Beinah eine Blume

Eine neue Erzählung von Ramona Ambs…

Vom Roland Kaufhold

Luminita wird bald 13. Das Leben hat Lumi, so nennen sie alle, nicht nur von der Sonnenseite erlebt. Nebenbei ist sie auch noch jüdisch.

Ihre Mutter Miriam, 29, hat große Probleme, ist vor allem jedoch mit ihrem eigenen Leben beschäftigt. Zusätzlich hat sie auch noch ihre Tochter Lumi. Als sie ihr Baby bekam war sie selbst noch ein halbes Kind. Sie ist überfordert, schnell genervt, sieht die Welt vor allem aus ihrer eigenen Perspektive. Dann studiert sie auch noch Ethnologie und Psychologie  – und hat ansonsten ein paar psychologische Allgemeinplätze auf Lager, mit denen sie die Beziehungswünsche ihrer Tochter abzuwehren vermag. Andere würden sie als eine coole Mutter beschreiben, wenn sie „mit dem Motorrad vorfährt, den Helm abnimmt und ihre wilden schwarzen Locken dann über die Schultern fallen.“ (S. 6)

Schlecht für Lumi, die sich eigentlich so sehr nach stabilen Verhältnissen sehnt.

Deshalb lebt Lumi nun seit drei Jahren nicht mehr bei ihr, sondern in einer therapeutischen Wohngruppe. Dort hat sie Freunde, Mitbewohner, Betreuerinnen. Sonderlich glücklich ist sie hierbei nicht, wie in der Erzählung deutlich wird. Lumi hat weiterhin Kontakt zu Miriam, würde ihr gerne von ihren Erlebnissen, ihren Wirrungen erzählen. Sonderlich gut klappt das nie, wie die Heidelberger Schriftstellerin und Satirikerin Ramona Ambs in ihrem neuen, dritten Roman erzählt.

Eigentlich sehnt sie sich nach dem früheren Leben: „Meine alte Familie bestand nur aus meiner Oma, Miriam und mir. Und dann nur noch aus Miriam und mir. Und dann meistens nur noch aus mir.“ (S. 10)

Das mit den Betreuern in ihrer Wohngruppe ist so eine Sache: Lumi sieht diese mit einer ziemlichen Skepsis. Besonders blöd wird es, wenn sie ihnen wirklich vertrauen möchte. Dann stellt sich gleich der Wunsch ein, vielleicht sogar bei ihnen zu leben: „Und die Frau Holler hat dann kapiert, dass ich Hoffnung hatte. Das war furchtbar peinlich.“ (S. 12)

Stattdessen mag Lumi Schnecken besonders gerne. Eine davon sieht man auch auf dem Titelcover. Und sie mag Füchse. Ein Kaninchen mit Knopfaugen, Johnny, nimmt sie heimlich mit in ihr Zimmer, versteckt es in einem Pappkarton unter ihrem Bett, bringt ihm Gras und Körner. Aber das geht auf Dauer nicht gut, wie so vieles in diesem anrührenden Jugendroman.

Dann kommt Mbye Jobateh in ihre Wohngruppe: „Ich komme from Gambia und bin dort gewachsen“ (S. 31) stellt er sich ihr vor. Dass darauf bald eine Liebe wird, zumindest eine einseitige, das wird rasch erahnbar und spannend erzählt.

Viele ihrer Mitbewohner tragen so viel Schwieriges mit sich herum, da möchte Lumi manches von übernehmen. Und sie möchte Miriam hiervon erzählen, bei ihren gelegentlichen Treffen. Einmal laufen sie nach einem Sommergewitter barfuß durch die Pfützen. Damit hat ihre Mutter keine Probleme, das zeigt sie Lumi. Glück stellt sich ein, ein kurzes Glück: „Das Wasser ist warm. Der Boden ist auch noch warm. Und alles dampft irgendwie sanft vor sich hin. Ich hab echt die coolste Mutter der Welt.“ (S. 38)

Dann stellt sich der neue Psychologe vor, Herr Mey. Er stellt sehr schnell eine unangenehme Nähe her, nimmt Lumi mit in seinen Garten, um Kirschen zu pflücken. Sie findet niemanden, mit dem sie hierüber sprechen kann. Und sie ist sich über ihre Gefühle auch nie ganz sicher. Woher auch?

Später, als das vorbei ist, kommt eine neue Psychologin: „Du wurdest ja auch von Herrn Mey betreut seh ich grade. Wie kamst Du denn mit ihm zurecht?“ „Gut.“, sag ich und schau sie an. Sie soll bloß nicht denken, dass ich irgendwie ein Opfer bin oder so. Sie schreibt wieder was auf.“ (S. 220)

Dann gibt es, neben ihren Mitbewohnern der Wohngruppe, die häufig wechseln, aber auch noch Mbye. Der ist irgendwann „weg“. Sie unternimmt viel, um ihn wieder zu treffen. Da zeigt Lumi Ausdauer. Was daraus wird sei nicht verraten.

Ramona Ambs, Beinah eine Blume, BoD, 2019, 224 S., Euro 9,90, Bestellen?

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