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Ben Salomo bedeutet Sohn des Friedens

Warum soll man die Autobiographie eines Rappers lesen, vor allem dann, wenn man diese Musikrichtung nicht besonders mag? Gute Gründe dafür liefert Ben Salomo in eben seiner persönlichen Lebensbeschreibung…

Von Armin Pfahl-Traughber

Er hat sie mit „Ben Salomo bedeutet Sohn des Friedens“ betitelt. Als Jonathan Kalmanovich wurde er 1977 in der israelischen Stadt Rechovot geboren. Mit drei Jahren zog der Junge mit seinen Eltern nach Berlin, wo er in von arabischen und türkischen Migranten geprägten Milieus aufwuchs. Kalmanovich berichtet über Kindheit und Jugend, Freizeit und Schule – und dabei auch immer wieder über den Antisemitismus im Alltagsleben. Denn solange er als Jude in der Öffentlichkeit nicht auffiel, schien alles irgendwie normal zu sein. Doch bereits mit der Kippa auf dem Kopf, sah für ihn vieles anders aus. Das machen viele Geschichten deutlich, wozu auch die Frage eines türkischstämmigen Mitschülers gehört, ob er die jüdische Nationalhymne kenne. Als Antwort hielt dieser ihm sein Feuerzeug vor die Nase und ließ das Gas auf ihn ausströmen.

Dann berichtet Kalmanovich über so unterschiedliche Dinge wie Diskriminierung und Familienkonflikte, Football und Gewalterfahrungen, Kleinkriminalität und Schulprobleme.  Eingestreut in seine Erzählungen sind immer wieder Reflexionen, die gesellschaftliche und politische Themen berühren. Dabei kommt dem Alltagsantisemitismus große Bedeutung zu. Dieser wird eben von als Juden erkennbaren Menschen anders wahrgenommen als von Nicht-Juden bzw. von nicht als Juden erkennbaren Menschen. Genau diese Erfahrungsberichte schaffen eine andere Perspektive für entsprechende Wahrnehmungen. Irgendwann wird für Kalmanovich aus seiner bloßen Begeisterung für die Rap-Musik auch ein Lebensziel mit Zukunftsperspektive. Dabei verwandelt er sich auch namentlich, aus Jonathan Kalmanovich wird Ben Salomo – und er wird ein Star der Szene. Seine Battle-Rap-Veranstaltung „Rap am Mittwoch“ hat 417.000 Abonnenten und über 112 Millionen Views auf Youtube. Bei all dem zeigt sich für ihn aber auch, wie stark Antisemitismus im Rap-Milieu verbreitet ist.

Und genau diese Beschreibungen machen aus der Autobiographie dann eine beachtenswerte Warnung. Es geht dabei nicht nur um Antisemitismus, sondern auch um Kriminalität. Der Autor schreibt etwa: „In der Deutschrap-Szene hat sich in den vergangenen Jahren eine ziemlich unschöne Wechselbeziehung von Clubbetreibern und Künstlern mit kriminellen arabischen Clans und sogar dem Rockermilieu entwickelt. Wenn die Rapper eine große Klappe haben und die ganze Zeit über Koks, Drogen und Prostitution quatschen, zieht das genau die Leute aus diesem Milieu an“ (S. 170). Dann geht es auch um Rapper wie Deso Dogg, der als islamistischer Juden- und Israelhasser auffiel, und konsequenterweise später zum „Islamischen Staat“ nach Syrien ging. Aber immer wenn Salomo vor Judenfeindschaft warnte, wurden entsprechende Äußerungen als bloße Provokationen ohne Relevanz relativiert und verharmlost. Erst angesichts eines öffentlichen Skandals um eine Preisverleihung, die Farid Bang und Kollegah ehren sollte, wurde dies zeitweilig ein wichtiges Thema.

Doch die Aufmerksamkeit dafür scheint schon wieder verflogen. Salomo verdeutlicht immer wieder, dass es sich hierbei um ein grundsätzliches Problem handelt. Dabei betont er, dass Rap keineswegs grundsätzlich eine antisemitische Prägung aufweise. Er will auch nicht pauschalisieren. Die Deutschrap-Szene sei „nicht antisemitischer als die Gesellschaft insgesamt. Das Besondere an dieser Szene aber ist, dass es Künstler gibt, die entweder auf diesen Zug aufspringen, weil sie Lust an der Provokation haben und erfahren, dass sie die Aufregung, die sie erzeugen, kommerziell ausnutzen. Und dass es andere Künstler gibt, die den antisemitischen Mist, den sie rappen, tatsächlich auch glauben“ (S. 228). Und weiter heißt es: „Antisemitische Rapmusik muss genauso verfolgt werden wie Neonazi-Musik, denn sie ist noch gefährlicher als diese, einfach deshalb, weil sie ungleich mehr Jugendliche erreicht“ (S. 234). Man mag von der Autobiographie halten was man will, aber allein diese Forderung und die erwähnten Milieuschilderungen machen sie wichtig.

Ben Salomo, Ben Salomo bedeutet Sohn des Friedens, Berlin 2019 (Europa Verlag), 240 S., 18 Euro, Bestellen?