100 Jahre Revolution in Deutschland 1918-1919 – Neue Perspektiven

Anlässlich des 100jährigen Jubiläums der Revolution 1918/19 ist im angesehenen Verlag „Palgrave Macmillan“ ein umfangreicher Sammelband erschienen, der nicht nur einen gelungenen Überblick über die damaligen Ereignisse auf neuestem wissenschaftlichen Erkenntnisstand ermöglicht, sondern zugleich deren Bedeutung für den weiteren Verlauf der europäischen Geschichte aufschlüsselt: „Wir behaupten“, schreiben die Herausgeber in ihrem Vorwort, „dass die deutsche Revolution ein ausschlaggebendes Ereignis gerade im Hinblick auf viele Grundannahmen sozialistischen Denkens darstellt und zugleich ein weites Feld neuer politischer Strategien, theoretischer Erkenntnisse und institutioneller Optionen eröffnete“…

Die aus drei Hauptteilen bestehende Publikation erschließt neue historische Perspektiven auf diese Revolution: Angemessen gewürdigt wird nicht nur die bedeutende Rolle jüdischer Revolutionäre – Rosa Luxemburg, Leo Jogiches, Paul Levi, Gustav Landauer, Erich Mühsam, Ernst Toller und Eugen Leviné (Stephen Eric Bronner) -, sondern auch das exponierte Engagement vieler Frauen, wie z. B. Anita Augspurg, Hilde Kramer, Hedwig Kämpfer und Lessi Sachs in Bayern (Helen L. Boak). Zugleich wird der nachhaltige Einfluss sozialistischer Botschaften im 20. Jahrhundert anhand der Berliner revolutionären Ereignisse 1918/19 (Donny Gluckstein) schlüssig herausgearbeitet: „Vorliegender Sammelband zeigt auf, dass die deutsche Revolution als ein Katalysator für die Entwicklung innovativen politischen Denkens und Handelns wirkte und bis heute als ein maßgeblicher Prüfstein für linkspolitische Projekte gelten kann.“ (Kets/Muldoon, S. 20).

Gaard Kets und Nicholas Vrousalis fokussieren am Beispiel der damaligen Rätebewegung in Bremen sowie der Haltung der 1917 von der SPD abgespaltenen „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (USPD) auf die zukünftige Rolle der Räte in einer postrevolutionären Gesellschaft. Aufgezeigt wird auch, dass im Gefolge der Revolution 1918/19 verstärkt gegenrevolutionäre Organisationen und paramilitärischer Rechtsextremismus hervortraten, die ursächlich auf den blutigen deutschen Kolonialismus in Afrika – Völkermord an den Herero und Nama – vor dem Ersten Weltkrieg zurückzuführen sind und den raschen Aufstieg des Nationalsozialismus ermöglichten (Robert Heynen).

Im zweiten Hauptteil widmen sich die Autoren den analytischen Positionierungen bedeutender sozialistischer Theoretiker, etwa von Eduard Bernstein (Marius S. Ostrowski), Karl Kautsky (Michael J. Thompson), Rosa Luxemburg (Mayra Cotta), Richard Müller und Ernst Däumig (Ralf Hoffrogge) sowie des kommunitären Anarchisten Gustav Landauer (Christian Bartolf und Dominique Miething), der sich von München aus bis zu seiner Ermordung am 2. Mai 1919 für eine freiheitliche und sozial gerechte, dezentrale und föderal vernetzte Gesellschaft engagierte und während der ersten bayerischen Räterepublik im April 1919 als „Volksbeauftragter für Volksaufklärung“ amtierte (und über den seit 2008 eine vielbändige, von Dr. Siegbert Wolf herausgegebene Werkausgabe erscheint). Damals zielte Landauer auf einen Bund autonomer, föderalistischer Republiken, basierend auf dezentralen Rätestrukturen. Seiner Ende November 1918 vorgelegten programmatischen Schrift „Die vereinigten Republiken Deutschlands und ihre Verfassung“[1] gebührt der Rang eines libertären Gegenkonzeptes zum autoritären Etatismus der KPD.

Der dritte Abschnitt fokussiert auf die politischen und theoretischen Vorstellungen der Organisationen und Akteure während der Revolution, vor allem auf die sich im November 1918 konstituierenden Arbeiter- und Soldatenräte, und benennt die Gründe für deren Scheitern im Spannungsfeld von linken Parteien und der ArbeiterInnenschaft sowie zwischen revolutionärer Bewegung und Parteipolitik (Yohan Dubigeon, Paul Mazzocchi, Shmuel Lederman, Paulina Tambakaki und James Muldoon).

Da im Rahmen einer Rezension nicht sämtliche Beiträge ausführlich gewürdigt werden können, soll exemplarisch der Aufsatz von Christian Bartolf und Dominique Miething hervorgehoben werden, der auf die lange historische Tradition der gewaltfreien Nichtzusammenarbeit seit Étienne de La Boétie‘s politischem Essay „Discours de la servitude volontaire ou le Contr‘un“ aus dem 16. Jahrhundert und seine Bedeutung für die Revolution 1918/19 hinweist. Die darin enthaltene zentrale Aussage „Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen“ hat vor allem Gustav Landauer (1870-1919) in sein libertär-antimilitaristisches Gesellschaftsmodell eines föderativen und freiheitlichen Sozialismus, der keinen Krieg und keine strukturelle Gewalt mehr kennt, integriert. Darüber hinaus hat Boéties Botschaft nicht nur Leo N. Tolstoi beeinflusst, sondern auch Eingang in die antimilitaristische und Antikriegsbewegung der 1920er Jahre etwa bei Carl von Ossietzky, Ernst Toller, Kurt Tucholsky und Erich Mühsam gefunden.

Aus Étienne de La Boéties Text „Von der freiwilligen Knechtschaft“, einem grundlegenden Werk zur politischen Theorie der Neuzeit, das von Landauer neu übersetzt und interpretiert (1910/11) wurde, spricht der ‚Geist’ der Revolution, ein Ethos, das den Menschen aus seiner weitgehend selbstverschuldeten Unmündigkeit zu einem gemeinschaftlichen und sozial verantwortlichen Leben führen soll. Sowohl für Boëtie als auch für Landauer gründet politisches Handeln, so Bartolf und Miething, auf dem Willen und der Freiheit jedes Einzelnen sowie auf der Gehorsamsverweigerung gegenüber den herrschenden Eliten.

Die Lektüre der einzelnen Beiträge des Sammelbandes über die revolutionären Ereignisse in Deutschland 1918/19 und ihre Folgen ist nicht nur einem akademisch interessierten Publikum zu empfehlen, sondern ebenso denjenigen, die Interesse an Geschichte im 20. Jahrhundert, an politischer Theorie und an einer freiheitlichen und sozial gerechten globalen Entwicklung zeigen. Dieser beachtenswerten Publikation ist möglichst bald eine deutschsprachige Übersetzung zu wünschen. (ws.)

Gaard Kets/James Muldoon (Eds.): The German Revolution and Political Theory. Basingstoke/Hampshire: Palgrave Macmillan, 2019, XVIII, 363 S.

[1]    Abgedruckt in: Gustav Landauer, Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Siegbert Wolf. Band 4: Nation, Krieg und Revolution. Lich/Hessen 2011, S. 254-260.

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