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Die Stadt Aub gedenkt der Retter von Baldersheim

Am Sonntag, den 07.04.2019 fand im Fränkischen Spitalmuseum – einem ehemaligen Nonnenkloster – in der Stadt Aub im südlichen Landkreis Würzburg die Eröffnung einer ganz besonderen Ausstellung statt, zu welcher der Bürgermeister von Aub, Robert Melber, eingeladen hatte. Grund für diese Ausstellung war ein Ereignis, das am gleichen Tag 74 Jahre zuvor stattgefunden hatte…

Von Israel Schwierz

In den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges wollte die deutsche Wehrmacht auch den Nachbarort von Aub – das Dorf Baldersheim – gegen die anrückenden US-Truppen verteidigen. Das hätte unweigerlich die Vernichtung des Ortes zur Folge gehabt. Drei Männer des Dorfes wollten das unbedingt verhindern: Der damalige Bürgermeister Franz Engert, Josef Neeser und Alfred Eck versuchten durch Verhandlungen mit den US-Truppen eine kampflose Übergabe von Baldersheim zu erwirken, was ihnen auch gelang. Nach der Zusicherung der Amerikaner, den Ort zu verschonen, sollte es keine deutschen Kriegshandlungen geben, waren sie wieder in ihr Dorf zurückgekehrt. Alfred Eck, ein beurlaubter Marinesoldat, der den elterlichen Bauernhof bewirtschaftete, forderte die deutschen Soldaten in Baldersheim auf, den Ort zu verlassen. Mit deren Abzug wurde Alfred Eck jedoch festgenommen und in Aub verhört. Trotz Anwendung brutaler Gewalt während des Verhörs durch den Standortkommandanten gab Alfred Eck die Namen seiner beiden Unterstützer nicht preis. Das Standgericht verurteilte ihn zum Tode und vollstreckte das Unrechtsurteil, indem man ihn auf dem Markplatz öffentlich henkte.

Lange Zeit lang waren die letzten Kriegstage, die unglaubliche Leistung der Retter von Baldersheim und der Opfertod von Alfred Eck im Dorf Baldersheim und im Gollachstädtchen Aub ein absolutes Tabuthema, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte. Erst im Herbst 1985 – vierzig Jahre nach Kriegsende und Ende Nazideutschlands – wagte man es, sich damit zu beschäftigen. Der Auber Stadtrat Kilian Angermaier brachte den Vorschlag ein, die Auber Grundschule nach Alfred Eck, den Retter von Baldersheim zu benennen. Das Ergebnis war niederschmetternd: Plötzlich gab es nicht wenige, die in Alfred Eck nicht einen Helden sahen, sondern einen verurteilten Wehrkraftzersetzer und Deserteur, der ganz zu Recht zum Tode verurteilt worden sei. Der für die Grundschule von Aub zuständige Schulamtsdirektor – ein SPD Mitglied – machte mit Hinweis auf das damalige Militärgerichtsurteil die Namensgebung für die Schule unmöglich. Man könne eine Schule doch nicht nach einem Verräter benennen, so der Schulamtschef. Daher zogen die noch lebenden Verwandten des Retters von Baldersheim, der Alfred Eck ohne Zweifel war, enttäuscht und verbittert ihre Zustimmung zur Benennung der Grundschule nach ihrem Onkel zurück.

Mehrere Jahre später ließ der von Neid und Missgunst getragene Umgang eines Teils der Bevölkerung mit dem Schicksal von Alfred Eck einigen Menschen keine Ruhe mehr. Ihnen ist der Unterschied zwischen Recht und Unrecht sehr wichtig, und so kam es zur Gründung der Arbeitskreis „Geschichtswerkstatt Alfred Eck“, zu dessen führenden Persönlichkeiten neben dem Bürgermeister von Aub, Robert Melber, Sonderschulrektor i.R. und Humanistischer Sprecher, Frank Stößel, Moderator des Arbeitskreises, Historiker Georg Menig, MA, sowie Rektor i.R. und Kreisheimatpfleger Hermann Oberhofer, gehören. Diese beschlossen zusammen mit allen Mitgliedern des Arbeitskreises, zum 74. Jahrestag des Opfertodes des mutigen Helden Alfred Eck eine Ausstellung im Fränkischen Spitalmuseum zu etablieren, welche verschiedene Themenbereiche umfasst: Die Zeit des Nationalsozialismus in Aub und Baldersheim. Die Biographie von Alfred Eck. Das Kriegende 1945 und die Geschehnisse in Baldersheim und Aub. Die Hinrichtung des Marinesoldaten Alfred Eck und der Umgang mit diesem Verbrechen in den Jahren nach dem Krieg bis heute. Das Schicksal der Jüdischen Gemeinde von Aub.

Am Tag der Ausstellungseröffnung versammelten sich erstaunlich viele Interessierte im Fränkischen Spitalmuseum. Zunächst fand in der Spitalkirche des ehemaligen Nonnenklosters eine sehr beeindruckende Feierstunde statt – musikalisch umrahmt vom Bad Mergentheimer Studienrat i.R. und Organisten Erich Sittinger an der historischen Schlimbach-Orgel mit dem Lacrimosa aus W.A.Mozarts Requiem und der Air aus J.S.Bachs Suite Nr.3. Im Verlauf der Feier wurden auch die drei wichtigsten Persönlichkeiten des Arbeitskreises von Bürgermeister Robert Melber mit Worten des Dankes und einem Geschenk geehrt. Danach begaben sich alle in den Ausstellungsraum des heutigen Museums, in dem die genannten Themenbereiche in Wort und Bild vorgestellt wurden. Ganz besonders beeindruckend war die Tatsache, dass auch das Schicksal der Jüdischen Gemeinde Aub nicht ausgelassen wurde. Diese Jüdische Gemeinde, die bereits ab dem 13. Jahrhundert bis 1939 existierte, hatte seit ihrer Gründung viel unter Verfolgungen und Pogromen zu leiden: 1298 wurde sie im Zuge der „Rindfleisch-Verfolgung“ fast ausgerottet, 1336 im Verlaufe der „Armleder-Verfolgung“ stark dezimiert, ebenso im Dreißigjährigen Krieg und zuletzt im Nazi-Deutschland. Bereits im 16. Jahrhundert besaß die Gemeinde, damals Sitz eines größeren Rabbinats, eine Synagoge, eine Mikwe und eine Jeschiwa (Talmudhochschule), die Rabbi Elieser Lippmann leitete. 1632 wurde ein kleiner Friedhof angelegt, das Bethaus 1744 verlegt und 1745 eine neue Synagoge mit einem Schulraum über dem Betsaal erbaut, welcher 1927 renoviert wurde. Da Anfang des vergangenen Jahrhunderts der jüdische Friedhof zu klein geworden war, wurde ihm schräg gegenüber ein neuer Friedhof angelegt, der heute noch existiert. Dort ist ein Denkmal für die im Ersten Weltkrieg für ihre Heimat gefallenen jüdischen Soldaten zu finden.

Am 10. November 1938 wurde auch in Aub die Synagoge beschädigt und die Inneneinrichtung vernichtet. Das 1745 erbaute Synagogengebäude ist noch vorhanden. Es wird heute als Wohnhaus in Privatbesitz genutzt. An das jüdische Leben in Aub erinnert ferner eine „Judengasse“.

Das Schicksal der Juden im Dritten Reich wird sehr eindrucksvoll in der gegenwärtigen Ausstellung in Wort und Bild dargestellt. Der aufmerksame Besucher kann auf dem Rollup „Die jüdische Gemeinde in Aub“ diesen Text lesen: „Die Hetzereien der nationalsozialistischen Propaganda zeigten auch in Aub Wirkung. Immer mehr wurde das jüdische Alltagsleben dem Druck der judenfeindlichen Stimmung ausgesetzt. Die Folge dieser Ausgrenzung waren Wegzug und Auswanderung. Wohnten nach der Einwohnerstatistik der Stadt Aub am 1.2.1933 noch 71 Personen jüdischen Glaubens in der Stadt, so verringerte sich ihre Anzahl bis 1937 auf 52 Personen. Nach den Übergriffen des November-Pogroms 1938 mussten die noch in Aub verbliebenen jüdischen Einwohner bis Juli 1939 die Stadt verlassen, als letzte Bürger noch die vornehmlich älteren Menschen. Insgesamt wurden nach den vorliegenden Dokumenten 46 aus Aub stammende Juden Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung.“

Den für die Ausstellung „Die Retter von Baldersheim“ Verantwortlichen – allen voran deren verantwortlicher Gestalter Georg Menig – ist es in der Tat sehr gut gelungen, ein breites Publikum darüber aufzuklären, wie es 1945 zur Befreiung von Baldersheim ohne Kriegshandlung kam, und dass die drei Retter – allen voran Alfred Eck – wahre Helden waren, die es zu achten und zu ehren gilt. Es ist zu hoffen, dass die kleine Grundschule an der schönen Gollach in Bälde doch nach diesem tapferen Retter von Baldersheim benannt wird. Allen Persönlichkeiten, die im Arbeitskreis der Geschichtswerkstatt dazu beigetragen haben, dass die Wahrheit jetzt voll bekannt und erkannt wird, gebührt tiefster Dank und höchste Anerkennung aller, denen die offene und ehrliche Beschäftigung mit der Geschichte ihres deutschen Vaterlandes ein Herzensanliegen ist.