Die ESC-Party wird teuer

In Israel laufen die Vorbereitungen für den Eurovision Song Contest 2019 auf Hochtouren. Erwartet werden nicht nur die Stars, sondern auch zehntausende Besucher aus aller Welt. Für den Austragungsort Tel Aviv ist das eine Herausforderung…

Von Ralf Balke

Kommt sie oder kommt sie nicht? Die Rede ist von Weltstar Madonna. Wochenlang kursierten Gerüchte über einen möglichen Auftritt der Pop-Ikone anlässlich des Eurovision Song Contests, der dieses Jahr im Mai in Tel Aviv stattfinden wird. Dann endlich vor wenigen Tagen die erfreuliche Nachricht: Die mittlerweile 60-Jährige soll zum Finale des Wettbewerbs auf der Bühne stehen und dort zwei ihrer Songs zum Besten geben, deren Titel aber noch nicht bekannt sind. Nur so viel weiß man bereits: Ein Stück wird eines ihrer zahlreichen Klassiker aus über drei Jahrzehnten Musikerkarriere sein, das zweite eine Auskoppelung aus dem neuen Album, das bald erscheinen soll. Und nach 1993, 2009 und 2012 ist es Madonnas vierter Auftritt vor Ort in Israel. Zu verdanken hat man das Ganze dem israelisch-kanadischen Milliardär Sylvan Adams, der für die 15-minütige Performance über eine Million Euro aus eigener Tasche auf den Tisch gelegt hat. „Ich bin bereits sehr aufgeregt und stolz, Madonnas Gastgeber sein zu dürfen“, erklärte er nach Bekanntwerden von Madonnas Zusage. Sie selbst wird dann im kommenden Monat mit einer 65-köpfigen Entourage nach Israel reisen. Den Aufforderungen der Boykott, Desinvestition und Sanktion-Bewegung, kurz BDS, nicht in Israel aufzutreten, hatte die Sängerin kurz zuvor eine klare Absage erteilt.

„Dare to Dream“, zu deutsch: „Wage es zu träumen“, lautet denn auch das Motto des 64. Eurovision Song Contests. Tel Aviv lockt mit seinen kilometerlangen Stränden, Sonnenscheingarantie sowie hervorragenden Restaurants und einem quirligen Nachtleben. Knapp 50 Millionen Euro lässt sich Israel das Spektakel kosten – gut investiertes Geld, wie viele glauben, weil zahlreiche Touristen ins Land strömen werden und man sich dadurch einen Imagegewinn erhofft. Und weil manche der Veranstaltungen an einem Freitag und Samstag stattfinden, wird der öffentliche Nahverkehr nicht wie sonst an einem Schabbat üblich, stillgelegt, sondern fährt teilweise weiter – ein absolutes Novum! Eine grüne Linie verbindet die Endhaltestelle Carmelit unweit des Eurovision-Dorfes im Charles Clore Park per Autobus mit dem Zentrum und dem Ausstellungsgelände, wo die Shows über die Bühne gehen. Eine zweite, sogenannte blaue Linie fährt parallel zur Strandpromenade über die Ben Yehuda Straße dorthin.

Zudem planen die Veranstalter eine Heerschar von Freiwilligen anzuwerben, die den Tel Aviv-Unerfahrenen mit Rat und Tat zur Seite stehen sollen. Und über die Social Media-Plattform Eatwith will man Besuchern des Eurovision Song Contests sogar die Möglichkeit geben, bei Israelis an einem Schabbat-Abendessen teilzunehmen, Kostenpunkt rund 13 Euro. „Die Welcoming Shabbat Initiative ist eine wunderbare Gelegenheit, Tausende Touristen mit Tel Aviver Familien zusammenzubringen, und sie in die festliche Atmosphäre eines Schabbatabends in Israel eintauchen zu lassen“, lobt Bürgermeister Ron Huldai. „Und übrigens, ich habe meine Frau gesagt, dass wir an diesem Tag ebenfalls für andere kochen werden.“ Es soll Schabbatessen mit prominenten Künstlern und Journalisten geben, aber auch solche, die sich speziell an die sehr Eurovision-affine LGBT-Community richten. Die Stadt putzt sich also fein heraus und erwartet die Gäste – und genau da beginnen die Probleme: Im Mai fängt gleichfalls die Touristensaison an, was die ohnehin hohen Preise in diesem Monat für Flugtickets nach Israel noch einmal ordentlich in die Höhe schießen ließ. Wer aus Europa für unter 400 Euro zum Eurovision-Spektakel hin- und zurückfliegen kann, darf sich zu den Glücklicheren zählen.

Auch der aktuelle Umtauschkurs von derzeit ziemlich genau vier Schekel pro Euro macht angesichts der sowieso horrenden Preise für die Dinge des täglichen Bedarfs jeden Aufenthalt in Israel für Europäer zu einem recht kostspieligen Vergnügen. Und kaum war bekannt, dass der Eurovision Song Contest in Tel Aviv stattfinden wird, legten auch die Hotels und Besitzer von AirBnB-Wohnungen sofort eine Schippe drauf. Ein Beispiel: The Alexander Tel Aviv Hotel im Norden der Stadt, dass alles andere als eine Luxusherberge ist, wirbt mit dem „Sonderangebot“ von 398 Euro für ein Doppelzimmer in den Tagen zwischen dem 5. und dem 21. Mai – pro Nacht wohlgemerkt. Anlässlich der Pride-Parade im Juni, die ebenfalls viele Gäste ins Land lockt, sind es „nur“ 232 Euro die Nacht. Wer für den Eurovision Song Contest ein wenig mehr Komfort braucht, kann für 5.690 Euro für sechs Nächte im Setai Hotel in Jaffa einchecken. Selbst die Sheraton-Kette langt kräftig zu und verlangt fürstliche 4.460 Euro und mehr an diesen Tagen.

Laut einer Recherche der Tageszeitung Haaretz gönnen sich die Hotels in Tel Aviv einen Aufschlag von 80 bis zu satten 190 Prozent von dem, was sie sonst so im Mai in Rechnung stellen würden. Bei AirBnB-Angeboten sieht es nicht viel anders aus. Eine Dreizimmerwohnung für maximal sechs Personen, die normalerweise 518 Euro die Nacht kostet, ist nun plötzlich nur noch für 911 Euro zu haben. Und weil sowieso nicht genug Hotelzimmer oder Airbnb-Appartments für die schätzungsweise 18.000 ausländischen Gäste zur Verfügung stehen, soll in den Tagen des Eurovision Song Contests eine Zeltstadt für 2.000 Besucher im Park HaYarkon entstehen.

Auch aufgrund dessen, was für die Tickets verlangt wird, hagelte es bereits reichlich Kritik. Lagen im vergangenen Jahr beim Eurovision Song Contest in Lissabon die Preise noch zwischen 35 Euro und maximal 299 Euro, so sind in Tel Aviv für das Finale am 18. Mai zwischen 280 Euro und 490 Euro fällig. Für beide Halbfinal-Veranstaltungen sowie die Schlussrunde gibt es eine Art Package-Deal, der bei ungefähr 925 Euro liegt. Zahlreiche Fans reagierten deshalb sauer und empört. Und genau deshalb läuft der Kartenverkauf auch recht schleppend. Laut einer aktuellen Meldung der Wirtschaftszeitung Globes sind bis dato über 2.000 Tickets für das erste und zweite Halbfinale am 14. und 15. Mai noch zu haben, was angesichts von 120 Euro für einen Platz mit „partieller Bühnensicht“ verständlich klingt. Die saftigen Preise für das Finale rechtfertigen die Veranstalter mit der geringen Zahl der zur Verfügung stehenden Plätze. Gab es in Lissabon am Austragungsort 18.000 Plätze, so sind es im EXPO-Kongresszentrum in Tel Aviv gerade einmal 7.300 Plätze. Zudem seien die Maßnahmen für die Sicherheit der Veranstaltung deutlich anspruchsvoller als anderenorts in Europa und damit auch kostspieliger. Darüber hinaus war der offizielle Ticketverkauf Anfang März kurzzeitig ausgesetzt worden, nachdem bekannt geworden war, dass es wohl Unregelmäßigkeiten gab, was wiederum eine von Gilad Erdan, Minister für öffentliche Sicherheit, verordnete polizeiliche Untersuchung zur Folge hatte. Und 500 Tickets gab die Israel Public Broadcasting Corporation (KAN) an Wehrpflichtige umsonst weiter. „Während sich Tel Aviv auf die Ankunft von Tausenden von Touristen vorbereitet, werden angesichts der Preise für Hotels und Tickets, die mehrere hundert Euro pro Veranstaltung kosten, auch sehr viele Menschen, die anläßlich des Eurovision Song Contests vielleicht Israel gerne besucht hätten, zuhause bleiben und sich das alles lieber am heimischen TV-Gerät anschauen“, so Globes.

Böse Zungen behaupten sogar, dass es gar nicht der Boykott, Desinvestition und Sanktion-Bewegung (BDS) bedarf, um ausländische Besucher von einer Israelreise abzuschrecken – die Preise in Tel Aviv würden das schon für sie erledigen. Trotzdem hatten sich in den vergangenen Wochen immer wieder ihre Aktivisten – allen voran Ex-Pink Floyd-Frontmann Roger Waters – zu Wort gemeldet und teilnehmende Künstler unter Druck gesetzt. Insbesondere der aus Marokko stammende Bilal Hasani, der für Frankreich ins Rennen geht, wurde zur Zielscheibe ihrer Attacken. Der Sänger berichtete sogar von Morddrohungen, die er erhalten hatte, weil er sich nicht von seinem Vorhaben abbringen ließ, in Israel aufzutreten. Ohnehin scheint der Eurovision Song Contest in Tel Aviv einer der politischsten seit langer Zeit zu werden. So erklärte die Ukraine ihre Nichtteilnahme, weil ihre Repräsentantin Maruv mit der nationalen TV-Anstalt in Streit über ihre Russlandkonzerte geraten war. Und Italiens Innenminister Matteo Salvini, ein politischer Rechtsaußen, wollte verhindern, dass aufgrund seiner Herkunft der Softrapper Mahmood, Sohn eines ägyptischen Zuwanderers und einer Italienerin, das Land vertritt – wenn auch erfolglos. Last but not least befürchtet man in Großbritannien, dass angesichts des Brexit-Chaos die anderen Europäer den britischen Beitrag abstrafen würden. Auch gab es reichlich böses Blut zwischen dem austragenden israelischen TV-Sender Kan und der Regierung wegen der Finanzierung des Eurovision Song Contest. Gerne würde man den Imagegewinn durch die Veranstaltung haben, so der Vorwurf der Verantwortlichen von Kan. Nur bezahlen wollte keiner dafür. Deshalb blieb der TV-Sender auf einem Großteil der Kosten für die Sicherheit sitzen und musste diese selbst tragen. Ansonsten wäre die ganze Show in Israel ein Traum geblieben, an den sich wohl niemand gewagt hätte.

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