Alles für Allah

Über den Dschihadismus als Gefahr für die Gesellschaft besteht mittlerweile ein breites Wissen. Anschläge und Attentate haben dafür kurioserweise in der westlichen Welt gesorgt. Doch wie steht es eigentlich um den legalistischen und „sanften“ Islamismus? Gemeint ist das damit, was ebenso politischer Islam genannt wird. Es geht dabei um Bestrebungen, welche ihre Glaubensauffassung vom Islam auch auf Politik und Staat übertragen wollen…

Von Armin Pfahl-Traughber

Aufmerksamkeit für sie findet man in dem Buch „Alles für Allah. Wie der politische Islam unsere Gesellschaft verändert“, das Heiko Heinisch und Nina Scholz vorgelegt haben. Beide meinen, dass die angesprochenen Entwicklungen mittlerweile im muslimischen Mainstream angekommen seien, woraus sich entsprechende Probleme ergäben. Über die dabei deutlich werdenden Absichten heißt es: „Ein zentrales Anliegen islamistischer Organisationen ist eine gesellschaftliche Sonderstellung des Islam, die mit einer Teilhabe am demokratischen System bei gleichzeitiger Segregation von der Mehrheitsgesellschaft einhergeht“ (S. 19).

Die beiden Autoren konzentrieren sich in ihrer Darstellung insbesondere auf die Muslimbruderschaft, die über nahestehende Organisationen große Wirkung entfalten würde. Dabei geht es zunächst noch einmal zurück in die Entstehungsgeschichte dieser Mutterorganisation des gemeinten Phänomens. Dabei wird auch auf den beabsichtigten „Marsch durch die Institutionen“ verwiesen. Angeregt hatte ihn schon Munir al-Ghadban, ein ehemaliger Anführer der syrischen Muslimbruderschaft, mit den Worten: „Nutzt die Demokratie – das System der Kuffar – nutzt es zugunsten unserer Mission“ (S. 42). Wie dies auch in Europa umgesetzt wurde, ist das Thema. Es wird über einschlägige Institutionen wie etwa ein eigener Fatwa-Rat für Europa, über die Unterwanderung von Parteien durch Islamisten wie in Deutschland und Österreich oder über soziales Engagement zur Beeinflussung wie Hilfsorganisationen oder Korankurse berichtet. Außerdem sind einschlägige Diskurse über Identität oder Opferverständnisse hier ein wichtiges Thema.

Die Frage, was die Gewalt mit einer solchen Ideologie zu tun hat, wird ebenfalls erörtert. Einschlägige Kontexte würden gern diskreditiert, der Kampfbegriff „Islamophobie“ diene häufig der Immunisierung vor Kritik. Auch der Antisemitismus unter Islamisten und Muslimen stellt ein Thema dar. Deutlich betonen die Autoren: „In allen Ländern der islamischen Welt ist Antisemitismus ein weitverbreitetes Phänomen“ (S. 108). Dies sei auch keineswegs nur eine Abwehrhaltung gegenüber Israel im Nahost-Konflikt, handele es sich doch um eine historisch tradierte und religiös begründete Judenfeindschaft. An Ausführungen zur Geschlechtertrennung und Kopftuch-Frage darf es dann auch nicht fehlen. Betroffen von diesen Entwicklungen seien auch Muslime. Denn Heinisch und Scholz meinen zuspitzend: „Fast überall wird religiöse Konformität in zunehmend strikter Form für selbstverständlich erachtet und durchgesetzt, während abweichende Lebensentwürfe, Kritik an oder gar Abwendung von der Religion kaum Platz haben“ (S. 155).

Die beiden Autoren legen ein gut lesbares Buch vor, das eher journalistisch und weniger wissenschaftlich gehalten ist. Letzteres fällt mit etwas unangenehm daran auf, dass häufiger Belege für die präsentierten Zitate fehlen. Mal sind sie da, mal sind sie nicht da. Dies wäre zunächst nur ein formaler Einwand. Es gibt manchmal auch Aussagen, die nicht schlüssig belegt sind. Kann man wirklich sagen, dass der Islamismus zum Mainstream unter Muslimen geworden ist? Fällt man mit einer solchen Aussage nicht auf die Darstellungen der Islamisten selbst herein, welche sich als Minderheit unter Muslimen als deren Repräsentanten geben? Es werden aber auch viele Fakten von Heinisch und Scholz präsentiert, welche die Einflussstrategien der Muslimbruderschaft gut veranschaulichen. Gerade bezogen auf Deutungsmuster und Diskurse ist dies von besonderer Relevanz. All das geschieht meist in der Darstellung nur kurz, viele Probleme werden lediglich angerissen. Gleichwohl lädt das Buch als gute Einführung zu notwendigen Reflexionen zu eben diesem Thema ein.

Nina Scholz/Heiko Heinisch, Alles für Allah. Wie der politische Islam unsere Gesellschaft verändert, Wien 2019 (Molden-Verlag), 176 S., Euro 20,00, Bestellen?

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