In Anthropopolis

Götz Aly öffnet das Schloss zu Siegfried Lichtenstaedters Vermächtnis…

Von Galina Hristeva
Zuerst erschienen bei: literaturkritik.de

Siegfried Lichtenstaedter schrieb hauptsächlich unter den Pseudonymen Dr. Mehemed Emin Efendi und Neˈeman. Unter dem ersten Decknamen erschienen Bücher mit imposanten Titeln wie Kultur und Humanität. Völkerpsychologische und politische Untersuchungen (1897) oder das zweiteilige Das neue Weltreich. (Ein Beitrag zur Geschichte des 20. Jahrhunderts) von 1901/03. Unter dem Pseudonym Neˈeman erschien 1908/1909 etwa der Artikel mit dem markanten Namen Ma sot cherut? [Freiheit – was ist das?]. Er ging aufs Ganze, aber auch auf partikuläre Fragen ein, zum Beispiel die Zukunft der Türkei (in Die Zukunft der Türkei. Ein Beitrag zur Lösung der orientalischen Frage, 1898), und Palästinas (in Die Zukunft Palästinas. Ein Mahnruf an die zionistischen Juden und an die ganze Kulturwelt, 1918) oder die armenischen Gräuel (in Die armenischen Greuel und die englische Humanität, Offenes Schreiben an Herrn Gladstone, 1895/96). Sonst betrachtete er sich bescheiden als „homo ignotus“, „einem breiten Publikum praktisch unbekannt“. In einer Selbstbeschreibung im Artikel Perish or change? A memorandum about the Jewish distress (geschrieben im Winter 1937/38) führt er aus:

Persönlichen Einfluss irgendwelcher Art habe ich nicht. Mein Blick bannt niemanden, meine Stimme ist schwach, meine Statur unauffällig, mein Äußeres nicht besonders elegant. Ich verfüge über kein größeres Vermögen und führe ein sehr zurückgezogenes Leben, nahezu einem Einsiedler gleich. Mir ist bewusst, dass man solchen Menschen gemeinhin die Fähigkeit abspricht, brauchbare Ideen zu entwickeln. 

Götz Aly hat nun Lichtenstaedter, diesen eigenartigen, eigenwilligen, höchst interessanten „homo ignotus“ der Vergessenheit entrissen. Alys Forschung schließt sich der Forschung Jussi Isaksens an, mit dem Ziel, Lichtenstaedter „einem größeren Publikum“ vorzustellen. Lichtenstaedter war tatsächlich „ein Mann der Feder“ – wie er seiner Selbstbeschreibung dann noch hinzufügte. Neben seinen völkerpsychologischen Untersuchungen und politischen Kommentaren schrieb er gern satirische Werke, zum Beispiel die 1914 erschienenen Moralischen Erzählungen. Er vermischte gern Heiteres und Ernstes, Wahres und Erdichtetes, wie der Untertitel seiner 1926 erschienenen Sammlung Antisemitica lautete. Er schrieb über Kultur und Humanität und pochte darauf, dass eine Kultur ohne Humanität nicht möglich sei. Als Jude wurde er im Jahre 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort im Alter von 77 Jahren ermordet.

Das von Aly zusammengestellte Lesebuch Prophet der Vernichtung. Über Volksgeist und Judenhass (1865-1942) führt in Leben und Werk des 1865 in Baiersdorf geborenen Lichtenstaedter ein. Aus den zahlreichen Büchern, Aufsätzen und Broschüren des Autors hat Aly wichtige und repräsentative Texte zusammengestellt und diese durch Kommentare sowie durch zwei eigene Aufsätze über Lichtenstaedter sinnvoll ergänzt: Ein „Lichtenstaedter zum Einstieg“, der das Tor auch zu den von der Bayrischen Staatsbibliothek digital erfassten Schriften dieses bisher wenig bekannten Autors öffnet.

Aly erklärt ihn zum „Meister der Dystopie, der rabenschwarzen Zukunftsgeschichtsschreibung“. Lichtenstaedter in nuce findet man in der Satire Der jüdische Gerichtsvollzieher. Eine Studie aus Anthropopolis (1926), die in Alys Sammlung fast vollständig abgedruckt ist. Der Name Anthropopolis mutet ironisch-amüsant an und lässt „Menschliches, Allzumenschliches“ in dieser „Menschenstadt“ vermuten. Anthropopolis ist die Hauptstadt des Großherzogtums Anthropopolitanien, das mit seinen 200.000 Einwohnern eine bunte Mischung unterschiedlicher Menschen abgibt: „strenggläubige, mildgläubige, halbgläubige, ungläubige, atheistische, pantheistische, monistische“. Die Hauptstadt gerät aber schnell außer Kontrolle und das Übel nimmt seinen Lauf, als der Posten des Gerichtsvollziehers durch einen Juden besetzt wird. Aufsehen erregt dieses Ereignis einzig und allein dadurch – wie der Erzähler dem „geneigten Leser“ mitteilt –, dass die oben genannte, angeblich bunte Mischung in Wirklichkeit nur aus lauter „guten Christen“ besteht. Lichtenstaedter nutzt „das Spottgewand“ der Satire, um die zunehmende Verunsicherung der Bevölkerung und die immer bedrohlichere Atmosphäre in Anthropopolis zu schildern, deren Opfer der jüdische Gerichtsvollzieher wird: „Seit der Erschaffung der Welt war es das erste Mal, dass der Gerichtsvollzieher in Anthropopolis ein Jude war; die öffentliche Meinung geriet in lebhafteste Bewegung.“

Zielscheibe der Satire ist hier der völkische, der „Veredelung des Geistes“ dienende Antisemitismus, der insbesondere durch das Blatt Anthropopolitanische Morgenröte vorangepeitscht wird. Längere Auszüge aus dieser fiktiven Zeitung, deren Prototyp der Völkische Beobachter ist, gewähren tiefe Einblicke in die Anatomie, Pathogenese und Rhetorik einer Gesinnung, die dem jüdischen Gerichtsvollzieher zum Verhängnis wird. Denunziation, „stark besuchte Volksversammlungen“, bei denen „glänzende Volksredner unter stürmischem Beifall“ gegen die jüdischen Mitbewohner hetzen, und „Fenstereinwürfe“ an jüdischen Wohnungen prägen nunmehr das Leben in Anthropopolis. Kultur und Wissenschaft sind auch von der Flamme der neuen, „edlen“ Weltanschauung erfasst: „Der berühmte populärwissenschaftliche Anthropologe Aristoteles“ schreibt ein epochales Werk: „Die Unfähigkeit der semitischen Rasse zum Gerichtsvollzieherberufe“ (Erster Band: „Physische Unfähigkeit“, zweiter Band: „Geistige Unfähigkeit“; dritter Band: „Moralische Unfähigkeit“).

Lichtenstaedter war hoher Finanzbeamter in München und konnte die historischen Vorgänge in den 1920er Jahren gut beobachten und hautnah erleben. Seine Satire registriert bereits 1926 die Risse und Brüche und erfasst seismografisch genau die Erschütterungen der demokratischen Ordnung durch die völkischen und rechtsnationalistischen Bewegungen. Kultur und Humanität brechen auseinander, der Rechts- und Kulturstaat Anthropopolitanien und die „Menschenstadt“ Anthropopolis werden zur Brutstätte der Unmenschlichkeit. Lichtenstaedters Satire warnt rechtzeitig vor dem eskalierenden Terror und ist wie all seine Werke ein Appell zur Menschlichkeit, der heute wieder einmal aktuell ist. Um bei der Satire zu bleiben, könnte man mit Christoph Martin Wieland und seiner Geschichte der Abderiten (und im Ton von Lichtenstaedters Bescheidenheit) fragen: „Sollte man dieses kleine Werk nicht als einen, wiewohl geringen, Beitrag zur Geschichte des menschlichen Verstandes ansehen wollen?“

Lichtenstaedter selbst hat sich gern als Prophet gesehen, und so lautet ein Teil des Titels der vorliegenden Sammlung Prophet der Vernichtung. Selbst wenn solche Selbstzuschreibungen nicht immer zutreffen und dem Ansehen des Autors womöglich nicht sonderlich zuträglich sind – wird er doch so in den Rang einer bloßen Kuriosität erhoben –  erweist sich Lichtenstaedter als ein erstaunlich präziser Zeitdiagnostiker und Zeitkritiker. Seine Untersuchungen beschränkten sich nicht auf Deutschland. So warnte er 1937 vor dem „künftig monarchistischen oder faschistischen Russland“. Trotz gewisser Skepsis (auch wegen der Gefahr einer übermäßigen Modernisierung Palästinas) schrieb er wohlwollend über die zionistischen Pläne, die Juden nach Palästina zurückzuführen:

Gestützt auf ihre errungene Position in der ganzen Welt, nachdem sie alle bewusst oder unbewusst entgegengestellten Hindernisse zu beseitigen gewusst haben, sind die Israeliten nun darangegangen, sich des Landes ihrer Vorfahren zu bemächtigen. Ist dies denn eine Tat, die man ihnen verdenken kann? Ist sie nicht vielmehr allen Rühmens wert? Eine Kluft von 1800 Jahren trennt sie von dem Besitz ihres alten Landes. Sie haben es nicht vergessen, sie erinnern sich desselben, seines Heiligtums, seiner Geschichte, seiner Kämpfe, seiner Lage, seiner Fruchtbarkeit und seines Friedens.

Lichtenstaedter bewies Weitsicht und behielt oft Recht, obwohl er seine Gedanken selbst als „völkerpsychologische Phantasien“ bezeichnete. Seine Auseinandersetzung mit der jüdischen Frage, mit dem Zionismus und dem Antisemitismus, sein Beitrag zur Lösung der orientalischen Frage, seine Gedanken über Rolle und Schicksal der Minderheiten als „Fremdkörper“, über Nationalismus, Kolonialismus, Imperialismus, Völkermord, Völkerethik, Arbeitsteilung, Handel und auch Naturschutz tragen zwar sowohl den Stempel seiner Zeit als auch historische Patina, können jedoch von letzterer befreit und vor der Folie seiner noch aufzudeckenden, originären Theorie der Kultur und Kulturkritik ausgewertet werden.

Eine Untersuchung wert sind auch Lichtenstaedters literarische Verfahren – etwa die Mischung aus Humor, Witz, feiner Ironie und bitterem Sarkasmus, die sich durch sein Werk zieht und die „Völkerpsychopathie“ aufs Korn nimmt. „Halb Possenspiel, halb Trauerspiel“ – das war Lichtenstaedters Werk, und das ist sein Markenzeichen, das in Beziehung zu der von ihm gern verwendeten, der Eindringlichkeit verpflichteten Form des Mahnrufs, Warnrufs oder Scheltworts zu setzen ist. Ein weiteres dankbares Untersuchungsobjekt, das epistolare Form mit politischer Reflexion verbindet, wird man in seinen „Briefen an einen antisemitischen Freund“ finden. Veröffentlicht wurden sie 1926 unter dem aussagekräftigen Pseudonym U.R. Deutsch. Nicht zuletzt sollten solche Untersuchungen auch Lichtenstaedters blind spots und die Grenzen seiner Weit- und Klarsicht unter die Lupe nehmen.

Der Autor litt darunter, dass „die Satire nicht so edel“ sei und nichts mehr erreichen könne, „als die Schurken zu verspotten.“ Er schrieb im Vorwort zu seinen Moralischen Erzählungen folgende bemerkenswerte Worte, die auch Aly zitiert: „Trotzdem hoffe ich, dass mein Büchlein nicht ganz wertlos ist; die Schurken mit Hohn und Spott zu überschütten, ist jedenfalls keine schlechte Tat. Wenigstens ist es besser, als – zu schweigen.“ Lichtenstaedter schwieg nicht und schrieb – damit Anthropopolis, von Neid und Hass befreit, wieder eine Menschenstadt wird.

Siegfried Lichtenstaedter: Prophet der Vernichtung. Über Volksgeist und Judenhass (1865-1942). Herausgegeben und mit begleitenden Essays von Götz Aly.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2019., 283 Seiten, 22,00 EUR, Bestellen?

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