Klugheit und Torheit im jüdischen Sprichwort

Auch dieser Beitrag der Serie jüdischer Sprichwörter erschien in der Zeitschrift „Ost und West“. Er sammelt Sprichwörter zu Klugheit und Torheit…

Die Zeitschrift „Ost und West“ verstand sich als „Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum“ und wolte im Kontext der „Jüdischen Renaissance“ dem westjüdischen Publikum die kulturellen Leistungen der sog. „Ostjuden“ vorstellen.

 

MENSCHLICHE KLUGHEIT UND MENSCHLICHE TORHEIT IM JÜDISCHEN SPRICHWORT

Von B. Hirsch
Ost und West, Heft 5, 1905

Wem Gott eine ewige Wunde schlagen will, dem gibt er einen grossen Verstand.

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Zum Verrücktwerden gehört ein Kopf.

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Je weniger der Mensch begreift, desto gesünder ist es für ihn.

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Wenn der Kluge irrt, irrt er gewaltig.

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Zu viel Nachdenken schadet zuweilen, zu wenig — immer.

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Verstand ohne Glück gleicht einem ungeschliffenen Edelstein.

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Besser ein Lot Glück als ein Zentner Verstand.

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Not schürft den Verstand, Glück macht ihn stumpf. 

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Nichts kommt so langsam wie der Verstand.

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Der Verstand kommt nach den Jahren.

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Verstand, Einsicht und Reue kommen immer zu spät.

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Oft bringt der Verstand mehr ein als die Hände.

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Uebe deinen Verstand bis siebzig Jahren.

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Verstand lernt der Mensch bis an sein Lebensende — und am Ende stirbt er ein Narr.

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Was nützt die Klugheit, da die Dummheit gilt!

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Wem das Glück „spielt“ (hold ist), dessen Klugheit gilt.

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Des Reichen Klugheit gilt mehr als des Armen Weisheit.

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Alle Klugen gehen zu Fuss, alle Narren fahren in Kutschen.

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Darum geht’s den Narren so gut auf der Welt, da Gott sie behütet.
„Gott behütet die Toren.“ (Psalm 116, 6.)

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Das beste Pferd bedarf der Peitsche, der klügste Mensch des Rates (und die frömmste Frau des Mannes).

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Ausgeborgter Verstand taugt nichts.

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Mit fremden Zähnen kann man nicht kauen, mit femdem (sic!) Verstand nicht leben.

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Kleine Chachomim, grosse Narren.
Chachomim = Kluge. Sinn : Als Kinder waren sie klug, als Erwachsene sind sie Narren.

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Als Kinder waren alle Leute klug, aber bei den meisten ist der Verstand von damals geblieben.

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Sagt ein Kind ein kluges Wort, schick es gleich fort.
Da es sich bald durch eine Kinderei blamieren kann.

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Ein Kind bis zwanzig bleibt ein Narr bis hundert Jahren.

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Wenn der Kluge eine Dummheit macht, eine Dummheit bleibt sie doch.

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Eine Dummheit kann gelingen, eine Dummheit bleibt sie doch.

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Einem Narren entschlüpft auch einmal ein kluges Wort, ein Narr bleibt er doch.

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Ein gutes Zeichen, wenn einer den Narren missfällt.

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Der Kluge isst, um zu leben; der Narr lebt, um zu essen.

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Der Narr spricht, was er weiss, der Kluge weiss, was er spricht.

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Manchmal kauft man den Klugen um einen Groschen und den Narren um einen Dukaten.

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Indes der Kluge sich besinnt, derweil besinnt sich auch der Narr.

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Besser ein Narr, der wandert, als ein Kluger, der zu Hause sitzt.

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Ein Narr kann mehr fragen, als zehn Kluge zu beantworten imstande sind.

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Ein Narr kauft mehr, als zehn Kluge verkaufen können.

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Wirft ein Narr einen Stein in den Garten, so können zehn Kluge ihn nicht entfernen.

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Und ist’s dem Klugen noch so traurig, der Narr ist immer fröhlich.

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Den Narren ist die Welt immer schön.

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Dumme Köpfe werden niemals grau.

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Wasser wird nicht sauer, und Narren werden nicht alt.

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Jeder Narr ist sein eigener Verräter.

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Schick den Narren zu Markte, und es freuen sich die Krämer.

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Narren und Brennesseln wachsen ohne Regen.

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Je grösser der Narr, desto klüger dünkt er sich.

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Einem Wagen Heu, einem Betrunkenen und einem Narren geht man aus dem Weg.

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Einen Verstorbenen betrauert man sieben Tage, einen Narren das ganze Leben.

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Der Blinde krankt an den Augen, der Taube an den Ohren — der Narr an allen Gliedern.

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Der Narr ist ein Krüppel an allen Vieren.

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Wenn Messias kommt, heilt er alle Kranke, nur die Narren bleiben Krüppel.
Da sie sich für gesund ballen und keiner Arznei bedürfen.

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Ein Narr erkennt den andern.

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Zwei sind lästig, ein Narr unter Klugen und ein Kluger unter Narren.

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Jeder Chasan ist ein Narr, aber nicht jeder Narr ist ein Chasan.
Eine alte, weitverbreitete Volksanschaimag hält die Sänger für beschränkte Menschen.

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Jede Stadt hat ihren eigenen Narren.

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Narren essen gern Süssigkeiten — aber das haben die Klugen ausgedacht.

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Lieber mit einem Klugen in die Hölle, als mit einem Narren ins Paradies.

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Lieber an einen Klugen verlieren, als von einem Narren gewinnen.

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Lieber ein Hieb von einem Klugen, als ein Kuss von einem Narren.

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Was tut’s, ob’s der Kluge oder der Narr ist, der mich schlägt, weh tut’s doch immerhin.

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Sagt man: verrückt — glaub’s!

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Jeder Narr hat seinen Verstand für sich.

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Alle Verrückten werfen anderen Leuten die Fenster ein.

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Alle Verrückten werden im Thammus besonnen.
Thammus = Monat Juli (Hundstage).

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Der Narr wird in einem Häubchen geboren.
Dem Volksglauben nach werden Glückskinder in einem Häubchen geboren.

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Seit König Salomo aufgeschrieben bat, dass die Narren alles glauben, haben sie beschlossen, nichts mehr zu glauben.

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Jeder Narr lacht dreimal.
Bevor man ihm eine Geschichte erzählt, während er sie hört, und wenn er sich an sie erinnert.

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Nach einem Klugen soll man ein Kind nicht benennen.
Da es, der Volksmeinung nach, stets dumm wird.

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Der Esel hat lange Ohren, der Narr eine lange Zunge.

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Gott gab dem Narren Hände und Füsse und liess ihn laufen.

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Zwei Dinge hat ein Narr zu viel: Zunge und Hände.

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Ich hab einen Narren zum Sohn — mag er wenigstens gross sein.

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Wenn zwei Kluge Zusammenkommen, machen sic den Dritten zum Narren.
Scherzhafte Erklärung der häufigen Tatsache, dass kluge Eltern beschränkte Kinder haben.

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Schick einen Narren, dass er die Läden (an deinem Hause) schliesse, und er schliesst sie in der ganzen Stadt.

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Ein Narr ist ein halber Prophet.

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Kinder und Narren sagen die Wahrheit.

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Für Narren sind keine Gesetze geschrieben,

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Einem Narren grollt man nicht.
Einem Verrückten ist alles erlaubt.

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Mit einem Narren treibt man keinen Scherz.

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Wäre der Narr nicht einer der Meinigen, auch ich würde mich über ihn lustig machen.

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Einem Narren darf man keine unvollendete Arbeit zeigen.
Weil er sie tadelt, ohne die Vollendung abzuwarten.

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Einer Dummheit gedenkt man lange.

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Narren haben hübsche Frauen.

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Mit dem Narren bahnt man den Weg.

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Alle Narren müssen hinaus aus dem Bad!“ „Geh selber!“ antwortet der Narr.

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Die Dummheit des Narren ist schwieriger zu ergründen, als die Weisheit des Klugen.

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Wer zu klug sein will, macht die grössten Dummheiten.