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Letzter Walzer in Wien

Vom Titel, der im ersten Moment eher an einen leichten Unterhaltungsroman erinnert, sollte man sich auf keinen Fall täuschen lassen. Dahinter verbirgt sich eines der wohl stärksten  und eindrücklichsten Bücher jüdischer Erinnerungsliteratur…

Von Monika Halbinger

George Clare, 1920 als Georg Klaar in Wien geboren und 2009 in Großbritannien verstorben, schildert sein behütetes Aufwachsen in einer wohlhabenden, akkulturierten jüdischen Wiener Familie, die aus der Bukowina stammend seit 1868 in Wien lebte. Die Erinnerungen an die Familie, die Verbindungen im Sozialgefüge, aber auch die Konflikte  untereinander und selbst das Wohnungsambiente sind wunderbar gezeichnet. Die Beschreibung von Annitschek, dem Dienstmädchen, das die Familie jahrzehntelang in treuer Ergebenheit begleitet, aber auch die unterschiedlichen, illustren Charaktere der Familienangehörigen erinnern bisweilen an Torbergs Anekdotenschatz der „Tante Jolesch“.

Wie so viele jüdische Familien sahen sich auch die Klaars als überzeugte Österreicher, fühlten sich in Wien verwurzelt und der deutschsprachigen Kultur verpflichtet. Clare thematisiert aber auch die Ambivalenzen dieser Identifikation, die zuweilen Überidentifikation mit sich brachte.  Die „Komplexe der Herkunft“ führten zu inneren Konflikten,  die sich unter anderem in einer Abneigung gegenüber allem „Ostjüdischen“ manifestierten, auch in der Familie Klaar. Als George seinen Vater einmal nicht, wie sonst üblich „Vati“, sondern mit dem jiddischen Wort „Tate“ ruft, gerät dieser außer sich und ohrfeigt das Kind. Die Risse in den jüdischen Lebensentwürfen werden hier schon deutlich und durch den sich über die Jahre verschärfenden gesellschaftlichen Antisemitismus verstärkt, gerade auch im Wien des antisemitischen Bürgermeisters Karl Lueger, dessen antijüdische Gesinnung im Kontrast zur staatlichen Toleranz des Kaisers stand.  In diesem Klima konnte sich schnell jemand, den man eigentlich bewunderte als rabiater Antisemit entpuppen, so z. B. der Lyriker Richard von Schaukal, von dessen Gedichten Georgs Tante einige vertont hatte. [1] Vor diesem Hintergrund stand Georgs Vater, in seiner Lebensweise liberal-bürgerlich, politisch der Sozialdemokratie nahe, denn: „Wir waren natürlich alles Sozialdemokraten. Für welche andere Partei sollte ein Jude auch stimmen? Die Sozialdemokraten waren, zumindest offiziell, nicht antisemitisch, und viele ihrer Spitzenfunktionäre waren Juden.“ (S. 120)

Zu den eindringlichsten Passagen des Buches gehören dann die Schilderungen über den Untergang der 1. Republik, den Weg in den Austrofaschismus und den Nationalsozialismus, und somit das Ende Österreichs und des österreichischen Judentums. Bedrückend sind vor allem die Textstellen, bei denen man sich als LeserIn den offenkundigen Parallelen zu heutigen Bedrohungen durch autoritär-faschistische Bewegungen nicht entziehen kann, so z.B.  der Abschnitt über Engelbert Dollfußs Verständnis von politischer Macht: „Er handelte, während seine Opponenten grübelten, er schnitt die parlamentarische Demokratie einfach aus der österreichischen Verfassung heraus.“ (S.144) Und auch die Feststellung, dass man Hitler nicht „losgeworden“ war, obwohl viele dachten, er würde „es nicht mehr lange machen“, wirkt wie eine Mahnung für die Gegenwart (S. 178). Clare schildert nicht nur den ekstatischen Jubel der Massen beim Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich 1938, sondern macht das Ausmaß des mit dem sogenannten Anschluss einhergehenden Hasses auch auf individuell-persönlicher Ebene anschaulich, wenn er den Gewaltexzess eines österreichischen Polizisten, nun schon mit Hakenkreuzbinde am Uniformärmel versehen, beschreibt. Dieser, den Clare von gelegentlichen Plaudereien persönlich kannte, hatte sich „aus dem Beschützer von gestern in den Verfolger und Peiniger von morgen verwandelt“ (S. 195).

Bereits im Herbst 1933 hatte die Familie Clare durch den Besuch eines Bekannten aus Deutschland, einem ehemaligen Inhaftierten des Konzentrationslagers Oranienburg, von den Grausamkeiten des Nationalsozialismus erfahren. George Clare bekennt, dass er „diesen Nachmittag […] nie vergessen“ werde (S. 139), aber aus der Retrospektive seines eigenen Emigrationsschicksals sei ihm klar geworden, dass man das Gehörte nie wirklich begreifen kann. Zwar habe man damals auch mit Entsetzen und Mitleid reagiert, aber das Ausmaß des Berichteten konnte man nicht vollständig erfassen. So tritt auch im Buch der banale Alltag mit den äußeren weltpolitischen, sich überschlagenden, grausamen Ereignissen in scharfen Kontrast. Ein Umstand der von einer Bekannten der Familie Klaar, Selma Ornstein, 1938 gegenüber der Mutter des Autors desillusioniert und zugleich luzid zusammengefasst wird: „…wovon, um alles in der Welt, haben wir früher geredet? Dienstmädchen, Kinder, Kleider, Essen? In welcher Welt haben wir denn geglaubt zu leben?“ (S. 195) Während Clares Eltern 1938 nach Frankreich emigrieren, von wo sie anderthalb Jahre später nach Auschwitz deportiert werden, gelingt es George über Irland nach Großbritannien zu entkommen. 

George Clares Erinnerungen enden aber nicht mit der Flucht aus dem nationalsozialistischen Österreich, sondern reflektieren auch den Versuch des Sohnes mit der Trauer um seine ermordeten Eltern fertig zu werden. Denn auch Clare plagt, wie so viele Überlebende, das Gefühl der Schuld, überlebt zu haben. 32 Jahre nach der Deportation seiner Eltern kommt der Autor nach St. Pierreville, dem kleinen französischen Ort, der seinen Eltern Zuflucht bot. Allerdings zu spät, denn alle, die seine Eltern kannten, sind mittlerweile verstorben. Dennoch erhält er eine Information, die ihn erschüttert: Nur sein Vater hätte deportiert werden sollen, seine Mutter ist freiwillig mitgegangen. Die erste kindliche, zornige Reaktion, nämlich die Frage, weshalb sie nicht ihrem Sohn zuliebe am Leben geblieben war, weicht der tröstlichen Erkenntnis, wie sehr sich seine Eltern geliebt haben müssen. Schmerzlich bleibt aber der Gedanke an die Ermordung der Eltern, die er sich nur mit Raul Hilbergs wissenschaftlichen Schilderungen der Vernichtung von Menschen in Gaskammern vorzustellen vermag. Gerade aber die Nüchternheit und Sachlichkeit dieser Texte macht das Grauen noch viel furchtbarer als jede literarische Beschreibung. Zudem bleiben für George Clare viele quälende Fragen unbeantwortet: „Dauerte Mutters und Vaters Todeskampf zwei Minuten oder länger? Wie lange sind eigentlich zwei Minuten in einer Gaskammer? Oder vier?“ (S. 272) Berührend ist auch Clares Erinnerung an den Versuch des Vaters angesichts seiner lebensbedrohlichen Situation, Wohnungseinrichtung und –gegenstände für den Sohn zu retten, um ihm später zu ermöglichen, sich leichter an seine Eltern zu erinnern: „Aber nicht einmal sein letzter Wunsch sollte in Erinnerung gehen.“ (S. 270)[2]

George Clares Erinnerungen, die nicht nur eine Hommage an die eigenen Eltern, sondern auch stellvertretend an die Millionen von Ermordeten sind , erschienen erstmals 1980 auf deutsch unter dem Titel „Das waren die Klaars“. Die englische Originalfassung des Manuskripts folgte als „Last Waltz in Vienna“ zwei Jahre später. Das Gedenkjahr 2018 war sicherlich der richtige Zeitpunkt, um das bewegendes Buch mit Stellen, die einem unauslöschlich im Gedächtnis bleiben, neu aufzulegen.

George Clare: Letzter Walzer in Wien. Die Geschichte einer Familie bis 1938,  Wien/Berlin 2018, Mandelbaum Verlag, 320 S., Euro 25,00, Bestellen?

[1] Wie tief die Prägung durch das völkische Denken der Zeit gewesen sein muss, zeigt sich noch hie und da in George Clares Erinnerungen, z.B. in der unreflektierten Verwendung des Begriffs „Gastvölker“, zumindest in der deutschen Übersetzung. (S. 13)

[2] In diesem Zusammenhang sei ein Aufsatz von Lisa Silverman empfohlen, der sich mit der emotionalen Bedeutung von Besitz für die Erinnerung und die Identität, unter anderem am Beispiel der Familie Klaar, auseinandersetzt: Repossessing the Past? Property, Memory and Austrian Jewish Narrative Histories, in Austrian Studies 11 (2003), S. 138-153.