- haGalil - http://www.hagalil.com -

Revolution im Fernsehen – Die Oktoberrevolution als Verschwörung

Zum Antisemitismus in den russischen Serien „Trotzki“ (seit Dezember auf Netflix) und „Der Dämon der Revolution / Das Parvus-Memorandum“…

Von Lara Schultz

Der hundertste Jahrestag der Oktoberrevolution im November 2017 war in Russland kein Grund für Feiern und Paraden. Die Zeichen stehen in Russland auf politischem Konservatismus, Umstürze sind derzeit nichts, woran gerne erinnert wird. Der „Tag der großen sozialistischen Oktoberrevolution“ am 7. November wurde bereits 1996 in „Tag der Eintracht und Versöhnung“ umbenannt, um jedwede Assoziation mit der Revolution zu vermeiden. Im Dezember 2004 wurde der bisherige Staatsfeiertag am 7. November von der Duma abgeschafft und durch den „Tag der Einheit des Volkes“ am 4. November ersetzt.

Vergessen ist der Umsturz dadurch nicht. Fast die Hälfte der Russinnen und Russen sehen eine positive oder sehr positive Rolle der Oktoberrevolution in der Geschichte Russlands. Und auch die zwei wichtigsten Fernsehsender des Landes veröffentlichten zum Jahrestag Mini-Serien zur Oktoberrevolution: „Trotzki“ (Pervyj kanal, Produzenten Konstantin Ėrnst  und Aleksandr Cekalo) und „Der Dämon der Revolution / Das Parvus-Memorandum“ (Rossija 1, Produzent Alexsandr Rodjanskij). Die Einschaltquoten waren überdurchschnittlich hoch und lagen bei 14,9 % („Trotzki“) bzw. 9,7 % („Der Dämon der Revolution“). Beide Serien sind aufwändig produziert und hochkarätig besetzt. Beide Serien haben jüdische historische Persönlichkeiten als titelgebend, was insofern nicht selbstverständlich ist, als weder Lev Trockij noch Aleksandr Parvus in der öffentlichen Wahrnehmung die wichtigsten Figuren der Revolution sind. Die Auswahl ist jedoch geeignet, den bis heute wirkmächtigen Mythos der „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“ zu unterfüttern. Nach wie vor sind Vladimir Lenin und Iosif Stalin die beliebtesten Revolutionshelden (26 bzw. 24 % Zustimmung), Trockij liegt mit 3 % weit abgeschlagen auf einem hinteren Platz unter den abgefragten Personen (Umfrage des Levada-Zentrums im März 2017). Aleksandr Parvus (eigentlich: Dr. Izrail‘ Lazarevič Gel’fand bzw. Helphand in der gängigen Transkription) spielte bisher in der Rezeption kaum eine Rolle als Akteur der Revolution. Der russische Revolutionär, marxistische Theoretiker und deutsche Sozialdemokrat organisierte maßgeblich die Einreise Lenins im eher nicht verplombten Zug nach Russland im April 1917 und verfasste 1915 ein 23 Seiten umfassendes Memorandum für das deutsche Auswärtige Amt mit einen ausführlichen Plan zum Sturz des Zarentums in Russland. Der Plan listete einen langen Katalog von Maßnahmen auf, die das Zarenregime, Deutschlands Kriegsgegner, destabilisieren sollten: Sabotageakte, Aufwiegeln nationaler Minderheiten, Streikagitation unter Arbeiter*innen und finanzielle Unterstützung oppositioneller Strömungen, darunter auch der Bolschewiki.

In beiden Serien ist Parvus derjenige, der die Fäden der Revolution lenkt – sei es die von 1905 in „Trotzki“ oder die Oktoberrevolution von 1917 in „Der Dämon der Revolution“. Und das ist eine weitere Gemeinsamkeit: Beide Serien sind nicht nur dadurch antisemitisch.

Die antisemitische Darstellung der Person Parvus

Die Serie „Der Dämon der Revolution“ baut ihren Erzählstrang auf der Finanzierung der russischen Revolution mit deutschen Geldern auf, die von einem Juden (Parvus) vermittelt weitergegeben werden bzw. doch eher in dessen eigener Tasche landen, da er nur auf den eigenen finanziellen Vorteil aus ist. Fedor Bondarčuk (in „Der Dämon der Revolution“) gab an, Parvus absichtlich widerlich dargestellt zu haben – er hinkt aufgrund seines Klumpfußes (der nicht viel Interpretationsspielraum lässt), ein kleiner Finger fehlt ihm. Bondarčuks Parvus bleibt hinter den Kulissen, um aus dem Hintergrund die Handlung zu kontrollieren. In dieser Darstellung weiß er, wie er die Schwachstelle eines jeden Menschen findet und zu seinem Vorteil nutzt. Er schätzt das Vergnügen, liebt Frauen, kennt sich mit gutem Essen aus, ist dem Luxus zugeneigt und stellt sich seine Existenz außerhalb des eigenen Komforts nicht vor. Er kann unwiderstehlich, überzeugend und charmant sein, um seine Ziele zu erreichen. Bei aller Offenheit und Geselligkeit ist Parvus, wie Bondarčuk ihn verkörpert, ein Genie der Intrigen.

Es wird übrigens nicht erklärt, wer eigentlich der „Dämon“ der Revolution ist. Die antisemitische Ausrichtung der Serie legt jedoch nur einen Rückschluss nahe. In der „Trotzki“-Serie bezeichnet Trockij sich dann selbst als den „Dämon, den alle fürchten“. Hier ist Parvus (Michail Porečenkov) als antisemitisches Stereotyp des Kapitalisten dargestellt, ebenfalls hinkend und mit Gehstock. Seine Einflussnahme beginnt hier nicht mit dem Memorandum 1915, sondern bereits 1902. Der historische Parvus war damals in sozialistischen Kreisen bekannt, er hatte sich früh der revolutionären Bewegung angeschlossen, verkehrte mit den führenden Sozialist*innen seiner Zeit und schrieb für verschiedene marxistische Publikationen. 1905 beteiligte er sich an der russischen Revolution und erarbeitete gemeinsam mit Trockij die Theorie der permanenten Revolution. Erst später verabschiedete er sich von sozialistischen Ideen. Nach einem Finanzskandal und nachdem er begann, innerhalb der SPD den Krieg zu unterstützen, distanzierten sich Lenin, Trockij und Rosa Luxemburg öffentlich und verurteilten seine politischen Standpunkte. In der Serie ist es Parvus, der aus Eigennutz und finanziellen Interessen Trockij (Konstantin Chabenskij) seit 1902 protegiert: „Ich werde Sie zum größten Revolutionär unserer Zeit machen und mit Ihrem Namen mein Geld verdienen.“ Natürlich hat Parvus hier bereits einen Plan, er braucht nur Geld und trifft sich dafür konspirativ mit einem fiktiven „Herrn Kobert“ (Andrjus Paulavičjus), offensichtlich ein Deutscher, dessen Amt und Funktion unklar bleiben. „Wieviel Geld brauchen wir, um Russland mit einer Revolution zu destabilisieren?“, will Kobert von Parvus wissen. Dieser ist überzeugt: „Eine Milliarde sollte reichen.“ Mit dem Geld sorgt Parvus in der Serieninterpretation unter anderem dafür, dass Trockij am zweiten Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands 1903 in Brüssel teilnehmen kann. Im Verlauf des Parteitags sagt Trockij dann auch zu Parvus, er solle seinen „reichen Freunden“ sagen, dass er sie nicht mehr brauche. Bei den revolutionären Unruhen von 1905 bis 1907 fungiert Parvus in der Serie letztmalig als dubioser Hintermann, der mit irgendwelchen Deutschen um Geld verhandelt, weiter spielt er keine Rolle mehr.

Antisemitische Stereotype

Wirklich alle antisemitischen Stereotype werden also in beiden Serien in der Darstellung von Parvus bedient. Er ist die Karikatur des Parvenü und dekadenten Aufsteigers. Der deformierte Körper (hinkend, mit Klumpfuß) dient in der Kohärenz des Antisemitismus als Hinweis auf vermeintliche Wehruntauglichkeit und somit mangelnde Männlichkeit, zusätzlich soll das Zeigen von degenerierter Körperlichkeit bei den Betrachtenden Ekel und Furcht hervorrufen.

„Der Jude“ ist der Prototyp des Bolschewik / Kommunisten mit der dahinterliegenden antisemitischen Annahme, dass Juden hochgradig anpassungsfähig, also opportunistisch seien, schlechte Patrioten, aber umso gewiefter, wenn es um internationale Vernetzung  – ob kapitalistisch oder kommunistisch – geht. Damit einher geht der Vorwurf von mangelnder Loyalität mit dem Staat bzw. von Doppelloyalität wie in der Darstellung von Parvus. Wer zwei Herren dient, ist eben, so die Unterstellung, „nicht wirklich einer von uns.“

Der „jüdische Verführer“ nimmt  auf aufdringliche und schamlose Art Kontakt zu Frauen (insbesondere nicht-jüdischen) auf und wird so in der antisemitischen Vorstellung zum „Rasseschänder“. In „Trotzki“ macht Parvus Natal’ja Sedova (Ol’ga Sutulova) anzügliche Avancen.

Beide Serien machen allein aus dem Memorandum von 1915 und der tatsächlich undurchsichtigen Rolle von Parvus beim Transfer größerer Summen des deutschen Reichsschatzamts nach Russland ab 1915 den zwielichtigen Juden Parvus, der hinter den Kulissen die Fäden der Revolution lenkt, alle Beteiligten zu Marionetten macht und dabei nur auf eigenen Reichtum aus ist. Er ist der vermeintliche Sozialist im Gewande des Kapitalisten, er raucht Zigarre und sieht persönliche Bereicherung als wichtiger denn Prinzipien.

Eine ähnliche Lesart zur Rolle von Parvus hatte 2007 der Spiegel entworfen („Die gekaufte Revolution. Wie Kaiser Wilhelm II. Lenins Oktoberrevolution finanzierte“) und als neue Erkenntnisse aus internationalen Archiven verkauft, auch wenn die Geldflüsse und auch die Vermittlung von Parvus grundsätzlich schon bekannt waren (z. B. Scharlau, Winfried / Zeman, Zbyněk A.: Freibeuter der Revolution. Parvus-Helphand. Eine politische Biographie. Köln 1964.). Vor allem aber waren unter Wilhelm II. Geldzuweisungen durch das Reichsschatzamt in politischer Absicht keineswegs einmalig. Zur Vergrößerung des deutschen Einflusses und um Kolonien gegen Paris und London aufzuwiegeln, stellte das Reichsschatzamt Hunderte Millionen Mark bereit, die auf unterschiedlichen Wegen in verschiedene Länder (Marokko, Indien und andere) transferiert wurden. Das war also Usus und keine Besonderheit in der Beziehung zum Russischen Reich, wie sogar der Spiegel in nämlichem Artikel schreibt. Daraus eine Verschwörung des geldgierigen Juden abzuleiten, der die Deutschen ausnimmt, um Russland zu destabilisieren und vor allem sich selbst zu bereichern, ist zutiefst antisemitisch.

Die antisemitische Ritualmord-These

In einem Teil der Russisch-Orthodoxen Kirche gilt die Ermordung des Zaren Nikolaj II. und dessen Familie am 17. Juli 1918 durch die Bolschewiki bis heute als Ritualmord. So äußerte sich beispielsweise Pater Tichon Ševkunow im November 2017: „Durch die rigorose Herangehensweise an den Mord hat ein bedeutender Teil der Kirchenkommission keinen Zweifel daran, dass dieser Mord rituell war“. Es war auch die Russisch-Orthodoxe Kirche, die Nikolaj II. und dessen Familie im August 2000 aufgrund ihres „Märtyrertodes“  heiligsprach.

Wie sich nach Öffnung der sowjetischen Archive herausstellte, geschah die Ermordung auf direkten Befehl Lenins. Trockij wurde erst Ende Juli 1918 über die Ermordung des Zaren informiert. Weil in der antisemitischen Vorstellung zu einem Ritualmord aber nun einmal „der Jude“ gehört, ist es in „Trotzki“ dieser selbst, der den Befehl zur Ermordung gibt.

Thematisierung von Antisemitismus

Zumindest in „Trotzki“ wird der prärevolutionäre russische Antisemitismus durchaus thematisiert, zuerst in der Episode 1898 im Gefängnis in Odessa. Nachdem ein Mithäftling von den Wachen verprügelt wurde, zettelt der junge Bronštejn einen Aufstand an und will dem Gefängniswärter Trockij (Sergej Garmaš), dessen Namen er später annehmen wird, die Forderungen der Gefangenen übermitteln. „Jude?“, wird er sofort jäh von Trockij unterbrochen und Bronštejn entgegnet bemüht tapfer, dass das im Zusammenhang mit den Forderungen irrelevant sei.

Später wird eine Jahrmarktszene im Gouvernement Cherson gezeigt, in der Serie im Jahr 1905, während des Höhepunktes der antisemitischen Pogrome im Russischen Reich. Trockijs Vater, David Bronštein (Sergej Sosnovskij), wird als Jude beschimpft und zusammengeschlagen, auch seine Enkelinnen Nina und Zinaida werden misshandelt.

Und schließlich im Oktober 1917, nach erfolgreicher Übernahme der Macht in Petrograd (heute St. Petersburg), erkennt Trockij, dass Russland nicht bereit sei für einen jüdischen Anführer und übergibt alle Macht an Lenin.

Antisemitismus im Zarenreich und heute

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts durften sich die Jüdinnen und Juden im Russischen Reich nur im sogenannten Ansiedlungsrayon niederlassen, der von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichte und bis Ende des 18. Jahrhunderts Staatsgebiet Polen-Litauens war. Erst Aleksandr II. verlieh sukzessive seit 1859 einigen ausgewählten Gruppen nach Nützlichkeitsprinzipien das Recht zur Niederlassung in ganz Russland.

Antisemitische Ritualmordprozesse, durch die orthodoxe Kirche angestoßen, endeten immer wieder auch in Ausschreitungen gegenüber Jüdinnen und Juden durch die lokale russische Bevölkerung, so beispielsweise  1825 in Odessa, ebenso 1841 und 1871, sie können als Vorboten der Pogrome von 1881-1882 gesehen werden. Odessa lag im Gouvernement Cherson, also dort, wo in „Trotzki“ Bronštejn senior zusammengeschlagen wird.

Der zweite große Pogrom führten Bürger*innen 1903 in Chișinău durch,  bis 1905 gab es Pogrome in hunderten von Ortschaften, die immer wieder als Racheakte der orthodoxen Mehrheit gegen jüdische Revolutionäre dargestellt wurden. 1903 erschienen auf Russisch die „Protokolle der Weisen von Zion“.

Die Familie von Parvus musste vor Pogromen in Gouvernement Minsk fliehen und kam so nach Odessa.

Im auf die Oktoberrevolution folgenden Bürgerkrieg verübten insbesondere die zarentreuen Weißen Garden zahlreiche Massaker und Pogrome. Der Historiker Orlando Figes geht von 1 200 Pogromen mit 150 000 Toten allein zwischen 1919 und 1920 aus.

Es mag sein, dass es ein Anspruch zumindest der „Trotzki“-Serie war, historischen Antisemitismus aufzuzeigen. Die antisemitischen Momente überwiegen jedoch deutlich. Dieser Widerspruch zwischen der Thematisierung von Antisemitismus in der (Vor-)Revolutionszeit bei gleichzeitigem Bedienen sämtlicher antisemitischer Ressentiments ist bemerkenswert, passt aber wiederum gut ins heutige Russland, wo Untersuchungen über antisemitische Ressentiments ebenfalls zu widersprüchlichen Ergebnissen kommen. Das Meinungsforschungsinstitut Levada  ebenso wie das russische nicht-staatliche Information- und Analysezentrum Sova, das rassistische Tendenzen und Entwicklungen sehr wohl erkennt und kritisiert, stellen in Bezug auf Antisemitismus regelmäßig fest, dass dieser in Russland deutlich weniger virulent sein als im Westen. Das Pew Research Center hingegen kam im Jahr 2018 für Osteuropa, darunter Russland, zu einer gegenteiligen Aussage: Die Forschenden machten für Russland deutlich höhere Zustimmungswerte zu antisemitischen Aussagen fest als für Westeuropa. Der Grund für diese Selbstwahrnehmung als nicht antisemitisch mag in der fehlenden Sensibilisierung liegen, der Tatsache, dass Antisemitismus als solcher überhaupt nicht erkannt oder nur selektiv als Bestandteil von Rassismus wahrgenommen wird. Die mediale Reproduktion antisemitischer Stereotype kann das natürlich nicht entschuldigen.