Ein Mittagessen gemäß den Vorschriften der Kaschrut

„Am 17. März 1949 besuchte ich die vom Münchner Komitee betriebenen Koscheren Küchen“, notierte Maurice Lipian, der Joint-Direktor für die Region Bayern, in einem Bericht. Diese jüdischen Volksküchen, in denen Mahlzeiten gemäß der Kaschrut serviert wurden, befanden sich mitten im Herzen der bayerischen Hauptstadt…

Von Jim G. Tobias
Zuerst erschienen auf: talmud-thora.de

„Bei meinen Besuchen in den letzten fünf Monaten gab es immer eine anständige Mahlzeit“, bemerkte der Mitarbeiter der amerikanisch-jüdischen Hilfsorganisation mit Befriedigung. Im März standen auf der Speisekarte: Nudelsuppe, Kartoffelpüree mit frittierten Zwiebeln und gekochtem Kohl sowie zwei Scheiben Brot. Wer konnte, zahlte eine Mark, Studenten ermäßigt nur 25 Pfennige. Fleisch kam selten auf den Tisch – Getränke kosteten extra.

Nach der Shoa war München für wenige Jahre ein Transitzentrum des jiddisch-sprachigen osteuropäischen Judentums. Tausende warteten in der ehemaligen NS-Hochburg, der „Hauptstadt der Bewegung“, auf eine Weiterreise nach Erez Israel oder Übersee. Doch der jüdische Staat existierte noch nicht und viele Emigrationsländer hielten ihre Tore fest verschlossen. So mussten die Juden etliche Jahre im Land der Täter ausharren. In dieser Zeit kam es zu einer Renaissance der osteuropäischen Orthodoxie, es wurden religiöse Vereine gegründet, Betsäle und koschere Küchen eingerichtet – in der Altstadt, der Isarvorstadt, in Schwabing, Bogenhausen bis hin nach Feldmoching.

Bereits am 1. April 1946 hatte das „Jidisze Komitet Minchen“ in der Victor-Scheffel-Straße die erste Koschere Küche in München „in einem sehr schönen Lokal mit einigen Sälen“ eröffnet. „Dort können täglich einige hundert Juden koschere Mahlzeiten zu sich nehmen“, berichtet die Zeitung „D.P. Express“ in jiddischer Sprache. Da in München zu dieser Zeit rund 8.000 Juden lebten, reichte das Angebot jedoch bei weitem nicht aus; zusätzliche Küchen wurden eröffnet, sodass zeitweise fünf solcher Kantinen im Münchner Stadtgebiet existierten: in der Möhlstraße, der Frauenstraße, in der Zweibrückenstraße sowie im Vorort Feldmoching in der damaligen Hauptstraße.

Alle koscheren Speisegaststätten wurden vom Jüdischen Komitee München in Zusammenarbeit mit dem Vaad Hatzala, einer orthodoxen Hilfsorganisation aus Nordamerika, und dem Joint betrieben; sie unterstanden der religiösen Aufsicht des für München zuständigen Rabbiners Baruch Leiserowski.

Im Oktober 1947 gaben die jüdischen Kantinen insgesamt über 44.000 Mittagessen aus, davon waren rund 36.000 kostenlose Mahlzeiten. Diese wurden teilweise durch die Einnahmen aus dem Getränkeverkauf finanziert, den Rest steuerte der Joint bei. Neben den jüdischen Einwohnern aus München nahmen auch zahlreiche Durchreisende aus Osteuropa das koschere Essensangebot an. „Durchschnittlich 50 dieser Personen essen täglich bei uns“, schrieb das Jüdische Komitee an den Joint und bat dringend um Hilfe „Um die notleidenden Juden weiterhin versorgen zu können, benötigen wir größere Zuteilungen von Mehl, Zucker, Fett und auch Fleisch.“ Insbesondere die Versorgung mit koscherem Fleisch stellte die Hilfsorganisationen und die jüdische Administration immer wieder vor große Probleme – obwohl der Joint Fleischkonserven aus England, Argentinien und den USA geordert hatte, die sich aber aufgrund der bürokratischen Einfuhrbestimmungen sowie der mangelnden Transportschiffe erheblich verzögerten. Erst als der Leiter der Religionsabteilung des Joints, Rabbiner Alexander Rosenberg, nach langen Verhandlungen mit den Besatzungsbehörden die Erlaubnis erhielt, koschere Schlachtungen vor Ort zu erlauben, verbesserte sich die Versorgungssituation. Neben München war nun auch in Frankfurt, Nürnberg, Regensburg und Stuttgart das Schächten von Rindern in den städtischen Schlachthöfen erlaubt.

Mit der Gründung des Staates Israel im Mai 1948 und der Liberalisierung der Einwanderungsbestimmungen in die USA, nach Kanada oder Australien verließen immer mehr Juden München. Schon wahrscheinlich 1948 wurde die Koschere Küche in der Zweibrückenstraße, unweit des Isartors, geschlossen, sodass im Frühjahr 1949 nur noch drei Kantinen Mahlzeiten gemäß der jüdischen Speisegesetze anboten. Doch auch diese Einrichtungen hatten keine Zukunft mehr; da sich das Jüdische Komitee zum Anfang der 1950er Jahre auflöste beziehungsweise sich die verbliebenen Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde München anschlossen.

Bild oben: „Mit a gitn apetit – Le teavon“, wünschte das Team der Koscheren Küche in München seinen Gästen. Die andere Inschrift lautet: „Dos jidisze Folk lebt“. Repro: nurinst-archiv

Quellen

Archive

  • American Jewish Joint Distribution Committee Archives, New York, AR 45/54 Germany
  • YIVO Institute for Jewish Research, New York, Leo W. Schwarz Papers
  • Bayerische Staatsbibliothek, D.P. Express (München)

Literatur

  • Alex Grobman, Battling for Souls. The Vaad Hatzala Rescue Committee in Post-War Europe, Jersey City (NJ) 2004
  • Vaad Hatzala (Ed.), Pictorial Review, München 1948