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Vom „lenkbaren Luftschiff“ und dem „Wirtshaus zum Anilin“

Der nächste Text, den wir in Kooperation mit dem Lexikus Verlag vorstellen, ist eine Sammlung der „Philosophischen Erzählungen“ von Theodor Herzl…

Theodor Herzl (1860-1904) ist vielen als politische Leitfigur bekannt, als der Visionär und Denker, dessen politische Vorarbeit die Entstehung des Staates Israel erst ermöglichte. Als Schriftsteller und Journalisten, der seinen Lohn mit unterhaltsamen, durchdachten und spannenden Geschichten verdiente, kennt ihn kaum jemand mehr. Die vorliegende Textsammlung seiner „Philosophischen Erzählungen“ ist in dieser Form seit 90 Jahren nicht mehr erschienen. Sie bildet den ersten Band der einzigartigen Buchreihe „Zu Unrecht vergessene Publizisten des 18.-20. Jahrhunderts“.

Die „Philosophischen Erzählungen“ sind spannende Texte, welche in knappem modernem Stil, aphoristisch philosophisch oder humoristisch wie Kalendergeschichten verfasst sind und Herzls Vielseitigkeit als Schriftsteller unter Beweis stellen. Von skeptischer Ironie zum Fortschrittsglauben der Jahrhundertwende in „Das lenkbare Luftschiff“ bis zu nachdenklichen, parabelartigen Geschichten wie „Die Garderobe“ kann der Leser sich mit dieser Wiederentdeckung auf eine abwechslungsreiche Zeitreise begeben. Mit einleitendem Vorwort von Frau Prof. Hanni Mittelmann, Direktorin des Austrian Center, Hebr. Universität Jerusalem Herausgeber Dr. Carsten Schmidt

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Mehr zu Theodor Herzl – Grundlagentexte des Zionismus

Aus dem Vorwort

Theodor Herzl (1860-1904) war der Begründer des modernen Zionismus. Er rief die Bewegung des politischen Zionismus ins Leben als eine Antwort auf den steigenden Antisemitismus und Rassismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts, der es klar machte, das der Emanzipationsprozess nicht die vom europäischen Judentum erhoffte soziale Integration herbeiführen würde. Herzl erkannte den Antisemitismus als eine in Europa tief verankerte Geisteshaltung, die selbst die Assimilation nicht ändern würde. Unter dem Eindruck der um diese Zeit erwachenden europäischen nationalistischen Bewegungen glaubte auch Herzl, dass das jüdische Exitenzproblem und die jüdische Pariaexistenz erst dann gelöst werden könnten, wenn das jüdische Volk in das angestammte, eigene Land zurückkehren würde und dort als Herr seinens Schicksals sich frei entfalten könnte.

Herzl erhielt sein Doktorat in Jura an der Unversität in Wien, schlug aber dann eine glänzende kariere ein als Journalist und Feuilletonist für die „Neue Freie Presse“. Er verfasste auch mehrere Theaterstücke und Boulevard.Komödien, die in Wiens berühmten Burgtheater aufgeführt wurden. Theodor Herzls literarisches Schaffen in seiner vor-zionistischen Zeit lässt auf den ersten Blick kaum seine Entwicklung zum Begründer des modernen politischen Zionismus vermuten. Seine Boulevard-Komödien, Feuilletons und Erzählungen scheinen das existentielle Problem der Judenfrage überhaupt nicht zu berühren. Ihre Bedeutung für die biographische Entwicklung Herzls erschließt sich jedoch erst, wenn man sie vor dem Hintergrund der Auflösungserscheinungen des Habsburger Reiches ließt. Sein literarisches Werk kann dann als ein Versuch verstanden werden, gegen das Chaos der Krise des liberalen Bürgertums am Ausgang des 19. Jahrhunderts anzuschreiben. Drückt sich in seinem Werk das Bewusstsein krisenhafter moderner Identität aus, so ist es zugleich und vor allem auch Ausdruck der jüdischen Verunsicherung, die durch die Erschütterung traditioneller Werte und Sicherheiten hervorgerufen wurde. Seine Theaterstücke, Erzählungen und Feuilletons legen, so gesehen, Zeugnis ab von der krisenhaften jüdischen Identität Herzls, denen er wie viele Juden in der Zeit des Fin de Siecle unterworfen war.

Vor allem die Sammlung „Philosophische Erzählungen“ (1900) die zwischen 1887 und 1900 entstandene Erzählungen enthält, zeichnet die innere Auseinandersetzung Herzls mit der Judenfrage und seinen biographischen Durchbruch zu einem neuen jüdischen Selbstwertgefühl nach, aus dem heraus er die der Aussimilationsideologie entgegengesetzte zionistische Idee entwickelte. Die Erzählungen dieses Bandes weisen alle die Grundstrucktur einer inneren Wandlung auf, die den Weg in eine andere Realität bahnt.

Die Geschichten handeln von Leid, Verletzung und Zurücksetzung, kurz, vom Einbruch von Chaos und Desorientierung in das Leben der meist in gordneten bürgerlichen Verhältnissen lenebenden Protagonisten. Auch wenn diese nicht unbedingt als jüdisch ausgewiesen sind, spiegeln sie die erschütterbare Lage des assimilierten Judentums wieder, das in einer vermeintlichen „Welt der Sicherheit“ lebt, deren unterirdische Bedrohtheit jedoch immer wieder aufbricht. In allen Erzählungen wird ein deutliches Innerhalb und Außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft aufgebaut, die die inhaltliche Spannung der Erzähltexte ausmacht. Ein namenloser Rahmenerzähler, der dieutlich zum gebildeen, leberalen Bürgertum gehört, fungiert als Beobachter und Zuhörer eines Ich-Erzählers, der eine einschneidende Episode aus seinem Leben zum Besten gibt, die zu einem inneren Wandel führt.

Vertritt der Rahmenerzähler die vordergründig stabile Welt der liberalen bürgerlichen Klasse mit einer gefestigten Identität, so sind die Ich-Erzählerfiguren ausnehmslos Außenseiter, deren Identität krisenhaft ist und sich in einem Übergangsstadium befindet. Obwohl sie nicht direkt als jüdisch ausgewiesen sind, weisen sie doch alle die Eigenschaften auf, die im antisemitischen Diskurs zu Herzls Zeit den Juden zugeschrieben wurden, wie Mobilität, Ruhelosigkeit und Ort-Losigkeit. Häufig wird an den Protagonisten auch das judenfeindliche Körperbild der Zeit demonstriert. Dies spiegelt Herzls eigenes, in seiner Jugend tief verinnerlichtes negatives jüdisches Selbstbild wider, das in seinen Tagebüchern und Briefen immer wieder auftaucht.

Die Geschichten reflektieren jüdische Ängste ebenso wie verinnerlichte antijüdische Topoi, die den Diskurs der Gesellschaft jener Zeit bestimmten. Zugleich wird in ihnen auch eine Innensicht dieser Außenseiterfiguren gegeben und ihre „Andersartigkeit“ als Ergebnis der ihnen zugefügten Verletzungendurch die gesellschaft erklärt. Das Fremde und Fremdartige wird verständlich und damit vertraut gemacht. Damit wird ein Programm vorweggenommen, das Herzl erst in seiner Pariser zeit bewusst zu entwickeln suchte. Er hatte nämlich damals den Plan gefasst, über die „Zustände“ der Juden zu schreiben. Er wollte das Judentum als „geschichtliches Product“ erklären, als “ Opfer früherer grausamerer und noch beschränkterer Zeiten“.

Viele Erzählungen wie „Der Aufruhr von Amalfi“ (1888) und „Die Reise nach einem Lächeln“ (1889) können als Parabeln des Verrats des Glücksversprechens, das der bürgerliche Liberalismus für den sich assimilierenden Juden bereithielt, gelsen werden. Das Motiv des zerstörten Traums, das in den Erzählungen der 1880er Jahre so zentral ist, kann als ein Echo verstanden werden auf Herzls eigenen zerstörten Traum von der Lösung des jüdischen Problems durch die bürgerliche Emanzipation. Die schwere Erschütterung, die Herzls Glaube an die Assimilationsideologie Ende der 1880er Jahre erfahren hatte, als es ihm allmählich klar wurde, dass die gesetzliche Emanzipation des Juden nicht zu der ersehnten Assimilation und Akzeptanz geführt hatte, leitete bei ihm ein Erwachen zu einem neuen jüdischen Selbstwertgefühl ein. Dies spiegelt sich in den Erzählungen „Die Raupe“ (1889), „Die schöne Rosalinde“ (1890) und „Die Heilung vom Spleen“ (1892) wider. Eine „Umwertung der Werte“ wird vorgenommen, die auf ein neues jüdisches Selbstvertrauen schließen lässt. Das, was zunächst als Stigma erscheint, wird zur Tugend umfunktioniert. So erscheinen trotz ihrer unbürgerlichen Anrüchigkeit die Außenseiterfiguren, die nicht „die Heerstraße der Spießbürger“ gehen, und deren Reich nicht unbedingt von dieser Welt ist, in diesen Erzählungen als liebenswerte, faszinierende Lebenskünstler, die menschlich anrührender sind als ihre bürgerliche Umgebung.

Das Leiden der Protagonisten führt zu einer entscheidenden Änderung in ihrer Psychologie und löst ein in ihnen schlummerndes Selbstwertgefühl aus. Der von ihnen erfahrene Bruch in der Biographie führt zu neuen Wegen der Lebensbewältigung und zu neuen selbstbewussten Verhaltensbildern. Statt der unerlösten Bitterkeit über vergangene erlittene Demütigungen wir in Erzählungen wie „Das lenkbare Luftschiff“ (1896) oder „Das Wirtshaus zum Anilin“ (1896) und „Der Unternehmer Buonaparte“ (1900) das Leid funktionalisiert zur altruistischen, realitätsbezogenen tat, die angetan ist, den leidenden Mitmenschen konkret zu helfen.
Diese Erzählungen werden zu Allegorien von Herzls eigenem Wandel vom richtungslosen, egozentrischen jungen Journalisten, dessen einziger Ehrgeiz es war, als „deutscher Schriftsteller“ zu Ruhm zu kommen, zum alltruistischen Schöpfer der zionistischen Bewegung, mit der er der Not des jüdischen Volkes ein Ende setzen wollte.

Hanni Mittelmann, Jerusalem 2010.