Als Frieden noch möglich schien

Das Attentat wirkte nicht nur in Israel wie ein Schock: Am 4. November 1995 wurde Ministerpräsident Jitzchak Rabin von einem fanatischen orthodoxen Juden ermordet. Die Erinnerung an ihn ist in der Gegenwart häufig durch dieses Ereignis geprägt, wodurch seine Bedeutung für den Friedensprozess im Nahen Osten eher zurücktritt. Doch gerade darin bestand die politische Lebensleistung von Rabin, der von allen israelischen Ministerpräsidenten in diese Richtung wohl die weitesten Schritte gegangen war…

Von Armin Pfahl-Traughber

An ihn erinnert eine neue Biographie, die der Historiker Itamar Rabinovich vorgelegt hat. Er lehrt als Professor an der New York University und ist Präsident des Israel Institute in Tel Aviv und Washington D. C. Der Autor hat die Biographie „Jitzchak Rabin. Als Frieden noch möglich schien“ betitelt, womit diese besondere diplomatische Wirkung vermittelt wird. Rabinovich kannte Rabin auch persönlich gut, war er doch unter ihm Botschafter in den USA.

Seine Biographie ist historisch-chronologisch aufgebaut. Und der Autor vermittelt gleich zu Beginn ein interessantes Charakterbild von Rabin, wobei er dazu Henry Kissinger und Amos Oz als Zeugen anführt. Demnach hatte man es mit einem guten Analytiker und scheuen Menschen zu tun. Er sei kein Charismatiker gewesen, „Rabin, Rabin“-Sprechchöre hätte es nie gegeben. Er habe nicht nach Erlösung, sondern nach Lösungen gesucht. Was damit genau gemeint ist, beschreibt der Autor dann genauer in der folgenden Lebensbeschreibung. Sie behandelt die wandelnden Entwicklungsstationen von Rabin. Dabei ließen sich unterschiedliche berufliche Schwerpunkte ausmachen: Zunächst ging er zum Militär und brachte es dort bis zum Generalsstabschef. Dem folgte eine politische Karriere, die Rabin zunächst in die USA führte. Dort war er lange Botschafter seines Landes und an der Gestaltung der amerikanisch-israelischen Beziehungen zentral beteiligt. 

Folgt man seinem Biographen, so muss Rabin von dieser Zeit sehr geprägt gewesen sein. Er sei als Bewunderer des dortigen politischen und wirtschaftlichen Systems zurückgekehrt und habe sich weit von den radikalen sozialistischen Ideen seiner Mutter entfernt. Der ehemalige Diplomat wurde dann Politiker und war erstmals von 1974 bis 1977 israelischer Ministerpräsident. Auch nach seiner Abwahl erhielt er eine zweite Chance, was übrigens in parlamentarischen Demokratien eher selten vorkommt, in Israel aber schon. 1992 wurde Rabin erneut Ministerpräsident und konzentrierte sich fortan insbesondere auf die Friedenspolitik. Diese wird von Rabinovich ausführlich geschildert, wobei der Autor immer wieder auf die reale Möglichkeit einer vernünftigen Regelung verweist. Gleichwohl löste die damit einhergehende Gesprächsbereitschaft auch Hass innerhalb von Israel selbst aus, dieser mündete dann bekanntlich in der Ermordung des Ministerpräsidenten.

Sein Biograph schreibt am Ende: „Rabins Ermordung ist ein bedeutsamer und unheilvoller Meilenstein für Israels Entwicklung nach rechts und seine Abkehr von der ernsthaften Suche nach einer Zweistaatenlösung“ (S. 290). Ohne dieser Auffassung grundsätzlich zu widersprechen, muss doch konstatiert werden: Der Autor steht Rabin mit großer Sympathie gegenüber. Häufig lässt er ihn über andere Gewährspersonen loben. Und man merkt nicht selten die fehlende Distanz gegenüber dem Portraitieren. Dies ist indessen angesichts der möglichen Lösungen, die sich mit „Oslo“ verbanden, gerade angesichts der gegenwärtigen Situation durchaus verständlich. An der Biographie fällt ansonsten noch auf, dass die politischen Prägungen von Rabin nur am Rande thematisiert werden. Spätestens ab Beginn der 1970er Jahre verschwindet auch die konkrete Person hinter den politischen Ereignissen. Gleichwohl liegt hier die beachtenswerte Biographie eines beeindruckenden Lebens vor.

Itamar Rabinovich, Jitzchak Rabin. Als Frieden noch möglich schien. Eine Biographie, Göttingen 2019 (Wallstein-Verlag), 308 S., Bestellen?

Kommentar verfassen