Ein Roman wie eine Netflix-Serie

Vom polnischen Schtetl in die Neue Welt…

Würde der renommierte jiddische Autor und Nobelpreisträger Isaac B. Singer noch leben (er verstarb 1991), hätte er bestimmt schon einen Vertrag für die Verfilmung seines erstmals als Buch veröffentlichten Romans „Jarmy und Keila“ in der Tasche. Denn die Geschichten über das wilde, erlebnisreiche und tragische Leben der rothaarigen Prostituierten Keila und ihres Ehemanns und Luden Jarmy hätten allemal das Zeug für eine erfolgreiche TV-Serie.

Singers literarische Liebes- und Unterweltgeschichte beginnt kurz vor dem Ersten Weltkrieg in der Warschauer Krochmalna Straße, eines der Zentren des damaligen jüdischen Viertels der polnischen Hauptstadt, und führt uns in die Lower Eastside von Manhattan. Wie Keila und Jarmy flüchteten seinerzeit Tausende Juden aus der Enge und Trostlosigkeit der osteuropäischen Ghettos in die USA. Sie alle erhofften sich ein Leben ohne Armut und Angst vor Pogromen. Plötzlich erscheint die Erfüllung des Traumes für das junge Ehepaar zum Greifen nahe: Max, ein alter Bekannter von Jarmy, will in Amerika das große Geld machen – das Paar soll ihm dabei helfen. Keila soll junge Mädchen für die Bordelle in der Neuen Welt anwerben. Max selbst fühlt sich zu Jarmy hingezogen, dem er schon früher näherkam. Es entfaltet sich eine unglückselige Dreiecksbeziehung, die Keila nicht mehr erträgt. Da tritt der schüchterne Bunem in ihr Leben, der sich eigentlich auf ein Leben als Rabbiner vorbereitet. Für Keila, die er glühend verehrt, ist er bereit, mit allen Konventionen zu brechen.

Isaac B. Singer, 1904 geboren, wuchs in Warschau auf, emigrierte 1935 in die USA und sprach zeitlebens Jiddisch, ein Idiom, das einmal Muttersprache von weit über zehn Millionen Juden war. Doch mit den Menschen wurde auch die Sprache nahezu ausgerottet; nur in den traditionellen jüdischen Gemeinden osteuropäischer Migranten wie etwa in Buenos Aires, New York oder Montreal überlebte die Sprache. Auch Singer bezeichnete seine geliebte Muttersprache einmal als „tote Sprache“. Deswegen musste er sich oft die Frage gefallen lassen: „Warum schreiben Sie dann auf Jiddisch?“ Bei seiner in Mameloschn gehaltenen Dankesrede zur Verleihung des Nobelpreises entgegnete Singer gewitzt und schlagfertig: „Warum soll ich nicht auf Jiddisch schreiben? Ich bin der Überzeugung, dass Jiddisch die reichste Sprache der Welt ist.“

Isaac B. Singer verfasste seine Romane und Erzählungen auf Jiddisch. Viele Texte erschienen als Vorabdruck in der jiddischen Zeitung Forverts. Auch der Roman „Jarme un Kayle“, wurde zwischen 1976 und 1977 dort als Fortsetzungsgeschichte veröffentlicht. Eine Buchausgabe soll zwar geplant gewesen sein, wurde aber nicht realisiert – das Manuskript verschwand im Archiv und wurde vergessen. Der Grund war vermutlich, dass etwa zur gleichen Zeit sein Roman „Schoscha“ als Buch herausgeben wurde. Auch diese Geschichte war zuvor im Forverts abgedruckt worden. 1978 erhielt Isaac B. Singer für sein umfangreiches Schaffen den Literaturnobelpreis, als bislang einziger jiddischer Schriftsteller. Weltberühmt wurden Singers Romane und Erzählungen erst, nachdem sie ins Englische übersetzt waren; mit seiner „eindringlichen Erzählkunst, die in der polnisch-jüdischen Kulturtradition wurzelt“ erreichte er somit ein breites Publikum. Auf den englischsprachigen Versionen basieren alle weiteren Übersetzungen – auch die ins Deutsche. Das ist mehr als bedauerlich, geht doch bei diesem Umweg viel vom Original verloren. Auch bei der Geschichte von Jarmy und Keila, bei der die lakonische Übertragung mitunter am Englischen kleben bleibt, wenn etwa das Wort Schädelkappe (skullcap) statt Kippa verwendet wird. Auch die Redewendung „Kalt wie ein Eishaus“ (icehouse), würde im Deutschen wohl richtig heißen: Kalt wie im Eiskeller.

Das ist schade, denn es gibt zahlreiche deutschsprachige Experten wie etwa Thomas Soxberger, Armin Eidherr oder auch Daniel Wartenberg, die Jiddisch vortrefflich beherrschen und vom Original ins Deutsche übersetzen und sicher auch einen fachkundigen Epilog beisteuern könnten. Es bleibt daher ein Geheimnis des Verlages, warum mit Jan Schwarz ein Jiddistik Professor aus Schweden das Nachwort verfasste, der in seinen Anmerkungen und Fußnoten auf die englischen Ausgaben verweist. Wenig hilfreich für das deutsche Lesepublikum und unverständlich, da alle genannten Singer-Werke in deutscher Übersetzung vorliegen.

Trotz dieser kleinen Wermutstropfen bleibt „Jarmy und Keila“ eine lesenswerte Entdeckung, trägt doch auch dieser Roman dazu bei, die Literatur der ermordeten Menschen ins Leben zurückzuholen. Spannende Unterhaltung von literarischer Güte – mit TV-Potential nicht nur für binge watchers.– (jgt)

Isaac Bashevis Singer, Jarmy und Keila, Jüdischer Verlag/Suhrkamp, Berlin 2019, 464 S., 26 Euro, Bestellen?

Bild oben: Isaac B. Singer auf der Miami Book Fair International 1988, Foto: Wikipedia, Original image: MDCarchives ; Cropped by Off-shell