Die Briefe der Brüdergemeinde

Briefkorrespondenz von Paul Parin, Goldy und August Matthèy und Fritz Morgenthaler…

Von Roland Kaufhold

Paul Parin, seine Frau Goldy Parin-Matthèy und Fritz Morgenthaler prägten für mehrere Jahrzehnte die Psychoanalyse in der Schweiz. Der 1916 geborene Paul Parin galt zumindest bis in die 1990er Jahre aufgrund seiner außergewöhnlichen wissenschaftlichen Produktivität und Originalität als die Verkörperung einer „linken“ Psychoanalyse. 70-jährig schloss er seine therapeutische Praxis am Utoquai 41 in Zürich und erwarb sich als Schriftsteller und Erzähler einen internationalen Ruf.

Ab Mitte der 1950er Jahre brachen Paul und Goldy Parin zu insgesamt sieben großen Forschungsreisen nach Afrika auf. Sie wollten ihre psychoanalytischen Erkenntnisse  auf andere Kulturen übertragen. Begleitet wurden sie hierbei vom Schweizer Psychoanalytiker und Maler Fritz Morgenthaler. Dieser galt als ein Pionier der Traumdeutung.

Vor allem jedoch wollten sie das bürgerlich-wohlhabende Zürich möglichst oft wieder verlassen. Es war ihnen zu eng, lange vermochten sie die Schweizer Mentalität nicht zu ertragen.

Paul Parin, der als Kind einer jüdischen Familie seine existentielle Bedrohung bereits als Jugendlicher wahrgenommen hatte, versuchte die soziale Wirklichkeit kritisch zu erfassen. In seinen literarischen Werken hat Parin immer wieder über die Brüdergemeinde geschrieben, die sie gemeinsam mit einer Freundesgruppe bereits in Graz und danach in Zürich sowie in Jugoslawien bildeten. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Solidarität, sei die Grundlage ihres Engagements gewesen.

Nun ist ein spannender Band erschienen, in dem die Korrespondenz dieser vier Freunde, vor allem aus den Jahren 1939  bis 1951 in fünf Kapiteln dokumentiert wird.

Paul Parin und Goldy Parin-Matthèy, © Johannes Reichmayr, www.paul-parin.info

Im Kapitel Bruderpost werden zwölf Briefe August Matthèys an seine Schwester Goldy aus dem Jahr 1939 publiziert. Die seinerzeit 28-jährige Goldy musste Anfang 1939, nach der Niederlage der Republikaner im spanischen Bürgerkrieg, über Frankreich in die Schweiz fliehen. Gustl ist besorgt, ob seine Schwester für passende Anlässe auch die passende Kleidung hat, „soll ich Dir was hinschicken?“, fragt er sie am 23.2.1939. Er sehnt sich nach einem Leben in Österreich oder in Jugoslawien, um die antifaschistischen Partisanen zu unterstützen. Aber im Augenblick „heisst es eben ein bisschen Schweizer Kultur zu schlucken, die ja auch nicht schlechter ist als alle anderen Demokraten. Ihr Nachteil hier ist nur die Leidenschaftslosigkeit und Langeweile der Schweizer.“

Am 19.9.1939 vermutet Gustl eine „langsame Angleichung“ Hitlers an den Kommunismus: „Polen dürfte noch in dieser Woche liquidiert werden. Die Demokratien werden anstandshalber im Niemandsland weiter scharmützeln – und wir hocken untätig in der goldenen Schweiz … es ist unheimlich und faszinierend was sich in Allemand abspielt.“

Das Kapitel Liebespost dokumentiert den Briefwechsel Paul Parins und Goldy Parin-Matthèys aus dem Zeitraum September 1943 bis April 1944, also bis zum Beginn ihrer gemeinsamen chirurgischen Ärztemission in Jugoslawien. Paul arbeitet als Chirurgie-Assistenzarzt, Goldy in Zürich an ihrem hämatologischen Labor.

Goldys Sehnsucht nach Paul bleibt eingebunden  in Selbstreflexionen und in nach Handlung strebenden politischen Analysen. Goldys Besorgnis über die sich überstürzenden „Weltereignisse“ verstärkt sich, sie befürchtet einen Zusammenbruch der Ostfront noch im Winter. Dann Reflexionen über die neuen Bücher Wilhelm Reichs.

Paul erlebt in Lugano die Verfolgung der jüdischen Flüchtlinge mit Jagdhunden, die verzweifelt versuchen, nachts aus Deutschland in die Schweiz zu fliehen. Immer wieder berichtet Goldy von ihren Besuchen im Züricher Cafe Select, jenem sozialen Ort, an dem sich die Brüdergemeinde, die antifaschistischen Kreise Zürichs für Jahrzehnte trafen.

Am 6.4.1944 erwähnt Goldy den SS-Terror in Deutschland, „ein wahnsinniger Terror u. keine Aussicht auf irgendeine Meuterei od. Aufstand.“

Das Kapitel Balkanpost führt ihre Korrespondenz fort, Briefe Pauls und Goldys aus dem Jahr 1946: Ihre ärztliche Mission bei Titos Partisanen ist vorbei, der Ort ihrer gelebten Utopie ist für sie verschwunden. Paul arbeitet in Zagreb, anschließend kehrt er nach Zürich zurück; Goldy organisiert in Nordbosnien den Aufbau einer Poliklinik.

Persönliches bleibt gemischt mit Politik. Am 26.6.1946 schreibt Paul, der nun wieder in Zürich lebt: „In der Schweiz ist´s teuer, ordentlich und vor Konjunktur und Muffigkeit stinkend. Die Judenhetze wurde – psychologisch äquivalent – durch Hass gegen die „Linke“ ersetzt.“ Fünf Tage später empfindet er die Schweizer „noch unerträglicher“. Die Brüdergemeinde hält ihn aufrecht.

Neun Tage später ein weiterer Brief, in dem sich Goldys Ambivalenz gegenüber der Schweiz widerspiegelt: „Paul mein Fuchsentier ich hab Dich so lieb. Ich hab solche Sehnsucht nach Dir u. solche Angst vor der Schweiz.“ Zwei Wochen später furchtbare Nachrichten aus ihre bosnischen Klinik: Eine ihrer Schweizer Mitarbeiterinnen ist an der Typhusepidemie verstorben: „Mit diesem grausigen Abschied ist Prijedor auch für mich beendet.“

Das Kapitel Tigerpost  dokumentiert 15 Briefe Fritz Morgenthalers an Goldy aus den Jahren 1949 bis 1951. Morgenthaler beschreibt seine inneren Reaktionen auf die kulturellen Konfrontationen aus „diesem seltsamen Land“ – Algerien –  wo es „tagsüber warm, manchmal sogar ekelhaft heiss und abends kühl, nachts sehr kalt“ ist. Es folgen dichte Reisebeschreibungen.  

Das mit 110 Seiten umfangreichste Kapitel – Reisepost – dokumentiert 40 Briefe aller vier Protagonisten aus dem Zeitraum 1954 bis 1978. Berührend sind die Briefe von und an Goldys Bruder August Matthèy – Gustl – die von seiner schweren Lungenkrankheit geprägt sind. Gustl arbeitet von 1954 bis 1957 als Regierungsarzt in Indonesien, dann in Äthiopien, wo er 1960 verstirbt. Paul unterstützt ihn finanziell. Gustl versucht sich nicht unterkriegen zu lassen, Indonesien fasziniert ihn. Am 10.10.1954 erinnert sich Goldy voller Nostalgie an ihre Zeit bei den Partisanen in Jugoslawien: Sie habe sich „heftig an Jugoslawien erinnert, wie wir dieses Scheissland verflucht hatten, obwohl es gleichzeitig ungeheuer interessant war und ich es nachträglich zu einer meiner schönsten Zeiten rechne.“

Sie bittet ihren Bruder, sich mehr um seinen kranken Körper zu kümmern. Und auch Paul ermutigt ihn immer wieder. Am 28.11.1955 schreibt er Gustl in Indonesien: „Mit Bewunderung und Neid verfolgen wir Dein Leben und Deine Abenteuer.“

Goldy ist beeindruckt vom literarischen Talent ihres Bruders, dessen Überlebensversuch. Fünf Monate vor Gustls Tod schreibt ihm Paul nach Äthiopien: „Mit großer Freude haben wir vernommen, dass Dich das letzte Kaiserreich dieser Erde ruft. Unsere Gratulationen und ein wenig Neid für dieses faszinierende Land werden Dich begleiten.“

Seinen Brief vom 10.6.1960 an Goldy lässt der schwer kranke Gustl in dieser Weise ausklingen: „Goldicka, denke nicht nur an mich, sondern schreib mir bald wieder, denn Briefe sind ein wahrer Balsam. (…) Ich kann nur das eine sagen. Ich habe leider aus meinen Erfahrungen nur das eine gelernt: dass es für mich unmöglich ist aus Erfahrungen zu lernen.“

Paul Parin: Beziehungsgeflechte. Korrespondenzen von Goldy und August Matthèy, Fritz Morgenthaler und Paul Parin. Zürich: Mandelbaum Verlag 170 S., 20 Euro, Bestellen?

Eine mehr als doppelt so lange Besprechung dieses Buches vom Autor wird demnächst in der Zeitschrift Kinderanalyse erscheinen.

Weitere Texte von und über Paul Parin finden sich in diesem haGalil-Themenschwerpunkt:

http://www.hagalil.com/2012/05/parin-4/
http://www.bbpp.de/TEXTE/parin-kaufhold.html

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