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Krise mit System

Bildungsexperten und internationale Organisationen erteilen Israels Schulen keine Bestnoten. Für die zahlreichen Probleme in den israelischen Klassenzimmern gibt es einige handfeste Gründe und die haben nicht immer nur mit der finanziellen Ausstattung zu tun…

Von Ralf Balke

Auf den ersten Blick glänzt Israel auf dem Bildungssektor. Die Startup-Nation, wie sich das Land gerne stolz nennt, verfügt mit dem Technion in Haifa, der Hebräischen Universität oder der aufstrebenden Ben Gurion Universität in Beer Scheva über einige Hochschulen mit exzellentem Ruf. Auch liegt man in Relation zur Bevölkerung bei der Anmeldung von internationalen Patenten hinter Japan, Schweden, der Schweiz und Südkorea weit vorne auf dem fünften Platz. Und der Anteil der Israelis in der Altersgruppe zwischen 35 und 54, die über einen akademischen Abschluss verfügen, ist der vierthöchste in der Welt. Trotzdem ist das nur eine Seite der Medaille, sagt Dan Ben-David und nennt als Grund für diese beeindruckende Erfolgsbilanz die Aufbauleistungen der Pioniergeneration in den ersten Jahrzehnten nach 1948. Davon würde man heute immer noch profitieren. „Wenn wir uns aber mit der Zukunft von Israel beschäftigen, dann sollten wir zur Kenntnis nehmen, dass derzeit ungefähr die Hälfte der Schüler Bildung auf dem Niveau der Dritten Welt geniesst“, so der Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität und Gründer der Shoresh-Institution für sozioökonomische Forschungen. „Die Kinder der Ultraorthodoxen, also der am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppe, verfügen über keinerlei Kenntnisse in den Grundfächern Mathematik, Lesen und Englisch. Das ist absolut unhaltbar.“

Genau deshalb sieht Ben-David gravierende Probleme auf Israel zukommen, die nicht nur aus wirtschaftlicher Perspektive eine Gefahr darstellen, weil Kinder, die kein Englisch beherrschen oder Mathematik nur vom Hörensagen kennen, eines Tages schwerlich Mediziner, Ingenieure oder Software-Spezialisten werden können. „Der Grund, warum wir in der Lage sind, Raketen aus dem Gazastreifen rechtzeitig vom Himmel zu holen, ist die Tatsache, dass wir hier einige fähige Leute haben, die extrem gut ausgebildet sind.“ Nur die Bereitschaft zum Lernen sowie der möglichst ungehinderte sowie breite Zugang zu Bildung haben so etwas wie das Hightech-Abwehrsystem Iron Dome hervorgebracht. Die Abwanderung qualifizierter Israelis ins Ausland ist ein weiterer Faktor, der die Krise seiner Meinung nach verschärfen könnte. „In meinem Fachbereich, den Wirtschaftswissenschaften, sagen wir unseren besten Studenten immer, dass sie an eine der Top-US-Universitäten wie Harvard, Chicago oder Stanford und das MIT gehen sollen, wenn sie eine Promotion anstreben. Sind sie dann aber wirklich hervorragend, kommen sie nach dem Abschluss meist nicht mehr zurück nach Israel.“ 

Doch nicht nur die Verweigerungshaltung der Haredim oder ein Braindrain bereiten dem Experten Sorgen. Es ist das generelle Niveau an den Schulen. Denn im internationalen Vergleich schneiden israelische Schüler in den wesentlichen Fächer katastrophal ab. So landeten sie in der letzten Pisa-Studie im Bereich Mathematik auf Platz 39 von 72, bei den naturwissenschaftlichen Fächern auf Platz 40 und beim Leseverständnis auf Platz 37. Die Schulen der Ultraorthodoxen wurden dabei schon außen vorgelassen, ansonsten wären die Ergebnisse weitaus schlechter ausgefallen. Berücksichtigt man nur die entwickelten Staaten, sieht es noch finsterer aus. Israel kommt dann nur auf den 25. von insgesamt 26 Plätzen. Die Shoresh-Institution hat dabei eine weitere interessante Diskrepanz aufgespürt, und zwar die zwischen den jüdischen und den arabischen Israelis. Bezogen auf die nicht-ultraorthodoxe und hebräisch sprechende Bevölkerung läge man in der Pisa-Studie bei den Industrienationen auf Platz 16, die arabischen Israelis für sich alleine genommen, würden dagegen gerade einmal rund ein Drittel des Niveaus des Rangletzten, in diesem Fall die Slowakei, erreichen.

Im Unterschied zur Mehrheit der anderen Industrienationen, wo nur an fünf Tagen die Woche Unterricht ist, müssen Israels Schüler sechsmal die Woche in die Schule gehen. Dort finden sie dann Klassen vor, die überfüllter sind als anderswo in der entwickelten Welt. In Grundschulen beispielsweise sind es 26,8 Kinder pro Kasse, der Durchschnitt in den Staaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aber beträgt nur 21,1. Und obwohl die Zahl der Unterrichtsstunden generell 25 Prozent höher ist, bestechen israelische Schüler durch schlechtere Leistungen. So haben sie zwar 21 Prozent mehr Unterrichtsstunden als der OECD-Durchschnitt in den Fächern Lesen, Schreiben und Literatur, dennoch ist die Performance außerhalb Israels drei Prozent höher. Bei den Naturwissenschaften gibt es in Israel sogar ein Plus von 29 Unterrichtsstunden gegenüber dem OECD-Durchschnitt, die Schüler in anderen Ländern schneiden trotzdem um sechs Prozent besser ab.

Eine Ursache für diese Ergebnisse ist ganz fundamentaler Natur. Grund- und Sekundarstufe sind in Israel in vier separate Schulsysteme untergliedert, das säkular-jüdische, das religiös-jüdische, das ultraorthodox-jüdische sowie das arabische. Diese Vielfalt verschlingt auf der einen Seite personelle und finanzielle Ressourcen, weil der administrativer Aufwand ungleich höher und damit kostenintensiver ist. Auf der anderen Seite führt all das zu der Existenz gleich mehrerer Curricula. Aber nicht nur das. Die Haredim kennen darüber hinaus vier unterschiedliche Subsysteme, die nicht alle vom Bildungsministerium kontrolliert werden, so dass dort fast ausschließlich Religion auf den Lehrplänen steht, weltliche Fächer wie Mathematik oder Englisch dagegen eher selten. All das erklärt die auf den ersten Blick widersprüchliche Situation, dass Israelis irgendwie als gut ausgebildet gelten, aber in Sachen Produktivität, also das, was eine Arbeitsstunde zum Bruttosozialprodukt beiträgt, in den Statistiken der OECD ganz weit hinten als Schlusslicht auftauchen.

Die Defizite im Bildungssystem sind den politisch Verantwortlichen schon lange bekannt. Bereits vor über zehn Jahren schlug die Armee Alarm, weil man dort eine dramatische Verschlechterung der Ergebnisse in den Eignungstests der 18-jährigen Rekruten beobachtete. Nur noch 30 Prozent von ihnen hatten 2007 die wahrlich nicht sehr anspruchsvollen Prüfungen zum Leseverständnis bestanden. In den 1980er Jahren waren es noch doppelt so viele. In den anderen Disziplinen sah es auch nicht viel besser aus – für eine Hightech-Armee wie die israelische eine ziemliche Horrorvorstellung, weil funktionale Analphabeten wenig zur Verteidigung des Landes beisteuern können. Deswegen hat das Bildungsministerium seither einige Programme aufgelegt, um das Niveau des Unterrichts und damit auch die Leistungsergebnisse zu verbessern – anscheinend mit ersten Erfolgen. Denn im Rahmen der TIMSS-Test (Trends in International Mathematics and Science Study) konnte bereits 2011 mit 516 Punkten eine substanzielle Steigerung gegenüber dem Vergleichsjahr 2007 mit 463 Punkten festgestellt werden. Doch so lange die Ultraorthodoxen sich von derartigen Entwicklungen unsanktioniert abschotten können, bleiben viele Missstände in Sachen Bildung bestehen. „Das kann nicht ewig so weitergehen“, betont Ben-David. „Schon heute sind nicht nur die Haredim, sondern über 50 Prozent aller Israelis so arm, dass sie keine Einkommenssteuern zahlen.“ Aktuell werden 92 Prozent dieser Steuer von gerade einmal 20 Prozent der Bevölkerung bestritten.

Ein anderer Grund für das oftmals desaströse Abschneiden von israelischen Schülern in internationalen Vergleichen dürfte zweifelsohne bei den Lehrern zu suchen sein. Denn angesichts eines Einstiegsgehalts, das für Berufseinsteiger seit Januar 2018 bei mageren 8.000 Schekel (ca. 2.000 Euro) brutto liegt, sind es nicht immer unbedingt die besten Uni-Absolventen, die sich für diesen Job entscheiden – anderenfalls müsste man schon sehr viel Idealismus mit sich bringen, um für so wenig Geld sich dem Stress eines Schulalltags mit überfüllten Klassen oder verhaltensauffälligen Kindern auszusetzen. Davor war es übrigens noch weniger, nämlich 6.400 Schekel (1.600 Euro). Vorangegangen waren Streiks, die selbst bei dem damaligen Bildungsminister Naftali Bennett auf Verständnis gestoßen waren. So twitterte er im November 2017: „Die Entlohnung unserer jungen Lehrer erlaubt ihnen kein Leben in Würde und ist ein Hindernis, qualifizierte Personen für den Beruf zu begeistern.“ Doch das Finanzministerium hatte sich lange gegen eine solche Erhöhung quergestellt, was wiederum die Lehrer auf die Barrikaden treiben sollte – nicht zum ersten Mal. Immer wieder bleiben nach den Sommerferien Schulen geschlossen, weil sich die Lehrer im Ausstand befinden. 2007 hatte ein solcher den rund 600.000 Oberschülern sogar 55 zusätzliche freie Tage beschert, weil ihre Pauker 50 Prozent mehr Gehalt gefordert hatten. Daraus wurden am Ende nur knapp zehn Prozent und ein Arbeitsgericht verdonnerte sie zur Rückkehr in die Klassenzimmer.

Gerne werden angestellte Lehrer vor den Sommerferien entlassen, um sie dann mit Beginn des Schuljahres wieder einzustellen. Auf diese Weise spart man sich ein bis zwei Monatsgehälter. Was die Situation nicht unbedingt verbessert: In kaum einem anderem Land haben Lehrer ein derart schlechtes Image wie in Israel. So genießt laut dem Global Teacher Status Index der Varkey Foundation, der 35 Staaten berücksichtigt, dieser Berufsstand in China das höchste soziale Prestige, vergleichbar mit dem von Fachärzten, weshalb das Reich der Mitte auch den Spitzenplatz belegt. Israel dagegen befindet sich im aktuellen Ranking vor Brasilien auf dem vorletzten Rang. Zum Vergleich: Deutschland liegt auf Platz 23. „Letztendlich belegen unsere aktuellen Daten einen direkten Zusammenhang zwischen dem Lehrergehalt und der Performance von Schülern im Rahmen der Pisa-Studien“, heißt es in dem Report zum  Global Teacher Status Index. Vielleicht können die israelischen Lehrer ihre Vorgesetzten mit diesem Argument bei den nächsten Gehaltsverhandlungen überzeugen – ob sie damit Erfolg haben, darf bezweifelt werden.

Bild oben: Webseite des Erziehungsministeriums