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Bahnbrechende Neuentdeckungen: Giacomo Meyerbeers religiöse Lieder

Die Berliner Sopranistin Andrea Chudak legt Ersteinspielungen von bisher für verschollen gehaltenen religiösen Werken des deutsch-jüdischen Komponisten Giacomo Meyerbeer vor. Diese CD-Veröffentlichung ist eine Sensation…

Von Max Doehlemann

(c) Bibliothèque nationale de France

Giacomo Meyerbeer (1791 – 1864) ist in der deutschen und europäischen Musikgeschichte keine unbekannte Größe. Die Opern des in Tasdorf bei Berlin geborenen Sohns jüdischer Eltern feierten in ganz Europa triumphale Erfolge. Als Meister der französischen Grand Opera und Preußischer Generalmusikdirektor in Berlin war er in Deutschland und Frankreich Person des öffentlichen Lebens. Sein Werkkatalog umfasst neben seinen Opern, auf denen sich vor allem sein Ruhm gründet, auch Kammermusik, Lieder und geistliche Kompositionen. Erstaunlich, dass etliche der Kompositionen, obwohl zu Lebzeiten tausendfach gedruckt, später als verschollen galten.

Meyerbeer trat nie zum Christentum über. Das unterscheidet ihn von anderen Juden, die in der deutschen Kulturgeschichte eine Rolle spielten, wie den Mendelssohns, Heinrich Heine oder Gustav Mahler. Vielmehr war Meyerbeer praktizierendes Mitglied der Jüdischen Reformbewegung. Aus dieser aufgeklärt-jüdischen Perspektive muss man seinen universalistischen Geist verstehen. Er sprach und vertonte in seinen Werken mehrere Sprachen und bewegte sich polyglott zwischen den europäischen Kulturmetropolen. Eine Erscheinung, die zu Mozarts Zeiten noch Bewunderung und Anerkennung geerntet hätte – in den Zeiten des aufkeimenden Nationalismus stieß das auf zunehmende Kritik und Ablehnung.

Meyerbeers Leben war bei allen Erfolgen durchzogen von „Risches“, wie er es selbst nannte. Gemeint sind Anfeindungen von verstecktem oder offenem Antisemitismus. Die Angriffe kamen aus verschiedenen Richtungen.

Ein so empfindsamer und fortschrittlicher Geist wie Robert Schumann hatte für Meyerbeers „Hugenotten“ 1837 nur die Worte „Jahrmarktfarce aus Geld und Geschrei“ übrig. Im Besonderen skandalisierte Schumann, dass Meyerbeer darin den Luther-Choral „Ein fester Burg ist unser Gott“ verwendete: „… einen guten Protestanten empört’s, sein teuerstes Lied auf den Brettern abgeschrien zu hören…“ (R. Schumann, gesammelte Werke über Musik und Musiker, Berlin 1922). Gleichzeitig betonte er jedoch, für wie „gekonnt“ er Meyerbeers Tonkunst erachtet. Schumann zielte darauf ab, dass Meyerbeer zwar ein „könnender“ Komponist sei, aber ein echtes inneres Bekenntnis zu Deutschtum und Protestantismus fehle, im Gegensatz übrigens zu Felix Mendelssohn-Bartholdy, den Schumann in den höchsten Tönen lobte. Und genau hier scheint es auf, dass Misstrauen gegen den Juden, der im 19. Jahrhundert nicht zu Deutschtum und vaterländischem Protestantismus konvertierte, der an der Religion seiner Väter festhielt, der zu allem Überfluss kosmopolitisch in ganz Europa zu Hause war statt von der neuen deutsch-vaterländischen Schwärmerei erfüllt zu sein.

Noch drastischer Richard Wagner. In seiner Pariser Zeit selbst von Meyerbeer gefördert und finanziell unterstützt, wendete sich Wagner später in inhaltlich wie menschlich widerwärtiger Weise gegen seinen Mentor. Als antisemitischer Fanatiker bekannt, agitierte er gegen Meyerbeer als Sinnbild einer angeblich typisch jüdischen Haltung, die selbst nichts eigenes hervorbringe und nur imitieren könne.

Vielfach geächtet wurde auch Meyerbeers angeblicher sittlicher Amoralismus, schon anlässlich seiner Oper „Robert le diable“.

Die hartnäckige Kritik an Meyerbeer enthielt also die Vorwürfe von Kosmopolitismus und mangelndem Nationalgefühl, von Eklektizismus und fehlender identitär-emotionaler Glaubwürdigkeit. Meyerbeer verachte den christlichen Glauben, insbesondere den Protestantismus und sei sittlich verwahrlost. Da werden sie eindeutig sichtbar, die bekannten Motive des Antisemitismus.

Die kulturelle Erzählung im Deutschland des 19. Jahrhunderts, geprägt nicht zuletzt auch von „schriftstellernden Komponisten“ wie Robert Schumann, Richard Wagner oder Hugo Wolf, zielte dagegen auf das Wunschbild einer national-identitären Echtheit der Gefühlssprache ab. Darin war für den konvertierten Felix Mendelssohn-Bartholdy wohl noch am Rande Platz, nicht aber für den Reformjuden Meyerbeer. Die Ablehnung Meyerbeers mündete in ein aktives, ideologisch unterfüttertes Herausdrängen aus dem kulturellen Kanon. Und wo Meyerbeers Kunst in irgendeiner Weise als verächtlich desavouiert war, „verschwanden“ auch etliche seiner viel gedruckten Werke, lange schon vor der NS-Zeit. In der Sicht auf Meyerbeer spiegeln sich Glanz und Elend der deutschen Kulturgeschichte. Beunruhigend, wie lang die Nachwirkungen solcher Zusammenhänge währen.

Umso größer ist das Verdienst der Sopranistin Andrea Chudak. Sie war persönlich die treibende Kraft hinter der Neuveröffentlichung. In mühevoller Kleinarbeit, unterstützt von einem Netzwerk von Gleichgesinnten, konnten so verloren geglaubte Drucke wieder aufgefunden werden. Fundorte waren Archive und Sammlungen in England, Israel und Deutschland. Die ausgewählten Werke, die im Original für unterschiedliche Besetzungen komponiert sind, wurden von Dario Salvi für Kammerorchester arrangiert. Chudak wurde für die CD begleitet von der „Neuen Preußischen Philharmonie“ unter der Leitung von Salvi. Das Projekt erhielt keinerlei öffentliche Förderung. Die Gelder wurden von der Sängerin und Initiatorin persönlich aufgetrieben. 

Und nun endlich zur Musik: Die übertrifft an Farbigkeit und Gedankenreichtum alle Erwartungen. Nach dem tastenden Anfang der Ouvertüre zu „Jephtas Gelübde“ betört Chudak gleich mit der Arie „Ich will mein junges Leben“. Eine Entdeckung nach der anderen wartet auf den Zuhörer. In den „Zwei religiösen Gedichten von Jakob Neus“ strahlt sattes As-Dur als „Glorie Gottes“ – sicherlich ein christlicher Text, wobei aus meiner Sicht feine jüdische Perspektiven mitschwingen, denn die „Glorie“ ist in der hebräischen Variante als „Kawod“ wichtig im Bereich jüdischer Liturgie. Der Freigeist Meyerbeer vertonte christliche Genre-Themen mit großer Unbefangenheit, wobei er doch etwas aus seiner jüdischen Perspektive hineinzulegen scheint. Auch in „Ich danke Dir“ schwingt ein  Motiv jüdischer Religiosität mit. Dank ist als „Modim“ in der jüdischen Religiosität ganz wesentlich. Beeindruckend auch „Prélude et Cantique tiré de l’imitation de Jésus-Christ“. Hier wurde das Prélude neu aufgefunden, das in einem englischen Archiv unter falschem Namen abgelegt war. Jakub Sawicki interpretiert das Stück herausragend auf der Orgel in der Andreaskirche in Berlin-Wannsee (wo auch die anderen Aufnahmen entstanden sind). Im „Cantique“ selber kommt dann der im Titel genannte  Jesus überhaupt nicht vor. Darin sehe ich auch wieder die universalistische Perspektive des Reformjuden, der seinen Geist in alle Richtungen öffnet und allgemeingültige, nicht an eine Religion allein gebundene Aussagen schaffen will. Im „Singe Israel“ des Psalms 124 entfalten sich große dramatische Potentiale, was Chudak hervorragend in Szene setzt. In „Gott und die Natur“ scheinen pantheistische Motive in Goethe-Nachfolge auf. Das geheime Zentrum ist das letzte Stück „Gottergebenheit“. Heilig wie ein spätes Beethoven-Adagio, eine Musik voll leuchtender Tiefe und Kraft. Diese Musik ist groß, zeitlos und kraftvoll. 

Die klangfarblich ein wenig „neutrale“ Aufbereitung durch das Salvi-Arrangement empfinde ich als angenehm. Sie erleichtert es, die gewaltige kompositorische Substanz des musikalischen Satzes zu erfassen. Auf diese Weise entsteht eine großartige Basis, um diese Musik kennenzulernen.

Bewundernswert Chudaks künstlerische Haltung. Gänzlich unprätentiös stellt sie sich allein in den Dienst der Musik. Chudak scheut sich nicht, an Grenzen zu gehen, wenn die Musik das verlangt. Diese unverstellte, zutiefst persönliche und uneitle Haltung empfinde ich im heutigen, doch oft auf Effekthascherei angelegten Musikbetrieb als sehr berührend und der Sache dienlich. Mit ihrer großen Musikalität schafft Chudak es, in diesen Erstaufnahmen die Substanz des großen Meisters Meyerbeer eindringlich zu erfassen und zu transportieren. 

Das CD-Booklet enthält mit einem lesenswerten Einführungstext des Berliner Meyerbeer-Forschers Thomas Kliche, der aktuell eine neue Meyerbeer-Biografie vorbereitet, eine erfreuliche Ergänzung.

Insgesamt ist hier ist eine wirklich große und ich möchte beinahe sagen „epochale“ Musikveröffentlichung gelungen. Es bleibt zu hoffen, dass die Öffentlichkeit das erkennt und den diesen Wert zu schätzen weiß.

MEYERBEER: SACRED WORKS
Andrea Chudak, Sopran
Jakub Sawicki, Klavier und Orgel
Dario Salvi, Arrangements und mus. Leitung
Neue Preussische Philharmonie

Naxos 8.573907, DDD, Spielzeit: 66:04, Euro 9,99, Bestellen?