreten. Offenkundig folgen sie hierbei politischen Anweisungen. Was muss konkret geschehen, um eine solche antisemitische Instrumentalisierung des Sports zu verhindern? 

Der Landessportbund NRW ist die größte gesellschaftliche Gruppierung in NRW, mit 5 Millionen Mitglieder. In diesem Rahmen setze ich mich mit vielen Freunden dafür ein, dass Rassismus und Antisemitismus keinen Platz im Sport haben.

Wenn Sportlerinnen und Sportler in dieser Weise politisch instrumentalisiert werden müssen sie sofort disqualifiziert werden; das gilt auch für Länder, die dies versuchen. Sie müssen von Sportveranstaltungen ausgeschlossen werden. Die Olympiccharta muss durchgesetzt werden. Die internationale Judo Förderation , IJF, hat vorgemacht, wie man auf diese Diskriminierung reagieren muss.

Immer wieder kommt es im Sport zu antisemitischen Übergriffen, gerade auch im Fußball. In Köln-Nippes wurden Spieler von Makkabi Köln im Oktober 2015 in primitivster Weise von Gegnern antisemitisch beleidigt. Immerhin: Die Verantwortlichen des Vereins ESV Olympia zogen ernste Konsequenzen für die Täter, der Verein musste eine kleine Geldbuße zahlen, der Kapitän der Mannschaft von ESV Olympia wurde für sechs Wochen gesperrt. Geschieht genug gegen antisemitische Übergriffe und Beleidigungen im Fußball? Was wären konkrete Maßnahmen gegen diese Form des Hasses?

Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut in unserer Gesellschaft. Doch kann sie nicht dazu dienen, rassistische und antisemitische Äußerungen auf Sportplätzen zu rechtfertigen. Es gibt keinen (Sport-)Platz für Rassismus und Antisemitismus in Deutschland, darum fordere ich einen Aufstand der Anständigen, nicht nur im Sport. Es bedarf einer gemeinsamen Kraftanstrengung, um den menschenverachtenden Tendenzen entgegenzuwirken. Das bedeutet auch, dass die aktiven Sportler, die Funktionäre und allen voran die Trainer und Übungsleiter ihre Vorbildfunktion verantwortlich wahrnehmen müssen.

Die Strafen müssen drastisch verschärft werden! Vereine, die in derart gravierender Weise unsportlich agieren müssen aus der Liga ausgeschlossen , die verantwortlichen Sportler müssen mindestens zwei Jahre gesperrt werden.

„Dummheit oder Hass? Antisemitismus im Sport“ lautete im Oktober 2018 eine prominent besetzte Diskussionsveranstaltung im Kölner Sport- und Olympiamuseum. Volker Beck führte dort aus, dass der sogenannte „Antizionismus“ ein „Brandbeschleuniger für antisemitische Angriffe“ sei. Hat sich die Situation in den letzten Jahren verschlimmert? Welche Regelungen und Initiativen sollten ergriffen werde?

Wir müssen die Olympic Charta konsequent durchsetzen und internationale Sportverbände, die ihre Athletinnen und Athleten instrumentalisieren und israelische Athleten boykottieren, von internationalen Sportveranstaltungen ausschließen.

Wir haben gehört, dass du, mit Deiner langjährigen Erfahrungen, nun als Bundesvorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) kandidierst. Damit wärst Du die erste Frau, die das Amt übernimmt. Eigentlich sehr erstaunlich, dass das so lange gedauert hat. Was wären deine inhaltlichen Schwerpunkte?

Als Präsidentin der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) will ich alles in meiner Kraft Stehende tun, um unsere besondere deutsche Verantwortung gegenüber Israel noch stärker in das öffentliche Bewusstsein zu tragen. Dazu bedarf es einer intensiven Kommunikation nach Innen und Außen sowie einer professionellen Medienarbeit. Gerade als DIG stehen wir in der Verpflichtung, die einzigartigen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland immer wieder neu mit Leben zu füllen. Als Präsidentin möchte ich dazu beitragen, gemeinsam mit befreundeten Organisationen die bestehenden zivilgesellschaftlichen Beziehungen zu vertiefen und neue Brücken zu bauen. Ich möchte meine Netzwerke, Verbindungen und Kontakte zu Ministerien, nutzen, um der DIG wieder eine laute und öffentliche Stimme zu geben und möchte gerne die gemeinsame Arbeit mit unseren Arbeitsgemeinschaften intensivieren.

Soeben wurde in Israel und in Deutschland Rosh Hashannah gefeiert. Wir sind nun ja schon im Jahr 5780. Was wünschst Du Dir besonders?

Ich wünsche mir, dass die Menschen in Israel aber auch überall auf der Welt zuversichtlich bleiben, den Mut nicht verlieren und sich gegen jede Form von Extremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus positionieren. Ich wünschte mir, dass sich mehr Menschen mit dem Thema Israel auseinandersetzen würden. Letztendlich ist Aufklärung und das Wissen um die Geschichte der Juden – besonders auch vor dem Hintergrund unserer eigenen deutschen Vergangenheit – die beste Waffe gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus.

Aus dem Archiv:
Morddrohungen gegen SPD-Politikerin
Die bisherige SPD-Bundestagsabgeordnete Michaela Engelmeier musste sich in den vergangenen Monaten mehrfach an den Staatsschutz wenden. Nun hat sie vor dem organisierten Hass resigniert und ihre Facebook-Seite geschlossen…

Kommentar verfassen