Neuer Antisemitismus? Ein pluralistisch zusammengesetzter Sammelband zum Thema

Christian Heilbronn, Doron Rabinovici und Natan Sznadier haben einen Sammelband zum „Neuen Antisemitismus?“ herausgegeben, welcher eine „Fortsetzung einer globalen Debatte“ als Neuausgabe mit alten und neuen Texten enthält. Es handelt sich um Aufsätze, die mal den Antisemitismus hinter Einwänden gegen Israel sehen, mal darin eine Immunisierungsstrategie gegen Kritik wittern, womit kontroverse Deutungen zu einer allerdings weitgehend inhaltlich erstarrten Diskussion vermittelt werden…

Von Armin Pfahl-Traughber

Anfang der 2000er Jahre kam die Rede vom „neuen Antisemitismus“ auf. Doch was war damit genau gemeint? Es sollte sich sowohl bezogen auf die Akteure wie die Themen um Veränderungen handeln. Gemeint waren damit Linke und Muslime und nicht nur Rechtsextremisten, gemeint war die Israelfeindlichkeit und nicht nur der Rassismus. Doch handelte es sich bei den angesprochenen Einstellungen auch um judenfeindliche Orientierungen oder sollte es um eine Diskreditierung von Kritik am Staat Israel gehen? Über diese Frage brach eine emotionale und polarisierte Kontroverse aus. Damals, genau 2004, erschien dazu der Sammelband „Neuer Antisemitismus?“ mit unterschiedlichen Positionen. Die Herausgeber sprachen gegenüber beiden Seiten von einer „Rhetorik des Verdachts“ und plädierten für Unterscheidungsvermögen und Versachlichung. 2019 erschien der Sammelband erneut, versehen mit dem Untertitel „Fortsetzung einer globalen Debatte“. Er enthält einige ältere Abhandlungen, aber auch ganz neue Texte.

Zur erstgenannten Kategorie gehören Omer Bartovs Beitrag über alten und neuen Antisemitismus, Tony Judts Unterscheidung zwischen Antisemitismus und Antizionismus Mathias Küntzels Rückblick auf die NS-Propaganda in der arabischen Welt, Ian Burumas Betrachtungen zur Beziehung zwischen Israel und den USA, Moshe Zimmermanns Erörterungen über den Kontext von Antisemitismus und Nahost-Konflikt und Dan Diners Reflexionen zum gleichen Thema. Alle „älteren“ Autoren erhielten die Möglichkeit, noch ein „Postskriptum, Herbst 2018“ beizusteuern. Bei all dem wird mit Ausnahme der konkreten Beispiele deutlich, dass sich die Debatte seit der Erstveröffentlichung doch nicht so weit voran bewegt hat. Noch immer kreisen sie um eine ähnliche Fragestellung: Dient der Antisemitismus-Vorwurf zur Immunisierung vor Kritik an Israel oder versteckt sich dahinter nicht doch häufig genug ein judenfeindliches Ressentiment. Judith Butler, die auch im ersten Band dabei war, steuerte einen neuen Text bei, worin sie offen zur Boykott-Politik aufruft.

Bei den ganz neuen Autoren und Beiträgen handelt es sich nicht selten um Länderstudien: Michel Wieviorka geht auf den Antisemitismus im Frankreich der Gegenwart, Katajun Amipur auf den im Iran, András Kovács auf den in Ungarn, Rafal Pankowski und Jan T. Gross auf den in Polen ein. Dabei wirkt gerade die erste Abhandlung beklemmend, geht sie doch auf die enorme Konfliktlage zwischen jüdischen und muslimischen Menschen ein. Die Abhandlung zum Iran macht eine Komplexität deutlich, stehen doch „Licht und Schatten“ für ein relativ sicheres Leben der jüdischen Minderheit wie für eine aggressive israelfeindliche Rhetorik der islamistischen Regierung. Und die Beiträge zu den osteuropäischen Ländern machen ein Bedrohungspotential deutlich, worüber bislang noch kein ausreichendes Bewusstsein besteht. Sina Arnold fragt nach dem Antisemitismus bei Flüchtlingen und macht auf einen diesbezüglich geringen Wissenstand aufmerksam. Und dann widmen sich Monika Schwarz-Friesel und Ingrid Brodnig noch der digitalen Dimension des Antisemitismus.

Besonders aktuell sind darüber hinaus die beiden Abhandlungen von Brian Klug und Anshel Pfeffer zur Antisemitismus-Debatte um Jeremy Corbyn und die Labour Partei, wobei durchaus Differenzen bei den Einschätzungen auszumachen sind. Hier wie bei anderen Fragen zeichnet sich der Sammelband denn auch durch seinen Pluralismus aus, kommen doch unterschiedliche Auffassungen aus der intellektuellen Debatte zum Thema zu Wort. Es handelt sich aber meist um etwas freihändige Essays, nicht um wissenschaftliche Aufsätze – auch wenn die Beiträge von renommierten Wissenschaftlern stammen. Dies erlaubt diesen mitunter manchmal doch eher auf die Analyse zugunsten der Behauptung zu verzichten. Gleichwohl handelt sich bei dem Nachfolge- wie der Originalband um ein wichtiges Sammelwerk, werden so doch unterschiedliche Auffassungen und Einschätzungen deutlich. Auch den Kennern der Erstausgabe sei von daher die Neuausgabe empfohlen, allein schon wegen den überaus kenntnisreichen Länderstudien.

Christian Heilbronn/Doron Rabinocici/Natan Sznaider (Hrsg.) Neuer Antisemitismus? Fortsetzung einer globalen Debatte, Berlin 2019 (Suhrkamp-Verlag), 495 S., 20 Euro, Bestellen?

Kommentar verfassen