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„Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“

Karl Poppers berühmtes Werk entstand im neuseeländischen Exil…

Von Jim G. Tobias

„Ich begann als sozialistischer Mittelschüler, fand die Mittelschule weniger anregend und trat aus der sechsten Klasse aus,“ beschreibt der weltbekannte Philosoph Karl Popper rückblickend seine Schulzeit. Das Abitur legte er als Externer ab, um anschließend eine Lehre als Tischler zu machen, „in Opposition zu meinen intellektuell-sozialistischen Freunden“, wie Popper betonte. Danach arbeitete der junge Mann in einem Kinderheim und wurde Volksschullehrer. „Es war nicht meine Absicht, Philosophieprofessor zu werden.“

Karl Popper, ca. 1980, LSE library

Karl wurde am 28. Juni 1902 als Sohn der jüdischen Eheleute Jenny und Simon Popper in Wien geboren. Der Vater arbeitete als Jurist mit einer eigenen Kanzlei und verfügte über eine große Bibliothek. „Überall gab es Bücher, mit Ausnahme des Speisezimmers“, erinnerte sich Karl: „Eigentlich war mein Vater mehr ein Gelehrter als ein Rechtsanwalt.“ Ein geradezu hervorragendes Umfeld für den wissbegierigen Sohn, der schon in jungen Jahren als Gasthörer an der Universität Wien Vorlesungen in den Fächern Mathematik, Psychologie, Geschichte und Philosophie belegt. Im Alter von 23 Jahren begann Popper ein ordentliches Studium und promovierte 1928 an der Universität zum Thema „Zur Methodenfrage der Denkpsychologie“. Sechs Jahre später erschien Poppers wissenschaftstheoretische Abhandlung „Logik der Forschung“, in der er sich kritisch mit der Tradition des logischen Empirismus auseinandersetzte. Das Buch fand große Beachtung und wurde in zahlreichen Sprachen übersetzt. „Die Folge war, dass ich aus verschiedenen europäischen Ländern viele Briefe und Einladungen zu Vorträgen erhielt“, schreibt Popper in seiner Autobiografie. Darunter auch eine Einladungen an englische Colleges und Universitäten, denen er in den Jahren 1935/36 folgte. Im Herbst 1936 kehrte der Philosoph nach Wien zurück. Angesichts des drohenden „Anschlusses“ Österreichs an das Deutsche Reich bot ihm die Universität Cambridge eine „akademische Gastfreundschaft“ an. Kurz darauf folgte ein Dozentenangebot vom Canterbury University College in Christchurch, Neuseeland. „Diese Dozentur war eine normale Anstellung, während die von Cambridge angebotene Gastfreundschaft einem Flüchtling zugedacht war“, notierte Popper. Obwohl er und seine Frau lieber nach England gegangen wären, entschied sich das Paar ans andere Ende der Welt zu reisen. „Ich dachte“, schrieb Karl Popper, „dass man das Angebot der Gastfreundschaft vielleicht auf jemanden anderen übertragen könnte.“ Der Vorschlag wurde angenommen und ein jüdischer Universitätskollege erhielt die Möglichkeit nach England zu emigrieren.

Im Januar 1937 verließen Karl und seine Frau Josefine Wien in Richtung England, wo sie sich nach Neuseeland einschifften. Die Seereise dauerte fünf Wochen, sodass die beiden im März in Christchurch ankamen, „gerade zu Beginn des akademischen Jahres in Neuseeland“, wie Karl Popper in seinen Memoiren freudig anmerkte. Im Gegensatz zu seinem Heimatland hatte der Österreicher bereits in England „die Ehrlichkeit, Freundlichkeit und Großzügigkeit der Menschen und ihr starkes politisches Verantwortungsgefühl“ genossen. In Neuseeland war die Situation ähnlich: „Die Menschen dachten an nichts Böses; sie waren, wie die Briten rechtschaffend, freundlich und gutmütig“, erinnerte sich der Emigrant. „Es herrschte eine wunderbar ruhige und für die Arbeit angenehme Atmosphäre.“

Neben seiner Lehrtätigkeit als Philosophieprofessor fand Karl Popper Zeit und Muße an seinem umfangreichen Werk „The Open Society and its Enemies“ (Die offene Gesellschaft und ihre Feinde) zu arbeiten. Dabei plagte ihn die Sorge, „in erträglichem Englisch zu schreiben“, denn im Gegensatz zum deutschen Leser, der „zum Beispiel keinen Anstoß an vielsilbigen Wörtern“ nimmt, musste der Autor beim Englisch schreiben lernen, diese möglichst zu vermeiden. Gleichzeitig engagierte sich Karl Popper in einem Komitee, das sich für die Einreiseerlaubnis für Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland einsetzte. Es gelang den Aktivisten sogar, einige der Verfolgten aus den Konzentrationslagern und Gefängnissen zu retten.

Doch das Land auf der anderen Seite unseres Globus‘ nahm nur wenige, rund 1.100, jüdische Flüchtlinge aus Deutschland und den besetzten Ländern auf. Obwohl etwa der Labour-Politiker Thomas Bloodworth 1939 im neuseeländischen Parlament gefordert hatte: „Im Namen unserer Mitmenschlichkeit und unserer christlichen Gesellschaft appelliere ich an das Parlament und das Volk, diesen Flüchtlingen, die zurzeit so schrecklich leiden, zu helfen.“ Die Regierung war jedoch nicht zu Änderungen ihrer rigiden Einwanderungspolitik zu bewegen, da sich auch die neuseeländische Bevölkerung kaum für das Schicksal der Verfolgten interessierte und große Skepsis gegenüber nicht-britischen Zuwanderer äußerte.

Dem nationalsozialistischen Völkermord fielen 16 Angehörige der Familie Popper zum Opfer. Deshalb bewegte Karl Popper neben dem totalitären Stalinismus insbesondere das NS-Regime zu seinem Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“. Der Philosoph verstand das 1945 publizierte Werk als seinen „Beitrag zu den Kriegsanstrengungen“, im Kampf des Liberalismus gegen totalitäre und autoritäre Ideologien sowie geschlossene Staatsformen.

„Ich war sehr gern in Neuseeland“, gesteht Popper in seiner Autobiografie „und ich war bereit, für immer dort zu bleiben.“ Kurz nach Kriegsende erhielt der Philosoph jedoch das Angebot, eine außerordentliche Professur an der London School of Economics zu bekleiden. „Von diesem Augenblick an konnte ich es kaum erwarten Neuseeland zu verlassen“, notierte er voller Vorfreude. Später folgte eine weitere Berufungen an die University of London, wo Popper den Lehrstuhl für Logik und wissenschaftliche Methodenlehre übernahm.

Der österreichisch-britische Philosoph – 1949 erhielt Popper die britische Staatsbürgerschaft – gehört zu den wichtigsten Gesellschaftstheoretikern des 20. Jahrhunderts. Sein Leben lang beschäftigte ihn die Frage: „Was können wir tun, um unsere politischen Institutionen so zu gestalten, dass schlechte oder untüchtige Herrscher möglichst geringen Schaden anrichten können?“ Eine Antwort fand Popper im politischen System der Demokratie, die uns „erlaubt, schlechte oder untüchtige oder tyrannische Herrscher, ohne Blutvergießen loszuwerden.“

Im Jahr 1965 erhob Königin Elizabeth II. Karl Popper in den Adelsstand. Es folgten weitere Auszeichnungen, wie etwa die Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Wien, die Aufnahme in die Österreichische Akademie der Wissenschaften und die Verleihung des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland. Sir Karl Popper starb am 17. September 1994 in London.

Zur Serie: Neue Heimat am Ende der Welt