Destination: Down Under – Jüdische Einwanderung nach Australien

„Wahrlich, wir haben gesündigt, betrogen, geraubt, Missetaten begangen, uns schuldig gemacht“, mit diesen Worten bekannten sich britische Juden zu ihrer Schuld und baten demütig darum, Gnade walten zu lassen. Sie waren aufgrund verschiedener Gesetzwidrigkeiten zur Verbannung auf die britische Kolonie am Ende der Welt verurteilt worden: lebenslang Australien! Doch dieses Eingeständnis half nichts. Am 13. Mai 1787 stach im englischen Portsmouth ein Verband von elf Schiffen mit insgesamt 750 zur Deportation verurteilten britischen Staatsbürgern in See – darunter eine Handvoll Juden…

Von Jim G. Tobias

Die sogenannte „First Fleet“ erreichte die Region um das heutige Sydney im Januar 1788. Rund 1.000 Juden mussten zwischen 1788 und 1852 die Reise in die damals als Strafkolonie geführte britische Besitzung am Ende der Welt antreten. Nur wenige von ihnen waren wirkliche Kriminelle; die meisten hatten sich lediglich kleinerer Eigentumsdelikte schuldig gemacht. Doch die königliche Justiz war unerbittlich. Schon für den Diebstahl einer Taschenuhr lautete das Urteil: lebenslange Verbannung nach Australien. Obwohl damit die Ansiedlung von Juden auf dem fünften Kontinent bereits vor über 200 Jahren stattgefunden hatte, blicken sie, im Vergleich zu anderen jüdischen Gemeinden in der Diaspora, auf eine relativ junge Geschichte zurück.

Auszug aus einem Sträflingsregister, in dem jüdische Sträflinge aufgeführt sind, die vor 1832 in Australien ankamen. Repro: Sydney Jewish Museum

Es dauerte auch nicht lange, bis die ersten freien Siedler nach „Down Under“ kamen. Nach und nach gab die Kolonialverwaltung den Verbannten ihre Bürgerrechte zurück und so konnten sich die ehemaligen Häftlinge mit den freien Pionieren zusammenschließen. In den 1830er Jahren errichteten Juden in Sydney eine erste Synagoge, weitere Gemeindegründungen folgten im Bundesstaat Victoria mit Schwerpunkt in der Stadt Melbourne. Zwischen 1850 und 1880 lockte der große Goldrausch zahlreiche – auch jüdische – Abenteurer aus Europa auf den fünften Kontinent. Ähnlich wie in den USA registrierten die australischen Einwanderungsbehörden gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zudem einen großen Zuzug von ost-europäischen Juden. Die nächsten beiden Immigrationswellen waren vor und nach dem Zweiten Weltkrieg zu verzeichnen, sodass sich zwischen 1933 und 1954 die Anzahl der australischen Juden von etwa 24.000 auf 48.000 Menschen verdoppelte. Waren es in den 1930er Jahren hauptsächlich österreichische und deutsche Juden, die auf der Flucht vor den Nazis eine neue Heimat suchten, kamen nach dem Zweiten Weltkrieg überwiegend jüdische Überlebende aus Osteuropa. Diese hatten jahrelang in den zahlreichen deutschen Displaced Perons (DP) Camps ungeduldig auf einen sicheren Neuanfang in Übersee gewartet.

Im August 1945 gab Australiens erster Einwanderungsminister Arthur Callwell bekannt, dass sein Land innerhalb der nächsten zwei Jahre 2.000 jüdische Überlebende aus „humanitären“ Gründen aufnehmen würde. Aufgrund der begrenzten Transportkapazitäten – viele Schiffe wurden noch von den Militärs benötigt, um Truppen vom europäischen Kriegsschauplatz zurück in ihre überseeischen Heimatländer zu bringen – sowie einer Vielzahl von nichtjüdischen Zuwanderern, die gleichfalls auf ihre Überfahrt nach Australien warteten, verfügte der Minister eine Quote von maximal 25 Prozent jüdischer Passagiere pro Schiff. Diese Haltung war Ausdruck eines nicht übersehbaren Antisemitismus in der australischen Gesellschaft, dem Calwell sich auch deswegen beugen musste, weil Parlamentswahlen anstanden. Demzufolge wurden die ersten beiden geplanten Passagen von DPs aus Europa nach Australien gestoppt: An Bord der Schiffe befanden sich nämlich weit mehr als die erlaubten 25 Prozent jüdischer Auswanderer. Rund 600 Juden mussten daher in Frankreich auf eine neue Überfahrtgelegenheit warten. Aber auch nach dem Urnengang zeigte der Minister sich unnachgiebig und beharrte auf seiner Quote. Damit entsprach Calwell der politischen Mehrheitsmeinung, vorrangig christlichen Angehörigen des britischen Commonwealth die Zuwanderung nach Australien zu gestatten.

Die ersten rund 160 Shoa-Überlebenden aus Europa erreichten im November 1946 an Bord der Ville d’Amiens australischen Boden. Nach heftigen Protesten jüdischer Verbände gegen die diskriminierenden Einwanderungsvorschriften erlaubte Arthur Calwell im März 1947 dem Schiff Johan de Witt, das rund weitere 700 Emigranten aus Europa an Bord hatte – davon etwa 600 jüdische Passagiere – die Anlandung im Hafen von Sydney. Es blieb jedoch bei diesen Ausnahmen, sodass es bis Ende 1948 nur 5.700 europäischen Juden gelang, in Australien Fuß zu fassen. Erst Anfang 1949 wurde die Quote der von jüdischen Passagieren zu beanspruchenden Schiffsplätze auf 50 Prozent erhöht. Demzufolge konnten zwischen 1949–1950 nochmals rund 6.300 Überlebende des Holocaust ihre Zukunft auf dem fünften Kontinent planen. Da die Einwanderungsbehörden bis Mitte der 1950er Jahre weiteren jüdischen Flüchtlingen aus Europa oder Schanghai – hierhin hatten sich tausende von deutschen und österreichischen Juden vor den Nazis gerettet – die Ansiedlung in Australien gestattet hatten, nahm das Land zwischen 1946 und 1954 rund 17.000 entwurzelte jüdische Menschen auf.

Jüdische Einwanderer an Bord der Ville d’Amiens. Das Schiff brachte die ersten Überlebenden der Shoa nach Australien und ging im November 1946 im Hafen von Sydney vor Anker. Repro: nurinst-archiv

Die weit vorausschauende und taktisch kluge Immigrationspolitik, die Arthur Calwell trotz großer Vorbehalte innerhalb der australischen Bevölkerung, durchsetzte, legte den Grundstein für die heutige multikulturelle und liberale Gesellschaft. Für jüdische Einwanderer von damals war jedoch ein anderer Aspekt wichtiger: „Es ist ein eigenartiges Gefühl,“ schrieb 1950 ein soeben ins Land Gekommener. „Es ist beinahe Mitternacht. Wir befinden uns inmitten einer Stadt mit zwei Millionen Einwohnern – in Sydney. Wir sind in Australien. Ihr, die ihr hier geboren seid oder schon seit Jahren hier lebt, werdet dieses Gefühl nicht verstehen. Obwohl es Mitternacht ist, wir erst seit zwei Tagen in Sydney sind, erscheint es uns als unser Zuhause. Schon jetzt stellt sich das gleiche Gefühl von Sicherheit bei uns ein, wie es die Australier haben.“ Die Juden mussten sich nicht mehr vor Angriffen fürchten, dass nachts an ihre Tür geklopft wird, sie bedroht oder sogar verschleppt werden. Sie waren nun gleichberechtigte Bürger in einem demokratischen Staat.

Heute leben über 110.000 Juden in Australien, davon etwa 85 Prozent in den beiden Metropolen Sydney und Melbourne, der Rest hauptsächlich in den Städten Perth, Brisbane und Adelaide.

Lesetipp:

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Australien und Neuseeland, die beiden Länder auf der anderen Seite unseres Erdballs ziehen seit ihrer Besiedlung durch Europäer vor über 200 Jahren viele Einwanderer magisch an. Auch Juden suchten dort Zuflucht, sei es etwa vor zaristischen Pogromen, der NS-Vernichtung oder vor den alltäglichen antisemitischen Anfeindungen in ihren Heimatländern…

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