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Warum der Antisemitismus uns alle bedroht

„Der Antisemitismus kehrt durch die neuen Medien unserer Tage mit Macht wieder“, meint der Religionswissenschaftler Michael Blume, er „feuert weltweit Verschwörungsglauben, Hass und Gewalt an“ (S. 28). Diese Einschätzung steht in dem Buch „Warum der Antisemitismus uns alle bedroht. Wie neue Medien alte Verschwörungsmythen befeuern“…

Von Armin Pfahl-Traughber

Der Autor ist seit 2018 Antisemitismusbeauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg und legt hier einen persönlichen Problemaufriss zum Thema vor. Dieser Aspekt wird auch durch kurze Erlebnisschilderungen wie religionswissenschaftliche Schwerpunktsetzungen deutlich. Blume formuliert einleitend als These, „dass wir für das Verständnis von Semitismus und Antisemitismus keine Pseudo-Genetik und keine Verschwörungsmythen brauchen“ (S. 31). Insofern betont er auch durchgängig den Gegensatz von „Semitismus“ und „Antisemitismus“. Blume will seine Leser mitnehmen auf einen „religionswissenschaftlichen Tauchgang direkt zur dunklen Seite unserer Herzen“ (S. 32).

Das in drei Kapitel aufgeteilt Buch beschäftigt sich zunächst mit den Kennzeichnen des Antisemitismus, wobei die Bedeutung des Internet zur Verbreitung einschlägiger Vorurteile hervorgehoben wird. Mit Blick auf verschiedene aktuelle Studien zeigt sich hier die breite gesellschaftliche Dimension. Der Autor benennt auch besonders den „nichtreligiösen Antisemitismus“ und verweist auf den Religionskritiker Richard Dawkins. Dadurch entsteht indessen ein etwas schiefes Bild (vgl. S. 61f.), denn insgesamt geht der Antisemitismus doch von ganz anderen gesellschaftlichen Bereichen aus. Bei all dem stellt Blume stark darauf ab, dass die Judenfeindschaft mit Konspirationsvorstellungen verbunden sei. Zutreffend weist er darauf hin, dass hier besser von Verschwörungsmythen und weniger von Verschwörungstheorien die Rede sein sollte (vgl. S. 70ff.). Doch dies wird schon in der einschlägigen Forschung seit den 1990er Jahren so praktiziert. Als „Zentralmythos des Antisemitismus“ sieht er das Bild vom „arbeitsunwilligen Juden“ an, welches bereits im alten Ägypten von einem damaligen Pharo als „erstem Antisemit“ (S. 82) vertreten worden sei.

Im zweiten Kapitel geht es um „Sems Erfolgsgeheimnis“, wobei auf den alttestamentarischen Sohn Noahs angespielt wird. Die auf ihn namentlich zurückgeführte „Mythologie des Semitismus“ stehe der „Gegenmythologie des Antisemitismus“ gegenüber: „Lineare Zukunft statt Kreislauf“, „individuelle Ruhe statt sozialer Erregung“, „Gleichwertigkeit statt Sklaverei“ (S. 105-110). Der behandelte Gegensatz von „Semitismus“ und „Antisemitismus“ erstaunt hier, geht es doch beim Antisemitismus um eine Feindschaft gegen Juden als Juden, nicht um eine Feindschaft gegen einen wie auch immer definierbaren „Semitismus“, wurde der Begriff doch von Judenfeinden aus propagandistischen Gründen konstruiert. Und im dritten Kapitel behandelt Blume zunächst die Rolle von Frauen, kommt dann aber auf die „Psycho-Logik des Antisemitismus“ zu sprechen, stehe dieser doch für eine „in sich geschlossene, dualistische Mythologie“ (S. 170). Heute würden einschlägige Auffassungen insbesondere durch das Internet weiterhin große Verbreitung finden.

Das Buch entspricht der etwas fragmentarisch und sprunghaft wirkenden Inhaltsangabe. Zwar geht Blume auf die im Titel erwähnten Themen ein, also die vom Antisemitismus für alle ausgehende Bedrohung wie die Bedeutung der neuen Medien für alte Verschwörungsmythen. Dies geschieht aber auf etwas unsystematische Weise. Als Religionswissenschaftler greift er tief in die Mythologiegeschichte zurück. Damit macht Blume auf einschlägige Determinanten aufmerksam, doch kann man sie so einfach auf die Gegenwart übertragen und müssen nicht noch viel stärker andere Gesichtspunkte hinzugenommen werden? Die Definition von Antisemitismus als gegen das Mythensystem des „Semitismus“ gerichtet erstaunt darüber hinaus, nimmt doch die Forschung hier eine andere inhaltliche Schwerpunktsetzung vor. Bedeutsam und wichtig ist indessen folgende Mahnung: „Wer den Antisemitismus nur ‚den Juden zuliebe‘ bekämpft, hat die Bedrohung noch nicht verstanden … Antisemitismus richtet sich immer auch, aber niemals nur gegen Jüdinnen und Juden“ (S. 171).

Michael Blume, Warum der Antisemitismus uns alle bedroht. Wie neue Medien alte Verschwörungstheorien befeuern, Ostfildern 2019 (Patmos-Verlag), 208 S., Euro 19,00, Bestellen?