Die jüdischen Flüchtlinge aus den arabischen Staaten & der arabisch-islamische Antisemitismus

Georges Bensoussans Studie ist ein Einspruch gegen die gerade im deutschsprachigen Raum nach wie vor weitverbreitete Annahme, der Antisemitismus in den arabischen und islamischen Ländern sei ein Resultat des Nahost-Konflikts und der Gründung Israels…

Von Stephan Grigat

Aus der Einleitung zu Georges Bensoussans „Die Juden der arabischen Welt. Die verbotene Frage“, das Ende Mai im Verlag Hentrich & Hentrich erschienen ist. Stephan Grigat wird das Buch am 11. September in der Baracke in Münster und am 12. September in der Synagogengemeinde Köln vorstellen.

Durch Bensoussans Betonung der antijüdischen Traditionen in der arabischen und islamischen Welt wird deutlich, inwiefern der arabische und islamische Antisemitismus eine der zentralen Ursachen dieses Konfliktes ist. Die von ihm zusammengetragenen Quellen verdeutlichen, inwiefern es sich auch in den vergleichsweise unblutigen Perioden des jüdisch-muslimischen Zusammenlebens in der arabischen Welt mit seiner im europäischen Diskurs so hoch gelobten Tolerierung der Juden als „Schutzbefohlenen“ (dhimmis) um eine „Toleranz handelte“, „die aus Verachtung bestand“, und die schon lange vor 1948 immer wieder auch zu blutiger Verfolgung geführt hat.

Spätestens mit den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs war großen Teilen der arabischen Juden klar, wie sich ihre Situation darstellte, und dass es keinen nennenswerten Unterschied machte, ob sie sich für oder gegen den Zionismus stellten: Norman Stillman, auf den sich auch Bensoussan bezieht, hat eindrücklich herausgearbeitet, dass sich die islamisch geprägte Mehrheitsbevölkerung in den arabischen Staaten letztlich in ihrem Verhalten gegenüber den Juden nicht darum scherte, ob sie sich, wie in Syrien und im Irak, lautstark dem arabischen Antizionismus anschlossen; wie in Ägypten ein ums andere mal ihre Loyalität bekundeten; sich, wie teilweise in Tunesien und Libyen, offen hinter die zionistische Sache stellten; oder, wie häufig in Algerien, sich angesichts des Charakters des arabischen Nationalismus auf die Seite der Kolonialmacht schlugen: „Am Ende teilten sie alle ein ähnliches Schicksal und entschieden sich zur Emigration oder Flucht aus ihren Geburtsländern.“

Für die arabisch-islamische Verachtung von Juden bedurfte es wahrlich nicht der israelischen Staatsgründung, die vielmehr als Ferment für die Transformation dieser traditionellen Verachtung der jüdischen dhimmis in einen Hass auf die sich selbst zur Souveränität ermächtigenden „Schutzbefohlenen“ fungierte. Im Anschluss an Bensoussan wäre es notwendig, diese Transformation auch hinsichtlich nicht-arabischer Länder wie Afghanistan und Pakistan aufzuzeigen, aus denen nach 1948 ebenfalls tausende Juden fliehen mussten, und insbesondere hinsichtlich der Türkei und dem Iran, die beide für die Entwicklung und Gegenwart des islamischen Antisemitismus entscheidende Bedeutung haben.

Bei aller Eindeutigkeit der Quellen ist Bensoussan um äußerste Differenziertheit bemüht. Er verwahrt sich nicht nur gegen die fremdenfeindliche Hetze von Teilen der politischen Rechten, sondern auch gegen jene „schwarze Legende“, die auf die weitverbreitete Verharmlosung der Diskriminierung und Verfolgung der Juden in den arabischen Ländern mit einer Blindheit für die Differenzen zur Situation der Juden in Europa reagiert. Das Bemühen um Differenziertheit führt bei Bensoussan stellenweise zu einer schon übertrieben zurückhaltenden Terminologie, etwa wenn er den expliziten Begriff der „Vertreibungen“ fast ausschließlich auf die Situation in Ägypten anwendet.

Er thematisiert – ganz ähnlich wie Natan Weinstock – die in Israel insbesondere in den aschkenasischen Eliten bis Ende der 1970er-Jahre vorherrschenden Ressentiments gegen Juden aus den arabischen Ländern, und er betont wichtige Ausnahmen vom radikalen arabisch-nationalistischen Antisemitismus wie beispielsweise Habib Bourguiba in Tunesien – der letztlich allerdings auch nichts gegen den Exodus der tunesischen Juden unternehmen konnte oder wollte, und  es wäre zu fragen, ob Bensoussan hier nicht zu milde urteilt. Immerhin soll Bourguiba unmittelbar nach der Shoah erkärt haben: „Die Juden müssen sich verändern und bestimmte Behauptungen, derentwegen sie sich da, wo sie leben, zuweilen unbeliebt machen, revidieren.“ Nichtsdestotrotz war Bourguibas Position gegenüber Israel, mit der er als Gegenspieler zu Gamal Abdel Nassers radikaler antiisraelischer Hetze agierte, von einer Art moderatem Realismus geprägt, der immerhin auf eine „friedliche Lösung“ des Konfliktes der Palästinenser mit Israel abzielte. Es ist für weitere Diskussionen von einiger Bedeutung, stets in Erinnerung zu rufen, dass sich selbst im Panarabismus die radikale antisemitische Politik erst durchsetzen musste: In Ägypten etwa weigerte sich Muhammad Nagib, der erste Präsident nach dem Sturz der Monarchie 1952, den Forderungen der Arabischen Liga nach Konfiszierung des jüdischen Eigentums nachzugeben, und zu Jom Kippur besuchte er demonstrativ eine Synagoge in Kairo. Zur rasanten Verschlechterung der Situation der Juden in Ägypten kam es erst ab 1954 mit dem Sturz Nagibs und der Präsidentschaft Gamal Abdel Nassers, der als Offizier im Zweiten Weltkrieg auf Grund eines für den Nahen Osten typischen Gemischs von Antikolonialismus und Antisemitismus zeitweise mit deutschen und italienischen Agenten kooperierte, und der die antisemitische Hetzschrift „Die Protokolle der Weisen von Zion“ zur Lektüre empfahl, die bis zum heutigen Tag die ägyptische Gesellschaft vergiftet.

Bensoussan stellt die Geschichte von Diskriminierung, Flucht und Verfolgung der Juden aus der arabischen Welt in den Kontext der „breiteren Frage nach der Emanzipation des Subjekts“ und streift so das Spannungsverhältnis von Partikularismus und Universalismus sowohl im Zionismus als auch hinsichtlich der Emanzipation in den arabischen Gesellschaften. Er zeigt, inwiefern die Radikalisierung der arabisch-islamischen Judenfeindschaft vor der israelischen Staatsgründung einsetzte und in vielen Aspekten eine Reaktion auf die partielle Autoemanzipation der Juden in den arabischen Gesellschaften war. Ähnlich wie im europäischen Antisemitismus, aber eingebettet in den Kontext einer anderen religiösen Tradition, wurden die Juden in der arabischen Welt als Repräsentanten der Moderne attackiert.

Den Hass auf die Moderne skizziert Bensoussan am Beispiel von Sayyid Qutbs programmatischer Schrift Unser Kampf mit den Juden, die bis heute islamistische Attentäter nicht nur in Frankreich, sondern rund um den Globus inspiriert, und anhand der Schriften des in Deutschland viel zu unbekannten algerischen Vordenkers des Islamismus Malek Bennabi. An Bennabi („Dies ist das Jahrhundert der Frau, des Juden und des Dollars“) demonstriert Bensoussan die innige Verbindung von Juden- und Frauenhass im arabischen Antisemitismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, worin sich eine deutliche Parallele zum europäischen Antisemitismus insbesondere des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts zeigen ließe.

Die von Bensoussan in Erinnerung gerufene Geschichte von Diskriminierung, Verfolgung, Flucht und Vertreibung der arabischen Juden ist ein weiterer Beleg dafür, dass jede Auseinandersetzung mit der Geschichte des israelisch-arabischen Konflikts von einer kritischen Theorie des Antisemitismus auszugehen hätte, und es wäre dringend geboten, vor dem Hintergrund des von Bensoussan und anderen zusammengetragenen und ausgebreiteten historischen Materials eine ideologiekritische Diskussion über den Charakter des islamischen und arabischen Antisemitismus zu führen.

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter an der Uni Wien, Dozent für Politikwissenschaft an der Uni Passau, Permanent Fellow am Moses Mendelssohn Zentrum der Uni Potsdam und Research Fellow am Herzl Institute for the Study of Zionism and History der Uni Haifa. Er ist Autor von „Die Einsamkeit Israels“ und Herausgeber von „AfD & FPÖ“ sowie „Iran – Israel – Deutschland“.

Georges Bensoussan, Die Juden der arabischen Welt. Die verbotene Frage, Übersetzung: Jürgen Schröder, mit einem Vorwort von Stephan Grigat, Hentrich & Hentrich Verlag 2019, 192 S., 19,90 €, Bestellen?

Hörtipp: Georges Bensoussan im Interview mit Thomas Klarr, Deutschlandfunk