15 Jahre JCOM

Jewish Chamber Orchestra Munich stellt in München die Jubiläumssaison 2019/20 vor…

Das Jewish Chamber Orchestra Munich feiert in dieser Saison sein 15-jähriges Jubiläum: 2005 gründete Daniel Grossmann das JCOM, damals noch Orchester Jakobsplatz München (OJM), und schaffte mit seinen Visionen, seiner Energie und Aufgeschlossenheit gegenüber jedem Experiment etwas Einzigartiges: Eine vielseitige, zeitgenössische jüdische Stimme. Trotz seines Interesses an vergessenen jüdischen KomponistInnen richtet das JCOM seinen Blick nicht auf die Vergangenheit, sondern auf das Hier und Jetzt. „Es geht nicht darum, das tragische Schicksal der Komponisten zu beweinen. Es geht mir um die Frage: Wer war dieser Mensch, was hatte er für ein Verhältnis zum Judentum, was hat er geschaffen, abseits davon, dass er ein Opfer des Holocausts oder von Pogromen war“, so Daniel Grossmann. Wie im Fall von Mieczysław Weinberg (1919-1996), dessen umfangreiches Schaffen und „grandiose Musiksprache“ (Deutschlandfunk) das Orchester schon mit einem Konzert im Jahr 2012 in die öffentliche Wahrnehmung rückte. Im Mai 2019 widmete das Kammerorchester dem Komponisten ein ganzes Festival, in dessen Zentrum die szenische Aufführung von Weinbergs äußerst selten aufgeführter Oper »Lady Magnesia« stand.

Auch in der Jubiläumssaison 2019/20 ehrt das Orchester Weinberg mit einem Festkonzert: Anlässlich seines 100. Geburtstags am 8. Dezember bringt das JCOM einen Tag später, am 9. Dezember 2019, Werke von Weinberg sowie von Dmitri Schostakowitsch zur Aufführung. Die beiden Komponisten standen sich sehr nah: In einem Bittbrief an den Geheimdienstchef hatte sich Schostakowitsch dafür eingesetzt, dass Weinberg, der aufgrund seines jüdischen Glaubens verhaftet worden war, entlassen wird. Auch die aufgeführten Werke wie »Streichersymphonie in as-Dur op. 118a« (1964) sind Zeichen tiefster Verbundenheit der beiden Komponisten, die unter dem repressiven Regime Stalins litten.

Shana towa! Jüdisches Neujahrskonzert 5780 (2019)

Zum Saisonauftakt am 24. Oktober 2019 lädt das Orchester zum Jüdischen Neujahrskonzert ins Prinzregententheater ein. Das Neujahrskonzert ist in München inzwischen zu einer Tradition geworden und stellt einen festen Bestandteil des Konzertkalenders dar. Im Fokus stehen auch in diesem Jahr wieder die Solisten: Die Kantoren Tzudik Greenwald (Oberkantor der Jüdischen Gemeinde Frankfurt) sowie David Weinbach. Letzterer war Kantor in New York und Montreal und tritt regelmäßig mit dem Israel Philharmonic Orchestra auf. Es singt zudem Roi Yitzchak Elkayam aus Israel, ein herausragendes junges Gesangstalent.

Finale der JCOM Opernschule mit »Noahs Flut« von Benjamin Britten

„Kinder stehen für das Leben, die Gegenwart und die Zukunft“, sagt Daniel Grossmann. Für sie gibt es in der Jubiläumssaison 2019/20 nicht nur die ersten Trickfilme von Walt Disney zu Musik von Paul Dessau zu sehen. Sie werden auch gefördert. 2018 wurde die Opernschule des JCOM gegründet, als Teil der »Exzellenten Orchesterlandschaft Deutschland«, einem Förderprogramm der Bundesregierung. Nach zwei Jahren Vorbereitung ist es endlich soweit: Über 120 Kinder und Jugendliche – zwischen 7 und 18 Jahren – haben Benjamin Brittens Kinderoper Noahs Flut einstudiert, inszeniert und organisiert. Das einsätzige Werk, das die alttestamentarische Geschichte von der Arche des Patriarchen Noah erzählt, wird nicht selten als Kirchenoper oder „Mirakelspiel“ bezeichnet – in Anlehnung an die mittelalterliche Tradition der Legendenspiele, die das Leben und die Wundertaten der Heiligen zum Inhalt hatten. Benjamin Britten widmete das Werk 1957 seinen Neffen und Nichten und komponierte es ausdrücklich für Laienmusiker. Nur die Rolle des Noah und seiner Frau erfordern professionelle Sänger. Premiere feiert die Inszenierung am 2. November 2019 in der Reithalle München. Weitere Aufführungen finden ebenfalls in der Reithalle München am 3., 5. und 6. November 2019 statt.

Highlights zum Orchester-Jubiläum 2020

Auch in diesem Jahr werden Kompositionsaufträge vergeben und es gibt, nach 15 Jahren, in Kooperation mit den Münchner Kammerspiele und dem Stadttheater Aschaffenburg, ein Wiederhören von Philip Glass’ Kammeroper »The Fall of the House of Usher« – die Oper, mit der sich das Jewish Chamber Orchestra Munich erstmals der Öffentlichkeit präsentierte. Minimal Music trifft hier auf den Horror von Edgar Allen Poe. Ebenso suggestiv wie die fantastische Schauergeschichte von Edgar Allen Poe (1809-1849), der zu den Vorreitern der Psychoanalyse gehört, wirkt auch Glass‘ Musik von 1988. Seine für ihn typischen, sich ständig wiederholenden eingängigen Tonfolgen, die sich dennoch allmählich verändern, wirken geradezu hypnotisch. Sie ziehen den Hörer wie durch einen Sog in das unheimliche Geschehen im Hause Usher hinein und schlagen gleichzeitig – mit Anleihen an Film und Tanz – einen Bogen von der Klassik zum Pop. Die drei Hauptpartien sind für Tenor, Bariton und Sopran notiert. Neben Gitarre, speziellem Schlagwerk und Synthesizer kommt das konventionelle Instrumentarium eines Kammerorchesters zum Einsatz.

Mit einem neuen Format überrascht das JCOM in der beliebten Reihe der Stummfilmkonzerte Flimmerkammer in dieser Saison: Jüdisches Kinovarieté aus den Roaring Twenties, damals, als die Kinos noch regelrechte Paläste waren, mit großem Orchester und kostümiertem Einlasspersonal. Alte Münchner Wochenschau Ausgaben mit Aufnahmen aus der Zwischenkriegszeit gibt es zu sehen. Außerdem Slapstick von Max Davidson, dem jüdischen Starkomiker der Zeit. An seiner Seite Stan Laurel und Oliver Hardy. Und: »Die Puppe« (1919) von Ernst Lubitsch, ein fantastisches Pappkulissen-Verwirrspiel um echte und falsche Puppen, untermalt von avantgardistischen Klängen des tschechischen Komponisten Martin Smolka und neuer Musik von jungen Filmkomponisten. Lubitsch hielt den Film „für einen der einfallsreichsten, die ich je gedreht habe.“ »Im Umbruch« nennt sich eine neue dreiteilige Gesprächskonzertreihe, die Interesse wecken will für die Zeit um 1900, als sich die Welt und mit ihr die Kunst im Umbruch befand. In der ersten Ausgabe stehen das Schaffen des Münchner Malerfürsten Franz von Stuck und Arnold Schönbergs frühes Werk »Verklärte Nacht für Streichsextett op. 4« von 1899 im Mittelpunkt. Es stammt aus der ersten, tonalen Schaffensphase des damals 25-jährigen Komponisten. Auch wenn es noch in der Brahmsschen und Wagnerschen Musiktradition verwurzelt ist, trägt es bereits die Zeichen der kommenden Neuerungen in sich. Die Konzertreihe findet in Kooperation mit der Villa Stuck statt und ist erstmals am 25. Mai 2020 zu erleben.

Ebenfalls im Mai 2020 wird das Pessachfest begangen, das die biblische Befreiung des Volkes Israel von der Unterdrückung der Ägypter feiert. Auf dem Programm: Georg Friedrich Händels Oratorium »Israel in Egypt (HWV 54)« (1739) in gekürzter englischer Version. Dazu deutsche Bibeltexte. Bei der Aufführung mit dabei: der renommierte Gary Bertini Israeli Chamber Choir.

Ab sofort ist auch »Nerves-Suite«, ein Auftragswerk an Richard Ruzicka zum Stummfilm »Nerven« (DE, 1919, Regie: Robert Reinert), online bei den Streamingdiensten Amazon Music, Apple Music und Spotify erhältlich.

Termine und weitere Informationen: www.jcom.de

Bild oben: Jewish Chamber Orchestra Munich, © Thomas Dashuber

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