Paul Parin: Leidenschaften eines Jägers

Der vor neun Jahren in Zürich verstorbene Psychoanalytiker und Schriftsteller Paul Parin (1916 – 2009) hat ein breitgefächertes Gesamtwerk hinterlassen. 1997 war Parins Lebensgefährtin Goldy Parin-Matthéy verstorben. Nach einer Phase des Rückzugs hat Parin wieder mit dem Schreiben begonnen; dennoch betrachtete er diese späten Werke als einen Epilog auf sein Leben. Mit Goldys Dahingehen war nichts mehr so wie früher…

Von Roland Kaufhold

2003 erschien mit „Die Leidenschaft des Jägers“ ein literarisches Spätwerk; das Buch fand  wegen seines verstörenden Gehalts nur vereinzelte, ambivalente Besprechungen. In dieser Sammlung von Erzählungen schreibt Parin in sehr direkter Weise über gewalttätige autobiografische Prägungen.

Nun ist eine Neuauflage des Buches erschienen, in der Originalversion, mit dem von Parin ursprünglich vorgesehenem Buchtitel.

Hierin versammelt Paul Parin 24 Erzählungen sowie stärker wissenschaftlich orientierte Essays, die alle um die Jagd und den Willen zum Töten kreisen. In der ihm eigenen literarischen Weise erzählt Paul Parin auch über brutale, ihn prägende frühkindliche Erfahrungen. Sexualität, Jagdlust und die Bereitschaft zum Töten sind für ihn eine Einheit, welche kulturell nicht oder nur mit Ambivalenz akzeptiert werde.

Für mich war die Lektüre vor allem eine Wiedererinnerung an den Schriftsteller Paul Parin, an seine Jugend in Slowenien, seine Auseinandersetzungen mit seinem Vater – einem vermögenden jüdischen Gutsbesitzer – und seiner Gabe, autobiografische Erlebnisse mit psychoanalytischen Theorien zu verknüpfen.

In einigen Erzählungen dieses Bandes streift Parin auch seinen jüdischen Familienhintergrund; seine theoretische Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus hat Parin in seinem wissenschaftlichen Beitrag Hartnäckige innere Bilder. Antisemitismus – zur Psychologie eines Vorurteilszusammen gefasst.

Ausgangspunkt für Parin ist sein eigenes Jagdfieber, das er bereits als Jugendlicher erlebte und das immer wieder neu in ihm ausbrach. Jagdlust könne „ohne sexuelle Gier nicht zustande kommen“; diese sei auch nicht auf unsere Kultur beschränkt.

Der begeisterte Leser Parin hat die Weltliteratur durchpflügt und trägt Beispiele zusammen, wo Schriftsteller über die Jagdlust geschrieben haben, etwa die „Meditationen über die Jagd“ von Ortega y Gasset. Auf seiner ersten Forschungsreise nach Westafrika habe ihn „das Jagdfieber wieder ergriffen und nie mehr ganz verlassen.“ Im Alter ließ der Drang nach: „Mit 85 Jahren habe ich das Jagdgewehr längst verkauft und kann kaum noch fischen.“

Die Erzählung „Der Haselhahn“ eröffnet er so: „Am 20. September war ich dreizehn geworden, bis Ende Oktober musste ich einen Haselhahn schießen.“ Paul versucht den Haselhahn mit einer Pfeife anzulocken. Schließlich nähert sich einer: „Freies Schussfeld, zwanzig Schritt. Ich drücke ab, höre keinen Knall, spüre den Rückstoß nicht. Ich bin aufgesprungen, blind und taub steh´ ich da. Eine unerträgliche Spannung, irgendwo im Unterleib, etwas muss geschehen. Plötzlich löst sich die Spannung, in lustvollen Stößen fließt es mir in die Hose (der wunderbare Samenerguss, der erste bei Bewusstsein).“ Seit diesem Jagderlebnis sei er ein Mann geworden, „glücklich und gierig“.

Das Reiten auf einem Pferd weckt in ihm Lust, die Erinnerung bleibt in seinem Unbewussten aufbewahrt. Peitschenhiebe wecken seinen Sadismus: „Das Triebziel bleibt sexuell und wird mit krimineller Energie aufgeladen,“ notiert er im Aufsatz „Pubertät“. Er sei „nicht tugendhafter als das Gesellschaftsgefüge oder das Milieu, das mich erzogen hat.“

Verstörend mag das autobiografische Kapitel „Die englische Fuchsjagd“ wirken. Seine Mutter vertrat die Haltung einer fürsorglichen jüdischen Mutter, vermochte sich jedoch dem Vater nicht zu widersetzen; dieser hatte das „Erziehungsideal der englischen Oberklasse übernommen“. Als Kind lernten die drei Geschwister die Moral, sich niemals bei der Mutter zu beschweren. Paul ging in dieser Weise damit um: „Ich selber schwieg einfach still. Das sah aus wie eine stoische Haltung. Heute weiß ich, dass ich innerlich kein Stoiker geworden war; ich hatte Ängste.“

Parins Vater zählte sich selbst zu den Liberalen: „Gerne rühmte er sich: Ich habe meine Kinder nie geschlagen. Unsere Erziehung war in jeder Hinsicht zivilisiert. Früh schon war ich leidenschaftlich der Jagd ergeben.“

„Doch gab es auf der Jagd“ – so fügt der Erzähler Parin hinzu – „einen anderen, grausamen Vater, der mich erschreckte aber auch fasziniert hat.“ Immer wieder züchtigte dieser auf brutalste Weise den Jagdhund, was Paul häufig erlebt: „Der Hund tat mir leid, der Papa, der zuschlug, machte mir Angst, das ganze Schauspiel war mir peinlich. Ich brachte es aber nie fertig wegzuschauen.“

Bei einer Jagdszene, Paul ist 13, hat er die väterlichen Gesetze noch nicht internalisiert. Es kommt zu brutalsten Gewaltexzessen, die der Vater anordnet: „“Der Paul läuft voraus und verdirbt die Jagd“, sagt der Alte zu Ivan. „Ich hab es ihm ein paar Mal gesagt.““ Durchführen lässt der Vater die Misshandlung durch Ivan. Parin beschreibt den sadistischen Übergriff: „Es waren die schlimmsten Schläge, die ich je gekriegt habe.“

Mehrfach schreibt Parin über den scheinbar unverbrüchlichen Gegensatz zwischen überzeugten Jägern und ihren scharfen, moralisch argumentierenden Kritikern. Für Parin ist dies ein Ergebnis seelischer Spaltungsprozesse. „Der Gegensatz führt zu Unverständnis, Ablehnung, Abscheu und oft zu Hass auf beiden Seiten.“ In „Kalahari. Rituale“ erzählt er, wie auf seiner ersten Afrikareise das Jagdfieber wieder in ihm geweckt wurde. Bereits als er in Zürich sein altes Gewehr wieder herauskramt ist alles wieder da: „Nie habe ich die Jagdlust verloren, nicht nach der „englischen Erziehung“ und nicht in den Jahren als menschenfreundlicher Arzt und Forscher.“ Paul Parin blieb der leidenschaftlicher Jäger – und zugleich politisch ein zivilisierter, humaner Staatsbürger, der „jede Art von Grausamkeit ablehne“. Er war Antifaschist, Titos Partisan, Sozialist, linksintellektueller Publizist  – „und immer wieder verbrecherischer Jagdmörder.“

Vor allem begegnen wir Parin in dem Buch auch als leidenschaftlicher Schriftsteller und Erzähler, so in „Bären in Slowenien“. Bei einem Ausritt begegnet er einmal einem Bären, eine prägende Erinnerung: „Ich ritt auf meiner Stute. So im Trab auf einem Feldweg zwischen den Hopfenfeldern nach Hause. Plötzlich hielt das Rösslein mit einem Ruck an, stieß ein hohes Wiehern aus und versuchte nach rückwärts wegzubrechen. (…) Das hatte das sanfte Tier noch nie getan.“ Nach seiner Rückkehr erfährt er, dass eine Stunde zuvor ein Tanzbär eines Zigeuners seinen Weg gekreuzt hatte. Der Geruch verstörte sein Pferd zutiefst.

Im Alter ersetzt er das Jagen durch das Fischen. Dies war ihm noch möglich, trotz seiner körperlichen Gebrechen: „Schon als Kind war Fischen meine Leidenschaft. In vielen Stunden geduldiger Arbeit ist es mir gelungen, aus Bambusssegmenten jene leichte und elastische Fischrute herzustellen.“ Er erlebte, wie man „beim Fischen die ganze übrige Welt vergessen kann.“

1995, „bald nach Goldys 84. Geburtstag“, erlosch seine Jagdleidenschaft, schreibt er in dem abschließenden Kapitel „Ende einer Leidenschaft“. Im Fluss Soca in Slowenien fängt der 79-jährige Parin die größte Forelle seines Laufbahn: „Als ich den großen Fisch gelandet hatte, war die sexuelle Erregung wieder so heftig wie mit Dreizehn, nach dem Schuss auf den Haselhahn.“

„Goldy schenkte noch ein Glas Vranac ein, dann war die Flasche leer. Der Waldkauz schwieg still. Sie legte die Hand auf meinen Arm: „“Komm“, sagte sie „es ist spät. Gehen wir schlafen.““
So endet Paul Parins letzte Erzählung.

Paul Parin (2018): Die Jagd – Licence for Sex and Crime. Mandelbaum (Wien, Berlin), 286 S., 25 Euro, Bestellen?

Eine sehr viel umfangreichere Besprechung dieses Buches durch den Autor wird in der Zeitschrift psychoszial (Psychosozial Verlag, Gießen) erscheinen.

Auf haGalil hatte Roland Kaufhold 2016 zu Parins 100. Geburtstag einen umfangreichen Themenschwerpunkt zu Parin erstellt, mit Beiträgen von sowie über Paul Parin.

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