Der Tunnel

Abraham B. Yehoshuas neuer Roman ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem Altern und eine große Hommage an die Liebe…

Von Andrea Livnat

Knapp 60 Jahre war A.B. Yehoshua, der neben Amos Oz und David Grossmann zu den drei großen linken Schriftstellern Israels zählt, mit seiner Frau Ika verheiratet. Die Psychoanalytikerin starb 2016. Ein ganzes Leben zusammen, drei Kinder und sieben Enkel, ein Verlust, den man am Besten mit dem hebräischen Wort „chalal“ beschreiben kann, eine Leerstelle, ein leerer Ort, der sich in der Seele auftut, wie Jehoshua in einem Interview sagte. Sein letztes Buch, Der Tunnel, das nun in deutscher Übersetzung vorliegt, hat sie nicht mehr lesen können. Wie immer hatte Jehoshua ihr die ersten 70 Seiten zum Lesen gegeben und war nach ihrem positiven Bescheid mit dem Schreiben fortgefahren. Das Ende, das so prophetisch ist, hat sie nicht mehr erlebt. Das Buch ist Ika gewidmet, mit dem Zusatz „unendliche Liebe“.

Eine lange und glückliche Ehe ist auch die Grundlage des Romans. Zwi Luria, ein pensionierter Straßenbauingenieur, hat plötzlich Schwierigkeiten mit der Erinnerung. Es sind die kleinen Versehen im Alltag, die die Alarmglocken schrillen lassen. Mal holt er fast ein falsches Kind anstatt seinem Enkel aus dem Kindergarten ab, an dessen Vornamen er sich nicht mehr erinnern kann, mal kauft er doppelt und dreifach Tomaten ein, was dazu führt, dass wochenlang Schakschuka gekocht wird. Mit seiner Frau Dina, die selbst eine angesehene Kinderärztin ist, findet er sich zu einem Termin beim Neurologen ein. Und tatsächlich zeigt die Kernspin-Aufnahme eine kleine Veränderungen in seinem Gehirn. Einen dunklen Schatten. Um diesen zu bekämpfen, schlägt der Neurologe nicht nur vor, das Ehepaar möge auch in Zukunft der körperlichen Liebe nicht abgeneigt sein, sondern empfiehlt, dass Luria sich beschäftigen müsse. Und so kommt es, dass Luria einem jungen Ingenieur als unbezahlter Assistent zur Seite gestellt wird und helfen soll, eine Armeestraße im Ramon Krater im Süden des Landes zu planen.

Jehoshua zeigt die fortschreitende Demenz aus Lurias Perspektive als unberechenbar. Immer wieder bringt sie ihn dazu, sich um Kopf und Kragen zu reden. Etwa wenn er dem Freund seines Enkels einen Vater verspricht, obwohl er ein Samenbank-Kind ist. Oder in einer Polizeikontrolle, was zum Verlust des Führerscheins führt. Die Liebe zu Dina, die Vertrautheit des Paares und die Gewissheit um die Beständigkeit dieser Verbindung bilden dabei den Drehpunkt.

A.B.Jehoshua wäre nicht er selbst, hätte die Geschichte nicht auch eine politische Komponente. Und so soll Zwi vor allem dabei helfen, eine Lösung zu finden, um einer identitätslosen Familie, einer palästinensischen identitätslosen Familie, zu helfen. Sie lebt versteckt auf einem Hügel, der der geplanten Straße im Weg ist. Das führt schließlich zur Planung des Tunnels, der dem Roman seinen Titel gegeben hat. Ein Tunnel, der sich am Ende als deutlich mehr, als nur eine straßenbauliche Lösung herausstellt.

„Der Tunnel“ ist aber weder eine politische Geschichte, noch ein Roman zu Demenz. Es ist vor allem eine große Liebesgeschichte, die nur jemand schreiben konnte, der eine solche jahrzehntelange Liebe erleben durfte.

Abraham B. Yehoshua, Der Tunnel, Nagel & Kimche Verlag 2019, 368 S., Euro 24,00, Bestellen?

Abraham B. Yehoshua kommt im November nach Deutschland und in die Schweiz, um seinen neuen Roman „Der Tunnel“ vorzustellen. Er ist am 17. November im Literaturhaus München, am 18. November im Literarischen Colloquium Berlin, am 19. November im Literaturhaus Zürich, am 20. November im Literaturhaus Stuttgart und am 21. November im Jüdischen Salon am Grindel in Hamburg zu erleben.

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