Der Protest der Äthiopier – 2019

Der gewaltsame Tod von Solomon Teka aus Kiryat Haim, am 30. Juni in den Abendstunden, hat zu einer neuen Welle des Protestes geführt, die das Land aufwühlt…

Zusammengestellt und übersetzt von Uri Shani für: Re:Levant, 04.07.2019

Hier ein paar Stimmen:

Barko Zaro, äthiopischer Standup-Comedian, 36, Tel-Aviv:

“Die Wut, der Schmerz, die Erniedrigung, alles hat sich einfach entladen. Tausende sind auf die Straße, haben Straßen gesperrt, schrien, und es gab natürlich auch solche, die Radau machten und verhaftet wurden.

Alle wussten, dass es kommen würde, alle erwarteten es.

Nach der letzten Demonstration in Tel-Aviv, nachdem einfach nichts geschah, kam ein Polizeioffizier, erschoss einen jungen Äthiopier und entfachte alle die Gefühle, den Frust.

Ich höre überall “bis heute habe ich euch unterstützt, jetzt hasse ich euch”, “ihr wart ok, warum kaputtmachen”, “aber warum Straßen sperren” und und und…

Ich rede schon gar nicht von den Todeswünschen. Wer von euch hat seine Arbeit niedergelegt und hat sich uns angeschlossen? Nicht einmal euer FB-Profil habt ihr geändert! Also jetzt liebt ihr uns nicht mehr?
Wer dies sagt, hat uns wahrscheinlich auch vorher nicht gemocht.

Dieser Protest hat den Leuten zu verstehen gegeben, dass nur so – und ich sage das mit Schmerzen – sich etwas verändert. Ja, klar, ihr seid wütend, weil ihr stundenlang im Stau standet, aber am Schluss kamt ihr nach Hause.

Für uns ist es nicht natürlich, nach Hause zu kommen, wir können verhaftet werden, oder ermordet.

Aber schaut, immerhin hat der Premierminister etwas gesagt, die Nachrichten beginnen mit der Demo, ausländische Sender berichten darüber.

Sogar IHR redet über den Protest, ja, du, du Wütender, wenn du nicht im Stau hättest warten müssen, hättest du wahrscheinlich gar nicht gewusst, dass ein äthiopischer Jugendlicher von einem Polizisten erschossen wurde, und davor gab es viele andere, die ermordet wurden.

Die Leute sagen, sie seien entsetzt über das Ausmaß des Protestes. Erst jetzt seid ihr entsetzt?

Wart ihr entsetzt, als äthiopische Mütter die Dreimonatsspritze Depo-Provera erhielten, damit sie keine äthiopischen Kinder mehr auf die Welt bringen?

Wart ihr entsetzt, als das Blut, das wir gespendet hatten, in den Müll geschmissen wurde?

Wart ihr entsetzt, als die äthiopischen Kinder nicht im Sommercamp akzeptiert wurden?

Wart ihr entsetzt, als der Offizier seinen Soldaten “dreckiger Nigger” schimpfte?

Wart ihr vielleicht entsetzt, als der Polizeipräsident sagte, es sei nichts als natürlich, dass wir verdächtiger seien als andere?

Auch nicht? Ja, dann ist es nichts als natürlich, dass ihr entsetzt seid, wenn ein Polizeiauto umgeschmissen wird.

Ihr müsst verstehen, wir sind gegen Gewalt, aber “stiller Protest”, sowas gibt es nicht, das funktioniert nicht, wir habens versucht.

Also Entschuldigung bitte für die Unannehmlichkeit, wir wollen leben.”

Yael Dasta, Anwältin, 41, Hadera:

“Diejenigen, die die Randerscheinungen kritisieren, ignorieren die Hauptsache. Sie behaupten, dass wir ihre Unterstützung verloren hätten, denn es sei frech, es zu wagen, sie aus ihrer Gemütlichkeit herauszubewegen.

Das sind genau diejenigen, die dagegen waren, dass wir eingewandert sind.

Das sind diejenigen, die mir auf rabiate paternalistische Weise meinen Namen änderten, den mir meine Eltern gegeben hatten.

Diejenigen, die uns mit der Vorstellung des Schmelztiegels in eine Israelität vereinheitlichten, um unsere Identität auszulöschen und damit ich ihnen angenehm sei.

Diejenigen, die mich nicht in ihrem Kindergarten und nicht in ihrer Schule und nicht in ihrer Universität akzeptierten.

Diejenigen, die sich weigerten, mir eine Wohnung zu vermieten oder zu verkaufen, aus Angst, meine Gegenwart könne ihren Wert verringern.

Diejenigen, die ihr Kind von mir entfernten und nicht wollten, dass ich mit ihm spiele, damit meine Schwarzheit mit all ihrer negativen Attribute ihm nicht Schaden zufüge, obschon er mein Klassenkamerad war.

Diejenigen, die in den Ministerien sitzen, aber mich nicht bedienen, obschon ich eine Nummer genommen habe und Reihe stehe.

Diejenigen, die glauben, ich hätte das elektrische Fahrrad geklaut, obschon ich ihnen die Kaufbescheinigung zeige.

Diejenigen, die keinen einzigen äthiopischen Freund haben, aber sie kennen alle Äthiopier und ihre Oberhäupter und sind ihre Pressesprecher.

Diejenigen, die sehr von mir beeindruckt sind und ein Geschäft mit mir am Telephon machen, aber beim Treffen mit mir kommen ihnen wegen meiner Hautfarbe die Zweifel.

Diejenigen, die mich schon verurteilt haben, bevor ich den Gerichtssaal betreten habe, und der ganze Prozess ist nur Theater, dessen Ende bekannt ist.

Diejenigen, die mich daran hindern, das Wunder, das ich bin, zu verwirklichen, denn sie sitzen auf der gläsernen Decke und drücken sie auf meinen Kopf, damit ich mich ja nicht von meinem Platz bewege.

Das sind die Leute, deren Unterstützung ich verloren habe, die ich ja sowieso nicht hatte!”

Dror Sulami, 27, Jerusalem, Lehrer:

„Der Fall von Solomon Teka hat mich aufgewühlt, und ich habe vieles geschrieben und gemacht, ich bin sehr in den Demonstrationen involviert, und ich habe bemerkt, dass das viele Menschen berührt hat, und nicht alles wurde richtig verstanden. Deshalb möchte ich jetzt hier zusammenfassen:

Im Staat Israel gibt es ein chronisches Problem von Polizeigewalt, ich habe sie selber mehrmals verspürt. Das ist meines Erachtens eine der größten Krankheiten in diesem Staat. Das Problem liegt nicht bei den Polizisten, von denen die meisten gute Menschen sind und ihre Arbeit gewissenhaft machen, sondern bei “Machasch” [der Polizeieinheit für interne Untersuchung von Polizisten] und der pauschalen Rückendeckung, die gewalttätige Polizisten erhalten, was zu immer mehr Gewalt von seiten der Polizei führt, da sie sich sicher fühlen.

Araber und Äthiopier leiden mehr unter der Polizeigewalt, sie sind natürlich nicht die Einzigen, aber sie werden häufiger verdächtigt. Deshalb muss eine gründliche Behandlung der Polizeigewalt dies berücksichtigen.

Im letzten Fall von Solomon Teka waren verschiedene Jugendliche involviert. Der Schuss war auf einen Jugendlichen gerichtet, der kein Äthiopier ist, und traf Teka. Deshalb ist die Eingrenzung der Media auf das Thema der Äthiopier grundfalsch. Auch Medienarbeiter haben eine Verantwortung, nicht nur Polizisten. Die Medien sollten nicht Hass aufwühlen, sondern einen breiteren Kontext geben. Nicht dass ich besonders hohe Erwartungen hatte, aber diesmal ist das Niveau besonders tief.

Gewaltsame Demonstrationen sind ein schlechtes Mittel, Gewalt ist dumm, schwächt unseren gerechten Protest und schädigt dem Image der Äthiopier. Ich glaube an gewaltlosen Widerstand. Starker, aktiver und kompromissloser Widerstand, wie zum Beispiel das Absperren des Eingangs zur Polizeistation. Wir müssen weiter demonstrieren, bis eine unabhängige Untersuchung dieses Falles und der Polizeigewalt im allgemeinen stattfindet.

(Disclaimer: Seine Hautfarbe ist zwar ziemlich dunkel, aber er ist kein Äthiopier sondern ein Jemenite, war mein Schüler und ist mit einer Äthioperin verheiratet.)

Samia Nasser, eine arabische Freundin aus Nazareth, hat folgendes auf Facebook gepostet (alles meine Übersetzung): “Ich denke, es gibt keinen schlimmeren Rassismus als den auf der Basis der Hautfarbe. Seit wir klein waren, lernten wir rassistische Lieder gegen “die Schwarzen”. Ich erinnere mich, wie viele kleine Kämpfe ich gegen die Jugendleiter in den Sommercamps, bei denen ich mitarbeitete, geführt habe, und ihre Zöglinge sangen ihnen nach: “…die Schwarzen wie die Affen… [auf Arabisch reimt sich das. U.S.]. Und sie verstanden meinen Protest nicht.

Im Museum, in dem ich arbeite, treffen sich arabische Schüler mit hebräischen, darunter auch Äthiopier, und ein Teil der arabischen Schüler rufen die Äthiopier “Nutella”, was sie lustig finden. Vergeblich versuchen wir zu erklären, dass niemand seine Hautfarbe wählt, genauso wenig wie seine Familie und seine nationale Zugehörigkeit.   

Meiner Meinung nach übersteigen die Leiden der Menschen mit dunkler Hautfarbe, im Verlauf der Geschichte, alle anderen Leiden der Menschheit. Ich fühle mich solidarisch mit allen Unterdrückten und mit jedem, der unter Rassismus leidet.”

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