Antisemitismus: Das Das-da und sein Da-Sein

Ein Textvergleich zwischen Daniel Cohn-Bendit und Angela Merkel…

Von Detlef zum Winkel
Zuerst erschienen bei: telepolis, 2. Juni 2019

Am Sonntag, 26.5.2019, hat es im französischen TF1 Rumms gemacht. Manche meinen, es sei der Höhepunkt des europäischen Wahlabends gewesen. Dank des Netzes lässt sich alles anschaulich studieren. Ein ehemaliger EU-Parlamentarier und ein frisch gewählter Abgeordneter lieferten sich einen lebhaften Disput.

TF1 hatte Vertreter der Liste Renaissance von Präsident Macron (22,4%) und des Rassemblement National von Marine Le Pen (23,3%) ins Studio gebeten. Daniel Cohn-Bendit, langjähriger Europaabgeordneter der französischen wie auch der deutschen Grünen, sollte der Diskussion als Zeitzeuge beiwohnen.

Siegesbewusst ob eines Vorsprungs von sagenhaften 0,9% machte es sich Gilbert Collard vom RN auf seinem Stuhl bequem. Gewichtig, pausbäckig, den Ehering am kleinen Finger tragend, weil er auf den Ringfinger nicht mehr passt, startete er mit einem Vorwurf. Cohn-Bendit sei nicht neutral, der ist für Macron aufgetreten. Also zwei Leute von République en Marche gegen einen Frontal-Nationalisten, das ist unausgewogen, ungerecht, aber man kennt das ja von den Medien. Collard dachte, mein Sieg, jetzt bring ich der Lügenpresse gleich mal meine Regeln bei.

Cohn-Bendit hört sich den Wortwechsel zwischen Collard und der Moderation eine Weile an, dann sagt er ihm, reg dich ab, was ist denn dein Problem damit? „Qu’est-ce que ça peut te foutre?“ Collard: „Tu es de trop.“ Du bist zu viel hier.

Cohn-Bendit, ah ja, zu viel? Dann kann er ja gehen. Er wird seiner Rolle als Zeitzeuge gerecht: Einer zu viel, das kennt er von früher. Das erinnert ihn an seine Familie, seine Herkunft. „Die waren für euch zu viel.“ Er erhebt sich und macht ein paar Schritte. Collard verliert die Fassung: „Wieder die alten Klamotten!“ Heuchler, Falschspieler!

Jetzt kommt Cohn-Bendit zurück: „Elendes Miststück.“

Collard schreit herum und wirft mehrmals die rechte Hand hoch, eine Hinaus-Geste, „hau ab, hau ab“. Anders als Straches Armbewegung beim Drei-oder-vier-räumen-wir-ab in Ibiza, aber auch eine interessante Körpersprache.

Cohn-Bendit: „Ferme ta gueule connard.“

Es geht durcheinander, Collard beschwert sich, muss er sich so beschimpfen lassen? Cohn-Bendit bestätigt, die Silben dehnend: „Ouiii, connnaard!“ Collard: „Dreckiger Verräter!“ Cohn-Bendit: „Idiot!“ Collard gegen alle: Macht nur weiter so, nennt uns Faschos, die Leute wählen uns erst recht. Abgang als Nazi, der keiner sein will.

„Ferme ta gueule connard“ würde man gemeinhin als „Halt’s Maul, Arschloch“ übersetzen, und ich hätte keine Bedenken, es auch in diesem Fall so zu tun. Die Bedenken sind eher allgemeiner Art. Connard, con, cul, alles wird in Deutsch mit Arschloch wiedergegeben. Die französische Sprache hat nicht diesen analen Einschlag, auf den man in der deutschen Popularkultur häufig stößt. Ausdrücke wie Idiot, Depp, Vollpfosten treffen den Sprachgebrauch unserer Nachbarn besser. Aber das ist Ansichtssache.

Danys Stimmbänder sind an jenem Abend zur Hochform aufgelaufen. So ist es halt: Wenn der Kopf einen klaren Gedanken hat und ein vitales Mundwerk ihn vertont, ist das Ergebnis erstklassige Antifa. Leider passiert es oft umgekehrt.

Collard hat erfahren, dass er für die konservative Revolution gegen Alles-was-mit-1968-zu-tun-hat noch üben muss. Aber es ging um ein bisschen mehr. Die veröffentlichte Meinung hatte wochenlang voller Angst und Selbstzweifel auf die Rechten gestarrt wie das Kaninchen auf die Schlange. Klarer Vorsprung für Le Pen, hieß es in den Meinungsumfragen. Macron ist angeschlagen; der durch die Gelbwesten-Proteste beschädigte Präsident erklärt die Wahl zur Schicksalsfrage; es nützt ihm nichts, der Rassemblement National bleibt vorne; wie schwach ist Macron?

Tag für Tag dieselbe Leier, die gleiche Sülze. Als die Ergebnisse über die Bildschirme liefen, waren die Kommentare schon geschrieben. „Klatsche für Macron“, „Le Pen siegt“. Am Tag nach der Wahl behauptete Spiegel-online immer noch 27,5 % für den RN in einer Grafik. Von was träumen die eigentlich? Cohn-Bendit ist es gelungen, aus diesem Zirkel auszuscheren, für einen Moment die Hypnose zu beenden und eine befreiend wirkende Kampfansage zu machen.

Hier kann man diese Unterrichtseinheit natürlich abbrechen, allerdings wurde sie für Berlin erstellt. Das Bundeskanzleramt wird gebeten weiterzulesen. Einen Tag später gab Frau Merkel nämlich, bevor sie zu ihrem gefeierten USA-Besuch aufbrach, ein Interview, das mit dem gleichen Thema beginnt. Klar, dass sie als Regierungschefin nicht mit Beleidigungen um sich wirft. Außerdem entspräche das nicht ihrer Art. Ein Vergleich mit Cohn-Bendits Auftritt kann sich also nur auf Inhalte beziehen.

Das hat zugenommen

CNN-Starjournalistin Christiane Amanpour begrüßt die Kanzlerin warmherzig, fragt aber gleich, was sie zu der Tatsache sage, dass in ihrer Amtszeit die dunklen Kräfte des Nationalismus, Populismus und Antisemitismus zugenommen hätten.

Merkel beginnt mit einem eigenartigen Satz: „Deutschland kann und wird sich ja nicht entkoppeln von Entwicklungen, die wir leider überall sehen.“ Sie sagt nicht, aus diesem Zug würden wir gern aussteigen, haben es aber bisher versäumt. Stattdessen sagt sie ziemlich authentisch, in dem Zug sitzen leider alle drin, da müssen wir eben mitfahren.

Das beschreibt, historisch gesehen, die Politik des Appeasement gegenüber dem Nationalsozialismus nach 1930. Das „Ja“, das die Kanzlerin in diesem Satz benutzt, um eine Selbstverständlichkeit ihrer Aussage zu suggerieren, ist hier ganz falsch am Platz. Appeasement gegenüber Nationalismus, Populismus und Antisemitismus ist mitnichten selbstverständlich, sondern grundfalsch. Wenn man ihren Satz wohlmeinend nicht so wörtlich nimmt, wollte sie wohl sagen: Wir müssen irgendeinen Umgang damit finden. Gut, aber welchen?

„In Deutschland sind diese Entwicklungen immer noch in einem bestimmten Kontext, auch unserer Vergangenheit zu sehen.“ In welchem sonst? „Wir hatten immer eine bestimmte Größe von Antisemitismus in Deutschland… Das ist über die Jahrzehnte nie verschwunden. Aber das hat zugenommen.“ Eine zutreffende und wichtige Botschaft. Sie wird von der Kanzlerin gewohnt sachlich und nüchtern vorgetragen.

Dennoch ist es schwer zu ertragen, dass es in dieser tatsächlich niederschmetternden Feststellung kein Aufbäumen, keine Selbstkritik, keinen Vorwurf an wen auch immer gibt. Hat sie keine Sekunde an Ignaz Bubis gedacht, der sich ziemlich eindrucksvoll dazu geäußert hat? Sie hätte wenigstens sagen können, dass vieles falsch gelaufen ist und immer noch falsch läuft.

Was denn?, hätte Amanpour wahrscheinlich nachgefragt. Dann hätte die Kanzlerin antworten können: „Ach, wissen Sie …“, das sagt sie ja gern, ach, wissen Sie, wenn beispielsweise ein Premiumberater, dem das Weiße Haus gekündigt hat, sein Hauptquartier in Brüssel aufschlägt mit dem erklärten Ziel, die europäischen Rechtsextremisten zu koordinieren, dann läuft doch etwas falsch, oder? Sie hätte Steve Bannon nicht mal als Connard bezeichnen müssen. Die Zuschauer von CNN hätten es sowieso verstanden.

Dann wäre das Gespräch etwas kontroverser verlaufen, aber Merkel bleibt lieber bei der Routine. „Deshalb heißt es jetzt ganz klar, dass wir uns dagegen stellen müssen und dass wir immer wieder auch der jungen Generation sagen müssen, was die Geschichte an Schrecklichem hervorgebracht hat, was von deutschem Boden ausgegangen ist … Warum Artikel 1 unseres Grundgesetzes ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar‘ so wichtig und fundamental ist. Es muss von Generation zu Generation wieder geleistet werden und diese Arbeit ist mehr geworden.“

Man nimmt es ihr ab. Die Kanzlerin hat dieses Anliegen überzeugender und besser vertreten, als ihre Vorgänger im Amt es vermochten. Blickt man andererseits bloß auf die geschriebenen Sätze, so könnten sie ohne weiteres auch von Gerhard Schröder und Helmut Kohl stammen. Man wird den Eindruck nicht los, dass das Bundeskanzleramt mit Textbausteinen arbeitet.

Diese Standardaussagen sind dazu gedacht, die internationale Öffentlichkeit zu beruhigen. Amanpour ist zufrieden; sie hat gut gefragt, Merkel hat gut geantwortet, was will man mehr? Für die reale Bekämpfung des Antisemitismus ist das deprimierend wenig.

Warum hinterlassen die Sätze der Kanzlerin, die ja nicht falsch sind, trotzdem das Gefühl, unangebracht zu sein und und von Unfähigkeit oder Hilflosigkeit zu zeugen? Weil die Kanzlerin mit einem Trick arbeitet: Sie hat dem Antisemitismus ohne Juden, den es tatsächlich gibt, einen Antisemitismus ohne Antisemiten zur Seite gestellt. Den gibt es allerdings nicht.

In Deutschland ist es tabu und häufig sogar verboten, jemanden als Antisemiten zu bezeichnen. Je mehr der Antisemitismus in Erinnerungslektionen beschworen wird, desto mehr werden seine Akteure beschwiegen.

Deswegen spricht Merkel von jenem Das, das leider immer noch da ist. Es handelt sich also um ein Das-da, das aus geschichtlichen Gründen vorhanden ist, ein Das-da aus Sein und Zeit, um es mit Heidegger auszudrücken.

Richtig ist, dass das Das-da zunimmt. Da dass das Das-da da ist, müssen wir uns jetzt dagegenstellen und zwar – Achtung, jetzt kommt es – ganz klar. Hierbei handelt es sich nicht um Grundschulniveau, sondern um hochqualifizierte, CNN-taugliche Formulierungskunst. Das muss man erstmal fertigbringen, wenn man für ein Land spricht, in dem einer der wichtigsten Wirtschaftsbosse – „im Zusammenhang mit der operativen Rendite von verschiedenen Konzernmarken“ – kürzlich meinte, dass Arbeit frei macht.

Damit soll die Erinnerungskultur nicht schlecht gemacht und schon gar nicht verworfen werden. Zum Lernziel gehört aber auch, nicht nur Das-da sondern auch Den-da zu identifizieren, was eigentlich gar nicht so schwer ist. Oder hat Cohn-Bendit bei TV1 irgendjemandem irgendetwas Neues gesagt?

Bild oben: Screenshot aus TF1-YouTube-Video

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