Traum von meinem Vater

Karol Sidons Kindheits- und Jugenderinnerungen an das Prag der 1940er und 1950er Jahre wurden bereits 1968 in tschechischer Sprache unter dem Titel „Sen o mém otci“ veröffentlicht. Nun ist dieses kleine Juwel der tschechischen Nachkriegsliteratur erstmals in deutscher Übersetzung erschienen…

Von Monika Halbinger

Das Leben Karol Sidons, der 1942 als Sohn einer nichtjüdischen Mutter und eines jüdischen Vaters geboren wurde, ist schon als Kleinkind in Gefahr. So heißt es gleich zu Beginn des Buches: „ Im Jahr fünfundvierzig bekam meine Mutter die Nachricht, dass es besser wäre, mit mir wegzugehen, da mir Deportation und Gaskammer drohten.“ (S. 10) Kurz vor Ende des Krieges wird der kleine Karol noch auf dem Land versteckt, sein Vater wurde bereits in Theresienstadt ermordet. Später erlangt Sidon als Schriftsteller und Unterzeichner der Charta 77 Bekanntheit. Als tschechischer Intellektueller übte er im Laufe seines Dissidentenlebens unterschiedlichste Beschäftigungen aus, war unter anderem Hilfsarbeiter und Totengräber. Ab 1992 fungierte er nach einer Ausbildung in Deutschland und Israel als Oberrabbiner von Prag und tschechischer Landesrabbiner. Nach Konflikten innerhalb der Prager Gemeinde, Kritik an seinem für einen orthodoxen Rabbiner schillernd anmutenden Privatleben, aber auch aus Altersgründen trat Sidon 2014 vom Amt des Prager Oberrabbiners zurück, blieb aber tschechischer Landesoberrabbiner.

In drei Abschnitten beschäftigt sich Sidon mit den großen Themen seines Lebens. Im ersten Teil „Nekrologe“ beschreibt er unbeschönigt Menschen und Episoden seiner Kindheit, mit all ihren Schatten und Eigentümlichkeiten, und vor allem auch ihren grausamen Abschieden. Wie so viele in der Familie stirbt sein Onkel Karol an Krebs: „Niemals zuvor hatte ich gesehen, was der Tod aus einem Menschen machen kann. Ich hatte nicht gewusst, dass wir ihn von Geburt an in unserem Körper tragen und dass er eines Tages beginnt, an die Oberfläche durchzubrechen, durch die Augen zuerst; dass er wie Krätze die Knochen und die Haut und das übrige Fleisch durchdringt. Bis zu dieser Zeit hatte ich das nur geahnt.“ (S. 44) In seinen Schilderungen des Sterbens nahe stehender Personen ist Sidon auch selbstkritisch. Resigniert bedauert er es – in durchaus kraftvoll-derber Sprache (das tschechische Original wird hier greifbar) – , dass er seinen Hauslehrer, Herrn Stamic, nicht noch vor seinem Tod besucht habe: „Dann erfuhr ich, dass er im Sterben liege, und wiederum ging ich nicht hin; und schließlich hätte ich auf die Beerdigung gehen sollen. Aber ich bin nicht hingegangen. Und jetzt wäre es eh für den Arsch. Tausend gute Vorsätze habe ich immer, aber zur Ausführung kommen sie dann nie.“ (S. 39)

Seine Schulzeit schildert er eindringlich im 2. Teil „ Das Schülerbuch“. Sidon zerbricht fast am Druck der Mutter, die nur Bestnoten einfordert: „Es gab nur die Angst, ein Leben in Angst und unablässiger Anspannung, und das war nicht lange auszuhalten.“ (S. 55) Hinzu wird Karol permanent in Situationen gebracht, sich zu entscheiden, zu entscheiden gegen den leiblichen Vater; vor allem als es um die Frage einer möglichen Adoption durch seinen Stiefvater geht, gegen die sich Karol vehement zur Wehr setzt.

Im 3. Teil „Traum von meinem Vater“ erzählt Sidon dann von der Bedeutung seines in der Shoah ermordeten Vaters für sein gesamtes Leben. Immer wieder stellt er sich den letzten Augenblick seines Vater vor, bedauert, dass er einige deutsche Bücher, die ihm von seinem Vater geblieben waren und Bleistiftnotizen enthielten, dem Altpapier übergab: „Ich Dummkopf! […] Was gäbe ich, was gäbe ich heute für diese Anmerkungen! Was gäbe ich für ein einziges Andenken an ihn!“ (S. 184) Aber auch die verzweifelt Sehnsucht des Kindes nach seinem Vater wird von der Mutter missbraucht. Mit der wiederholten Behauptung, sie spüre es, dass der Vater noch lebe, treibt sie Karol mit der Frage, zu wem er denn gehen würde, falls der Vater wieder auftauchen sollte, in die Enge. Karol erträumt sich eine Wohngemeinschaft mit dem Vater in einer Nachbarwohnung, die weiterhin auch die Nähe zur Mutter garantieren würde. Doch ihm wird bald klar, dass diese Situation sein Leben nicht unbedingt erleichtern würde, da die Mutter ihn weiter tyrannisieren würde. Und damit einher geht auch für ihn die traurige Erkenntnis, dass der Vater nicht wiederkommen wird: „Das Wunder ist nicht geschehen.“ […] „Ich spüre, dass ich mit meinem leiblichen Vater neben mir ganz wäre. So ist mir also eine Hälfte verloren gegangen. Jemand hat sie mir gestohlen und sich nicht einmal entschuldigt. Und ich bin ein halber Mensch.“ (S. 203) Sidon sucht sein Leben lang nach dem verlorenen Teil seiner selbst, dem Vater. Die ungeheure Leerstelle, die der absente Vater für sein Leben bedeutet, zeigt sich deutlich in folgender Traumepisode: Als ihm als verheiratetem Mann mit Kind der Vater im Traum erscheint, verlässt Karol seine Familie und geht mit seinem Vater: „…ja, ich entschloss mich … mit ihm zu gehen. Die Frucht meines Lebens … zu verlassen … und zu dem zurückzukehren, dessen Frucht ich selbst bin.“ (S. 204)

Zu der nahezu grenzenlosen Sehnsucht nach dem ermordeten Vater kommt die ständige Konfrontation mit dem tschechischen Nachkriegsantisemitismus. Selbst die eigene Mutter unterstellt ihm „Komplexe“, weil er „Halbjude“ sei; andere Kinder schreien ihm „Judenbengel“ hinterher. Belastend ist es für Karol auch, wenn der gewaltsame Tod des Vaters benutzt wird, um von ihm besonderes Wohlverhalten einzufordern. Unausgesprochen hört Karol von seiner Lehrerin folgende Vorwürfe bei schlechtem Betragen: „Wie kann es sein, dass ausgerechnet du, warum gerade du, Karol, jeder andere hätte es sein können, aber du? Wie soll ich damit zurechtkommen, wo du doch aus einer so anständigen Familie bist und den Vater in Theresienstadt verloren hast…?“ (S. 57f.)

Insgesamt ist die Lektüre der Erinnerungen Sidons keine leichte Kost. Themen wie Tod, Gewalt und Verlust durchziehen das gesamte Buch. Auch der seelische Missbrauch durch die Mutter spielt eine große Rolle. Stil und Sprache haben nichts Beschönigendes an sich, sind lakonisch, mitunter melancholisch. Aber gerade deshalb darf man hier von großer Literatur sprechen. Zugleich hat Sidon eine wunderbare Hommage an seinen Vater geschaffen, welche die Sehnsucht nach ihm auch für die/den Leser/in geradezu schmerzhaft spürbar macht.

Karol Sidon: Traum von meinem Vater. Aus dem Tschechischen von Elmar Tannert. Mit einem Nachwort von Petr. A. Bilek, ars vivendi Verlag 2019, 200 S., Euro 19,00, Bestellen?

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