„Täter auf der Schulbank“ erhält Ausstellung

Das Buch „Täter auf der Schulbank“ von Sven Deppisch liefert die Vorlage für eine Ausstellung über die Polizeischule Fürstenfeldbruck im Nationalsozialismus. Unter dem Titel „Ausbildung – Enthemmung – Verbrechen“ ist sie vom 4. April bis 7. Juli 2019 im Kunsthaus des Museums Fürstenfeldbruck zu sehen…

„Es ist sehr erfreulich, dass mein Buch die Veranstalter dazu inspiriert hat, eine eigene Ausstellung zu diesem wichtigen Thema durchzuführen“, erklärt Deppisch, der seinen Expertenrat in das Projekt einbrachte. Darüber hinaus betreute er eine Gruppe von Studierenden der polizeilichen Lehranstalt, die über deren Historie drei eigene Plakate für die Schau erstellten. Als Basis dafür diente stets „Täter auf der Schulbank“.

Das Ende 2017 erschienene Werk fußt auf der Doktorarbeit von Sven Deppisch und entwickelte sich schnell zu einem Bestseller der Geschichtswissenschaft. Darin untersucht der Historiker, wie die Nationalsozialisten ihre führenden Gesetzeshüter an den beiden obersten Polizeischulen in Berlin-Köpenick und Fürstenfeldbruck bei München ausbildeten und so für den Holocaust trainierten. Besonders für die oberbayerische Bildungsstätte konnte er nachweisen, dass erschreckend viele Schüler, aber auch Lehrer und Schulleiter im Zweiten Weltkrieg zahlreiche Gräueltaten an Juden und anderen Opfern verübten. Ihre Taten reichten von Massenerschießungen über Sexualverbrechen an Kindern bis zur Vernichtung ganzer Dörfer. Vor allem in den besetzten Ostgebieten töteten sie tausende wehrlose Menschen in Massakern oder deportierten sie in die Vernichtungslager. Zu den Tätern gehörte etwa Julius Wohlauf. Nachdem er einen der ersten Kurse an der „Kaderschmiede“ absolviert hatte, leitete er eine Kompanie des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101. Gerade seine Einheit erschoss Mitte Juli 1942 etwa 1.500 Juden aus dem polnischen Ort Jozefow in einem nahegelegenen Wald und deportierte Ende August rund 10.000 Menschen aus dem Ghetto von Miedzyrzec Podlaski nach Treblinka. Solche Biographien von Brucker Polizisten finden sich in der Studie zuhauf.

Während des „Dritten Reichs“ kamen hunderte Männer aus ganz Deutschland und Österreich in das ehemalige Zisterzienserkloster, um sich dort zu Offizieren der Ordnungspolizei ausbilden zu lassen. In den Lehrgängen begegnete ihnen eine Reihe von rechtlichen, polizeidienstlichen und politisch-weltanschaulichen Fächern. Antisemitische und rassistische Botschaften waren ein wichtiger, aber nur kleiner Teil des Unterrichts. In ihm dominierten vielmehr die militärischen Disziplinen, in denen die Anwärter vor allem fiktive „Banden“ bekämpften. Auf dem Papier und im Gelände übten sie jene Verhaltensweisen ein, mit denen sie während des Kriegs gegen ihre Opfer vorgingen. Mit diesem Know-how zogen sie in den „auswärtigen Einsatz“, von dem viele als Massenmörder zurückkehrten. Denn es waren die in Fürstenfeldbruck bis zur Routine einstudierten polizeilichen Einsatztaktiken, mit denen die Beamten stets nach dem gleichen Schema gegen angebliche Partisanen und Juden vorgingen.

Nach Kriegsende kamen nur wenige Täter aus den Reihen der Polizei vor Gericht. Doch keiner wurde für seine Verbrechen angemessen bestraft. Stattdessen konnten viele ihre Karrieren unbehelligt fortführen. Etliche arbeiteten wieder als Lehrer an Polizeischulen. Auch nach Fürstenfeldbruck gelangten Männer, die dort bereits im NS-Staat gedient hatten und an Massenverbrechen beteiligt gewesen waren. Dort bildeten sie die nächste Generation von Gesetzeshütern aus und vermittelten ihnen Denkweisen und Feindbilder, die bereits vor 1945 existiert hatten. Selbst in der Bundesrepublik übte die Staatsgewalt noch jahrzehntelang den „Bandenkampf“. Zudem zeigt die Arbeit, wie die Polizeischule in Fürstenfeldbruck als lokaler Machtfaktor fungierte und die NS-Diktatur vor Ort verkörperte. Bei Festen und Gedenktagen inszenierte sich die Lehranstalt als „Freund und Helfer“ vor Ort, der die Bevölkerung so mit der braunen Ideologie konfrontieren wollte. Undiszipliniertes Verhalten, kirchenfeindliche Aktionen und brutale Gewaltakte ihrer Vertreter schadeten aber dem Ansehen. So misshandelte ein Anwärter in Fürstenfeldbruck einen alten Mann so schwer, dass er wenig später an den Folgen starb. All diese und noch viele weitere Aspekte behandelt die Studie.

„Für mich als Autor ist es eine spannende Frage, wie die Veranstalter diese sensiblen und vielschichtigen Themen in der Ausstellung behandeln“, sagt Deppisch. Wenn man sein Buch zum Maßstab nehme, so der Historiker, dürfe der Besucher viel erwarten. Daher hoffe er, die unrühmliche Geschichte der Polizeischule Fürstenfeldbruck und die enormen Verbrechen ihres Personals würden angemessen und ungeschönt dargestellt. An eindrucksvollen Exponaten dürfte es gewiss nicht mangeln. In der Ausstellung wird auch das Gemälde „Alma Mater Criminis“ von Guido Zingerl zu sehen sein, zu dem ihn „Täter auf der Schulbank“ inspirierte. Nachdem es der Künstler im vergangenen Jahr erstmals der Öffentlichkeit präsentiert hatte, erwarb es die Stadt Fürstenfeldbruck nicht zuletzt für diesen Anlass. „Das ist schon etwas ganz Besonderes für mich und noch nie dagewesen, dass einem wissenschaftlichen Fachbuch mit einem Kunstwerk und jetzt noch einer Ausstellung eine solche Ehre zuteil wird“, meint Deppisch.

Mehr zum Buch

Ausbildung – Enthemmung – Verbrechen – Die Polizeischule Fürstenfeldbruck im Nationalsozialismus
04. April 2019 – 07. Juli 2019
Museum Fürstenfeldbruck
Mehr unter: https://www.museumffb.de

Bild oben: Die Polizeischule Fürstenfeldbruck

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