Sprichwörter der Ostjuden

Auch dieser Beitrag erschien in der Zeitschrift „Ost und West“. Er fasst Sprichwörter der „Ostjuden“ zusammen…

Die Zeitschrift „Ost und West“ verstand sich als „Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum“ und wolte im Kontext der „Jüdischen Renaissance“ dem westjüdischen Publikum die kulturellen Leistungen der sog. „Ostjuden“ vorstellen.

SPRICHWOERTER DER OSTJUDEN

Poetisch übertragen von Max Weinberg
Ost und West, Heft 9, 1917

Es denkt wohl jedes Mütterlein,
Der Klasse schönstes Kind ist mein.

* * *

Wenn ein Kindlein fallt,
Sein Schutzgeist die Flügel ihm unterhält.

* * *

Wie oft in Not zieht armer Mann
Sein Sabbatkleid am Werktag an.

* * *

Von Glück zu Unglück
Kurze Brück‘,
Der Weg zurück —
Ein weites Stück.

* * *

Zu manchem Ding ist kecker Mut
Weit wertvoller als Geld und Gut.

* * *

Mit den Augen der Liebe geschaut.
Gibt es keine häßliche Braut.

* * *

Bei leerem Beutel frohen Mut haben,
Heißt reich sein und ein hohes Gut haben.

* * *

War’ ich vor meinem Vater gekommen.
So hätt’ ich mir die Mutter genommen.

* * *

Lieber Fleischkost noch so schmal,
Als ein vegetarisch Mahl.

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Unglück, wo hinaus ?
Zum Armen ins Haus.

* * *

Das wäre fein,
Könnt‘ man zugleich auf zwei Hochzeiten sein.

* * *

Zu lang‘ besinnen ist ein schlimmer Brauch:
Besinnt der Kluge sich, besinnt der Narr sich auch.

* * *

Mancher möcht‘ das Huhn genießen.
Doch sein Blut nicht gern vergießen.

* * *

Wenn die Toten dem Tanze fröhnen.
Wer wird die Musikanten löhnen ?

* * *

Will man damit zu gutem End‘ gelangen,
Darf man sein Liedel nicht zu hoch anfangen.

* * *

Die mit ihrer Klugheit sitzen bleiben,
Haben meistens selbst sich’s zuzuschreibcn.

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Wie auch der Arme ruht.
Er liegt nicht gut.

* * *

Der Doktor kann für Alles was verschreiben.
Doch deine Armut kann er nicht vertreiben.

* * *

Könnt’ sich der Reiche vom Tode loskaufen,
Würden wenig Arme auf Erden laufen.

* * *

Wird der Reiche arm und der Arme reich,
Ist ihre Lage doch noch nicht gleich.

* * *

Hat auch eine Witwe ein golden Dach,
Sie ist doch Witwe mit Weh und Ach.

* * *

Meist tut man selbst sich ärgeres an.
Als der ärgste Feind uns antun kann.

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Strohhut im Winter —
Da steckt die Armut hinter.

* * *

Auch Feindes Rat sich gut bewährt.
Wenn man — grad’ umgekehrt verfährt.

* * *

Was ist ein goldner Becher wert,
Wenn, er mit Wermut ist beschwert ?

* * *

Sagt dir der Tod: Jetzt ist es Zeit,
Hat er auch einen Grund bereit.

* * *

Ein Narr bei einem Klugen zu Gast.
Die fallen einander beide zur Last.

* * *

Schenkt der Vater dem Sohn,
Beider Gesichter lachen,
Schenkt der Sohn dem Vater,
Trauergesichter sie machen.

* * *

Auch wo man dich gern hat, sollst du nicht zu oft geh’n.
Und wo man dich ungern hat, soll man dich gar nicht seh’n.

* * *

Oft scheint es, schaut man auf Menschen und Leben,
Als sei die Welt nur den Narren gegeben.

* * *

Würde unser Herrgott bei uns auf Erden sein,
Die Menschen schlügen die Fenster ihm ein.

* * *

Was tut man, wenn kein Ethrog gedieh’n ?
Dann feiert man Succoth ohne ihn.

* * *

Jedes „Behüt‘ Gott“ kann sich erfüllen.
Bedenk das und wappne dich im Stillen.

* * *

Edelsein
Besser als Edelstein.

* * *

Wer schlecht spricht von den Seinen und seinem Stande.
Dem gereicht das selber zu Schimpf und Schande.

* * *

Wenn Gott es will, kann auch ein Besen schießen,
Kann Wasser aus dem Felsen fließen.

* * *

Wohl ist des Ochsen Zunge lang und spitz.
Zum Schofarblasen ist sie doch nicht nütz.

* * *

Wann auch der Arme die Freude schmeckt ?
Wenn er Verlorenes wiederentdeckt.

* * *

Ein ganzer Wagen „Hätt‘ ich“ voll.
Bleibt dennoch frei von Zins und Zoll.

* * *

Vom versprechen zum vollführen
Kann gar vieles noch passieren.

* * *

Des Glücks eine Handvoll,
Besser als Verstand ein Land voll.

* * *

Man muß den Mond begrüßen, wenn er am Himmel steht,
Und nicht vergessen, daß er rasch vorübergeht.

* * *

Wie der Bräutigam sie schaut,
So sieht aus die Braut.

* * *

Wer liest, was Leichensteinen eingegraben,
Der darf kein gutes Gedächtnis haben.

* * *

S‘ kommt auf den Ort an, wo die Chamra*) steht.
Und ob sie festliegt oder geht.
Steht sie im Stall und hat vier Bein’,
So denk’ ich, wird’s ein Esel sein.
Liegt sie im Keller, ist es Wein.
Es kann wohl gar Champagner sein.

*) Chamra heißt auf aramäisch Esel, aber auch Wein.

* * *

Polak, wo ist dein linkes Ohr ?
Er nimmt die rechte Hand hervor
Und führt sie um das rechte Ohr.
O unbeholf’ner, blöder Tor!

* * *

Du denkst und sagst: „Mein einzig Kind!“
Dein Nachbar preist das seine dir nicht minder.
So liebt und lobt ein jeder seine Kinder.
Doch wie auch jeder seines find’t,
Bei Gott, da gibts kein „einzig Kind.“

* * *

Mancher geht hinn eine Erbschaft heben.
Und muß noch Begräbniskosten zugeben.

* * *

Trug man das Kind zum Haus hinaus,
Ist auch die Gevatterschaft aus.

* * *

Ist ein Mädel schön.
Ist’s mit Mitgift halb verseh’n.

* * *

Was wissen ich und du und er,
Das ist schon kein Geheimnis mehr.

* * *

Man tanzt, wie man spielt,
Und man trifft, wie man zielt.

* * *

Von stillen Wassern
Und stillen Hassern
Und stillen Hundes Wut
Sei Jeder auf der Hut.

* * *

Kaum schied der Sabbat mit seinem Behagen,
Kommt schon der Werktag mit seinen Plagen.

* * *

Willt du am Festtag nicht hungern,
Darfst du am Werktag nicht lungern.

* * *

Welch ein himmlisches Behagen:
Die Sabbatruh im Herzen tragen.

* * *

Was dem Nüchternen auf der Lunge,
Sitzt dem Trunknen auf der Zunge.

* * *

Borgst du einem Freund,
So schuldet dir ein Feind.

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Vom Weisen lieber ein Verweis,
Als vom Toren Lob und Preis.

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Häßliche Maid darf nun nicht küssen,
Soll’s nicht alle Welt gleich wissen.

* * *

Verdächtigung ohne Gründe,
Ist die schreiendste Sünde.

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Großes Wort und kleine Tat
Prahlhans stets beisammen hat.

* * *

Kommt Regenguß über alle Welt,
Auf Jeden doch nur ein Tröpflein fällt.

* * *

Du sprichst gerade
Wie der Kluge in der Hagade*).

*) In der „Hagada“ für die Sederabende.

* * *

Kinder, wer von euch weiß.
Wie kommt die Kuh vom Eis ?
Ich will es euch sagen:
Ihre Beine müssen sie heruntertragen.
Aber mit nassen Füßen
Wird sie es büßen müssen.

* * *

Wer sich schämt zu essen und zu beten,
Kommt Dies- und Jenseits nicht aus den Nöten.

* * *

Ein Tor kann mehr fragen,
Als zehn Weise können Antwort sagen.

* * *

Mancher reibt sein Gesicht, um nicht blaß zu erscheinen,
Und lacht laut auf, um nicht bitter zu weinen

* * *

Die am Eigenlob sich laben,
Müssen schlechte Nachbarn haben.

* * *

Wo der Demut zu viel,
Da ist Hochmut im Spiel.

* * *

All‘ Deine Einwände sind umsunst.
Finden sie nicht des Richters Gunst.

* * *

Hände regen
Bringt Segen.

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Rabbi, hier bist du zu Haus,
Also zieh den Mantel aus.

* * *

Wohl macht Verwünschung uns nicht krank.
Wirkt aber doch als Kränkung,
Wie schlimmer oft als Beinbruch ist
Verstauchung und Verrenkung.
Wohl ist ein Halbfest Purim nur,
Doch seine Festgelage
Von altersher viel größer sind
Als die der Feiertage.

* * *

Wer gut und böse scheiden kann,
Ist darum noch kein weiser Mann,
Doch immer wird dazu gezählt,
Wer unter Uebeln das kleinste wählt.