Über die Grenzen. Kinder auf der Flucht 1939/2015

Ausstellungseröffnung in der Ehemaligen Synagoge Kriegshaber anlässlich des 5-Jahres-Jubiläums als zweiter Standort des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben am Donnerstag, den 11. Juli 2019…

1938/39 wurden über 10.000 jüdische Kinder durch Kindertransporte aus dem Deutschen Reich gerettet – darunter auch mindestens 15 Kinder aus Augsburg und Bayerisch-Schwaben. Allein in einem fremden Land, dessen Sprache sie oft nicht sprachen und ohne von ihren Eltern zu wissen, war der Neuanfang schwierig und durch Ängste, Schuldgefühle und Traumata belastet.

Die neue Ausstellung des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben „Über die Grenzen. Kinder auf der Flucht 1939/2015“ an seinem Standort Ehemalige Synagoge Kriegshaber beleuchtet die damit verbundenen mehrfachen Grenzüberschreitungen: vom Überschreiten der nationalen und sprachlichen Grenze bis hin zu der des für Kinder emotional Fassbaren. Eingeleitet von der Aktion „Kindertransporthilfe des Bundes“ des Berliner Zentrums für politische Schönheit werden die Geschichten von 10 jüdischen Mädchen und Jungen aus Augsburg und Schwaben erzählt, die in ein anderes Land entkommen konnten.

Eine von ihnen war die 1925 in Fischach geborene Anita Heufeld, die in Großbritannien in ein Kinderheim kam und dort wie die meisten Kindertransport-Kinder nebenher arbeiten musste. Die meisten Kinder sahen ihre Eltern nie wieder. So etwa Liese und Siegbert Einstein, 1925 und 1924 in Augsburg-Kriegshaber geboren. Liese überlebte die Schoa als Einzige ihrer Familie; Siegbert starb 1940 in England an den Folgen einer zu spät behandelten Infektion.

Die Ausstellung fragt zudem nach der Situation unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, die 2015 nach Augsburg kamen und heute hier leben – und schlägt damit eine Brücke in die Gegenwart.

Historische Vergleiche bedeuten nicht Gleichsetzung und stellen die Singularität der Schoa nicht infrage. Aber sie helfen, Parallelen aufzuzeigen und verdeutlichen die gesellschaftspolitische Aktualität des Themas. Auch heute sind zahllose Kinder auf der Flucht vor Krieg, Gewalt, Rassismus und Hunger und werden wieder Opfer von erstarkendem Populismus und Fremdenfeindlichkeit, der keinen Raum für Empathie und Mitgefühl lässt.

Die auf Augsburg und Bayerisch-Schwaben konzentrierte Ausstellung fokussiert weniger den Aspekt der Rettung als den des Ankommens, des Fremdheitsgefühls, des Verlusts, der Einsamkeit und des Traumas der Überlebenden. Damit rückt sie im Vergleich zu anderen Ausstellungen zur Thematik einen bisher wenig beleuchteten Aspekt ins Zentrum.

Eröffnung: 11. Juli 2019, 19.00 Uhr im Pfarrsaal Hl. Dreifaltigkeit, Ulmer Str. 195A, schräg gegenüber der Ehemaligen Synagoge Kriegshaber;
musikalische Umrahmung durch den Chor der Ehemaligen Synagoge Kriegshaber unter Leitung von Kantor Nikola David (München)
ab 21.00 Uhr gemeinsamer Rundgang von der Ehemaligen
Synagoge bis zum Rathausplatz mit fahrenden Projektionen der Wiener Künstlerin starsky

Ausstellungsort: Jüdisches Museum Augsburg Schwaben, Standort Ehemalige Synagoge Kriegshaber, Ulmer Straße 228, 86156 Augsburg
Laufzeit: 12. Juli 2019 – 31. Oktober 2019
Öffnungszeiten: Do – Sa, 14.00 – 18.00 Uhr & So, 13.00 – 17.00 Uhr
Kooperationspartner der Ausstellung ist das Friedensbüro im Kulturamt der Stadt Augsburg.

Öffentliche Führungen für Einzelbesucher*innen, jeweils 15.00 Uhr:
28. Juli, 25. August, 8. und 15. September, 27. Oktober (mit Ausnahme vom 8.9. u. 15.9. bitten wir um Anmeldung bis 3 Tage vorher unter: 0821 – 51 36 58)
Führungen für Gruppen können jederzeit unter Tel. 0821 – 444 28 717 und Mail: kh@jkmas.de gebucht werden.

Mit zwei begleitenden Aktionen spannt das Jüdische Museum Augsburg Schwaben einen Bogen zum aktuellen Flüchtlingsdiskurs.

• In Kooperation mit „Tür an Tür – miteinander wohnen und leben e.V.“ finden am 30. Juni ab 11.00 Uhr im Rahmen der Refugee Week ein asylpolitischer Frühshoppen zum Thema „Kinder auf der Flucht“ (Café Tür an Tür) und eine Preview auf die Ausstellung (Ehemalige Synagoge Kriegshaber) statt.

• Gemeinsam mit dem Friedensbüro im Kulturamt der Stadt Augsburg hat das Jüdische Museum zur Vernissage am 11. Juli 2019 die preisgekrönte Künstlerin starsky aus Wien eingeladen. Sie wird ab 21.00 Uhr mit fahrenden Projektionen zwischen Kriegshaber und dem Rathausplatz die Geschichten der jüdischen Kinder von Kriegshaber wieder dorthin bringen, wo sie sich einst abspielten: mitten in der Stadt. Jede und jeder ist eingeladen, bei dieser Kunstaktion im öffentlichen Raum mitzulaufen. Gerne können Sie sich ein weißes Schild mitbringen, eine Botschaft einfangen und damit ein solidarisches Zeichen der Empathie in die Friedensstadt Augsburg tragen.
Start: Ehemalige Synagoge Kriegshaber, Ulmer Str. 228, 21.00 Uhr

Weiteres Begleitprogramm

15. Juli 2019, 18.30 Uhr
Die Bodenlosigkeit des Abschieds. Ilse Aichinger und ihre Zwillingsschwester Helga Michie
Vortrag von Prof. Dr. Birgit Erdle, Göttingen/Augsburg
Ort: Jüdisches Museum, Standort Innenstadt, Festsaal der Synagoge

6. August 2019, 18.30 Uhr
Refugee Lullaby
Ausschnitte aus dem Dokumentarfilm (AT/IL 2019) von Ronit Kertsner, gezeigt im Rahmen des Augsburger Friedensfestes & Gespräch und Musik mit dem Protagonisten Hans Breuer
Ort: Kino LILIOM, Unterer Graben 1, 86152 Augsburg

24. September 2019, 18.30 Uhr
Gerettet. Berichte von Kindertransport und Auswanderung nach Großbritannien
Lesung und Gespräch mit Prof. Dr. Eva-Maria Thüne, Hannover
Ort: Jüdisches Museum, Standort Ehemalige Synagoge Kriegshaber

Nähere Informationen zum Begleitprogramm unter www.jkmas.de

Bild oben: Jüdische Flüchtlingsmädchen aus dem Deutschen Reich, September 1939, Tynemouth, Großbritannien – 2. Reihe, ganz r.: Anita Heufeld, geb. 1925 in Fischach © United States Holocaust Memorial Museum, mit freundlicher Genehmigung von Alisa Tennenbaum

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